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Kolumnen

2020 als Zäsur: Es braucht jetzt ein Manifest für den neuen Fußball

Das Jahr 2020 könnte für den Fußball ein entscheidender Wendepunkt werden. Wir alle haben nun die Chance, den Kulturwandel zu beeinflussen. Unser Autor Arne fordert: Verfasst euer Manifest für den Fußball nach Corona!

Foto: Jasper Juinen/Getty Images

Als der 1. FC Köln am 11. März im Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach antrat, hätte man die Entwicklung bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhersehen können. Natürlich, Zuschauer waren beim Derby nicht mehr dabei, wenngleich die Gladbacher Fans nach dem Spiel mit ihrer Mannschaft feierten, das war ungewohnt und befremdlich. Nach dem Ende der Nachholpartie in der Bundesliga schauten wir alle, wie sonst auch, noch das Champions-League-Rückspiel zwischen Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund oder Liverpool gegen Atlético – und wir wussten nicht, dass diese Spiele womöglich die letzten Spiele waren, wie wir sie bis dahin kennengelernt hatten.

Die Corona-Krise beschäftigt die Welt im Jahr 2020 allumfassend. Die Entscheidung, den Spielbetrieb in der Bundesliga auszusetzen, war ebenso zwangsläufig wie der Shutdown anderer Sportwettbewerbe. Im Umgang mit der Pandemie zeigte sich jedoch, dass dem Sport und insbesondere dem Fußball eine besondere Kraft innewohnt, wenn es um die Kommunikation einer Krisensituation geht – offenbar erkennen die Menschen schneller den Ernst der Lage, wenn ihr Lieblingsfußballteam von Einschränkungen oder gar Gefahren betroffen ist.

Während Corona: Fußballbusiness als Katalysator für weitere Entwicklungen

In Lateinamerika zeigte sich das ganz besonders: Die nationalen Fußballligen in Brasilien erkannten die Gefahr frühzeitig und unterbrachen den Spielbetrieb, während die staatliche Reaktion auf die Auswirkungen der Pandemie eher zögerlich verlief. Brasiliens Staatspräsident Jair Bolsonaro sagte gar, die brasilianische Liga sei „hysterisch“ gewesen. Durch den Shutdown des Sportbetriebs und das frühe Agieren half die Fußballliga in Brasilien aber dabei, früh eine Awareness in der Bevölkerung zu schaffen, was dem autokratischen und populistischen Bolsonaro offenbar bis heute nicht vernünftig gelang. In der Folge entwickelten sich die Profifußballer in Brasilien und auch Mexiko zu professionellen Kommunikatoren, die mithilfe ihrer Social-Media-Kanäle die Leute dazu aufriefen, zu Hause zu bleiben.

Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

Als in England Arsenal-Trainer Mikel Arteta positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde, ging die Premier League schneller in den Shutdown als erwartet worden war – es folgten andere weitreichende Reaktionen, auch durch den Staat. Der Fußball diente in dieser Situation somit auch als Katalysator für Entscheidungsprozesse in der Politik. Nach dem Shutdown wurde deutlich, wie groß Fußball an die soziale Identität gebunden ist. Die Auswirkungen von Covid-19 zeigen, dass Fußball als kulturelles Phänomen im Alltag vieler Menschen eine exponierte Rolle einnimmt. Dass der Fußball in vielen Ländern Sportart Nummer 1 ist, zeigte sich an den vielen Diskussionen darüber, ob eine unterbrochene Saison nun annuliert werden könnte, wie viel Geld die Organisationen durch den Shutdown verlieren würden und wie die Auf- und Abstiegsregelung nun aussehen würde.

Alleine wird der Fußball nicht aus seiner Lage herausfinden

Der professionelle Fußball muss sich seitdem auch berechtigterweise die Frage stellen, warum die Bereitschaft zur Solidarität untereinander und mit der Gesellschaft erst so zögerlich erkennbar wurde. Der Befund, dass sich der Fußball in den letzten Jahren immer mehr in eine eigene, abgeschlossene Welt zurückgezogen und dadurch den Bezug zur Realität verloren hatte, war für viele Menschen ohnehin nicht neu – das Verhalten in der Krise sorgte aber trotzdem immer noch für Kopfschütteln. Laut Medienberichten stehen in Deutschland 13 von 36 Profivereinen vor dem Aus, sollte nicht im Mai wieder Spielbetrieb in der Bundesliga stattfinden. Dazu sollen die Spieler einkaserniert und getestet werden, obwohl aktuell die Testkapazitäten für die Gesamtbevölkerung nicht ausreichen.

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Es ist völlig normal, dass Leute deshalb daran zweifeln, dass sich das Milliardengeschäft Fußball alleine aus dieser misslichen Lage befreien kann und endlich wieder ein wenig nahbarer und zugänglicher wird.

In dieser Diskussion hilft es, erstmal für sich zu definieren, was Fußball überhaupt bedeutet. Als kulturelles Phänomen ist er schwer zu greifen und die Identifikation mit diesem Sport ist über mehrere Wege möglich. Fußball ist ein Kick im Park, das Spiel in der Kreisliga, das Zubrot für talentierte Studenten, der Grund für hohe Gehälter für Profis. Fußball ist aber auch ein Konsumprodukt, das bis März 2020 überall und jederzeit verfügbar war. Fußball ist das Einstiegstor für Autokratien aus dem Nahen Osten, die mithilfe von Soft Power versuchen, Einfluss in der westlichen Politik zu gewinnen und Vermögenswerte zu investieren. An diesen Beispielen zeigt sich: Fußball ist komplex.

Ist jetzt der Zeitpunkt für ein Reset? Ich glaube: Ja!

Wenn wie aktuell keine Spiele stattfinden, ist es der beste Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, wie es mit der schönsten Nebensache der Welt nach dem Ende der Coronavirus-Pandemie weitergehen soll. Dass der aktuelle Shutdown vielleicht ganz gut dazu dient, die Prioritäten zu klären, scheint logisch – genauso sicher ist aber auch, dass die Durchführung von Fußballspielen aktuell ein zu großes Risiko für alle Beteiligten darstellen würden. Generell muss die Entscheidung über eine Wiederaufnahme des Spiels bei der Politik liegen, die sich von Virologen und Epidemiologen beraten lässt.

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Für alle anderen besteht die Chance, den Reset-Knopf zu drücken. In den letzten Jahren war bereits zu sehen, dass der Fußball sich in einem Kulturwandel befand, in dem er sich immer mehr von den soziokulturellen Werten hin zu einem Entertainment-Faktor entwickelte. Nun im Jahr 2020 darüber nachdenken zu können und die berechtigte Frage nach dem Reset zu stellen, folgt daher in erster Linie aus der Frustration der Menschen, die den Fußball lieben.

Fraglich ist auch, wer überhaupt den Reset-Knopf drücken kann – meiner Meinung nach können das nur die Fans, das Business, die Politik und die Medien gleichermaßen und zusammen. Zudem muss die Frage geklärt werden, auf welchen Zeitpunkt der Fußball überhaupt zurückgesetzt werden soll – auf das Jahr 2010? Auf 2000? Auf 1950? In jedem Fall müssen tiefgreifende ideologische Fragen beantwortet werden. Wie sehr darf sich der Sport vermarkten? Welche Rolle darf Kommerzialisierung spielen?

Es braucht ein Manifest für den Fußball nach Corona

Natürlich dürfen wir alle in dieser Frage auch nicht zu sehr romantisieren und den Sport verklären, denn kommerzialisiert war er immer. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wir uns guten Gewissens von einigen Sachen trennen können: Überhöhte Spielergehälter, Investoren-geführte Vereine, horrende Preise für TV-Abonnements, um nur drei zu nennen.

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Als neue und wichtigere Elemente für den Fußball der Zukunft könnten beispielsweise eine größere Unterstützung des Profibereichs für die Amateure und Jugend, aber auch ein größeres Augenmerk auf Frauenfußball gelten. Generell scheint der Fußball als Männersport einen Peak erreicht zu haben, von dem aus nicht mehr viel Entwicklung möglich sein dürfte. Beispiele aus Lateinamerika zeigen aber, dass der Frauenfußball dort gerade eine Boom-Phase erlebt – zumindest bis Corona für den Shutdown sorgte.

Das Geld muss auf jeden Fall intensiver von oben nach unten umverteilt werden. In der aktuellen Situation hätte der Fußball mehr Akzeptanz, wenn man wüsste, dass von den großen Einnahmen der DFL mehr im eigenen Kiez ankommen würde, sei es für Trainingsstätten oder -material. Zudem muss der Sport für alle verfügbar und erschwinglich sein, nicht nur für eine Elite oder Gutverdienende. Und ja: Der Fußball hat einen ökonomischen Wert, er zahlt auch Millionen an Steuern, er ist eine Industrie mit vielen Arbeitsplätzen. Diese Seite muss auch beachtet werden.

Am Freitag sprach sich mit Professor Simon Chadwick ein führender Kenner des Fußballbusiness in einem Talk der Universität von Arizona dafür aus, dass alle Fußball-Interessierten die Zeit nutzen, um ihr Manifest für den Sport in fünf Jahren zu formulieren. Ich schließe mich an und rufe hiermit dazu auf, dass wir gemeinsam den Post-Corona-Fußball neu definieren.

Wenn ihr dazu Ideen und Vorschläge habt, schreibt mir gerne eine E-Mail an arne@effzeh.com. Ich freue mich auf eure Nachrichten!

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