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Meinung

Die Ignoranz der Dummen

Vor dem Sieg gegen Schalke kommt es am Rudolfplatz zu einer Massenschlägerei. Es ist ein Akt ignoranter Dummheit.

© effzeh.com
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Nebensache: Fußball.              © effzeh.com

Da treffen sich über 700 Fans von 80 deutschen Vereinen für einen Kongress in Berlin, um für eine gemeinsame Sache einzutreten, sogar DFL und DFB geben sich die Ehre, daran teilzunehmen. Und was passiert in Köln? Vor einem unwichtigen Testspiel des Effzeh gegen Schalke 04? Rund 200 Anhänger auch unbeteiligter Klubs verabreden sich für eine Schlägerei.

Ansich ist das nichts neues, doch bisher fanden Auseinandersetzungen dieser Art vor allem an abgelegenen Orten statt. Diesmal knallte es am Rudolfplatz – mitten in der Stadt. Auf offener Straße gingen die Fans aufeinander los.

Wie effzeh.com erfahren hat, waren neben den Kölner und Schalker Fans auch Anhänger von Borussia Dortmund beteiligt. Zum einen, weil der Gegner eben aus Gelsenkirchen kam. Zum anderen wohl auch wegen der guten Beziehungen zwischen zwei Ultra-Gruppierungen aus Köln und Dortmund.

Und es kommt noch besser: Es sollen auch Fans von Eintracht Frankfurt in der Stadt unterwegs gewesen sein, die, genauso wie alle anderen Beteiligten auch, wohl ebenfalls informiert waren, wer anwesend sein wird und was passieren sollte. Dass sie letztendlich nicht an der Schlägerei beteiligt waren, dürfte genauso Zufall gewesen sein, wie der Ort der Auseinandersetzung.

Ein Großteil der Fans dürfte ohnehin keine Karte für das gehabt haben, worum es eigentlich ging, was aber zur völligen Nebensache wurde: Das Spiel. Doch die Aufmerksamkeit, die wollten diese Leute, die das Wort „Fan“ wohl nach seiner eigentlichen Herkunft interpretieren, offenbar ganz für sich haben. Und das haben sie geschafft.

Prügelei macht Fankongress zur Nebensache

Noch während in Berlin der Fankongress in vollem Gange war, musste  „ProFans“-Sprecher Alex Schulz ein Statement abgeben: „Wir stehen hier hilflos. Das Problem ist, dass das Leute sind, die wir nicht erreichen“, meinte er. „Das können wir absolut nicht gutheißen, wir sind schockiert.“

Auch DFL-Geschäftsführer Rettig wurde am Sonntag vor allem in Bezug auf den Vorfall in Köln zitiert: „Diese Vögel werden wir mit keinem Konzept der Welt einfangen“, sagte er resignierend. Und die Ratlosigkeit bei allen Beteiligten ist groß.

Der Effzeh stellte in einer Stellungnahme klar, dass man sich als Opfer sieht. Harte Konzequenzen für alle Personen oder Gruppen, die an der Schlägerei beteiligt waren, wurden selbstverständlich ebenfalls angekündigt. Die Gewerkschaft der Polizei forderte alle Fans in Deutschland auf, gewaltätige Personen auszuschließen. Es sind die üblichen Reaktionen. Und es ist traurig, dass man daran bereits gewöhnt ist.

Ratlosigkeit bei allen Beteiligten 

Doch die Ratlosigkeit ist irgendwo auch nachvollziehbar. Denn wenn erwachsene Männer nicht einmal dazu in der Lage sind, einzuschätzen, mit welchen Aktionen sie nicht nur ihrem Verein, sondern der ganzen Fanszene, der Fankultur erheblichen Schaden zufügen. Dann ist es tatsächlich schwierig da etwas zu ändern.

Neu ist, dass eine verabredete Schlägerei diesmal nicht an einem abgelegenen, unauffälligen Ort stattgefunden hat. Das ist eigentlich langjährige Praxis und es hat auch kaum jemanden gestört. Aber: wenn die Klopperei und die Identifikation mit der Gruppe inhaltlich zentraler ist, als der Respekt vor seinem eigenen Verein, dann wird es schwer für die restlichen Fans, die Vereine und die Fanprojekte dort etwas zu isolieren oder auszugrenzen. Denn man bekommt es überhaupt nicht zu fassen. Anders gesagt: Im Müngersdorfer Stadion war es gestern absolut friedlich.

Alle Beteiligten, aber allen voran die Politik und im speziellen NRW-Innenminister Ralf Jäger, sollten langsam verstehen, dass das Problem eben nicht „Fußballfans“ sind, sondern verquere, gescheiterte, unzufriedene Leute, die unter dem Deckmantel ihrer wahrscheinlich sogar aufrichtig empfundenen Zuneigung für ihren Verein, ein Spiel treiben, das mit dem gewöhnlichen Fan-Dasein im Grunde gar nichts mehr zu tun hat. Es geht ja gar nicht mehr darum, wer auf dem Platz gewinnt. Es geht um einen Adrenalin-Kick, Identifikation und um einen merkwürdig definierten Begriff der „Ehre“. Das Problem ist, die Teilnehmer kommen aus allen möglichen sozialen Lagen und Altersgruppen. Der Schalke-Fan, der kurzzeitig in Lebensgefahr schwebte, ist vierzig Jahre alt. Ein gestandener Mann, der laut Polizei unter Drogeneinfluss bewusst an der Schlägerei teilgenommen hat. Wie gesagt: den „Fußballfan“ gibt es genauso wenig wie den „Ultra“.

Populismus und Plattitüden wirken nicht

Viel entscheidender nämlich als der Kontext des Fußballsports und der Vereinsliebe, ist doch der gemeinsame Nenner, der all diese Leute noch mehr vereint, als sie es untereinander eh schon sind: die Dummheit. Denn die braucht es wohl für beides.

Sowohl dafür sich freiwillig, ohne Regeln, ohne Schiedsrichter gegenseitig den Kopf einzuschlagen, als auch dafür mit dreister Arroganz und völliger Ignoranz denjenigen Futter zu geben, die radikale und kollektive Maßnahmen gegen Fußballfans fordern. Dass die Beteiligten gestern laut unseren Informationen kein bewusstes Zeichen gegen die entstehende Debattenkultur in Berlin setzen wollten, macht die Aktion nur noch idiotischer.

Also entweder es geschieht ein Wunder und diejenigen, die mehr Spaß daran haben sich gegenseitig aufs Maul zuhauen, als ihren Verein zu unterstützen, ersetzen ihre Trikots gegen neutrale T-Shirts und entlassen damit den Fußball aus ihrer Geiselhaft. Oder die Politik wacht endlich auf und nimmt sich dem Thema auf einer Art und Weise an, die über Plattitüden und Populismus hinausgeht. Leider erscheint beides irgendwie unwahrscheinlich.

Aber wie Andreas Rettig in seinem abschließenden Vortrag beim Berliner Fankongress absolut richtig festgestellt hat: „Der Schlüssel gegen Rechts liegt in der Bildung.“ Der gegen Dummheit eben auch.

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