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Analyse

Die effzeh.com-Kaderanalyse: Der Defensivverbund zwischen Wollen, Sollen, Können und Müssen

Vor dem Saisonstart analysiert effzeh.com den Kader der “Geißböcke”, beginnend mit der Torhüterposition und der Abwehr. Kann Marvin Schwäbe Timo Horn herausfordern? Wer ersetzt Sebastiaan Bornauw? Und ist Benno Schmitz wirklich der gesetzte Linksverteidiger?

Training 1. FC Köln 1. Fussball Bundesliga Saison 2021 2022 Geißbockheim Köln Deutschland 07.07.2021 Links: Florian Kainz 1. FC Köln Mitte: Kingsley Ehizibue 1. FC Köln Rechts: Tomas Ostrak 1. FC Köln *** Training 1 FC Köln 1 Football Bundesliga Season 2021 2022 Geißbockheim Cologne Germany 07 07 2021 Left Florian Kainz 1 FC Köln Centre Kingsley Ehizibue 1 FC Köln Right Tomas Ostrak 1 FC Köln
Foto: imago images / Eduard Bopp

Jorge Meré nimmt noch einmal Anlauf, Timo Horn will Neues lernen und Noah Katterbach es endlich schaffen: Auch wenn sich personell beim 1. FC Köln auf den defensiven Positionen im Kader im Sommer nicht viel getan hat, so ist durch den neuen Trainer Steffen Baumgart und seiner Idee von Fußball doch viel Bewegung in die Hierarchien gekommen. Einige Spieler, die vergangene Saison außen vor waren, wittern die Chance, einen Stammplatz bei einem Bundesligisten zu ergattern und sich in der höchsten deutschen Spielklasse zu etablieren.

Die Anforderungen, die Baumgart an seine Verteidigung stellt, sind relativ klar und verständlich umrissen, jedoch äußerst schwierig umzusetzen. Der gebürtige Rostocker lässt einen intensiven und fordernden Fußball spielen, der auf Pressing fußt, Offensivspektakel verspricht und obendrein noch schön sein will. Die Defensive ist dabei jedoch nicht außen vor – Baumgart will einen ganzheitlichen Fußball spielen und verfolgt eine übergeordnete Idee des schönen Spiels. Unter ihm gibt es kein taktisches „heute so, morgen so“, wie man es aus vergangenen Tagen kennt. Der Angriff beginnt in der Abwehr, der Stürmer ist der erste Verteidiger.

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Tempo ist gefordert – in den Beinen und im Kopf

Wichtig für den neuen FC-Coach ist Tempo. Sowohl in den Beinen, allerdings auch im Kopf. Defensivspieler müssen Spielsituationen antizipieren und entsprechend schnell reagieren. Beispielsweise, wenn vorne der Ball verloren wird und dank der aufgerückten Spieler hinter der letzten Kette eine Menge Raum ist. Die Verteidigung, unter Baumgart eine Viererkette, muss intuitiv wissen, ob und wo Absicherungen vorhanden sind, wenn man den Gegner presst oder ob man sich lieber zurückfallen lässt und den Raum defensiv besetzen muss, weil man ansonsten durch einen einfachen Doppelpass ausgehebelt wird.

Training 1. FC Köln 1. Fussball Bundesliga Saison 2021 2022 Geißbockheim Köln Deutschland 08.07.2021 Trainer Steffen Baumgart 1. FC Köln *** training 1 FC Köln 1 football Bundesliga season 2021 2022 Geißbockheim Cologne Germany 08 07 2021 coach Steffen Baumgart 1 FC Köln

Foto: imago images / Eduard Bopp

In den Vorbereitungsspielen hatten selbst unterklassige Gegner situativ kein Problem, den 1. FC Köln mit einfachen Mitteln auszuspielen. So werden beispielsweise Außenverteidiger unter Baumgart ermutigt, invers nach vorne zu rücken und Überzahlsituationen zu schaffen, sie sind aber natürlich in erster Linie Verteidiger. Hoch stehen birgt eindeutige Gefahren, Baumgart wird von seinem Stil jedoch nicht abweichen, nur weil der Defensivverbund mitunter nicht auf Augenhöhe mit den starken Offensivreihen in der Bundesliga agiert und das Team Gegentore kassiert.

Im Tor ist Timo Horn klar gesetzt. Oder?

Timo Horn hütet beim 1. FC Köln das Tor seit dem Abstieg 2012. Einen richtigen Konkurrenten hatte der gebürtige Kölner seitdem auch nicht wirklich – Thomas Kessler hatte nicht die Klasse, um Timo Horn zu gefährden, nach seinem Rücktritt letztes Jahr übernahm Ron-Robert Zieler die Rolle als Back-up. Die Leihe des ehemaligen Nationalspielers und Weltmeisters von 2014 wurde zwar von einigen als echte Konkurrenz angesehen, die damals sportlich Verantwortlichen wiesen dem gebürtigen Kölner jedoch schon vor dem ersten Training seine eindeutige Rolle als Nummer Zwei zu und sahen seine Rolle vor allem darin, von Horn zu lernen.

Zieler kehrte diesen Sommer nach Hannover zurück, geholt wurde mit Marvin Schwäbe ein interessanter Keeper ablösefrei vom dänischen Verein Brøndby IF. Schwäbe gilt als mitspielender Torhüter, der bei eigenem Ballbesitz als elfter Feldspieler fungieren kann. Baumgart präferiert diese Art Torhüterspiel, der kurze Pass und die Möglichkeit, den Torhüter im Aufbauspiel einzubinden, ist ihm deutlich lieber als das Schlagen des langen Holzes inklusive mitgeschickten besten Wünschen in Richtung Angriffsdrittel. Timo Horn muss sein Spiel umstellen, will er den Anforderungen des neuen Trainers genügen, zumal sein Back-up dem Prototyp eher als er entspricht. Kündigt sich hier ein Wechsel auf der Torhüterposition an?

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Der neue Torhütertrainer Uwe Gospodarek wiegelt in Gesprächen und Interviews ab. Horn müsse sich umstellen, jedoch sei er auch ein mitspielender Fußballer und könne mit dem Fuß das Arbeitsgerät Fußball bedienen, dies wurde in den letzten Jahren jedoch schlichtweg nicht von ihm verlangt. Im Interview mit dem „Geißblog“ gab sich Gospodarek jedoch auch etwas offener und ließ mit folgenden Sätzen aufhorchen: „Er ist gewillt, unseren Weg mitzugehen, und ich habe gesagt, dass ich ihm dabei helfen werde und versuchen will, ihn besser zu machen. Dafür brauche ich natürlich ihn. Ich kann hier viel erzählen: Wenn er nicht mitmacht, habe ich ein Problem. Ich sehe einen gewissen Rhythmus bei ihm, der anders ist als meine Vorstellung. Jetzt lernt er etwas Neues. Diese Entwicklung wollen wir sehen.“

Gospodareks Worte lassen aufhorchen

Man kann diese Sätze durchaus als Schuss vor den Bug betrachten, mehr sollte man jedoch erstmal nicht annehmen. Timo Horn wird als Nummer Eins in die Saison gehen und sollte dies auch erstmal bleiben, wenn er nicht Aussetzer an Aussetzer reiht, was in seiner Karriere allerdings auch schon vorkam. Baumgart scheint dann jedoch nicht der Typ Trainer, der auf Namen sonderlich viel Wert legt. Ist er der Meinung, mit Schwäbe gäbe es eine bessere Chance auf Punkte und dieser dann auch auf auf der Linie und im „klassischen Torhüterspiel“ Bundesliga-Niveau zeigt, ist ein Wechsel zwischen den Pfosten nicht vollkommen ausgeschlossen.

Es ist letztlich an Horn, seinen Job zu behalten. Mit Schwäbe haben die „Geißböcke“ einen Ersatzkeeper verpflichtet, der Horn mit seinen Fähigkeiten allen Aussagen zum Trotz jedoch kitzeln dürfte und dem, auch das verriet Gospodarek, versprochen wurde, eine faire Chance zu erhalten. Zumal Schwäbe als ehrgeiziger Typ gilt und die Chance auf internationalen Fußball in Dänemark nicht aus reiner Bequemlichkeit mit der harten kölschen Ersatzbank tauscht.

Foto: imago images / Herbert Bucco

Die Nummer Drei ist mit Jonas Urbig ein 17-Jähriger, der ans Team und das höhere Tempo im Profifußball herangeführt werden soll und durch sein Talent im besten Fall Druck auf die Etablierten macht. Es wäre eine größere Überraschung, sollte er Schwäbe oder Horn verdrängen und die Nummer Zwei oder sogar mehr werden. Allerdings gilt Urbig als äußerst talentiert und natürlich ist die Ausbildung des eigenen Nachwuchses, der dann auch irgendwann eingesetzt werden, ein praktikabler Weg, um Geld zu sparen. Beim klammen Verein im Kölner Grüngürtel hätte man sicher nichts dagegen, sollte Urbig sich in näherer Zukunft als passabler Bundesliga-Torhüter herauskristallisieren.

Bricht die Abwehr Baumgart das Genick?

Etwas anders als im Tor gestaltet sich die Situation in der Abwehrreihe. Vor allem, weil der unangefochtene Chef der Abwehr den 1. FC Köln in Richtung Wolfsburg verlassen hat. Sebastiaan Bornauw wechselte nach der Saison für etwa 13,5 Millionen Euro Ablöse nach Niedersachsen und hinterließ eine große Lücke, die nur ganz schwer zu stopfen sein dürfte. Ebenfalls den Verein verließ Marius Wolf nach 18-monatiger Leihe. Als Neuzugang und vermeintlichen Ersatz für Bornauw holten die Kaderplaner Timo Hübers ablösefrei aus Hannover, ebenfalls aus Hannover kehrte Kingsley Schindler zurück.

Der 28-jährige galt am Geißbockheim schon als durchgefallen, konnte auch bei seiner Leihe in Hannover nicht überzeugen, ist jedoch eine der positiven Überraschungen der Vorbereitung und überstand sämtliche „Cuts“, mit denen der Kader von weit über 30 Spieler auf 22 zurechtgestutzt wurde. Schindler galt eigentlich als Rechtsaußen, spielte in der Vorbereitung jedoch auch Rechtsverteidiger und gilt dort als Alternative. Dies ist auch der Fall, weil Schindler eben jene Schnelligkeit mitbringt, die Baumgart sich für die Position wünscht.

Ebenfalls Schnelligkeit sein Eigen nennt der andere Kingsley. Ehizibue war unter Gisdol nicht immer gesetzt und könnte nun aber den Kampf auf der Rechtsverteidigerposition für sich entschieden haben. Tempo ist auf der anderen Abwehrseite eindeutig Mangelware. Früh verletzte sich Jannes Horn, der Linksverteidiger fehlt auch noch einige Zeit. In der Vorbereitung machte Benno Schmitz den besten Eindruck, noch vor Eigengewächs Noah Katterbach, für den diese Saison eine entscheidende sein dürfte. Schmitz ist jedoch eigentlich eher auf der rechten denn auf der linken Seite zuhause. Dass die Kölner noch nach Verstärkungen auf der Linksverteidigerposition Ausschau halten, ist folglich keine große Überraschung. Bedarf wäre jedenfalls vorhanden, falls Noah Katterbach sich nicht aus seinem schon länger andauernden Leistungstief befreit.

In der Innenverteidigung kämpfen Meré und Hübers um den Job neben Czichos

In der Innenverteidigung gesetzt ist nach den letzten beiden Spielzeiten und dem Abgang von Bornauw Rafael Czichos. Dem in Saudi-Arabien geborenen 31-jährigen schlug als einer der beiden „Anfang-Jungs“ zu Beginn viel Skepsis entgegen und seine Leistungen erschienen auch nicht unbedingt immer bundesligatauglich. Doch Czichos hat sich gemacht und bildete mit dem nach Wolfsburg abgewanderten Belgier eine solide Innenverteidigung. Die Frage, ob er das Abwehrzentrum ohne Bornauw auch tragen kann, muss jedoch noch beantwortet werden.

Den Job neben Czichos will sich der Spanier Meré sichern. Der ehemalige Kapitän der spanischen U21-Nationalmannschaft hatte unter Markus Gisdol einen äußerst schweren Stand und schöpft unter Baumgart ebenfalls noch einmal die Hoffnung, einen Sprung zu machen. Gelingt dies nicht, dürfe er die Kölner nächsten Sommer verlassen. Sein Konkurrent ist Timo Hübers, der Neuzugang aus Hannover spielte bereits zwischen 2015 und 2016 in der zweiten Mannschaft der „Geißböcke“ und will es nun bei den Profis wissen. Talent Sava Cestic arbeitet sich nach einer Verletzung zurück und ist derweil noch keine Alternative.

WOLFSBURG, GERMANY - AUGUST 17: Jorge Mere of Koeln runs with the ball during the Bundesliga match between VfL Wolfsburg and 1. FC Koeln at Volkswagen Arena on August 17, 2019 in Wolfsburg, Germany. (Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Wer auch immer den Kampf um die vier Plätze in der Verteidigung gewinnt, einen „Star“ oder überdurchschnittlich guten Bundesligaspieler sucht man in der Positionsgruppe bislang vergeblich. Nicht ausgeschlossen, dass sich einer der jüngeren Spieler dorthin entwickelt oder jemand der älteren noch einmal einen entscheidenden Schritt macht. Die Spielphilosophie von Steffen Baumgart wird jedoch allen viel abverlangen und es ist auch nicht angedacht, erstmal sicher zu stehen und der Abwehr unter die Arme zu greifen, wie es unter Peter Stöger einige Jahre der Fall war.

Die Verteidigung ist daher durchaus als Kölner Achillesferse zu bezeichnen. Wenn es zu Beginn nicht gut läuft, könnte es auch an der Hintermannschaft liegen, die den ein oder anderen Aussetzer hat, nicht gedankenschnell reagiert, sich ausspielen lässt und gegen offensivstarke Mannschaften auch mal vier oder fünf Tore frisst. Einige der entscheidenden Fragen werden sein, was die Spieler schon früh in der Ära Baumgart umsetzen können und welche Spieler die Philosophie des Trainers mitgehen wollen oder mental irgendwann aussteigen? Welche Fehler müssen sie machen, um zu lernen, und welche Risiken sollen sie dabei eingehen? Baumgart muss jedenfalls auf dem Schirm haben, dass er diesem Mannschaftsteil nicht nur viel abverlangt, sondern dass dieser auch personell nicht der stärkste seiner Mannschaft ist und obendrein das Material nicht zwingend zum Spilstil passt. Eine entsprechende Balance ist unabdingbar. Sonst droht der Coach schon sehr früh sehr unangenehm unter Druck zu geraten, auch wenn gerade noch Honeymoon am Geißbockheim ist.

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