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Meinung

Bundesliga-Business geht weiter: Ein heikles Experiment

Begleitet von jeder Menge Skepsis wird die Bundesliga am Samstag den Spielbetrieb wiederaufnehmen – mit einem integren sportlichen Wettbewerb ist nicht zu rechnen. Sieger wird es bei der ganzen Geschichte keine geben.

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Wäre die Welt nicht wegen eines Virus im Ausnahmezustand, hätte sich der 1. FC Köln in dieser Woche auf das letzte Saisonspiel bei Werder Bremen vorbereitet. Es wäre der 34. Spieltag einer ganz normalen Bundesliga-Saison gewesen, der FC hätte vielleicht um die Goldene Ananas, vielleicht um den Einzug in den Europapokal gespielt. Für den Gegner aus Bremen hätte es um mehr gehen können, kämpften die Grün-Weißen doch zum Zeitpunkt der Aussetzung des Spielbetriebs um den Klassenerhalt.

Durch die Corona-Pandemie ist aber alles anders: Mitten im Frühling gibt es einen Neustart, die Bundesliga nimmt mit dem 26. Spieltag ihren Spielbetrieb wieder auf und startet den Versuch, die Saison 2019/2020 bis zum 30. Juni zum Ende zu bringen. Damit das überhaupt möglich werden konnte, verbrachte die DFL als Hüterin des Spielbetriebs die letzten zwei Monate im Krisenmodus. Das formulierte Ziel, die Saison beenden zu wollen, um das „finanzielle Überleben“ der Bundesliga sicherzustellen, wurde begleitet von zielgerichteter Öffentlichkeitsarbeit und Hintergrundgesprächen mit der Politik, sodass die Bundesregierung in der vergangenen Woche ihr grünes Licht gab.

Nicht alle sind begeistert von der Wiederaufnahme

Den Funktionären ist eines gelungen: Die Bundesliga wird die erste große Sportliga der Welt sein, die trotz der Corona-Pandemie wieder startet. Das internationale Scheinwerferlicht richtete sich automatisch auf den deutschen Fußball, der sich in einer der größten weltweiten Krisen der Moderne als Leuchtturm sieht, wenn es um Sport geht – das Problem daran: Es geht nicht um Sport. Denn klar ist, dass die Beendigung der Bundesliga aus rein finanziellen Gesichtspunkten erfolgen muss. Das ist okay, denn auch der deutsche Fußball ist ein Industriezweig mit Arbeitsplätzen, Existenzen, Verträgen. Obwohl mir das in der Vergangenheit häufig vorgeworfen wurde, bin ich auch dafür, dass die Bundesliga (irgendwann) wieder startet – nur eben nicht so früh und nicht mit dem derzeitigen Konzept.

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Bereits vor dem Start am Samstag ist nämlich auch deutlich geworden, dass der DFL und ihren Vereinen nicht nur Wellen der Begeisterung entgegenschlagen. Die grundsätzliche Frage, wer die Einhaltung der im Konzept formulierten Regelungen und Anforderungen überwacht und gegebenenfalls sanktioniert, ist nach wie vor ungeklärt. Die vergangenen Tage zeigten zudem, dass die strikten Vorgaben auch nicht immer eingehalten werden. Dass Borussia Mönchengladbach beispielsweise erst am Montag das Quarantäne-Hotel bezog, störte so wirklich auch niemanden – im Konzept ist eigentlich vorgesehen, dass die Vereine sieben Tage vor Beginn des Spielbetriebs ihre Hotels beziehen sollen, bei Gladbach waren es nur derer fünf.

Der sportliche Wettbewerb ist gefährdet

Zuletzt mehrten sich auch die Stimmen, die nach der Integrität des Wettbewerbs fragten – die Situation bei Dynamo Dresden zeigt deutlich, dass nicht viel passieren darf, bevor der DFL ihr eigenes Konzept um die Ohren fliegt. Auf die Frage, wie der Zweitligist nach zwei Wochen in Quarantäne und ohne Training in den normalen Rhythmus einsteigen soll, ist die DFL bis heute eine befriedigende Antwort schuldig geblieben. Dass die Spiele im Notfall auch im Juli angesetzt werden können, ist einer der Lösungsvorschläge – die Frage ist, warum es dann überhaupt den ganzen Heckmeck brauchte, um eine Wiederaufnahme im Mai durchzudrücken.

Oliver Kreuzer äußerte sich deutlich zum Grund für die Wiederaufnahme | Foto: Ronny Hartmann/Bongarts/Getty Images

Und dass das Vorgehen längst nicht an allen Bundesliga-Standorten wohlwollend aufgenommen wurde, zeigt sich gleich an mehreren Aussagen. Oliver Kreuzer, Sportchef beim Karlsruher SC in der zweiten Liga, zeigte sich nachdenklich wegen der erhöhten Verletzungsgefahr für die Spieler, die nun aus dem Ruhezustand sofort in den Wettkampfmodus kommen müssen. „Wir brauchen das TV-Geld, deshalb muss gespielt werden“, brachte er das Anliegen des deutschen Fußballs auf den Punkt – bemerkenswert klar. Seine Mannschaft sei immer verpflichtet, zu spielen, solange sie 13 Feldspieler und zwei Torhüter hätte. „Ob das Wettbewerbsverzerrung ist oder ob Teams dann überhaupt noch konkurrenzfähig sind, das interessiert nicht.“ Auch wenn man seine Meinung nicht unbedingt teilt, tut es gut, in dieser Klarheit die Fakten von einem der Verantwortlichen zu hören.

Grenzenlose Selbstüberhöhung des Fußballs

Sein Wolfsburger Kollege Jörg Schmadte sagte dem Sportbuzzer: „In der 2. Liga darf meiner Einschätzung nach gar nichts mehr passieren. Und in der ersten Liga darf auch nicht so viel passieren.“ Max Eberl von Borussia Mönchengladbach bekannte, dass das Konzept „auf tönernen Füßen“ stünde. Absolute Überzeugung sieht anders aus. Zwei Tage vor Wiederaufnahme beklagte dann mit Marco Bode die nächste Führungskraft eines Vereins das Vorgehen der DFL. Diese entschied sich dazu, im Vorfeld der Sitzung am Donnerstag in eine Beschlussvorlage aufzunehmen, dass es bei einem vorzeitigen Abbruch der Saison einen Meister und zwei Absteiger geben würde. „Der Antrag des DFL-Präsidiums hat uns und offensichtlich auch andere Klubs überrascht“, erklärte der Aufsichtsratschef von Werder. Das Vorgehen der DFL sei „nicht zielführend“ gewesen, der Antrag habe „einen Streit ausgelöst, der gar nicht nötig gewesen wäre.“

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Die grenzenlose Selbstüberhöhung des Fußballs, die einige Granden in den vergangenen Wochen mit ihren öffentlichen Aussagen befeuerten, hinterlassen mittlerweile auch normale Menschen jenseits des Fußballs fassungslos. Hans-Joachim Watzke, Karl-Heinz Rummenigge, Ralf Rangnick – sie alle glauben daran, dass die Wiederaufnahme der Bundesliga in etwa eine Signalwirkung haben wird wie die Mondladung oder die Entdeckung von Penicillin. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern war sich dann in einem Interview mit dem Springer-Verlag auch nicht zu schade, von einem „Milliardenpublikum“ zu sprechen, dass die Bundesliga erwarte. Kleiner geht es einfach nicht mehr.

Fanorganisationen gegen Geisterspiele

Deshalb ist es nicht überraschend, dass in Deutschland der überwiegende Teil der Bevölkerung eine Fortsetzung der Bundesliga mit Geisterspielen nicht befürwortet, wie eine Umfrage des ARD-DeutschlandTrend in der letzten Woche ergab. Auch Fanorganisationen wie die „Fanszenen Deutschlands“, „Unsere Kurve“ und „Pro Fans“ positionierten sich in der Vergangenheit eindeutig gegen Geisterspiele allein des Geldes wegen.

Das alles spielt keine Rolle – die Branche hat sich demaskiert, es geht um Geld, nicht um Sport. Das führt nicht unbedingt zu einem verbesserten Verhältnis zwischen dem Business und den Fußballfans, die eigentlich aus Liebe zum Sport eine Bindung zu einem Fußballverein aufgebaut hatten. Es wird abzuwarten bleiben, ob das riskante Experiment, dessen Start wir ab Samstag begutachten dürfen, zu einem Ende geführt wird. Ich weigere mich, von einem erfolgreichen Ende zu sprechen, denn Sieger gibt es bei dieser ganzen Nummer nicht.

In eigener Sache: Die Redaktion hat sich dazu entschieden, trotz der absurden Bedingungen über die Spiele des 1. FC Köln zu berichten. Die Rückkehr zum Spielbetrieb halten wir dennoch für unvernünftig und lehnen sie zu aktuellen Bedingungen ebenso entschieden ab wie Fußballspiele ohne Fans grundsätzlich.

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