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Karten für das Derby gegen Borussia Mönchengladbach im freien Verkauf? Vor kurzem beim 1. FC Köln noch undenkbar, nun bittere Realität. Ein Denkzettel für den Verein – und das Ende der unseligen Debatte um das Müngersdorfer Stadion. Der effzeh.com-Kommentar.

Im Grunde war es eine kurze Mitteilung des 1. FC Köln, die da per Mail hereinflog. Eine kurze Mitteilung, die sonst bei zahlreichen effzeh-Fans für Freude sorgen dürfte. Eine kurze Mitteilung, die allerdings viel über die aktuelle Situation rund um den Verein aussagt. Wenige Tage vor dem richtungsweisenden Derby gegen Borussia Mönchengladbach sind noch zahlreiche Karten vorhanden. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Wo sich noch letzte Saison die Fans einen Wecker stellten, um auch rechtzeitig zum Verkaufsstart vor dem Rechner zu hocken, müssen die „Geißböcke“ die Karten noch bis weit in die Derbywoche hinein wie Sauerbier feilbieten.

Noch im Sommer wirkte das ganz anders: Die Europapokal-Euphorie trug den effzeh über die magische Marke von 100.000 Mitgliedern hinaus, der Verein öffnete die Dauerkarten-Warteliste und sammelte medienwirksam eine klar fünfstellige Anzahl Interessenten ein, Tickets für Heimspiele im Müngersdorfer Stadion waren vermeintlich begehrter als Bitcoins. Die Träume von einer neuen größeren Heimat für den feinen Verein namens 1. FC Köln wurden immer wilder: 75.000 Zuschauer solle es fassen, schließlich müsse man angesichts des Andrangs eine entsprechende Kapazität vorweisen können. Und das ganze müsse sich natürlich auch rechnen. Gegen Gegner wie Bayern München oder Borussia Dortmund werde das Stadion voll sein, auch für die Duelle gegen Schalke 04 oder Bayer Leverkusen ist der Andrang riesig. Und das Derby nicht zu vergessen – wie viele Tickets könnte der effzeh gegen Mönchengladbach nicht jederzeit problemlos absetzen?

Der Fiebertraum vom Stadionausbau ist ausgeträumt

Rumms – dieser heiße Fiebertraum ist mit dem anstehenden Derby geplatzt wie eine Seifenblase. Es wirft ein unschönes Licht auf all die hochtrabenden Erweiterungspläne, wenn sich bereits ein halbes Jahr danach das Hauptargument schneller aus dem Staub macht als der ehemalige Sportchef des Vereins. Dass der Zuschauerboom fragil und sehr von der sportlichen Situation abhängig sein könnte, war schon zu Beginn der Debatte um einen möglichen Stadionaus- oder -neubau längst kein Thema mehr.

Wie auch in anderen Bereichen des Vereins verhedderte sich der effzeh im ersten Höhenflug seit Ewigkeiten in hochtrabenden Zukunftsvisionen – und zerschlug damit letztlich allerorten viel Porzellan. Die Quittung liegt spätestens mit dem Kartendesaster rund um das Derby klar auf dem Tisch: Die Mär von der problematischen Ticketsituation sollte endgültig ad acta gelegt werden, auch ein Ausbau erscheint deshalb nicht mehr zwingend nötig. Wer sich den effzeh ernsthaft anschauen möchte, der bekam dazu genügend Gelegenheit und wird sie auch in der nächsten Zukunft stets bekommen.

Dass angesichts der Lücken, die sich schon bei den vergangenen Partien im Müngersdorfer Stadion auftaten, Häme aufkommt, ist leider verständlich. Allzu vollmundig gingen die effzeh-Verantwortlichen das Thema an, bewiesen fehlendes Fingerspitzengefühl in der Kommunikation und hielten selbst Vergleiche mit dem Branchenprimus Bayern München für angebracht. Natürlich gibt es verständliche Gründe, weshalb das Interesse, sich den effzeh im Stadion antun zu wollen, so gering ist: Die sportliche Situation ist verheerend, ein abermaliger Abstieg steht schon in der Winterpause ins Haus. Auffällig ist, dass vor allem die teuren Karten auf Höhe der Mittellinie im Westen und Osten Müngersdorfs frei bleiben.

Ein Zeichen dafür, dass auch rund um den 1. FC Köln die Fans nicht mehr bereit sind, jeden aufgerufenen Preis zu berappen. Dazu kommen sicherlich noch Sondereffekte wie der frühe Start in die Rückrunde oder beispielsweise die Sicherheitshysterie seitens Polizei und Medien, die einem einen Derbybesuch verleiden können. Aber dass bei knapp 100.000 Interessenten, die sonst angeblich jederzeit Gewehr bei Fuß stehen, nun nicht einmal 20.000 Bereitwillige übrig bleiben, ist erschreckend.

Seelen aus Asbest kein Freifahrtsschein für ein Fehlen im Derby

Das wirft allerdings nicht nur ein unschönes Licht auf die vermaledeite Debatte um einen Verbleib in Müngersdorf, es bringt auch die romantische Geschichte der vermeintlich unverbrüchlichen Treue, die den effzeh-Fans so gerne nachgesagt wird, ins Wanken. Nicht, dass der Autor dieser Zeilen kein Verständnis für frustbedingte Unlust auf das Geschehen hätte, diese durchgängig fehlende Motivation für den Stadionbesuch verwundert aber besonders im Vorfeld eines Derbys gegen Borussia Mönchengladbach dann doch.

Gerne singt man nicht nur im Stadion, sondern auch den Kneipen dieser Stadt die FC-Hymne lauthals mit. „Mer schwöre dir he op Treu un op Iehr: Mer stonn zo dir FC Kölle! Un mer jon met dir wenn et sin muß durch et Füer“, heißt es dort. Durch das Feuer sind wir effzeh-Fans in dieser Saison derart oft gegangen, ja mehr geschlendert, dass unsere Seele womöglich mittlerweile aus Asbest ist. Ein Freifahrtsschein, sich gegen den Erzrivalen nicht im Stadion gerade zu machen, ist das allerdings nicht. Es wäre gut, der Verein müsste seine Mitgliedschaft dran nicht Tage vor dem Duell auch noch erinnern.

>>>Kocka Rausch beim 1. FC Köln: Duracellhäschen im Shitstorm
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