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Meinung

Das Medienhandbuch zum Derby gegen Mönchengladbach

Gladbacher Fanprojekt, Südkurve, Boulevard-Blätter, Statements – wie vor jedem Derby geht es medial drunter und drüber. Es wird also höchste Zeit, zehn Dinge gerade zu rücken.

Foto-Credits: Dirk Unschuld

Wie immer wurden und werden vor dem nahenden rheinischen Derby wieder tausende Zeilen getippt. Gladbacher Fanprojekt, Südkurve, Boulevard-Blätter, Statements – wie jedes Mal geht es dabei drunter und drüber. Es wird also höchste Zeit, zehn Dinge gerade zu rücken.

1. Die Unschuld vom Lande

Unschuldig und ruhig - herrlich, dieses Landleben | Foto: Claude Monet, Wikipedia

Unschuldig und ruhig – herrlich, dieses Landleben | Foto: Claude Monet, Wikipedia

„Unsere Fanszene gehört zu den beliebtesten und friedlichsten in ganz Deutschland.“ Nein, so unverfroren so etwas über die wunderbaren Fans des 1. FC Köln zu behaupten, wäre effzeh.com nun wirklich nicht. Deshalb stammt der Satz auch vom „Fanprojekt Mönchengladbach“. Der ein oder andere wird sich nun erinnern… Genau, das sind die mit „Bumsi“, dem launigen Kolumnisten mit Commodore-64-Optik und „Bild der Frau“-Sprachduktus. Zwar war es dieses Mal nicht „Bumsi“, der diesen Quatsch erzählt hat, doch sein Geist war bestimmt anwesend, als man beim Gladbacher Fanprojekt stolz und kämpferisch diese skurrile Zeile getippt hat. Wir wollen das nur mal so einwerfen, aber: Wir wissen, was eure Fanszene letzten September getan hat.

2. Gemeine Strafen 

So manchem hat es die Erinnerung an das letzte Derby vernebelt. | Foto: Dirk Unschuld

So manchem hat es die Erinnerung an das letzte Derby vernebelt. | Foto: Dirk Unschuld

„Unserem Verständnis nach sind die Maßnahmen, die jetzt beim kommenden Derby auf uns angewandt werden, ein ausgesprochener Ausdruck von Ungerechtigkeit“, entrüstet sich das Fanprojekt Mönchengladbach. Unrecht mögen sie damit ja nicht haben, doch eine neue Erkenntnis ist das nun eben auch nicht. „Vor Ausspruch der Strafe gab es kein Fehlverhalten von Gladbacher Seite“, heißt es weiter. Da sei die Frage gestattet, ob die geschmacklosen Spruchbänder, auf denen man sich für die Vorfälle auf der Jahnwiese gerühmt und homophobe Positionen bezogen hat, die während der Partie im Februar nahezu über die komplette Spielzeit eure Kurve schmückten, kein „Fehlverhalten“ darstellen. Aber zurück zum DFB und seinen Strafen – da sind wir ganz bei dir lieber Bumsi, äh… liebes Fanprojekt.

3. Ein feines Konzept 

Für manchen Gladbacher offenbar die Zentrale des Bösen - das Geißbockheim. | Foto: effzeh.com

Für manchen Gladbacher offenbar die Zentrale des Bösen – das Geißbockheim. | Foto: effzeh.com

„Ein feines Konzept ganz nach kölscher Logik. Es ist zum Kotzen. Doch was erwartet man auch anderes vom 1.FC Köln?“ Empörte sich Christoph Ullrich in seinem Blog „Halbangst“ unlängst über die Strafen für die Borussia. Und es ist wirklich zum Kotzen, dass der Kollege die Aufhebung der Stadionverbote gegen Effzeh-Fans, denen kein rechtswidriges Verhalten nachgewiesen werden konnte, mit diesen süffisanten Worten in den Kontext der DFB-Strafen setzt. Die Sanktionen, mit denen sich die Gladbacher Fanszene nun konfrontiert sieht, kommen vom Verband. Und zwischen dem DFB und dem 1. FC Köln hat sich auch ganz sicher keine Allianz des Bösen gebildet.

4. Jaja, unfair!

Und irgendwann fällt der Narziss dann doch ins Wasser | Foto: Michelangelo Caravaggio, Wikipedia

Und irgendwann fällt der Narziss dann doch ins Wasser | Foto: Michelangelo Caravaggio, Wikipedia

„Während wir in Mönchengladbach seit Jahren proaktiv Fanarbeit leisten, haben sich andere Vereine herzlich wenig gekümmert, was in ihren Fanszenen und Kurven abläuft.“ Man ahnt es schon, diese Worte stammen wieder vom Fanprojekt der Gladbacher. „Wir werden trotz unserer hervorragenden Arbeit der letzten 25 Jahre in den großen Topf der Versager in der Fanarbeit (hier explizit mit dem FC) geworfen“, heißt es weiter. Das Selbstbild der Gladbacher Pädagogen ist schon beeindruckend. Das selbsternannte Vorzeige-Fanprojekt kann sich jedenfalls nicht erklären, warum sie trotz ihrer fehlerfreien und allgemein total vorbildlichen Arbeit und trotz ihrer braven Knabenchor-Fanszene jetzt bestraft wird. Dieser Eintrag scheint im tadellosen Logbuch der Gladbacher zu stören. Blöd nur, dass die Borussia bei den Vorfällen im Februar als Gastgeber und somit als Veranstalter für die Sicherheit und die Einlasskontrollen verantwortlich war. Auch blöd, dass sich Gladbacher Fans mit Kölnern im Innenraum prügelten. Dementsprechend sieht der DFB eine Mitschuld daran, dass einige verkleidete Kölner den Stadioninnenraum stürmen konnten. Die Borussia hätte den vermummten Personen schließlich den Einlass verwehren können. Unpopuläres Argument? Ganz sicher und das auch zurecht. Und es natürlich steht außer Frage, dass die Dummheiten auf Kölner Seite letztendlich zum Skandal geführt haben, der am Ende daraus wurde. Unstrittig ist aber eben auch, dass das vom Gladbacher Fanprojekt gezeichnete Bild der vorbildlichen Anhänger und Fanarbeit ungefähr so korrekt ist, wie die Geometrie in Salvador Dalis „The Great Masturbator“. Pun intended.

5. You are not alone

Kein schöner Anblick: Gesperrte Stehplatz-Blöcke in Müngersdorf | Foto: Dirk Unschuld

Kein schöner Anblick: Gesperrte Stehplatz-Blöcke in Müngersdorf | Foto: Dirk Unschuld

Nur um es mal kurz festzuhalten: Der 1. FC Köln hat bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison Auswärtstickets nur personalisiert abgeben können. Außerdem waren bei Heimspielen mehrere Stehplatzblöcke gesperrt. Gladbach ist also nicht ganz so allein in der Rolle des Bestraften, wie es sich gerade fühlt. Kann man ja durchaus mal zur Kenntnis nehmen.

6. Boykott

So stimmungsvoll wird die Kölner Südkurve im Derby wohl nicht | Foto: Dirk Unschuld

So stimmungsvoll wird die Kölner Südkurve im Derby wohl nicht | Foto: Dirk Unschuld

Dass man sich in Gladbach dazu entschieden hat, auf Grund dieser kruden Strafpolitik des Deutschen Fußballbundes nun lieber gar nicht nach Köln zu kommen, ist verständlich und eine legitime Form des Protestes. Doch das mit der Kausalität ist im Ländchen offenkundig so eine Sache. Zwar gesteht man beim Gladbacher „Mitgedacht-Block“ schon ein, dass es „in der Sache nicht falsch“ sei, wenn auf die durchaus vorhandenen Vergehen der Borussia-Fanszene in der Vergangenheit verwiesen würde, aber in diesem Falle werde nun einmal trotzdem eine „unschuldige Fanszene einfach so für das Fehlverhalten anderer Anhänger bestraft“. Ja, guten Morgen! Dass der Gastgeber als Veranstalter für den DFB immer eine Mitschuld trägt, ist keine große Neuigkeit. Übrigens genauso wenig, dass die Strafen des übermächtigen Verbands meist die Falschen treffen. You are not alone, sagten wir ja schon.

7. Stimmung! 

Die "BILD" hält nicht viel von Dialog mit Ultras | Foto: Screenshot bild.de

Die „BILD“ hält nicht viel von Dialog mit Ultras | Foto: Screenshot bild.de

Dass die Kölner Südkurve aus Solidarität mit dem Anliegen der Gladbacher auf größere Stimmungsmaßnahmen beim Derby verzichten will, sorgt derweil für noch heftigere Diskussionen, als der Verzicht der Gästefans. Vor allem die „BILD“-Zeitung stört sich offenbar daran. „Angeblich aus Solidarität zu den Gladbach-Anhängern soll es keine Choreografie, keine Riesen-Fahnen und -Banner sowie keine organisierte Unterstützung für die Mannschaft geben“, heißt es im Boulevard-Blatt. „Angeblich“? Dass die „weißen Idioten“ tatsächlich aktiv ihre politischen Interessen vertreten, passt offenbar nicht so gut ins gezeichnete Bild der plumpen Schlägertrupps aus Köln. Also wird im Hause Springer schnell eine binnen-politische Revolution daraus: „Die Mitarbeiter schütteln die Köpfe“ und „die Geschäftsführer toben“ angesichts des präsidialen Festhaltens am Dialog mit der eigenen Fanszene, erklären die „BILD“-Redakteure. Werner Spinner hingegen kommentierte die Solidaritätsaktion der Kurve mit einem „Ich finde das schade“ und will weiter am Dialog mit den Fans festhalten. Das ist natürlich nicht spektakulär genug für „BILD“. Das finden wir schade.

8. Remember, remember! 

Plötzlicher Sinneswandel: effzeh-Geschäftsführer Jörg Schmadtke | Foto: effzeh.com

Plötzlicher Sinneswandel: effzeh-Geschäftsführer Jörg Schmadtke | Foto: effzeh.com

Vielleicht erinnert sich der effzeh-Boss aber auch einfach nur noch ganz gut, an die Aussagen seiner Mitarbeiter und Geschäftsführer als in der Schlussphase der letzten Rückrunde die Kölner Südkurve aufgrund der DFB-Strafen den Support auf ein absolutes Minimum senkte. „Ich bin sehr froh darüber, dass wir eine gute Stimmung hatten und dass sich gezeigt hat, dass einzelne nicht die Bedeutung haben, die sie vielleicht glauben zu haben“, erklärte Jörg Schmadtke damals nach dem ersten Heimspiel ohne Ultra-Support gegen Hannover. „Es ist jetzt schade für die, die draußen standen: Aber ich habe nichts vermisst. Es war eine tolle Atmosphäre“, hieß es vom Sportdirektor dann nach dem Sieg gegen Hoffenheim. Wenige Monate später erklärt der Verein nun: „Der 1. FC Köln ist tief enttäuscht“, weil „im Ergebnis wird die Ankündigung dennoch Auswirkungen auf die Atmosphäre im Stadion und damit auch auf die Mannschaft haben.“ Da kommt doch langsam Verwirrung auf. Mal abgesehen davon: Dass das Derby ohne Auswärtsfans stattfinden wird, dürfte ohnehin schon Auswirkungen auf die Atmosphäre haben. Aber keine Sorge, die spielbezogene Stimmung wird es schon richten.

9. Feind und Freund 

| Foto: effzeh.com

Für das gemeinsame Ziel stellen die Fanszenen auch mal die Rivalität hinten an| Foto: effzeh.com

Es wird hier langsam unübersichtlich, oder? Jetzt „verbrüdert“ sich also die Kölner mit der Gladbacher Fanszene um gemeinsam dem Deutschen Fußballbund zu zeigen, was sie von seinen Sanktionen halten, oder was ist da los? Bei beiden Vereinen ist gleichzeitig die Begeisterung über das Verhalten der eigenen Fans sehr überschaubar. Es scheint, als würde so mancher langsam vergessen haben, dass für den zuschauermäßigen Ausnahmezustand beim Derby immer noch die Verbandsstrafen verantwortlich sind. Die Fanszenen beider Vereine reagieren lediglich darauf. Und daran sollten sich die Bundesliga-Vereine eigentlich langsam gewöhnt haben. Ansonsten bleibt natürlich alles beim Alten: Gladbacher mögen Kölner nicht und Kölner mögen Gladbacher nicht. Und die DFB-Strafen mögen eben beide nicht.

10. What it’s all about

Eine super Mannschaft in Müngersdorf: Nehmen wir doch gerne! | Foto: Dirk Unschuld

Eine super Mannschaft in Müngersdorf: Nehmen wir doch gerne! | Foto: Dirk Unschuld

„Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft“, sagte Trainerlegende Udo Lattek einst über das Müngersdorfer Stadion. Angesichts der Irrungen und Wirrungen rund um das altehrwürdige Spiel gegen den Erzrivalen kann man jetzt ausnahmsweise mal auf die Umkehr dieser Weisheit hoffen. Es gäbe ja dann doch Schlimmeres, als am Samstag eine super Kölner Mannschaft zu sehen, oder?

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