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Rudelbildung

Pfiffe beim 1. FC Köln: „Die fehlende Aufstiegseuphorie ist hausgemacht“

Die Pfiffe nach dem HSV-Spiel haben die Verantwortlichen irritiert. Woran liegen die atmosphärischen Störungen beim 1. FC Köln? Wir diskutieren darüber.

COLOGNE, GERMANY - FEBRUARY 08: Fans of Koeln prior to the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC St. Pauli at RheinEnergieStadion on February 08, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Lino: So zweite Halbzeiten wie gegen den HSV gehen halt nicht. Wir hatten da zuhause gegen einen stark ersatzgeschwächten Gegner 20 Prozent Ballbesitz! Dass da nach einem späten Ausgleich nicht applaudiert wird, sollte doch eigentlich keinen verwundern. Unabhängig davon, dass ich für Pfiffe auch so gut wie nie Verständnis habe. Für Spieler wie Czichos ist die Bundesliga aber auch ein Lebenstraum, den er sich wahrscheinlich bald erfüllt. Der hat eine ganz andere Perspektive als wir. Ich finde es im übrigen sehr bedenklich, wie von den Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit die zweite Liga stark gequatscht und dafür auf Pokalspiele verwiesen wird, wo der Zweitligist dem Erstligisten das Leben schwer gemacht hat. Die 2. Bundesliga ist nicht stark! Wenn man das ernsthaft glaubt, befürchte ich im Herbst einen harten Aufschlag in der Realität.

Die 2. Bundesliga ist nicht stark! Wenn man das ernsthaft glaubt, befürchte ich im Herbst einen harten Aufschlag in der Realität.

Thomas: Das ist eine Befürchtung vieler, die aus meiner Sicht durch die Reaktionen nach dem Hamburg-Spiel neue Nahrung erhalten hat. Anstatt klar zu benennen, dass die zweite Halbzeit nicht dem Anspruch des 1. FC Köln entspricht, wird sich auf den Schiedsrichter, die kräftezehrende Englische Woche und die Erwartungshaltung der Fans eingeschossen. Das ist ziemlich peinlich eingedenk der Leistung nach dem Seitenwechsel. Und es lenkt in meinen Augen nur davon ab, dass nach fast einer kompletten Saison als haushoher Favorit wenig Entwicklung zu sehen ist. Ein stabiles Spielsystem jedenfalls ist nicht zu erkennen, obwohl die Gegner sicherlich nicht den höchsten Ansprüchen genügen. Die Sorge, die ich teile: Wie soll das erst nächste Saison aussehen, wenn alle Beteiligten jetzt schon dermaßen wenig Kredit haben?

COLOGNE, GERMANY - APRIL 15: Markus Anfang, head coach of Koeln reacts prior tothe Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and Hamburger SV at RheinEnergieStadion on April 15, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Lino: Ich muss da an Peter Stöger denken, der sich nach einem knappen Auswärtssieg in Bielefeld in seiner ersten Saison hingestellt und sich selbst dafür offen kritisiert hat, Gerhardt nicht von Beginn an rangelassen zu haben. Er hat sich dafür sogar bei Gerhardt entschuldigt! Das hat einem als Fan letztendlich das Gefühl gegeben, dass da ein reflektierter Typ an der Seitenlinie ist, der die Augen vor nichts verschließt und auch in der Lage ist, Anpassungen für die Bundesliga vorzunehmen. Bei Veh und Anfang habe ich überhaupt nicht das Gefühl, dass diese Saison kritisch reflektiert werden wird. Und angefangen beim Spielsystem über das fehlende Einbauen von Jugendspielern bis hin zu den zurückliegenden Transfers, die teilweise sehr enttäuscht haben, gäbe es da ja schon einiges aufzuarbeiten. Trotz Aufstieg. Mein Gefühl kann mich da natürlich täuschen, aber die beiden können sich meiner Meinung nach zumindest zudem nicht ausreichend verkaufen. Und im Krisenfall fällt das immer schnell auf einen zurück.

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Kurt: Lino, ich habe das Gefühl, dass es bei Veh und Anfang nicht darum geht, dass sie sich nicht verkaufen können, sondern dass sie ihrer ureigensten Aufgabe nicht gerecht werden können (Anfang) oder wollen (Veh). Anfang macht so viele handwerkliche Fehler (taktische Mängel, Auswechslungen, Fitnesszustand der Mannschaft, vor allem auch mangelnde Reflexionsfähigkeit), dass ihn dies alleine schon disqualifiziert, einen Verein wie den FC erfolgreich in der Bundesliga zu halten. Veh, ja der gute Armin, über dessen – ich drücke es mal diplomatisch aus – Hang zum ökonomischen Arbeiten kursierten schon zu seiner Zeit als Spieler bei BMG jede Menge Witze. Wann haben wir eigentlich unter Veh einen Spieler verpflichtet, der Ergebnis eines Scoutings war? Selbst Koziello ist ja nicht gescoutet worden, sondern war eine Empfehlung eines mit Veh befreundeten Spielerberaters. Mal ganz abgesehen davon, dass Problempositionen im Kader nicht ausreichend besetzt wurden. In a nutshell glaube ich, dass es mit drei, vier guten Transfers zur neuen Saison nicht getan sein wird (die ich Veh allerdings auch nicht zutraue), hier müssen zwei Positionen neu besetzt werden, die des Trainers und die des Sportdirektors. Ich weiß, wird nicht passieren. Und genau das hat was von griechischer Tragödie…

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwann ein Aufstiegstrainer entlassen wird, so wie das in Mainz der Fall war. Handeln, bevor es zu spät ist – das wäre eine schöne Marschroute!

Thomas: Das wird wahrlich nicht passieren, Kurt. Ich kann mir selbst nicht einmal wirklich vorstellen, dass hier beim 1. FC Köln irgendwann ein Aufstiegstrainer entlassen wird, so wie das in Mainz der Fall war. Handeln, bevor es zu spät ist – das wäre eine schöne Marschroute, die aber bereits unter anderen Voraussetzungen bei Peter Stöger und Jörg Schmadtke in die Hose gegangen ist. Diese Erfahrung scheint auch jetzt ein Antrieb für die fehlende Euphorie zu sein. Es ist eine gänzlich andere Situation als noch 2013/14, als der effzeh mit frischen Kräften nach oben marschiert ist. Die Sorge vor dem Morgen, die Wunden von gestern und die Probleme, die sich rund um den Verein durch die Saison zogen, lassen aus meiner Sicht einfach keine unbeschwerte Feier zu.

COLOGNE, GERMANY - MARCH 31: Simon Terodde of Cologne (L) and Jonas Hector celebrate during the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and Holstein Kiel at RheinEnergieStadion on March 31, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images)

Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Arne: Auch die Entscheidungsträger einer Organisation können immer nur so stark sein, wie die Organisation, die sie umgibt – und wenn man sich beim 1. FC Köln anschaut, was dort seit 2017 in der Führungsebene passiert ist, fällt es mir schwer, daran zu glauben, dass im Sommer die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Die strategische Neuausrichtung unter einem neuen Präsidium im September wird daher den Maßstab setzen für die Zukunft des Vereins, der bis dato hoffentlich schon ein paar Punkte in der Bundesliga gesammelt hat, damit es einigermaßen gesittet verläuft.

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zu gewinnen, und die fehlende Geschichte dieser Saison

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