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Fankultur

Derbybuch-Autor Heinz-Georg Breuer im Interview: „Da muss auch die Luft flirren“

Im Interview mit effzeh.com erklärt Heinz-Georg Breuer, Autor von „Das einzig wahre Rheinische Derby“, wie er den 1. FC Köln aktuell einschätzt und was der Verein sich von den Rockern von BAP abgucken kann.

Foto: Jörg Schüler /Collection Bongarts

Das Spiel der Spiele, die Mutter der Derbys oder auch der 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach. Eine Begegnung die hüben wie drüben die Fußballfans elektrisiert. Warum eigentlich ist das so? Der Frage geht der Journalist Heinz-Georg Breuer in seinem neusten Werk „Das einzig wahre Rheinische Derby. 123x Kölner Geißbock gegen Gladbacher Fohlen. Alle Spiele von 1950 bis 2019“ (erscheint im Arete Verlag) nach und effzeh.com hat mit ihm darüber gesprochen.

effzeh.com: Du bist Gladbacher und hast ein Buch über das Rheinische Derby geschrieben. Warum sollte ein Kölner dein Buch kaufen?

Weil es im dritten Anlauf – nach zwei Fohlen-Büchern als reine Fanliteratur – ein Werk geworden ist, dass neben der Liebe zum Fußball auch die in meinen Jahrzehnten als Print-Journalist geübten Tugenden enthält: Kritik ja, aber objektiv. Klartext ja, aber fair. Tiefe ja, aber keine Uni-Vorlesung. Dazu Fakten, die in der Hitze der Debatte oder Routine des Alltags schon mal untergehen. Und ja, wenn etwas schön ist, dann sollte man es selbst in unserer Nörgel-Demokratie schreiben dürfen.

effzeh.com: Was erwartet den Leser deines Buches?

Es gibt eine Dreiteilung. Erstmal die Theorie: Was ist ein Derby und woher kommt das eigentlich? Hört sich staubtrocken an, ist aber mit Rückgriff bis ins Hochmittelalter schon spannend an sich. Dazu das Runterbrechen vom Weltweiten aufs Rheinische. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass das viel mit dem Hennes zu tun hat. Dann die Praxis, vom ersten Pflichtspiel 1950 bis heute. Die Top-11 der besten Derbys. Günter Netzer gegen Wolfgang Overath. Toni Polsters Gesäß-Tor, lange vor „Arsch huh“. Busklau in den 1970-ern, Fahnenklau in den 2000-ern. Und, und, und. Dann Teil drei, die Statistik. Darauf bin ich besonders stolz. Weil ich mir bei der Fleißarbeit Gicht, Rheuma, Sehnenscheidenentzündung und Tennisarm in einem geholt habe. Dafür jetzt aber 30 Seiten mit allem habe, was das Fußball-Herz begehrt – bis zum Platzverweis von Borussen-Spielertrainer Fritz Pliska im vierten Derby am 22. Februar 1953 in Müngersdorf bei der ersten Live-Übertragung eines Derbys im Deutschen Fernsehen.

„Da muss auch die Luft flirren im Vorfeld“

Kölner Südkurve | Foto: Rote Böcke

effzeh.com: Wie entstand die Idee zu dem Buch?

Da habt ihr von effzeh.com ein bisschen mit dran schuld. Als Sarah Peters in eurer Seuchen-Saison mich zum Derby im Januar 2018 interviewt hat, stellte sich heraus, dass bis dahin genau 121 Derbys gespielt waren. Also 11 x 11 Partien. Was für eine Vorlage für ein Buch in Zeiten mit Top-Titeln wie „111 Gründe, den XY zu lieben“. Leider klappte es terminlich nicht ganz. Aber 123 Derbys ist ja auch ganz schön, von wegen „Hacke, Spitze, eins, zwei drei“. Und der Inhalt ist sowieso wichtiger als die Verpackung.

effzeh.com: Was macht ein gutes Derby für dich aus?

Eben nicht nur Hacke, Spitze, tralala. Da muss auch die Luft flirren im Vorfeld, da müssen alle mit jeder Nervenfaser sensibilisiert sein. Ich meine nicht die Gestörten, die zu dieser Gelegenheit die Dachlatten und Eisenstangen rausholen. Sondern ich meine diejenigen, die den Fußball wirklich lieben und akzeptieren, dass bei einem solchen Derby jedes, aber auch wirklich jedes Ergebnis möglich ist. Also: Rivalität ja, unbedingt. Aber bitte mit Respekt und Anstand, wie das schon seit Jahren mit Sarah Peters und mir funktioniert.

effzeh.com: Welche bisherige Begegnung ist dir am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

Ohne Wenn und Aber das Pokalfinale 1973. Es war nicht nur das spielerisch beste, das dramaturgisch beste, sondern auch im Sinne des Fußballsports größte Match, das ich gesehen habe.

effzeh.com: Du hast auch ein Buch über 60 Jahre Fan-Dasein geschrieben. Was ist das Geheimnis einer so langen, glücklichen Beziehung (fragt sich jetzt so mancher Kölner neidisch)?

Na ja, immer glücklich war die Beziehung auch nicht. Ich erinnere mich an die zweite Hälfte der Achtziger und an die Neunziger, da ging das aber schwer auf Sparflamme. Als die Borussen dann 1999 abstiegen, drehte es sich wieder. Ist ja oft so im Leben, dass man erst dann merkt, was man hatte, wenn es nicht mehr da ist . . .

„Köln ist natürlich älter, größer und deutlich vielseitiger als Mönchengladbach, aber da liegt auch die Gefahr.“

effzeh.com: Du bist am Niederrhein geboren, hast aber in Köln studiert. Was eint Gladbacher und Kölner deiner Meinung nach und was spaltet sie? Und was könnten Kölner von Gladbachern lernen und andersherum?

Ich will mich wirklich nirgendwo anbiedern, aber die fröhlichen Rheinländer sind schon eine Klasse für sich. Gemerkt habe ich es in meinem Berufsleben, das ich weit überwiegend in Norddeutschland absolviert habe. Also umzingelt von reservierten Menschenschlägen aus Hannover, Braunschweig oder Wolfsburg. Erschwerend kam bei mir noch die Harz-Region dazu – es stimmt schon, je höher man kommt, desto dünner wird die Luft . . . Im Direktvergleich ist Köln natürlich älter, größer und deutlich vielseitiger als Mönchengladbach, aber da liegt auch die Gefahr. Weil die Fallhöhe deutlich riskanter ist.

MOENCHENGLADBACH, GERMANY - NOVEMBER 19: Matthias Lehmann (R) of Koeln and Team of Moenchengladbach argue during the Bundesliga match between Borussia Moenchengladbach and 1. FC Koeln at Borussia-Park on November 19, 2016 in Moenchengladbach, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

effzeh.com: Abseits des Derbys – welches Spiel ist für dich am spannendsten und warum?

Da habe ich keine Präferenzen. Allenfalls Partien mit Bezug zur Vergangenheit, wenn sie sich denn mal ergeben. Also der Effzeh gegen Liverpool. Oder die Fohlen gegen Inter Mailand.

effzeh.com: Gladbach steht unverändert auf dem 1. Platz der Bundesliga. Was ist da los, meint ihr das ernst?

Ich glaube eher nicht. Am Ende werden die Bayern vor Leipzig triumphieren. Aber Marco Rose macht das gut im Borussia-Park. Und die Fohlen haben ja auch einen starken Kader. Aber bei den Pressing-Modellen bin ich immer noch etwas skeptisch, ob das auf Dauer nicht negativ auf die Ressource Spieler geht. Wie bei Roger Schmidt damals in Leverkusen, Peter Bosz in Dortmund, Andreas Zorniger in Stuttgart oder André Schubert in Gladbach.

effzeh.com: Was macht ihr anders als der Erzrivale am Rhein?

Es ist im Fußball wie im richtigen Leben. So viel muss gar nicht neu erfunden werden. Ich glaube, viel hängt mit den handelnden Personen zusammen. Franz Kremer hat den Effzeh  einst groß gemacht, Helmut Grashoff die Fohlen. Hennes Weisweiler sowieso. Als alle weg waren, ging es bergab. Dass die Gladbacher sich seit sechs, sieben Jahren wieder auf höherem Niveau berappeln, mag an Akteuren wie Rolf Königs, Max Eberl oder Lucien Favre liegen. Vielleicht sollten die Kölner mal Wolfgang Niedecken zum Präsidenten machen. Der kennt doch von BAP her bestens die Balance zwischen Spielkunst und Kommerz.

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effzeh.com: Zuletzt (mal wieder) die Frage der Fragen: Beim FC sind die Tage mal wieder turbulent. Sportlich als auch vereinspolitisch schafft es das Geißbockheim nicht in ruhigere Fahrwasser. Steigt der FC in dieser Saison erneut ab und lässt euch in Liga 1 zurück?

Schwer zu sagen. Vom Kader her gibt‘s wohl schwächere Bundesligisten. Aber Kader-Einzelspieler ist nicht gleich Kader-Zusammenstellung. Da muss es schon passen, was man als Trainer spielen lässt. Und bei Achim Beierlorzers Pressing und Umschalt-Ansatz hat es meines Erachtens nicht gepasst. Überhaupt: Ihr habt doch mit dem ASV einen guten Leichtathletikverein in der Stadt. Vielleicht lasst ihr euch da mal beraten, wie man Tempo auf den Rasen kriegt.

INFOS ZUM BUCH: „Das einzig wahre Rheinische Derby – 123 x Kölner Geißbock gegen Gladbacher Fohlen: Alle Spiele von 1950 bis 2019“ von Heinz-Georg Breuer ist im Arete Verlag erschienen (ISBN : 978-3-96423-027-0) und kann hier bestellt werden.

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