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Zwei Jahre Modeste-Rückkehr: Viel Geld für wenige Tore

Heute vor zwei Jahren verkündete der 1. FC Köln die umjubelte Rückkehr von Anthony Modeste – wirklich in Tritt kam der Franzose bei den „Geißböcken“ aber seither nicht.

Modeste reacts after the German first division Bundesliga football match VfB Stuttgart v 1 FC Cologne in Stuttgart, southern Germany, on October 23, 2020. (Photo by THOMAS KIENZLE / AFP) / DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO (Photo by THOMAS KIENZLE/AFP /AFP via Getty Images)
Foto: THOMAS KIENZLE/AFP /AFP via Getty Images

Es war ein Abend, der den 1. FC Köln eigentlich perfekt beschreibt. Auf einer Gala feierte der Klub im November 2018 sein 70-jähriges Bestehen, geladen waren viele Ehemalige, einige Prominente und leider nur einige wenige Mitglieder. Von profanen Dingen wie Fußball musste sich niemand stören lassen, denn die Gala fand an einem Samstagabend während einer Länderspielpause statt. In der Woche zuvor hatte das Team des damaligen Trainers Markus Anfang mit 8:1 gegen Dynamo Dresden gewonnen – dieser Kantersieg war auch bitter nötig gewesen, lief beim Absteiger in der Saison 2018/2019 in der 2. Bundesliga doch nicht alles glatt.

Die Feierstimmung in Köln nahm, auch abseits der Gala, nur noch weiter zu, als Vorstand und Geschäftsführung anlässlich der Geburtstagsfeier eine ganz große Neuigkeit verkündeten: Anthony Modeste, Publikumsliebling und Architekt der Europa-League-Qualifikation 2017, würde zurück zu den „Geißböcken“ kommen. Der Franzose war im Vorjahr nach einem erschöpfenden Transfer-Hickhack für mehr als 30 Millionen Euro nach China zu Tianjin Quanjian gewechselt, der FC in der Folgesaison in die 2.Bundesliga abgestiegen – nun sollte das Schicksal die beiden wieder zusammenführen. Oder vielleicht auch nicht.

Ein Bonbon für die Fans?

Einen Vertrag bis 2023 würde er bekommen, spielberechtigt sei er wohl sofort – so hieß es in der Verkündung der umjubelten Rückkehr, die in den sozialen Medien sofort auf Begeisterung stieß. Die Kölner Fans freuten sich darüber, dass der beste Stürmer der jüngeren Vereinsgeschichte wieder für den FC stürmen würde. Andere Fußballinteressierte schüttelten den Kopf, wieder einmal, denn wohl an keinem anderen Bundesliga-Standort gibt es regelmäßig so viel emotionales Bohei um Spieler, die nach ihren unglücklichen Odysseen in In- und Ausland in die Domstadt zurückkehren und dort wieder ihr Glück finden sollen.

Foto: Lennart Preiss/Bongarts/Getty Images

Glücklich war der Deal in jedem Fall für den damaligen Vorstand des 1. FC Köln, bestehend aus Werner Spinner, Toni Schumacher und Markus Ritterbach. Nur einige Wochen vor der Verkündung der Modeste-Rückkehr hatte es eine gleichermaßen denk- und unwürdige Mitgliederversammlung gegeben, bei der nicht immer vornehm über die Zukunft des FC, genauer gesagt um die Besetzung des Mitgliederrats, debattiert wurde. Rund um die Spieltage prangten „Vorstand raus!“-Banner in der Südkurve in Müngersdorf und in den Gästekurven der 2. Bundesliga. Das Verhältnis zwischen Vorstand und Teilen der Fanszene galt als zerrüttet.

Der verlorene Sohn kehrt heim

Von daher passte es ganz gut, dass mit Anthony Modeste derjenige Spieler Signale abgab, wieder ans Geißbockheim zurückkehren zu wollen. Seinen Vertrag in China hatte er aufgelöst, Grund waren ausstehende Gehaltszahlungen. Und da Modestes Familie ohnehin in Köln geblieben war, residierte der Franzose wieder in der Villa im Luxusviertel Hahnwald. Vor der offiziellen Verkündung hatte er sich zudem bei der Kölner U21 fitgehalten.

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„Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie eng ich dem FC emotional verbunden bin. Auch nicht, während ich zuletzt im Ausland gespielt habe. Als sich jetzt tatsächlich die Möglichkeit ergeben hat, zurückzukommen, war kein Überlegen mehr notwendig“, gestand der verlorene Sohn. Die Kölner Geschäftsführer Alexander Wehrle und Armin Veh freuten sich ebenfalls über den Deal. Einen Stürmer diesen Formats musste der 1. FC Köln einfach verpflichten, wenn er auf dem Markt war – da ließen beide fast keine Diskussion zu.

Viel Geld für wenig Tore

Doch nur kurze Zeit später wuchsen Zweifel, ob es wirklich für alle Seiten ein gewinnbringender Deal war. Modeste jedenfalls freute sich über einen Fünf-Jahres-Vertrag mit einem Volumen von insgesamt wohl mehr als 15 Millionen Euro, auch eine Anschlussbeschäftigung als Trainer stand zur Debatte. Trainer Markus Anfang hingegen musste sich fortan mit der Frage auseinandersetzen, wie er denn neben Simon Terodde (unangefochtener Torjäger der 2. Bundesliga), Jhon Cordoba, Serhou Guirassy und Simon Zoller nun auch noch eine Vereinsikone in seine taktischen Überlegungen einfließen lassen sollte. Denn dass Modeste eigentlich sofort spielberechtigt sein würde, daran bestand in Köln offenbar kein Zweifel.

Tianjin Quanjian sah das anders, übersandte noch in der Nacht eine Stellungnahme nach Köln und bestand darauf, dass Modeste seinen Vertrag wohl nicht wirksam gekündigt hätte und daher auch nicht sofort ein Spieler des 1. FC Köln würde sein können. Die Chinesen drohten mit einer Klage vor dem europäischen Sportgerichtshof, der FC schaltete später sogar die FIFA ein, um eine Spielberechtigung zu erwirken. Und die lang ersehnte Rückkehr des Torjägers ließ tatsächlich auf sich warten: Erst drei Monate später (Mitte Februar 2019) wurde Modeste zum ersten Mal eingewechselt und traf prompt beim Auswärtsspiel in Paderborn. Danach ließ er gleich zwei weitere Treffer im Heimspiel gegen Sandhausen folgen, sodass viele FC-Fans wieder davon träumten, dass er an alte Zeiten würde anknüpfen können. Zum Wiederaufstieg 2019 trug Modeste mit sechs Toren in nur 367 Spielminuten bei, für die Erstliga-Saison unter Achim Beierlorzer (Markus Anfang war inzwischen entlassen worden) galt er als Stammspieler im Sturm.

Verletzungsprobleme machen Anthony Modeste zu schaffen

Einem frühen Tor gegen Freiburg am dritten Spieltag folgte allerdings eine lange Durststrecke, in der Jhon Cordoba sich als Stürmer Nummer eins der „Geißböcke“ etablierte und Modeste nur ein Platz auf der Bank blieb. Insgesamt stand der Franzose nur elf Mal in der Startelf, erst gegen Ende der Saison kam er mit Toren gegen Düsseldorf, Leipzig und Augsburg wieder langsam in Tritt. Die zweite volle Saison nach seiner Rückkehr sollte dann aber endgültig wieder den Glanz alter Tage herbeiführen. Doch dieses Mal waren es anhaltende Knieprobleme, die den Franzosen die gesamte Vorbereitung verpassen ließen. Hoffnung gaben zwischendurch zwei Kurzeinsätze gegen Frankfurt und Stuttgart, mittlerweile laboriert Modeste an Rückenproblemen.

Foto: MARCEL KUSCH/POOL/AFP via Getty Images

Zwei Jahre später ist von der Euphorie, die die spontane Verkündigung auf der Geburtstags-Gala entfachen sollte, nicht viel übrig geblieben. Erst die lange Wartezeit bis zu Modestes Einsatz, dann eine nicht wirklich befriedigende erste Saison und nun immer häufiger Verletzungsprobleme – von der Form der Jahre 2016 und 2017 ist Modeste derzeit weit entfernt. Dabei wird der Stürmer, der insgesamt 44 Bundesliga-Tore für den 1. FC Köln erzielen konnte, auch nicht jünger. Nach dieser Saison wird er 33 Jahre alt sein.

Kommt Anthony Modeste beim 1. FC Köln nochmal auf die Beine?

Modestes Rückkehr zum 1. FC Köln reiht sich daher ein in eine Vielzahl an Personalentscheidungen, bei denen man den sportlichen Sinn (sein Vertrag läuft noch drei Jahre) und die finanzielle Machbarkeit hinterfragen sollte. Nochmal: Der frühere Angreifer von Girondins Bordeaux verdient in Köln ein üppiges Salär, aus sportlicher Sicht waren ihm Terodde, Cordoba und nun auch Sebastian Andersson voraus. Unbestritten ist auch, dass Modeste wesentlichen Anteil an den erfolgreichsten Kölner Saisons der jüngeren Vereinsgeschichte hatte – nur kann sich man drei Jahre später davon nicht mehr viel kaufen. Der 1. FC Köln steckt wieder einmal im sportlichen Überlebenskampf und Anthony Modeste versucht, in den Spielrhythmus zu kommen.

Bei allem Respekt vor seinen früheren Leistungen: Der Mehrwert der Rückkehr geht über Punkte für das „Kölsche Gefühl“-Konto nicht hinaus. Und so kann man sich nicht dem Eindruck verwehren, dass die damalige Verpflichtung in erster Linie dazu dienen sollte, dem angezählten Vorstand ein bisschen bessere Publicity zu gönnen. Geholfen hat es nichts, Spinner und Co. wurden 2019 abgewählt. Der einzig verbliebene Kölner, der damals am Deal mitwirkte, ist Alexander Wehrle. Der Geschäftsführer muss derzeit die Finanzlage des FC im Blick behalten, fehlen doch jede Menge Einnahmen durch die Corona-Krise. Dabei wird er vielleicht auf die ein oder anderen Vertragsinhalte kommen, denn Modeste ist beim 1. FC Köln bei weitem nicht der einzige Spieler, der viel Geld für wenig Leistung bekommt.

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