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Analyse

Kruse macht für Union doch den Unterschied: Auch die Manndeckung hilft dem 1. FC Köln nicht

Achtes Spiel, fünfte Niederlage: Der 1. FC Köln verliert nach einer erneut schlechten Leistung gegen Union Berlin. Bereits nach einem Viertel der Saison steht der Trainer enorm unter Druck.

Foto: THILO SCHMUELGEN/POOL/AFP via Getty Images)

Auch im 18. Spiel hintereinander bleibt der 1. FC Köln ohne Sieg: Gegen Union Berlin verliert das Team von Markus Gisdol mit 1:2. Nach dem 1:1-Unentschieden in Bremen vor der Länderspielpause, das in erster Linie durch eine sehr destruktive Interpretation von Fußball zustande kam, zeigte sich der 1. FC Köln nicht wirklich verbessert. Zwar hatten die sportlich Verantwortlichen der Mannschaft zuletzt ob der drei Unentschieden aus den vorherigen vier Spielen einen Aufwärtstrend attestiert, doch mit Verlaub: Es musste schon sehr genau hingeschaut werden, um beim 1. FC Köln derzeit positive Aspekte zu erkennen.

Individuelle und mannschaftliche Fehler in der Defensive, das Fehlen von Abläufen und Qualität in der Offensive und eine leblos wirkende Mannschaft – bereits nach acht Spieltagen steht der FC wie regelmäßig in den letzten Bundesliga-Jahren (2017 und 2019 war es ähnlich) enorm unter Druck. Mit den anstehenden Aufgaben in Dortmund und zuhause gegen Wolfsburg droht ein harter, harter Winter.

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Das Stilmittel gegen die Berliner: Manndeckung

Für das Heimspiel gegen Union hatten sich die FC-Verantwortlichen einen Plan zurechtgelegt, der in anderer Form an das Bremen-Spiel anknüpfte. Dort verteidigten die FC-Spieler erst in der eigenen Hälfte, überließen Werder komplett den Ballbesitz. Gegen das gut gestartete Team von Urs Fischer setzte Kölns Trainer Markus Gisdol dieses Mal auf eine Manndeckung im zentralen Mittelfeld, um insbesondere Berlins Taktgeber Max Kruse aus dem Spiel zu nehmen. Diese Aufgabe übernahm Ellyes Skhiri, der dem Neuzugang der „Eisernen“ während des gesamten Spiels nicht von der Seite wich. Ondrej Duda übernahm Sebastian Griesbeck (und nach dessen Auswechslung Grischa Prömel), Salih Özcan kümmerte sich um Robert Andrich.

Kruse, der sich häufig in den linken Halbräumen aufhält, rückte dabei teilweise mit in die Spitze, woraus auch die erste Chance für die Gäste resultierte: Ein langer Ball aus der eigenen Hälfte fand Ingvartsen, der alleine vor Timo Horn allerdings den Ball über das Tor hob. Durch die Manndeckung ist eine gemeinsame Abstimmung für eine Abseitsfalle schwierig und der FC hätte sich nicht beschweren können, wäre er dort bereits in Rückstand geraten. Der Plan, Kruse aus dem Spiel zu nehmen, funktionierte in der ersten Halbzeit allerdings ganz ordentlich: Der Linksfuß hatte nur 12 Ballkontakte, davon keinen im letzten Drittel.

Ausgleich des 1. FC Köln erneut nach Freistoß

In eigenem Ballbesitz fiel den auf Sicherheit bedachten „Geißböcken“ nicht viel ein, Skhiri rückte in die Mitte zwischen Jorge Meré und Rafael Czichos. Dieser Dreieraufbau brachte zwar Sicherheit in der letzten Linie, allerdings kaum Passoptionen nach vorne – auch weil sich zu wenige Kölner in der gegnerischen Hälfte aufhalten. Einzig ein Longline-Pass von Czichos auf Stoßstürmer Sebastian Andersson sorgte für eine nennenswerte Offensivstuation: Der Schwede ließ auf Ismail Jakobs prallen, der mit Tempo Richtung Tor gehen konnte, sein Abschluss war allerdings zu harmlos (23.).

Langsam gehen Markus Gisdol die Ideen aus | Foto: THILO SCHMUELGEN/POOL/AFP via Getty Images)

Aus dem Spiel heraus sollte es für den FC die beste Gelegenheit bleiben: Ähnlich wie schon gegen Bremen gab es eine (!) Chance, die sich Gisdols Teams fußballerisch (und nicht über eine Standardsituation) erarbeitete. Ein bekanntes Muster, denn auch der Ausgleich gegen die „Eisernen“ entsprang wie gegen Bremen einem Duda-Freistoß (nach Foul des Gegners im Gegenpressing des FC) aus dem Halbfeld, den dieses Mal Skhiri verwertete.

Czichos-Aufbaufehler bringt Union die erneute Führung

Nichts Neues war auch die Entstehung des ersten Gegentreffers: Ein langer Ball von Unions Abwehrspieler Friedrich fand Ingvartsen, der sich per Kopf gegen Meré durchsetzte. Hinter ihm attackierte Awoniyi den freien Raum. Der Angreifer konnte sich durch ein wenig Ballglück und wenig entschlossenes Eingreifen der Kölner Defensive den Ball vor Horn zurechtlegen und zum Führungstreffer einschießen. Die Tiefensicherung des FC passte dieses Mal, weil kein Angreifer direkt durchbrechen konnte. Problematisch an dieser Szene war, dass sich der frühere Mainzer allerdings sowohl gegen Wolf als auch gegen Czichos durchsetzen konnte.

Und auch in diesem Spiel gab es einen Elfmeter gegen den FC, bei dem viel weniger das eigentlich zu ahnende Vergehen im Strafraum als vielmehr die Entstehung genauer untersucht werden muss. Nach 71 Minuten spielte Czichos einen schwierigen halbhohen Ball im Aufbauspiel, der von Unions Kapitän Trimmel abgefangen wurde. Der Rechtsverteidiger sicherte den Ball zusammen mit Becker, der gleich die Tiefe attackierte und Skhiri in ein Laufduell zwang. Da der Tunesier dadurch Kruse aus den Augen verlor, bestand für den Bruchteil einer Sekunde genau die Zeit, die der einstige Bremer für eine gelungene Aktion braucht. Er leitete den Ball mit einem starken ersten Kontakt auf Becker weiter, dessen Flanke in der Mitte den völlig freien Ingvartsen fand. Özcan kam zu spät und foulte den Dänen – Kruse traf per Nachschuss zum 2:1-Siegtreffer für Union.

Gisdol bemängelt die Kommunikation

Bis auf zwei Czichos-Kopfbälle und einen Rexhbecaj-Freistoß aus spitzem Winkel an den Pfosten brachte der FC in der Folge auch nach Einwechslungen von weiteren Offensivkräften nichts Produktives mehr zustande, die Schlussviertelstunde bestand eigentlich nur aus planlosen langen Bällen. Daher gab es die fünfte Niederlage im achten Spiel, beileibe nicht gegen einen überragenden Gegner. Union versinnbildlicht allerdings sportlich den genauen Gegenentwurf zum Mitaufsteiger der vergangenen Saison aus der Domstadt. Bei den Berlinern geht die Entwicklung nach vorne, beim FC eher nicht.

Katterbach im Duell mit Unions Becker | Foto: Lars Baron/Getty Images

Gisdol bescheinigte seiner Mannschaft nach der Partie, „viel zu leise“ zu sein. Andere Mannschaften würden sich mehr anfeuern und mehr wehren. Auch diese Aussagen sind ein Symptom dafür, dass beim 1. FC Köln derzeit auf allen Ebenen nichts funktioniert. Wenn ein Trainer, der für das Innenleben der Mannschaft und auch die Kommunikation der Spieler untereinander verantwortlich ist, in Interviews über das fehlende Coaching innerhalb des Teams referiert, ist es ernst, sehr ernst. Das gegenseitige Coaching der Spieler auf dem Feld läuft nur dann gut, wenn alle vom gemeinsamen Plan überzeugt sind und genügend Selbstvertrauen haben, ihren Mitspieler zu unterstützen. Beim FC haben aktuell alle Spieler mit sich selbst zu kämpfen, jeder ist sich selbst der Nächste, Kritik am Mitspieler und dessen Aktionen ist daher nur menschlich.

Um aus der Krise herauszukommen, braucht es daher einen frischen Impuls, ansonsten dreht sich die Negativspirale des 1. FC Köln immer weiter. Ein Impuls muss nicht zwingend sofort ein Trainerwechsel sein, auch eine gemeinsame Aussprache oder neue Trainingsinhalte können helfen – ob allerdings diese eher „weichen“ Maßnahmen dem FC dabei helfen, in naher Zukunft in Bundesliga-Spielen wieder konkurrenzfähig zu sein, darf durchaus bezweifelt werden. In der aktuellen Konstellation, mit schlechten Leistungen Woche für Woche, nähert sich der 1. FC Köln sehenden Auges dem nächsten Abstieg.

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