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Meinung

China in der Regionalliga: Atemlos nach Fernost

Sie fragen sich immer noch, was diese „Helenefischerisierung“ eigentlich bedeuten soll und worum es bei der ganzen Debatte um den Ausverkauf des Fußballs eigentlich geht? Bitteschön.

Foto: ATTA KENARE/AFP/Getty Images

… gebt uns Geld, damit’s gefällt. Sie fragen sich immer noch, was diese „Helenefischerisierung“ eigentlich bedeuten soll und worum es bei der ganzen Debatte um den Ausverkauf des Fußballs eigentlich geht? Bitteschön.

Wie der „kicker“ berichtet, soll in der Regionalliga Südwest in der kommenden Saison eine chinesische Auswahl als 20. Mannschaft an den Start gehen – außer Konkurrenz, aber eben als Teil des Spielplans. Was erst einmal klingt wie ein Scherz, ist vom Deutschen Fußball-Bund wohl nicht so gemeint.

Nachdem der geneigte, einheimische Fußballfan also bereits hinnehmen musste, dass er bald nicht mehr alle Bundesliga-Spiele mit einem einzelnen Pay-TV-Abonnement empfangen kann. Dass er bald an Montagabenden zu Auswärtsspielen seines Vereins fahren soll (alternativ kann er sich natürlich auch zwei Pay-TV-Abos anschaffen – muss man mal durchrechnen). Und dass sich Retortenclubs mit Transferausgaben in einer Höhe, die viele konkurrierende Vereine nicht einmal erreichen, wenn man alle Ausgaben der Vereinsgeschichte addiert, in die Champions League gekauft hat, wird nun auch der mögliche Rückzug in die unteren Ligen durch die China-Kooperation des DFB vermiest. Nicht einmal dort ist man vor dem Kommerz noch sicher.

15.000 Euro dafür, die Aktion gut zu finden

Gut. Die Regionalligavereine waren alle dafür und bekommen jeweils 15.000 Euro vom cleveren Verband dafür, dass sie die Aktion gut finden. Außerdem – so erklärt der Geschäftsführer der Offenbacher Kickers, Christopher Fiori, im „kicker“ – bestünden „gute Vermarktungsmöglichkeiten bei einem Spiel gegen eine chinesische Mannschaft“. Ist das alles also nur ein handelsüblicher sportlicher Austausch zwischen zwei Nationen?

Würde es sich dabei um zivile Aufbauhilfe über sportliche Wege handeln, und der Partner wäre ein Land, das Hilfe in allen Bereichen bitter nötig hat, dann könnte man das vermutlich so sehen. Denn warum sollte man nicht mal eine Mannschaft aus Uganda für eine Saison nach Deutschland holen? Warum nicht einmal eine Kooperation mit dem durch Naturkatastrophen quasi ständig stark gebeutelten Haiti anleiern? Warum nicht eine Fußballschule im durch Erdbeben in Not geratenen Nepal oder im Nachbarstaat Tibet bauen?

Derartiges, auf ziviler Ebene gestaltet, könnte zweifelsohne auf Gegenliebe und Verständnis stoßen. Bei all diesen Ländern wäre die Gegenleistung aber wohl vor allem Dankbarkeit für die Freude und Perspektive, die man den Kindern, die sonst nicht so viel von beidem haben, vor Ort damit bereiten würde.

Kooperation auf höchster Ebene

Stattdessen gibt es nun eine Kooperation mit China, die von höchster bundespolitischer Ebene gefördert wird. Im Dezember 2016 wurden im Bundeskanzleramt die Abkommen unterzeichnet – die deutsche Bundesregierung und ihr chinesisches Pendant gehören zu den Partnern von DFB und DFL. Das Ganze ist also deutlich mehr als ein harmloser sportlicher Austausch.

Und nicht nur auf höchster fußballpolitischer Ebene ist das Reich der Mitte mittlerweile omnipräsent. Der 1. FC Köln bereiste beispielsweise jüngst die Volksrepublik, die chinesischen Clubs mischen den Transfermarkt mit perversen Gehältern auf (Bonjour Monsieur Modeste) und chinesische Investoren probieren, wie überall und in allen denkbaren Geschäftszweigen dieser Welt, Geld mit dem ganzen Zirkus zu verdienen.

DFB-Boss Reinhard Grindel | Foto: Oleg Nikishin/Bongarts/Getty Images

Das mag aus kapitalistischen Gesichtspunkten betrachtet völlig legitim sein. Um Fußball geht es dabei aber nicht mehr. „Neue Absatzmärkte“ sollen erschlossen werden, darum geht es. Und China ist einer der größten davon. Schließlich gibt es unglaublich viele Chinesen – die wenigsten dürften schon einen Lieblingsclub in der Bundesliga haben.

Man sollte in dieser Kooperation also keineswegs ein sozial-engagiertes sportliches Aufbauprojekt sehen. Vielmehr sollte man sie im direkten Kontext zu der offenbarenden Idee von Adidas-Chef Kasper Rorsted, das DFB-Pokalfinale könne doch auch einmal in China stattfinden, betrachten. Während bei letzterer recht offensichtlich ist, dass es dabei nur ums Geld geht, kommt die neuerliche Kooperation der Verbände vergleichsweise schüchtern daher. Die Motivation dahinter ist allerdings die selbe.

Menschenrechte, Freiheit, Demokratie? Egal

Auch an dieser Stelle mag man einwenden, dass es nichts Verwerfliches ist, Geld verdienen zu wollen. Und sei es auch sehr viel davon. Dennoch ist es eine bizarre Entwicklung, dass sich Politik, aber auch Vereine und Verbände, die allesamt Teil der deutschen Gesellschaft sind, dabei ausgerechnet in Richtung China orientieren. Der Fußball könnte es sich schließlich durchaus leisten, auf Faktoren wie politische und zivile Freiheit, Einhaltung der Menschenrechte, Diskriminierung, Korruption und demokratische Strukturen bei der Auswahl seiner Partner zu achten.

Zur Verdeutlichung: Der „Freedom in the World 2017“-Report, also eine Skala zur Freiheit der Welt vom amerikanischen „Freedom House“, bewertet China mit einem Score von 15. Tibet, auf das China zweifelhafterweise Anspruch erhebt, sogar nur mit einem erschütternden Score von 1. Zum Vergleich: Schweden und Norwegen erreichen mit 100 die Höchstpunktzahl, Kanada ist mit 99 Punkten knapp dahinter und Deutschland liegt immerhin bei einem Score von 95. In vergleichbaren Indizes findet sich tendenziell das gleiche Bild.

Anders ausgedrückt: In China verschwinden immer noch regelmäßig Menschen, wenn sie etwas sagen oder schreiben, das dem Regime nicht passt. In China werden immer noch Minderheiten massiv unterdrückt. In China wird die zivile Freiheit eingeschränkt und die Bevölkerung systematisch überwacht, Korruption gibt es nicht nur als Einzelfall. An all dem hat sich nichts geändert. Und all das hat dazu beigetragen, dass in China mittlerweile derartige Summen im Umlauf sind – erwirtschaftet auf Kosten der eigenen Bevölkerung. Aber natürlich: Auch in Uganda, Nepal oder Haiti ist die politische und zivile Situation weit vom Optimum entfernt. Dennoch wäre ein dortiges Engagement vor allem ein Hilfsprojekt. Aber darum geht’s hier eben nicht.

Nur ein plumper Wirtschaftsdeal

Denn mit der Kooperation will man wohl kaum die dortige Zivilgesellschaft durch das eigene Engagement vor Ort stärken. Es ist lediglich ein plumper Wirtschaftsdeal mit sportlicher Fassade – deutsches Knowhow für chinesisches Geld.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Aber immerhin: Die deutschen Verbände bemühen sich wirklich, den Fußball nur scheibchenweise zu verhökern. Vermutlich dient das zur beiläufigen Gewöhnung des lokalen und unwichtigen Altkonsumenten, den man eh schon in der Tasche zu haben glaubt. Und vielleicht klappt es ja sogar. Nach Retortenclubs als Bundesliga-Vertreter in der Champions League und einer Regionalliga-Saison mit einer chinesischen Olympia-Auswahl, wird es den Anhängern vermutlich nicht mehr ganz so weh tun, wenn das DFB-Pokalfinale 2019 dann doch in Shanghai stattfinden wird.

Und etwas Gutes hat das dann schließlich auch: Helene Fischer wird bei ihrem Auftritt im Adidas-Volkswagen Shanghai Stadium ganz bestimmt nicht ausgepfiffen werden. Dafür werden die Herrschaften in Peking schon sorgen.

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