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Analyse

Aufschwung unter Markus Gisdol: Erfolgreicher Pragmatismus beim 1. FC Köln

Fünf Siege aus den letzten sechs Spielen – diese Entwicklung hätten dem 1. FC Köln unter Markus Gisdol nur die wenigsten zugetraut. Wir analysieren, welche Idee dahintersteckt und warum es so gut läuft.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Noch nicht einmal zwei Monate ist es her, als die Lage beim 1. FC Köln wirklich düster aussah. Nach der 0:2-Niederlage bei Union Berlin rutschte der Bundesligaaufsteiger auf den letzten Tabellenplatz ab, lediglich acht Punkte aus 14 Spielen standen zu Buche. Es sah alles danach aus, als würde es eine ähnlich triste Wiederholung des Stückes geben, das der 1. FC Köln bereits in der Abstiegssaison 2017/2018 aufgeführt hatte. Und die Bedenken waren nicht gänzlich unberechtigt.

Die scheinbar wichtigste Patrone des Trainerwechsels hatten die Entscheider am Geißbockheim bereits verfeuert, Markus Gisdol hatte im November das Amt von Trainer Achim Beierlorzer übernommen. Der frühere Regensburger Trainer war nach einer 1:2-Heimniederlage gegen die TSG Hoffenheim von seinen Aufgaben entbunden worden – nach Markus Anfang bereits die zweite Trainerentlassung in Köln im Kalenderjahr 2019. Beierlorzers fußballerische Idee, den 1. FC Köln einen aggressiven und direkten Fußball spielen zu lassen, galt früh als gescheitert, weil die Punkteausbeute zu gering war. Der FC spielte nicht immer schlecht, aber selten wirklich gut – die Ergebnisse jedenfalls sprachen gegen eine Weiterbeschäftigung des Franken.

Nach einigen Tagen ohne Trainer präsentierten die „Geißböcke“ mit Markus Gisdol schließlich einen Nachfolger, der in Köln nicht wirklich mit offenen Armen empfangen wurde. Der Fußballlehrer war zuvor fast zwei Jahre ohne Anstellung gewesen und hatte bei seiner letzten Station in Hamburg nicht wirklich für Begeisterung gesorgt, gerade gegen Ende der Amtszeit. Doch nun, mehr als zwei Monate nach Gisdols Installation als neuer Cheftrainer des 1. FC Köln, scheint der Verein offenbar erst einmal aus dem Gröbsten raus zu sein. Wie konnte das gelingen?

Gisdol hat eine ähnliche Idee wie Beierlorzer

Foto: TF-Images/Getty Images

Die beeindruckende Serie von zuletzt fünf Erfolgen aus den letzten sechs Spielen katapultierte den FC tabellarisch in eine einigermaßen beruhigende Situation – während in der Hinrunde noch vom schwierigen Auftaktprogramm die Rede war, ist der 1. FC Köln mittlerweile anscheinend ganz gut gerüstet. Die Spiele gegen Dortmund, Gladbach und Bayern sorgen nun nicht mehr für Panik, weil das Punktepolster durch Erfolge gegen direkte Konkurrenten und Mannschaften auf Augenhöhe angewachsen ist. Mit nun 23 Punkten bei noch 14 ausstehenden Spielen ist es realistisch, dass der Klassenerhalt gelingt – das war so vor kurzem noch nicht absehbar.

Dass Gisdol auf Beierlorzer folgte, kam nicht überall gut an – die Maßnahme des neuen Trainers, beim 1. FC Köln erstmal auf Altbewährtes zu setzen und nicht gleich alles umzuwerfen, entpuppte sich als tragfähig. Ähnlich wie sein Vorgänger setzt Gisdol auf ein 4-4-2/4-2-3-1, bei dem in Ballbesitz ziemlich direkt nach vorne über die gegnerischen Linien gespielt werden soll. Auch in Sachen Pressing setzt Gisdol auf hohes und intensives Anlaufen, wenngleich sein Plan ein wenig strukturierter erscheint (oder vielleicht ist es auch der Confirmation Bias) als der von Beierlorzer.

Auf jeden Fall lässt der 1. FC Köln unter Gisdol weniger Torschüsse des Gegners zu und schießt selber aus besseren Positionen aufs Tor – dass dadurch die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt, ist logisch. Und während Beierlorzer auch ein wenig unter dem Spielpech litt, darf in Bezug auf Gisdols Wirken beim FC nicht ausgeklammert werden, dass sein Team viele enge Spieler für sich entschied, oftmals durch Standardsituationen.

Pragmatismus steht im Zentrum

Der neue Trainer hat den Fußball in Köln also nicht neu erfunden – das muss man ihm nicht zum Vorwurf machen, ganz im Gegenteil. Ähnlich wie Peter Stöger, der in der Domstadt die letzte erfolgreiche Ära prägte, schert sich Gisdol wenig um den ästhetischen Wert des Spiels. Seine Mannschaft spielt pragmatisch und mit Fokus auf den wesentlichen Dingen – Einsatz, Zielstrebigkeit und Willen.

In taktischer Hinsicht äußert sich das so: Im Pressing versucht der FC, das eigene Zentrum nicht zu entblößen und die Innenverteidiger zu schützen. Das Duo aus Jonas Hector und Ellyes Skhiri bringt dazu die benötigten Qualitäten mit. Die ersten beiden Verteidiger, zuletzt Mark Uth und Jhon Cordoba, lenken den Spielaufbau des Gegners dann auf die Außenseiten, von wo aus intensiver attackiert wird.

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Schafft es der Gegner, die erste Kölner Linie zu überspielen, zieht sich das Team von Gisdol zurück und erst bei einem Rückpass rückt es wieder nach vorne, um den Ball zu gewinnen. In eigenem Ballbesitz ist ebenso erkennbar, dass der Plan wenig Risiko beinhaltet – die Innenverteidiger positionieren sich vergleichsweise konservativ. Einzig die Läufe von Jonas Hector auf die linke Seite bringen ein wenig Dynamik, weil dadurch der Raum in die Mitte geöffnet wird, sodass Zielspieler Uth oder Cordoba bedient werden können. Der Kolumbianer ist mit seiner körperlichen Stärke sowieso der Go-to-Guy, wenn es um lange Bälle geht – schafft er es nicht, den Ball festzumachen, sammeln Mittelfeldspieler wie Jakobs, Drexler oder Thielmann die zweiten Bälle auf und spielen dann nach vorne.

Uth als wichtige Ergänzung

Viel geht beim FC ansonsten auch über die Flügel, wo sich zuletzt mit Jakobs und Noah Katterbach ein sehr temporeiches Duo etablieren konnte. Mit Mark Uth hat Gisdol nun auch einen Spieler im Kader, der neben seiner Stärke bei Standardsituationen auch den letzten oder vorletzten Pass spielen kann. Zuletzt dachte man, das würde zulasten von Dominick Drexler gehen, der vorher der Spielmacher beim FC war. Der frühere Kieler ist aber ein weiträumigerer Spieler als Uth, der eine hohe Arbeitsrate mitbringt – das letzte Spiel gegen Freiburg zeigte, dass auch beide zusammen gewinnbringend eingesetzt werden können.

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Die Ergänzung des Kaders durch Uth, die Formstärke von Achsenspielern wie Hector, Skhiri oder Bornauw und die beeindruckende Konstanz der jungen Garde tragen dazu bei, dass der 1. FC Köln zuletzt insbesondere in Heimspielen verlässlich punkten konnte. Die kommenden beiden Aufgaben in Mönchengladbach und gegen Bayern München bieten erst einmal wenig Anlass, um an Punktegewinne zu glauben – das ist aber auch nicht wirklich nötig, weil jeder Punkt aus diesen beiden Spielen ein Bonus wäre. Mit dem Auswärtsspiel bei Hertha BSC beginnt dann wieder eine Abfolge an Spielen, in denen es der FC höchstwahrscheinlich eher durch seine Herangehensweise schaffen kann, Punkte zu holen.

Gisdols Pragmatismus und das Drehen an den passenden Stellschrauben sind die Gründe für diese Entwicklung, die Mark Uth nach dem Spiel in Freiburg wie folgt zusammenfasste: „Mittlerweile hat kein Gegner mehr Lust, in Köln ein Bundesligaspiel zu bestreiten“ Sein Mitspieler Drexler beschreibt, dass das Team nun „kompakter“ stehe und „dadurch viel besser in die Zweikämpfe“ kommen würde – aus diesen beiden Zitaten spricht neben dem Selbstvertrauen der Spieler auch die Würdigung der Arbeit des Trainerteams. Denn fünf Siege in so kurzer Zeit sind kein Zufall.

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