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Müngersdorf

Der 1. FC Köln reist nach Dortmund: Erhoffte Trendwende oder ein weiterer Sargnagel?

Der 1. FC Köln sucht im Spätherbst 2020 die Form, die ihn letzten Winter zum Klassenerhalt trug. Allzu lange dürfen Trainer und Geschäftsführer Sport allerdings nicht mehr ergebnislos suchen, sonst könnte ihre Zeit am Geißbockheim ablaufen, auch wenn der kommende Gegner Borussia Dortmund heißt und mit Erling Haaland einen kommenden Weltstar in den eigenen Reihen weiß.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Manchmal, wenn Situationen wirklich verzwickt sind und man weder vor noch zurück weiß, da lohnt ein Blick in die Vergangenheit, um Klarheit zu erlangen und aus dem Gedächtnis gestrichene Erkenntnisse wieder zu gewinnen. Und beim 1. FC Köln ist die Lage wahrlich extrem verzwickt. Nur drei Punkte hat der effzeh in den ersten acht Spielen dieser Saison geholt und wartet in der Liga seit 18 Spielen auf einen Sieg. Der Geschäftsführer Sport lässt trotz allem kein böses Wort auf den Trainer kommen. Der Geschäftsführer Sport wiederum wurde vom Geschäftsführer Finanzen entscheidend ins Amt gehoben, dem eigentlich starken Mann am Geißbockheim. Die oberste Entscheidungsinstanz, das Präsidium, ist nicht damit aufgefallen, dem Geschäftsführer Finanzen weh tun zu wollen. Was also machen, wenn sich die Situation nicht bessert?

Vielleicht blickten die Verantwortlichen rund um das Präsidium in den letzten Tage in die Vergangenheit und erinnerten sich daran, wie sie Trainer Markus Gisdol und den Geschäftsführer Sport, Horst Heldt, vor einem Jahr während der Vorstellungspressekonferenz begrüßten. Damals sagte der Geschäftsführer Finanzen, Alexander Wehrle, zum Beispiel: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Markus Gisdol und Horst Heldt hier beim FC Ruhe und Stabilität erzeugen können.“ Und der Präsident pflichtete ihm bei: „Die Situation, die wir Ihnen heute vorstellen, erfüllt uns mit Freude. Wir haben uns Zeit genommen, eine neue sportliche Führung zu finden. Das systematische Vorgehen ist belohnt worden.“

Heldt bindet sein Schicksal an das des Trainers

Und tatsächlich: Markus Gisdol und Horst Heldt versprühten zu Beginn ihrer Amtszeit eine Art abgeklärten und reflektierten Optimismus sowie Tatendrang und gaben vielen das Gefühl, der Klassenerhalt sei zu schaffen. Und Ruhe sowie Stabilität waren mindestens bis zur coronabedingten Zwangspause schon erkennbar. Ebenso ein spielerischer Plan auf dem Spielfeld. Die Mannschaft glaubte nach einem Stotterstart wieder an sich und schaffte letztlich das vorgegebene Saisonziel Klassenerhalt. Die acht Siege in zehn Spielen kann niemand dem Duo nehmen, der Klassenerhalt, an den viele nicht mehr geglaubt haben, war jedenfalls ihre Leistung.

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Ein paar Monate nach dem Klassenerhalt ist allerdings von Ruhe und Stabilität nicht mehr viel übrig. Auch ist es beim Gedanken an Gisdol und Heldt kaum mehr die Freude, die einen als allererstes durchströmt. Und so hat es Werner Wolf nach einer Rückschau auf die Pressekonferenz vor einem Jahr vielleicht doch gedämmert, dass es an der Zeit sein könnte, sich zumindest vom Trainer zu trennen.

Wie dem auch sei, unter anderem in der Bild-Zeitung rückte er unter der Woche von den beiden vor einem Jahr noch optimistisch in den Himmel gelobten ab, indem er Trainer Gisdol eine Jobgarantie verweigerte. Damit ging er auf Konfrontationskurs zum Geschäftsführer Sport, der am Schwaben festhalten will, den Trainer sehr vehement verteidigt und damit automatisch ebenfalls in die Schusslinie gerät.

„Ich gehe da so damit um, dass ich mich auf meine Arbeit konzentriere. Ich sehe keinen Nutzen darin, mich daran groß aufzuhalten, und das musst du auch als Bundesliga-Trainer aushalten können“

Heldt scheint dieser Tage sein Schicksal an das seines Nachbarn Gisdol zu binden, auch weil in der Analyse nach der unterm Strich dann doch hilflosen Niederlage gegen Union Berlin so gar nichts Substanzielles kam. „Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen“ und „Wir hätten gestern auch gewinnen können“ lagen als Sätze bedrohlich eng beieinander und die Aussage: „Wir müssen einfach konsequenter agieren und uns die Leute suchen, die bereit sind, noch konsequenter zu handeln“ ist genauso wenig dafür geschaffen, Vorgesetzte von einer Weiterbeschäftigung zu überzeugen wie die anderen Phrasen, mit denen insbesondere Horst Heldt wie wild um sich warf. Eine deftige Niederlage gegen Borussia Dortmund am Samstag könnte das Ende für die beiden einläuten, mindestens aber für den Trainer dürfte es dann eng werden.

Wird der BVB den FC ernst nehmen?

Auf der Pressekonferenz am Donnerstag gab der FC-Coach sich von all dem allerdings gänzlich unbeeindruckt. Das Gerede um seine Personen müsse er aushalten, seine Energie gelte eher der Frage, ob Dortmund mit Dreierkette oder Viererkette spielen würde, erklärte er überzeugend. Tatsächlich ist es so: Auf Nachlässigkeit darf man beim Gegner aus Dortmund vielleicht sogar hoffen, jedoch nicht damit rechnen.

Denn für die Schwarz-Gelben ist das Spiel gegen den Abstiegskandidaten aus der Domstadt ein klassisches „Trap Game“, wie man in Amerika sagen würde. Nach überzeugenden Auftritten in Berlin (5:2) und gegen Brügge (3:0) in der Champions League steht nächste Woche ein entscheidendes Spiel gegen Lazio Rom um den Gruppensieg in der Gruppe F an. Dazwischen könnte man das Spiel gegen die Gisdol-Elf am Wochenende fast vergessen.

Dass die Dortmunder diese Spiele gerne mal in den Sand setzen, haben sie in der Vergangenheit öfter bewiesen. So spielten sie im November 2019 nacheinander gegen Wolfsburg, Inter Mailand, Bayern München und den FC Barcelona. Zwischendrin lag das Heimspiel gegen den kleinen, aber ungemütlichen SC Paderborn. 3:3 lautete da das Endergebnis, zur Pause führte Paderborn 3:0. Und auch sonst ist Dortmund vor Ausrutschern nicht gefeit: Ein 0:2 in Mainz am 32.Spieltag der abgelaufenen Saison ist ein Beispiel, das 0:2 in Augsburg am zweiten Spieltag dieser Saison ein weiteres. Konstanz gegen Underdogs ist keine Dortmunder Tugend. Auch darauf muss die „Geißbockelf“ hoffen.

Schlüsselspieler Guerreiro

Allerdings strotzt man in Dortmund derzeit vor Selbstvertrauen. Allen voran natürlich der norwegische Star Erling Haaland, nach Robert Lewandowski der zweitbeste Stürmer der Bundesliga und vermutlich der nächste Weltstar des Fußballs. In den vergangenen Wochen in fantastischer Form traf er letzte Woche gegen Berlin viermal und legte dann in der Champions League mit zwei weiteren Treffern nach. Die Torjägerliste der Königsklasse führt er damit mit sechs Treffern an, in der Bundesliga muss er sich mit zehn Treffern derzeit nur knapp dem Polen Robert Lewandowksi (elf Tore) geschlagen geben.

Was Haaland so gefährlich macht, ist seine Physis, Schnelligkeit und Stärke gepaart mit seiner fantastischen Schusstechnik, die ihn auch aus eher ungünstigen Positionen treffen lässt. Nicht vergessen darf man allerdings seine Spielintelligenz und das Gespür, zum richtigen Moment in die Lücke zu stoßen und vorher schon auf der Abseitslinie tänzelnd Fahrt aufzunehmen. Timing beim Zuspiel ist an dieser Stelle natürlich eminent wichtig, und gerade dies gelang den spielstarken Dortmundern zuletzt immer besser.

Foto: Martin Rose/Getty Images)

Der entscheidende Mann bei Dortmund ist derzeit trotz der Tore allerdings vielleicht nicht der norwegische Torjäger, sondern die portugiesische Allzweckwaffe Raphaël Guerreiro. Der 26-jährige Portugiese fliegt bei der Betrachtung des BVB oft unter dem Radar, hat sich über die Jahre seinen Platz in der Elf jedoch mehr als verdient und ist ein Schlüsselspieler für das Team von Trainer Lucien Favre. Seine Heimat ist linke Seitenauslinie, in welcher Position er dann schlussendlich spielt, ist allerdings egal. Ob Dreierkette, Viererkette oder als Teil eines fünfköpfigen Mittelfelds, Guereirro kann dies alles auf einem Niveau, das ihn für die Topclubs Europas interessant macht. Die Rückwärtsbewegung war in der Vergangenheit ein Problem, Guereirro hat allerdings auch hier die Balance gefunden. „Rapha ist sehr flexibel“ lobte sein Trainer ihn unter der Woche gewohnt sachlich. Die Rheinländer werden einen Plan brauchen, Guereirro aus dem Spiel zu nehmen, sonst kann es ungemütlich werden.

Andersson und Meré fallen aus

Letztlich wird der FC am Samstag auch hoffen müssen, dass die Schwarz-Gelben über das „Trap Game“ stolpern. Die „Geißböcke“ reisen in den Ruhrpott leider nach wie vor ohne Fans, aber immerhin stehen die Chancen recht gut, dass Anthony Modeste und Benno Schmitz zurückkehren. Sebastian Andersson hingegen konnte unter der Woche zwar voll mit trainieren, und der schwäbische Cheftrainer ging am Donnerstag noch noch davon aus, den Schweden einsetzen zu können. Freitagnachmittag fehlte der Stürmer dann jedoch bei der Abfahrt nach Dortmund, was erneut Fragen zu Belastungssteuerung und Kommunikation am Geißbockheim aufwirft. Wer für den FC stürmen wird, ist damit offen. Es könnte Anthony Modeste werden, aber auch Thielmann dürfte eine Möglichkeit sein. Denn der Franzose hat seit längerem nicht mehr mit der Mannschaft trainiert. Zudem ist es wahrscheinlich, dass Bournauw in die Startelf zurückkehrt, da Jorge Meré auf Grund von Oberschenkel-Problemen ausfällt und Sörensen dem Kader ebenfalls nicht angehört. Der FC darf sich in der Innenverteidigung jedenfalls keinen Fehler erlauben und Geschenke verteilen, sonst wird es ohne Frage ein ganz langer Nachmittag im Westfalenstadion.

Verteidigen die Kölner allerdings ohne individuelle Aussetzer, haben sie gegen Guereirro und Co. einen guten defensiven Matchplan, finden sie endlich auch ohne Andersson alleine der Entlastung wegen zu einem gelungenen Kombinationsspiel in der Offensive und treffen vielleicht ein oder zweimal per Standard, so ist vielleicht etwas drin in Dortmund. Vermutlich wird die Mannschaft sich wie schon in Bremen und gegen Union Berlin in der eigenen Hälfte verschanzen, tief stehen, Dortmund den Ball überlassen und versuchen, temporeich zu kontern und Fouls im letzten Drittel des Spielfelds zu ziehen.

Dies kann funktionieren: Der Tabellensiebzehnte hat trotz aller Defizite diese Saison nachgewiesen, den Gegner auf das eigene Level runterziehen zu können und ein Spiel dreckig, eng und unansehnlich zu machen. So ein Spielstil ist nicht immer schön für den Fan, aber die in diesem Spiel vermutlich einzige Chance auf Punkte und den ersten Sieg nach 18 Spielen. Zugleich aber müssen die „Geißböcke“ allerdings nach Nachweis erbringen, 90 Minuten lang fehlerfrei unter Druck spielen zu können. Dies gelang diese Saison noch nicht.

Foto: Ronald Wittek – Pool/Getty Images

Dafür wird allerdings notwendig sein, das Feuer und die Freude aus der Siegesserie letzte Saison wieder zu entfachen, sein sprichwörtliches Herz auf dem Spielfeld zu lassen und hinten endlich wieder fehlerfrei zu spielen. Ob der Cheftrainer und der Geschäftsführer Sport für diese Aufgabe noch die Richtigen sind, haben sie diese Saison noch nicht nachgewiesen. Sie selbst strömen dieses Feuer, die Klarheit sowie die von Wehrle einst erhoffte Ruhe und Stabilität jedenfalls nicht mehr aus. Sie müssen all dies allerdings schnell wiederfinden, sonst wird die Führungsetage, die bislang nicht mit übergroßem Tatendrang zu überzeugen wusste, irgendwann dann doch zum Handeln gezwungen sein. Ein gutes Spiel und Punkte in Dortmund könnten eine dringend benötigte Trendwende einleiten, eine hohe Niederlage aber auch der letzte Sargnagel sein. Die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen sollten alles daran setzen zu punkten. Für Ausreden ist es jedenfalls zu spät.

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