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Analyse

Timo Horn: Die Gründe für seine schwache Form beim 1. FC Köln

Timo Horn steht nach einer schwachen Saison beim 1. FC Köln vermehrt in der Kritik. Ein Torwart-Experte analysiert für uns, warum das FC-Eigengewächs in den vergangenen Jahren zunehmend schwächelt.

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Foto: imago images / Jan Huebner

Ein Gastbeitrag von Sascha Felter

Vor vier bis fünf Jahren galt Timo Horn als eines der größten Talente auf der Torhüter-Position, das der DFB hervorgebracht hat. Zusammen mit Loris Karius, der damals beim 1. FSV Mainz 05 ähnlich gute Leistungen zeigte, galt das Eigengewächs des 1. FC Köln als der Mann, der sich still und heimlich hinter den bereits etablierten Bernd Leno und Marc-André ter Stegen zu einem Nationalkeeper entwickeln sollte. Diese Erwartungshaltung wurde noch einmal durch die Saison 2016/17 befeuert, als Horn mit den „Geißböcken“ sensationell in die Europa League einzogen.

Der FC-Keeper selbst verpasste aufgrund einer Verletzung zwar gut ein Drittel der Saison, war dann aber ein wichtiger Baustein für den Saisonendspurt, als der FC nur drei der letzten elf Partien verlor. Auch wenn in der darauffolgenden Saison für viele Kölner Fans der Traum von Europa in Erfüllung ging, war der Ligaalltag mit dem Abstieg in die 2. Bundesliga eher ein wahrgewordener Albtraum. Im Mittelpunkt stand in dieser Saison, in der die Kölner in 43 Partien insgesamt 80 Gegentreffer kassierten, natürlich auch Timo Horn.

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Timo Horn: Die wenigsten Paraden der Saison

Es wäre zu kurz gedacht, dass der ehemalige Junioren-Nationalkeeper seitdem seiner Form hinterherläuft oder sich die Fehler häufen. Im Grunde machte Horn bereits in den „glorreichen Zeiten“, in denen der 1. FC Köln sicher die Klasse hielt oder in die Europa League einzog, die gleichen Fehler wie heute auch. Der feine Unterschied ist, dass die Rheinländer vor allem in der Saison 16/17, wenn Timo Horn im Tor stand, insgesamt nur 91 Schüsse auf das Tor zuließen. Der Schlussmann parierte in dieser Phase 67 Schüsse beziehungsweise wurden diese von den Verteidigern geblockt. Statistisch gesehen war dies eine Abwehrrate von 76,9 Prozent der Schüsse – Horns Bundesliga-Bestwert seit der Datenerfassung durch den Anbieter fbref.com.

Zuvor konnte er zusammen mit der FC-Defensive stets 74 bis 75 Prozent der Schüsse abwehren, die auf das Tor kamen. Seitdem geht dieser Wert mit zunehmender Schussanzahl aber rapide nach unten. In der Abstiegssaison ließen die Domstädter allein in der Bundesliga 197 Schüsse auf das Tor zu. Horn und seine Vorderleute konnten nur noch 68,5 Prozent dieser Schüsse blocken. In der 2. Bundesliga nahmen die Kölner dann nur noch 124 Schüsse auf ihr Tor hin. Horn hielt davon allerdings nur noch 63,7 Prozent der Schüsse, in einer qualitativ schwächeren Liga ohne Bayern, Dortmund & Co. – dafür mit Sandhausen, Aue & Co. (Sorry, liebe Sandhäuser und Auer!).

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Was uns zur abgelaufenen Spielzeit bringt, in der der 27-Jährige abermals seinen Schnitt sinken ließ: In der Saison 2019/20 parierte Horn nur 57,2 Prozent der 152 Schüsse auf sein Tor. Um das Ganze einzuordnen: Jiří Pavlenka, der in Bremen ebenfalls keine herausragende Saison spielt, parierte 61,2 Prozent der Schüsse. Die Augsburger Andreas Luthe (65,7 Prozent) und Tomáš Koubek (58,2 Prozent) schnitten ebenso besser ab. Jetzt wäre es natürlich zu einfach, Horns Leistungen lediglich auf die im Schnitt gehaltenen Schüsse herunter zu brechen. Schließlich schnitt beispielsweise ein Manuel Neuer 2018/19 mit 60,8 Prozent gehaltener Schüsse auch nicht viel besser ab.

„Kein Torhüter in den Kernelementen so unsauber wie Horn“

Die Statistik lässt außer Acht, wie gut der Schuss oder aussichtsreich die Schussposition war. Hierfür gibt es seit einiger Zeit eine Formel, die die Paraden von Torhütern in einen Kontext bringen möchte: Wer mir auf Twitter folgt, weiß, dass ich in dieser Saison nicht immer ein gutes Haar an Timo Horn gelassen habe. In meinen Augen ist er seit einigen Jahren kein Bundesliga-tauglicher Torhüter mehr und einer der Gründe, wieso der FC 2018 abgestiegen ist.

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Sein Spiel auf der Linie ist schlichtweg nicht gut. War es noch nie, nur fällt es mittlerweile mehr auf, da Köln mehr Schüsse als noch zuvor auf das Tor zulässt. Dabei fällt seine Strafraumbeherrschung oder das Spiel mit dem Ball am Fuß bei Weitem nicht so ins Gewicht wie eben jenes Linienspiel. Dies liegt in meinen Augen an drei Faktoren, die Timo Horn und damit auch seine Mannschaft immer wieder unnötige Gegentore fressen lassen. Ich habe mir in dieser Saison so gut wie jedes Gegentor der Kölner und generell in der Bundesliga angeschaut und kaum ein Torhüter war in den folgenden drei Kernelementen so unsauber wie Horn.

Fehlerquelle 1: Die Fanghaltung

Grundsätzlich fangen Keeper den Ball mit den Händen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sich diese mindestens neben dem Körper befinden, idealerweise vor dem Körper, weil der Ball ansonsten ja einfach von der Brust oder dem Bauch abprallen würde. Insofern muss sich ein Torhüter vor einem Schuss bereits in diese Fanghaltung begeben. Nun ist es so, dass viele Schlussleute selbst im Profibereich ihre Arme zum Schwungholen erst nach hinten reißen.

Zunächst einmal ist diese Technik aus kinetischer Sicht wenig zielführend, weil die Energie damit eher in eine Frontalbewegung geht und nicht in die gewünschte seitliche oder vertikale Richtung. Es würde also am ehesten Sinn ergeben, um besonders scharfe Schüsse auf den Oberkörper somit stabiler abwehren zu können. Da diese besonders scharfen Schüsse wie der Name schon sagt, besonders scharf sind, wird sich auch die Reaktionszeit beim Schuss verkürzen. Zeit, die der Torhüter gerade bei Schüssen innerhalb des Strafraumes dringend benötigt.

Durch das unnötige Schwungholen oder Rudern, läuft der Keeper Gefahr, den Ball um Haaresbreite zu verfehlen. Kommentatoren-Sätze wie: „Da reißt er noch gerade so die Arme nach oben“ werden dadurch immer seltener, weil Torhüter dadurch oft die Millisekunde zu spät jene Arme nach oben bekommen. Genau solche „Alibibewegungen“ macht Timo Horn leider öfter als jeder andere Keeper. Bei der Abgabe von Schüssen erlebt man ihn immer wie wild mit den Armen wedelnd. Alleine aus wahllos zusammengesuchten Partien des 1. FC Köln habe ich eine Reihe von Szenen gefunden, wo Horn in einer suboptimalen Fanghaltung zu sehen ist.

Grafik: Sascha Felter

Diese Technik ist aber nicht nur ihm zuzuschreiben. Chelseas Kepa Arrizabalaga oder Manuel Neuer tun dies ebenfalls oft genug. Hier fällt es aber nicht so sehr ins Gewicht, weil beide es einerseits nicht so extrem machen und andererseits ein weiterer wichtiger Faktor eine Rolle spielt, bei dem Horn Schwächen zeigt.

Fehlerquelle 2: Der Zwischensprung

In eine ähnliche Kerbe wie das Rudern mit den Armen schlägt der in den letzten Jahren in die Mode gekommene Zwischensprung vor Schüssen. Auch hier versuchen Keeper mit einem Auftaktsprung vor dem Schuss zusätzlichen Schwung zu holen, um dadurch weiter springen zu können. Diese Technik ist jedoch sehr riskant, da sie nur bei perfektem Timing für Erfolg sorgt. Hat der Torwart bei Abgabe des Schusses keinen Bodenkontakt mit beiden Füßen, wird die Parade dem Zufall überlassen. Kommt er nämlich zu spät auf, kann er nur hoffen, dass der Ball in die Nähe des Körpers kommt, um ihn abwehren zu können. Ohne Bodenkontakt kein Abdruck.

Der Torhüter beraubt sich somit einem Großteil seiner Fähigkeiten. Kommt er zum Beispiel zu früh mit dem linken Fuß auf und der Schuss geht auf seine rechte Seite, hat er entweder nicht genug Reichweite im Hechtsprung, weil der linke Fuß de facto weiter von der Ecke entfernt ist als der Rechte. Oder aber er braucht zu lange, um sein Körpergewicht auf den rechten Fuß zu verlagern, was in der Regel zu einem Tor führt.

Insofern ist es in meinen Augen extrem wichtig, dass ein Torhüter beim Schuss sicher und ruhig steht, um eine optimale Vorbereitung auf den Schuss zu haben. Und genau hierin liegt der Hase wieder einmal metertief im Pfeffer. Wenn Timo Horn eines nicht hat, dann einen ruhigen, sicheren Stand vor Schüssen. Daher die Frage an die Leser:innen: Wer macht hier, unabhängig vom Ausgang des Schusses, den gefestigteren Eindruck?

Grafik: Sascha Felter

Fehlerquelle 3: Das Zurückfallen

Eins-gegen-Eins-Situationen sind die Königsdisziplin eines jeden Torhüters. Kommentatoren und vermeintliche Experten sprechen hierbei immer von der Wichtigkeit des „Stehenbleibens“ und davon, dass sich der Keeper groß macht. Dabei wird gerne außer Acht gelassen, dass es auch wichtig ist, wohin der Schlussmann abkippt, wenn der Schuss abgegeben wird. Kippt er lehrbuchmäßig diagonal nach vorn ab, um den Winkel für den Schützen zu verkürzen oder setzt er sich regelmäßig auf den Hintern, sobald er ins 1-gegen-1 geht? Dreht er sich gar weg und verkleinert seine Körperfläche?

Letzteres macht Timo Horn ebenfalls sehr häufig zusammen mit dem Zurückfallen auf den Hintern. Bei Schüssen dreht er sich gerne zu seiner rechten Seite und halbiert im Grunde seine Körperfläche. Dass er in diesen Szenen Bälle pariert hat eher mit Glück als allem anderen zu tun. In diesen Szenen kassierte Horn gegen Leipzig einen Gegentreffer. Dass er mit exakt der gleichen Technik gegen Augsburg den Schuss parieren konnte, ist eher dem Zufall zuzuschreiben.

Grafik: Sascha Felter

Durch das Nach-Hinten-fallen verringert er die Körperfläche in der Vertikalen zusätzlich. Er ist somit anfällig für Lupfer und ist ebenso angetäuschten Schüssen hilflos ausgeliefert. Der Grund hierin liegt abermals in seiner Vorbereitung. Horn steht oft sehr stark auf dem ganzen Fuß beziehungsweise der Ferse, wodurch sein Körperschwerpunkt eher hinten liegt. Normalerweise sollte ein Keeper verstärkt auf dem Vorderfuß agieren und den Oberkörper leicht nach vorn neigen, um aktiv nach vorn agieren zu können.

Ist Timo Horn noch immer der Richtige für den FC?

All das ist bei Timo Horn nur rudimentär beziehungsweise gar nicht gegeben. Das ist aber nicht erst seit ein paar Jahren so, sondern schon seit jeher Teil seiner Spielweise. Nur fällt es nun stärker auf als in den vergangenen Saison, als der 1. FC Köln insgesamt besser spielte. Auch wenn er innerhalb des Vereins für seine langjährigen Verdienste eine hohe Anerkennung genießt, wäre es zwingend an der Zeit, einen Mann zwischen den Pfosten zu suchen, der Horn Druck macht oder ihn gar als Nummer 1 ablöst.

Thomas Kessler war jahrelang eine solide Nummer zwei, aber keiner, der von hinten für Feuer sorgt. Aus der U23 ist Julian Krahl langfristig zwar eine gute Alternative, für ihn käme der Sprung in die erste Mannschaft des 1. FC Köln aber viel zu früh. Schaut man in die 2. Bundesliga, würde Osnabrücks Philipp Kühn ins Profil passen, der in dieser Saison einer der besten Keeper der Liga war. Leopold Zingerle (SC Paderborn) hat ebenfalls ein enormes Potenzial und ist gerade mit Ball am Fuß ein klares Upgrade. Auch Augsburgs Luthe wäre aufgrund der gewachsenen Konkurrenz einem Wechsel vielleicht nicht abgeneigt. Die Optionen sind in jedem Fall da. Die Frage ist nur, wie viel Horst Heldt & Co. bereit sind, für die Torhüterposition auszugeben. Eine Position, auf der niemand beim 1. FC Köln vor gut fünf Jahren befürchtet hätte, in sie investieren zu müssen.


Dies war ein Gastbeitrag von Sascha Felter, der regelmäßig im Blog Cavanis Friseur über internationalen Fußball schreibt und podcastet. Sascha ist PFSA Level 1 Scout und langjähriger Torwarttrainer im Amateurbereich.

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