ANZEIGE

Am Montag sorgten Ilkay Gündogan und Mesut Özil durch ihr Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan für Wirbel, während Emre Can zeigt, dass es auch anders gegangen wäre. Schon am Dienstag läuft der DFB-Betrieb allerdings wieder in gewohnter, glatter Professionalität. 

Nach der Bundesliga-Saison ist vor der Weltmeisterschaft – eigentlich eine schöne Sache für den DFB. Als Titelverteidiger geht es zur WM nach Russland, viele schöne Bilder werden entstehen. Adidas und Co freuen sich schon, denn die Herren Grindel und Bierhoff sind Meister darin, die unangenehmen Themen, wie den Umgang des Gastgeberlandes Russland mit der Pressefreiheit, anderen zu überlassen. Doch die Nationalspieler Özil und Gündogan haben ihren Verband kurz vor der Nominierung des vorläufigen Kaders jetzt aus der Reserve gelockt – ungewollt und fahrlässig.

Dienstagmittag: Das Podium im Dortmunder WM-Museum ist perfekt ausgeleuchtet, die Mikrofone tragen das DFB-Logo, der Saal ist zur Verkündigung des vorläufigen Kaders durch Bundestrainer Joachim Löw prall gefüllt mit Medienvertretern. Den Verantwortlichen beim DFB ist klar, sie kommen heute nicht darum herum, den Auftritt ihrer Nationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten zu kommentieren. Auf dem Podium fragt ein PR-Mann des DFB, es antworten Präsident Reinhard Grindel und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. „Menschen können Fehler machen,“ stellt Grindel schnell klar. Der Fehler sei Özil und Gündogan mittlerweile bewusst. Bierhoff nennt den Auftritt „unglücklich“ und ergänzt: „Die Bedeutung war den Spielern so nicht bewusst.“ Außerdem werde man das Team jetzt im Vorfeld der Spiele in Russland „auf die Brisanz gewisser Themen in Bezug auf Russland hinweisen.“

Klar ist, der DFB kann sich nicht wegducken. Also kehrt der Verband zur absoluten Professionalität zurück, Fragen und Antworten werden hochprofessionell runtergespult. Einzig der Kommentar Bierhoffs, man müsse verstehen „wie Türken ticken“, fällt aus der Reihe. Die Thematik Özil und Gündogan ist damit aber dann auch abgehakt. Schluss jetzt, basta. Immerhin, man hat sich geäußert. Besonders die Deutlichkeit Grindels überraschte – schon auf Twitter hatte der DFB-Präsident geschrieben: „Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen.“ Nun ergänzt er, dass die Aktion „das Trennende“ betont habe und nicht „das Miteinander“. Immerhin!

Willkommene Wahlkampfunterstützung für Erdogan

Ilkay Gündogan und Mesut Özil dienten dem türkischen Präsidenten Erdogan als willkommene Wahlkampfunterstützung bei seinem Besuch in London. Das ist es übrigens, was es an dieser Geschichte zu kritisieren gilt. Nicht, dass zwei deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln überhaupt mit dem türkischen Präsidenten auftreten, sondern, dass sie es jetzt und mit diesem Präsidenten tun. Denn Erdogan hat mehrfach eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht für die Werte steht, die Fußballstars, die Idole von tausenden Kindern und Jugendlichen sind, vorleben sollten. Der bei Manchester City unter Vertrag stehende Ilkay Gündogan verteidigte die Aktion: „Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen.“ Klingt ehrlich gesagt nach oller Ausrede. Auch die Statements der Verantwortlichen, Özil und Gündogan wüssten nun um ihren Fehler, klingt sehr nach Phrase.

Denn was außer einem politischen Statement soll es denn gewesen sein, dem türkischen Präsidenten wenige Monate vor einer Wahl auf dem Weg zur Zementierung seiner Allmachtsposition, ein Trikot zu überreichen? Die Widmung Gündogans an „meinen Präsidenten“ sollte man an dieser Stelle allerdings auch nicht zu hoch hängen, klingt sie doch genauso nach geschwülstigem Blabla, wie die Klarstellung, die später folgen sollte. Ein anderer türkischstämmiger Nationalspieler hat übrigens offenbar bereits im Vorfeld erkannt, was dieser Termin für eine Bedeutung haben würde: Emre Can lehnte das Treffen mit dem türkischen Präsidenten ab und verzichtete damit auf die „Geste der Höflichkeit“, wie Gündogan das nette „Meet & Greet“ mit Erdogan deklarierte.

Gündogan und Özil: Schlechtes Beispiel für den Nachwuchs

Höflich war die Aktion auch höchstens in eine Richtung. Und das ist genau das, was die beiden Spieler und ihr Kollege Cenk Tosun dabei bis zuletzt nicht verstanden haben. In Deutschland kicken Millionen kleine Kinder, tragen dabei die Trikots ihrer Idole. Gündogan und Özil gehören dabei sicher zu den beliebtesten. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass ihre Familien aus der Türkei stammen und aus dem kleinen Mesut und dem kleinen Ilkay deutsche Nationalspieler wurden, aus Özil sogar ein Weltmeister. Doch mit diesen außergewöhnlichen Erfolgen haben die Beiden eben auch eine ganz besondere Verantwortung. Sie verkörpern das, was den Fußball in Deutschland ausmacht. Nicht den Bundesliga-Fußball, sondern den in den Jugendmannschaften, in den Kreisligen und Amateurteams.

>>>Brief an die Bundesliga: „Wie wäre es mit einer Pause?“

Dass in Deutschland Spieler aus ganz verschiedenen Herkunftsländern zusammen spielen, ist Normalität. Integration ist in den Vereinen so normal, dass es viel zu wenig öffentliche Beachtung findet. Von deutschen Nationalspielern und ihren Beratern, auch wenn das vielleicht ihre Verwandten sind, kann man mehr Mitdenken erwarten. Der DFB legte übrigens auch in anderen Fragen nach: Reinhard Grindel erzählte von einem Telefonat mit FIFA-Präsident Gianni Infantino, indem er ihn zur Intervention im Umgang Russlands mit dem ARD-Journalisten Hajo Seppelt aufgefordert habe. Mittlerweile wurde das Einreiseverbot gegen den Doping-Experten aufgehoben. Zur Kooperation des Verbandes mit der ebenfalls unter Menschenrechts-Aspekten bedenklichen Volksrepublik China gab es – wenig überraschend – allerdings keinen Kommentar.

Die schönen Bilder, die der DFB ab jetzt in die Sommerpause schicken wollte, sie haben eine Brisanz bekommen, die so sicher ganz und gar nicht gewollt war. Oder wie „Spiegel“-Journalist Peter Ahrens es bei Twitter zusammenfasste: „Ich weiß jetzt jedenfalls, welche zwei Spieler der DFB in der WM-Vorbereitung nicht zur Pressekonferenz schicken wird.“ Die Rückkehr zur absoluten Professionalität hat der DFB jedoch bereits vollzogen, das Spannungsfeld zwischen Fußball und Politik dürfte aber in diesem Sommer besonders in den Blick genommen werden.

Teilen:

1 Kommentar

  1. Wir Deutschen haben uns in den letzten Jahren angewöhnt, alle Welt um uns herum mit schlechten Noten zu versehen. Am liberalen deutschen Wesen soll die ganze Welt genesen. Zu dieser Rund-um-Kritik sind wir natürlich bestens geeignet, denn besonders im vergangenen Jahrhundert haben wir ja immer wieder bewiesen, dass Deutschland ein Bollwerk der Demokratie ist, allen Völkern zum Vorbild. Zu dieser Angewohnheit, alles und jeden zu maßregeln und mit Verbesserungsvorschlägen zu überschütten, gehört auch die Idee, der deutsche Sport müsse immer und überall die liberalen Werte unseres Besser-Deutschlands offensiv vertreten. Am besten schon in wenigen Wochen nicht zur Fußball-WM fahren, um dem Unmenschen im Kreml mal zu zeigen, wie wir über ihn denken. Und auch unsere beiden türkisch-stämmigen Fußballnationalspieler sollen sich gefälligst als gute deutsche Politik-Oberlehrer benehmen und dem Präsidenten der Türkei gefälligst den Vogel zeigen und den Rücken zukehren! Wenn nicht, dann empört sich das Liberal-Deutschland: Was fällt den Jungs, die uns eigentlich dankbar zu sein hätten ein, sich abseits der Vorschriften so zu benehmen?
    Meine Meinung: Haltet den Ball flach. Ich finde, dass der Bundestrainer zu der ganzen Sache die richtigen Worte befunden und die richtige Entscheidung getroffen hat.

ANZEIGE