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Meinung

China-Kooperation: Das Unbehagen an der Moderne

Der effzeh treibt seine internationalen Bemühungen voran und geht dabei eigene Wege. Warum die Kooperation mit dem chinesischen Erstligisten FC Liaoning einen faden Beigeschmack hat.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Jetzt ist sie da: Die Internationalisierung. Weder klamm noch heimlich, sondern mit Ansage. Niemand sollte angesichts der Kooperation mit dem chinesischen Erstligisten FC Liaoning den Überraschten spielen, sprachen die Verantwortlichen doch spätestens seit dem grandiosen Auftreten beim Florida-Cup davon, potenzielle Entwicklungschancen auch fernab der Aachener Straße nutzen zu wollen. Gab es zuvor noch Überlegungen Richtung USA oder Südostasien, so fiel die Wahl – sicherlich auch im Hinblick auf das deutsch-chinesische Fußballabkommen, das am jüngsten Wochenende geschlossen wurde – auf das „Reich der Mitte“.

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Kein schlechter Schachzug – auf den ersten Blick. Mit fast 1,4 Milliarden Einwohnern ist China aktuell der attraktivste Markt der Welt, Fußball ist auch des Chinesen Leidenschaft, die Liga wirft momentan mit Geld nur so um sich, die WM soll bald ins Land geholt werden. Dort einen Fuß in der Tür zu haben, dürfte nicht verkehrt sein. Auch die Entscheidung, eine Partnerschaft mit einem Verein einzugehen, ist gut durchgedacht und zeigt, dass sich die effzeh-Verantwortlichen strategisch clever mit den Gegebenheiten auseinandergesetzt haben. Mit begrenzten Mitteln viel zu erreichen – dafür steht der effzeh sportlich seit der Bundesliga-Rückkehr. Mit begrenzten Ressourcen viel zu erreichen – dafür soll auch das China-Engagement der „Geißböcke“ stehen.

Denn, darüber besteht sicherlich kein Zweifel: Der Hauptgrund für die Partnerschaft ist die Aussicht auf lukrative Deals, an denen nicht nur der effzeh Interesse haben dürfte. Auch für (potenzielle) Sponsoren ist das Auftreten in China von Belang. Angesichts des enormen Kapitalbedarfs, den der Profifußball nun einmal hat, macht der effzeh das aus seiner Sicht einzig Richtige: Möglichst viel Rahm abzuschöpfen, wo es nur gut geht – das Wachstum im eigenen Markt ist schließlich endlich. Und genau da fängt das Magengrummeln für viele Fans an: Jedem ist zwar klar, dass die beinahe groteske Überbetonung der Identifikation seitens des Vereins ein großes Stück weit Inszenierung ist. Dennoch: Die Wurzeln des Klubs liegen in dieser Stadt, das Faustpfand sind seine treue Fans, die auch in der 2. Liga zum effzeh standen, die Volksnähe des Vereins ein wichtiges Gut, das gerade auch bei der Diskussion um die Geißbockheim-Erweiterung ins Feld geführt wird.

Aus den Fehlern der Premier League gelernt?

[perfectpullquote align=“right“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]Auch wenn der Kopf angesichts der Wettbewerbsfähigkeit „Ja“ sagen möchte, das Bauchgefühl ist ein ganz anderes: Welchen Weg geht der effzeh da gerade? Wie schwer ist der Spagat zwischen Köln-Sülz und der großen weiten Welt?[/perfectpullquote]

Auch wenn der Kopf angesichts der Wettbewerbsfähigkeit „Ja“ sagen möchte, das Bauchgefühl ist ein ganz anderes: Welchen Weg geht der effzeh da gerade? Wie schwierig ist der Spagat zwischen Köln-Sülz und der großen weiten Welt? Viele Anhänger blicken angesichts der immer schnellen drehenden Vermarktungsräder nach England und befürchten, ähnlich unter selbige zu kommen. In manchen Londoner Stadien sitzen dem Vernehmen nach mehr Touristen als eigentliche Fans. Für die Klubs ein Gewinngeschäft: Sie können höhere Tageskartenpreise nehmen, die Gäste lassen darüber hinaus noch richtig Geld in den Hochglanzarenen. Droht uns dieser Verdrängungskampf auch in Deutschland, gerade in einer Touristenstadt wie Köln? Noch widerstehen die meisten Vereine der Versuchung, allzu sehr an der Preisspirale zu drehen. Doch wie beim Kampf um (noch) mehr TV-Einnahmen könnte es bei steigender Nachfrage auch bald zu Verschiebung auf der Angebotsseite kommen – trotz gegenteiliger Beteuerungen, die Fehler der Premier League erkannt zu haben.

Der fade Beigeschmack des Deals, dieses Unbehagen an der Moderne, die doch nicht aufzuhalten ist, vergrößert sich beim Blick auf den Partner. Das autoritäre Regime in Peking herrscht zwar über ein finanzstarkes Land, Menschenrechte wie die Meinungsfreiheit stehen allerdings nicht sonderlich hoch im Kurs. Die Todesstrafe dagegen schon, Folter in den Gefängnissen sowie unsägliche Arbeitsbedingungen definitiv auch. Panjin, die Heimat des FC Liaoning, erlangte vor knapp fünf Jahren traurige Bekanntheit: Dort drohte 2012 ein Mann mit Selbstverbrennung, um gegen die Enteignung seines Grundstücks durch den Staat zu protestieren. Er wurde vom Vizepolizeichef Panjins erschossen – und dadurch zum nationalen Symbol für Fehlentwicklungen in China. Doch angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung, die das „Reich der Mitte“ mittlerweile erlangt hat, scheinen all diese Missstände häufig unter den Tisch zu fallen. „China ist akzeptiert. Das Land hat es längst geschafft, das Image des Unrechtsstaates weitestgehend loszuwerden“, schrieb schwatzgelb.de vor der China-Reise von Borussia Dortmund im vergangenen Sommer.

Vom Fressen und der Moral

Der Abverkauf der eigenen Werte gegen außerordentlich viel Geld stößt zunehmend bei vielen Anhängern auf Kritik: Nicht nur in Dortmund entflammte zuletzt eine Diskussion zwischen Heimatverbundenheit und Internationalisierung, zwischen Werte und Finanzbedarf, auch Bayern München sah sich beispielsweise angesichts des Trainingslagers in Katar unangenehme Fragen aus der eigenen Fanszene gegenüber. Auch wenn die Partnerschaft im globalen Kontext nur ein kleines Licht ist: Zur Legitimation der Unrechtsherrschaft in China trägt selbst dies sein Scherflein bei. Wohlwissend um diese Debatte fügte effzeh-Finanzchef Alexander Wehrle in der Pressemitteilung auch pflichtbewusst hinzu: „Fußball kann verbinden. Der 1. FC Köln steht für Toleranz und ein offenes Miteinander. Das wollen wir auch in der Kooperation leben“, so Wehrle. Es bleibt zu wünschen, dass den hehren Worten auch Taten folgen lassen. Der Zweifel nagt aber tief in vielen Fans: Zu häufig lebt(e) es sich im Elfenbeinturm Fußball nach dem Brecht’schen Motto: Erst das Fressen, dann die Moral.

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