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Meinung

Bundesliga während Corona: Spart euch das Gejammer!

Die Herbst-Beschlüsse der Bundesregierung zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind gerade verabschiedet, da meldet sich gleich die erste kritische Stimme aus der Bundesliga. Anstatt die eigenen Privilegien zu überprüfen, will die deutsche Fußballindustrie einfach immer mehr. Ein Kommentar.

Foto: LARS BARON/POOL/AFP via Getty Images

Die Konferenz der Ministerpräsident*innen der Bundesländer und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sich gestern auf verschärfte Corona-Regeln für den Monat November geeinigt – das öffentliche Leben wird ähnlich wie im Frühjahr erneut heruntergefahren, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Das betrifft auch den Sport: In der Bundesliga dürfen im nächsten Monat keine Zuschauer*innen mehr in die Stadien, der Amateur- und Breitensport soll komplett ruhen.

Das Ziel der Maßnahmen: Kontakte in den nicht notwendigen Bereichen sollen drastisch reduziert werden. Nur bei einem Viertel der Infektionen sei die Herkunft bekannt, hieß es in der Pressekonferenz. Deutschland läuft also Gefahr, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu verlieren – wenn es nicht sogar schon so weit gekommen ist. Fest steht: Eine vollständige Kontaktverfolgung ist aktuell nicht mehr möglich. Deutschland steht wie viele andere Länder vor einer großen Herausforderung, denn auch die Anzahl der Corona-Patient*innen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, steigt stark an. Gründe, politisch auf das Infektionsgeschehen zu reagieren, gibt es also genug – die Fragen, ob die Maßnahmen angemessen sind und welche Strategie die Bundesregierung langfristig verfolgt, sind allerdings auch angemessen.

BVB: „Fußball kein Pandemietreiber“

Was allerdings am Tag nach dem Beschluss schon wieder sauer aufstößt, ist eine Reaktion aus der Bundesliga. In einem Schreiben an die eigenen Fans übt Borussia Dortmund Kritik an den verschärften Maßnahmen. „Der Profifußball ist nachweislich kein Treiber der Pandemie. Und ehrlich gesagt sieht das auch niemand anders. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu akzeptieren, dass Fakten nicht zählen“, heißt es darin. Dennoch, so der BVB, wolle man „die Situation akzeptieren, wie sie ist“. Nein, der Fußball ist kein Pandemietreiber. Die Schulen auch nicht. Theater, Museen, Kinos auch nicht. Die Betriebe auch nicht. Ja gut – wer denn dann? Wie gesagt: drei von vier Neuinfektionen lassen sich nicht zurückverfolgen.

Watzke und Rummenigge lobbyierten zuletzt für eine Wiederaufnahme der Bundesliga | Foto: Maja Hitij/Getty Images

Borussia Dortmund, einer der größten Klubs in Deutschland: Noch im Frühjahr hatte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bei NRW-Landesvater Armin Laschet dafür lobbyiert, dass die Bundesliga unter Einhaltung der Hygienekonzepte überhaupt erst wieder in den Spielbetrieb einsteigen durfte. Einige Monate später scheinen die Gräben nun etwas tiefer zu sein, der Draht vielleicht nicht mehr ganz so heiß.

Die Bundesliga musste lange für den Restart kämpfen

Es ist genau diese maßlose Selbstüberhöhung, die Teile der deutschen Vereinsvertreter bereits im Frühjahr und über den Sommer unter Beweis gestellt hatten. Zweifellos, auch an der Bundesliga geht die Pandemie nicht spurlos vorbei. Die Liga befindet sich wohl in ihrer größten Krise seit Gründung im Jahr 1963 und es hatte einen wahren politischen und medialen Kraftakt gebraucht, dass der Spielbetrieb nach der Aussetzung Mitte März bereits zwei Monate später im Mai wieder beginnen konnte – zu einem Zeitpunkt, als für andere gesellschaftlich wichtigere Bereiche wie Kindergärten, Schulen oder Altenpflegeeinrichtungen noch gar keine Konzepte vorlagen. Das entwickelte Hygienekonzept für den Bundesliga-Zirkus fand bei der Politik und weltweit Anklang, der Spielbetrieb immerhin konnte sichergestellt werden. Die Bayern sicherten sich die nächste Meisterschaft, der 1. FC Köln taumelte dem Klassenerhalt entgegen.

Zuvor hatte es auch eine politische Diskussion darüber gegeben, ob Dauertests für Fußballer und Angestellte der Vereine wirklich durchführbar seien und ob dafür nicht an anderer Stelle die Kapazitäten fehlen würden. Als der Fußball öffentlich darauf drängte, wieder loslegen zu dürfen, hatte die Gesellschaft nun wahrlich andere Probleme und es war nicht klar, wie die Teststrategie für die Bevölkerung überhaupt aussehen sollte. Und dann noch millionenschwere Fußballer, die zweimal pro Woche getestet werden sollten – die Bundesliga machte sich nicht überall Freunde in dieser Zeit. Von einer übermäßigen Beanspruchung der Testkapazitäten kann laut Cornelia Wanke jedoch nicht die Rede sein. Wanke ist Geschäftsführerin der Fachgemeinschaft Akkreditierte Labore und sagte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass der Anteil der Tests aus der Bundesliga aktuell „weit unter einem Prozent, irgendwo im Promillebereich“ läge. Andernorts kommt es daher offenbar nicht zu Verzögerungen. Das Hygienekonzept war also bei aller Kritik tragfähig.

Die Bundesliga wollte immer mehr

Zum Start der neuen Saison durften dann auch wieder Zuschauer*innen in die Stadien, zumindest einige. Die Bundesländer einigten sich vor nicht einmal sechs Wochen darauf, dass ein Testbetrieb unter Corona-Bedingungen stattfinden solle – 20 Prozent der jeweiligen Stadion-Kapazität durften rein, wenn die 7-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner*innen am Spielort unter 35 liegt. In Köln beispielsweise klappte das nicht, nur durch eine Corona-Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen durften gegen Frankfurt und Mönchengladbach jeweils 300 Fans ins Stadion.

Auch den FC-Fans wird nichts anderes übrig bleiben, als die Spieler von der Couch aus zu verfolgen | Foto: Mika Volkmann/Getty Images

Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle war das nicht genug: Er forderte vor zwei Wochen im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Wir sollten uns grundsätzlich fragen, ob wir nur den Inzidenzwert betrachten oder das umfangreiche Hygienekonzept der Klubs heranziehen. Unseres ist als tragfähig und hervorragend eingestuft worden.“ Bereits damals zeigte sich der Unmut, weil die Bundesliga eben nicht so schnell öffnen durfte, wie einige Vertreter sich das versprachen. „Wir wünschen uns eine fakten-basierte Diskussion darüber, ob man diese Regelung modifizieren sollte“, ergänzte Stefan Reuter, Manager des FC Augsburg. Die Bundesliga habe an allen Standorten gezeigt, dass sie Spiele unter Einhaltung der Hygienekonzepte sehr gut durchführen könne. Die Ironie an der Geschichte: Gerade Alexander Wehrle hatte als DFL-Präsidiumsmitglied die Regelungen mit ausverhandelt.

Ist die deutsche Fußballindustrie demütiger geworden?

Und natürlich: Dem 1. FC Köln und auch anderen Vereinen fehlen die Einnahmen durch Zuschauer*innen am Spieltag. Zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Euro soll der FC dem Vernehmen nach pro Heimspiel einnehmen, daher muss Wehrle, sofern in dieser Saison gar kein Publikum mehr im Müngersdorfer Stadion zugelassen wird, mit 25 bis 30 Millionen Euro weniger rechnen. Das Problem: Neulich sagte Wehrle, er habe nur mit vier Geisterspielen kalkuliert. So nachvollziehbar der Wunsch nach Normalität ist, so wenig fällt er in der Öffentlichkeit auf fruchtbaren Boden. Es gibt bislang zu wenig Datenmaterial, um mit Sicherheit ausschließen zu können, dass sich niemand im Stadion angesteckt hat. Die Frage nach der Anreise mit Bus und Bahn haben wir dabei noch gar nicht gestellt.

Äußerungen wie die von Wehrle und Reuter, aber auch das Schreiben des BVB: Sie zeugen nicht davon, dass die deutsche Fußballindustrie in den vergangenen Monaten demütiger geworden ist. Denn während Kinder, Familien und alte Menschen sich überwiegend vorbildlich an die Regelungen halten, möchten die Bundesliga-Bosse immer mehr. Im November ruht nun auch der Amateurfußball erneut, in Jugendmannschaften findet kein Training mehr statt – die Bundesliga aber läuft ungehindert weiter, und einige Vertreter beschweren sich dabei noch.

Andere sind weitaus schlimmer dran

Dass es auch anders und vor allem vorsichtiger geht, zeigte Rouven Schröder, Sportverstand beim 1. FSV Mainz 05. Er beschäftigte sich schon letzte Woche im Gespräch mit der Sportschau mit einer weiteren drohenden Zwangspause und sagte: „Wir sind an einer Schwelle, an der wir vorsichtig sein müssen. Einen weiteren Lockdown und dementsprechend Spiele oder sogar Spieltage, die ausgesetzt werden müssen, möchten wir uns alle nicht ausmalen.“ Die Beschlüsse von gestern hatten eine Aussetzung der Bundesliga nicht zum Thema, der Betrieb dürfte also dort trotz hoher Infektionszahlen weitergehen wie bisher.

Fest steht: Die aktuelle Situation ist für alle eine Zumutung. Der Fußball macht keinen Spaß ohne Fans im Stadion, die Begeisterung ist überschaubar und viele Menschen haben derzeit andere und wichtigere Probleme als den eigenen Lieblingsverein. Es ist bezeichnend, dass der Fußball erst für eine Sonderstellung kämpft, diese dann bekommt und ankündigt, demütiger werden zu wollen – nur um dann Ende Oktober, in einer immer noch gesundheitlich und gesellschaftlich extrem angespannten Lage, wieder auf die Pauke zu hauen. Das Gejammer kann sich die millionenschwere Branche besser sparen. Andere sind weitaus schlimmer dran.

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