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Meinung

Corona-Fälle beim 1. FC Köln: „Auf der falschen Seite der Geschichte”

Der 1. FC Köln vermeldet drei positive Corona-Fälle, die Fußballindustrie wertet das als Erfolg für das eigene Testsystem. Das Spielen mit der Gesundheit der Profis ist maßlos und gefährlich, findet unser Kommentar.

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Nur drei Tage lagen zwischen den Worten eines hochrangigen Interessenvertreters aus der Bundesliga und den nächsten positiven Corona-Fällen im deutschen Fußball. In der Talkshow von Markus Lanz sagte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Dienstagabend, dass er sich ziemlich sicher sei, dass es keinen positiven Fall in der Bundesliga mehr geben würde, weil das medizinische Konzept das verhindert. Am Freitagabend vermeldete dann der 1. FC Köln, dass drei Mitarbeiter des Klubs positiv getestet wurden – es soll sich um zwei Profis und einen Physiotherapeuten handeln. Der Plan der DFL, die Politik durch intensive Lobbyarbeit im Hintergrund von einer Wiederaufnahme der Bundesliga im Mai zu überzeugen, erhält dadurch einen Rückschlag – so scheint es. Und wieder ist der 1. FC Köln beteiligt, der bis dato das letzte Bundesliga- und das erste Geisterspiel ausgetragen hatte.

In einer Welt ohne Covid-19 hätte der FC an diesem Wochenende bei Bayer Leverkusen gespielt, es wäre der 32. Spieltag der Bundesligasaison gewesen. Je näher das Saisonende rückt, desto aufregender werden die Spiele – sofern es denn noch um was geht. Für den Traditionsverein vom Rhein hätte es bei gutem Verlauf der Spiele zuvor durchaus noch um den Einzug in den Europapokal gehen können, die Pandemie des Coronavirus machte dem allerdings einen Strich durch die Rechnung. Mittlerweile geht es beim 1. FC Köln, der Bundesliga und der gesamten Menschheit um etwas anderes: ums Überleben. Die Bundesliga will inmitten dieser Krise jedoch einzig und allein ihre ökonomische Interessen durchsetzen und gefährdet damit die Gesundheit der Spieler, sie sendet ein falsches Zeichen an die Gesellschaft.

Die positiven Fälle – auch ein positives Zeichen?

Der Grund ist eine Viruserkrankung, ohne Impfstoff und Immunität als Gegenmittel. Daran ändert auch vorerst das sorgfältig ausgearbeitete medizinische Konzept des deutschen Fußballs nicht. Unter der Leitung von DFB-Chefmediziner Tim Meyer wurde ausgearbeitet, unter welchen Bedingungen die restlichen Spieltage der Bundesligasaison trotz der Coronavirus-Pandemie ausgetragen werden können. Die Vorstellung des Plans erfolgte in der vergangenen Woche, die Politik forderte Nachbesserungen – dem ist das medizinische Team wohl nachgekommen. Am 6. Mai soll nun das Konzept dem Sportausschuss des Bundestags vorgestellt werden, am selben Tag könnte auch entschieden werden, wann die Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt. Die drei positiven Tests beim 1. FC Köln dürften die Position der DFL nicht verbessert haben.

Foto: Arne Dedert/Pool/Getty Images

Denn nach Bekanntwerden der Fälle vermittelt beispielsweise die Kommunikationsabteilung des FC den Eindruck, sie sei zufrieden mit dem Ergebnis. Schließlich sei genau das erreicht worden, was man sich von den engmaschigen Tests versprochen hatte: positive Fälle wurden entdeckt, es folgen zwei Wochen Quarantäne. „Das Ziel der engmaschigen Tests ist es doch, Menschen, die nachweislich nicht infiziert sind, nicht in Quarantäne zu schicken“, twitterte der Vereinsaccount am Abend der Bekanntgabe, als Kritik am Vorgehen der Bundesligavereine laut wurde. Dass Spieler so früh positiv getestet wurden, sei „nicht der Fehler im System, sondern dessen Bestätigung“. Man muss schon sehr viel Chuzpe haben, um in der gegenwärtigen Situation diese Tatsache als „Erfolg“ zu werten.

Gewiss: Auch für Bundesligaspieler ist Gesundheit das höchste Gut, sie müssen bestmöglich geschützt werden. Aber dass Arbeitgeber wie der 1. FC Köln nun den Eindruck vermitteln wollen, dass positive Tests doch aufzeigen würden, wie sehr sich die Vereine um die Gesundheit der Spieler kümmern würden, ist eine Farce. Der maßlos selbstherrliche Plan einer Branche, die sich in der Vergangenheit von den Bedingungen des normalen Lebens weitestgehend entfernt hat, basiert auf der Fitness der Spieler – und diese sind nicht gegen das Virus immun.

Andere Ligen brechen ab, Spieler auf Intensivstation

Wir erinnern uns: Man kann den Virus auch in sich tragen, ohne Symptome zu zeigen. Auch unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen oder dem Tragen einer Maske lässt es sich nicht ausschließen, dass man andere Personen infiziert, gerade im eigenen Haushalt oder in der eigenen Familie. Durch die lange Inkubationszeit hat sich die zweiwöchige Quarantäne als Mittel der Wahl erwiesen, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Bundesligavereine reagierten schon im April darauf und ließen in Kleingruppen trainieren. Das medizinische Konzept sieht auch eine feste Zuordnung von Physiotherapeuten vor, sodass die Kontakte möglichst reduziert werden. So weit, so gut – es ist auf jeden Fall so, dass sich die entsprechenden Personen ausreichend Gedanken gemacht hätten. Aber an dieser Stelle ist es vielleicht auch hilfreich, noch einen Schritt zurückzugehen.

Schaut man sich im internationalen Fußball um, herrscht gerade große Unsicherheit, weil das Coronavirus die Handlungen bestimmt und die sonst so mächtige Fußballwelt nur reagieren kann. In Frankreich ist die Liga abgebrochen worden, weil die Politik so entschieden hat. Mit Junior Sambia (HSC Montpellier) verließ erst gestern ein Fußballprofi das Krankenhaus, nachdem er wegen der Erkrankung an Covid-19 sogar ins künstliche Koma versetzt wurde – ein junger, fitter Mensch. Auch in den Niederlanden wurde die Saison abgebrochen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich weiß, dass ein Abbruch massive rechtliche und finanzielle Konsequenzen hat und daher gut durchdacht werden muss.

In Deutschland bestimmt die Selbstherrlichkeit

Ich glaube aber, dass der von der DFL eingeschlagene Weg, noch im Mai wieder Fußball spielen zu wollen, ambitioniert, wenn nicht gar selbstherrlich ist. Dieser Eindruck verstärkt sich umso mehr, wenn Funktionäre wie Watzke davon sprechen, dass eine Wiederaufnahme ein „Qualitätszeugnis der Deutschen“ wäre, Ralf Rangnick sprach mit maßloser Arroganz von einem „Zeichen an die gesamte Menschheit“, würde die Bundesliga wieder spielen. Bei allem Respekt: Es gibt so viele Bereiche, die momentan wichtiger sind als Fußball.

„Wenn sich eine Person infiziert und stirbt, werden wir auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Es wird erst jemand sterben müssen, damit die Leute das verstehen“

Auch die Premier League, immerhin umsatzstärkste Liga der Welt, überlegt, wann und wie sie wieder zum Betrieb zurückkehren kann. Das stößt aber nicht überall auf Gegenliebe: Das Magazin The Athletic sprach unter der Woche mit einer Person aus dem Umfeld eines Vereins. „Wenn sich eine Person infiziert und stirbt, werden wir auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Es wird erst jemand sterben müssen, damit die Leute das verstehen“, lautete die klare Aussage. Sergio Agüero, einer der besten Stürmer der Premier League, sah das gegenüber dem argentinischen Fernsehsender El Chiringuito ähnlich: „Die Mehrheit der Spieler hat Angst, weil sie Familien haben, sie haben Kinder, sie haben Babys.“ Er sprach auch davon, dass er und seine Kollegen „ziemlich nervös und besonders vorsichtig“ sein würden, wenn sie auf den Platz zurückkehren.

Wie geht es bis zum 6. Mai weiter?

Fußballer sind Arbeitnehmer, sie haben das Recht, sich den Bedingungen ihres Arbeitgebers zu widersetzen. Zwar unternimmt in Deutschland die DFL viel, um eine möglichst sichere Durchführung von Trainings- und Spielbetrieb zu ermöglichen – das medizinische Risiko ist aber einkalkuliert. Und das ist unverantwortlich.

Watzke und Rummenigge lobbyierten zuletzt für eine Wiederaufnahme der Bundesliga | Foto: Maja Hitij/Getty Images

Kevin Kühnert von der SPD befürchtet im Gespräch mit dem Münchner Merkur: „Der Fußball fügt sich damit einen erheblichen Imageschaden zu, mutmaßlich einen größeren, als es die Pandemie tut.“ Der Fußballfan ergänzt, dass der Plan der DFL eine „ungeheure negative Symbolkraft“ hätte. Sein Parteikollege Karl Lauterbach, selbst Mediziner und Gesundheitsexperte, twitterte: „Es ist voll unverantwortlich, dass die Spieler weiter trainieren, nachdem sie mit 3 infizierten Spielern Kontakt hatten. Sie müssten in Quarantäne, wie wir es vom Bürger verlangen. Dazu werden die Spieler gefährdet. Das Konzept floppt und ist kein Vorbild.“ So ist die Stimmungslage am Samstagmorgen, nachdem am Vorabend drei positive Tests bekanntgegeben wurden. Die Frage ist: Wie geht es weiter?

Gesundheit ist die wichtigste Maxime!

Es erscheint umso bedenklicher, dass am Dienstag der Bundesligist aus Leipzig voll ins Mannschaftstraining einsteigen möchte, wenn alle Tests negativ verlaufen. Man darf gespannt sein. Und über die Frage einer möglichen Wettbewerbsverzerrung haben wir noch gar nicht gesprochen: Diese wird dann relevant, wenn Teile einer Mannschaft in Quarantäne sind, die Spiele aber trotzdem weiter stattfinden müssen. Dann muss eben die U19 irgendwann ran.

Es wird abzuwarten sein, welche Entscheidung die Politik am kommenden Mittwoch trifft und ob sie der DFL schon das grüne Licht erteilt. Bis dahin könnte es zu weiteren positiven Tests kommen, die den öffentlichen Druck auf die Bundesliga erhöhen. Diese wird, so lässt sich Stand heute prognostizieren, weiterhin darauf beharren, dass man ein sicheres und umfangreiches Testsystem entwickelt habe, um die eigenen Spieler zu schützen. Der Trainingsbetrieb muss aber auch beim 1. FC Köln weitergehen. Es muss trainiert werden, es muss gespielt werden, damit das Fernsehgeld überwiesen wird. Alle Aussagen, die Bundesliga würde ein positives Zeichen an die Bevölkerung senden, sind Luftschlösser. Es geht nur ums Geld, nicht um die Gesundheit. Ich würde mir wünschen, dass Spieler das Wort ergreifen, um ihre Bedenken auszudrücken.

Spiele kann man nachholen, irgendwann einmal. Bei der Gesundheit gibt es diese Sicherheit nicht.

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