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Rudelbildung

Pfiffe beim 1. FC Köln: „Die fehlende Aufstiegseuphorie ist hausgemacht“

Die Pfiffe nach dem HSV-Spiel haben die Verantwortlichen irritiert. Woran liegen die atmosphärischen Störungen beim 1. FC Köln? Wir diskutieren darüber.

COLOGNE, GERMANY - FEBRUARY 08: Fans of Koeln prior to the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC St. Pauli at RheinEnergieStadion on February 08, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Severin: Jungs, auch wenn ich die Schwachstellen genauso sehe wie ihr, appelliere ich dazu, die Kirche im Dorf zu lassen. Ich bin da, was die Erstligatauglichkeit anbetrifft, sehr nah bei Arne. Es liegt viel Arbeit vor uns, das stimmt. Es liegt aber auch noch viel Zeit vor uns, die Schwächen auszumerzen. Zudem werden wir vermutlich gänzlich anders auftreten müssen in der Bundesliga. Und dort ist beileibe nicht alles Gold, was glänzt. Verständnis für die Unsicherheit habe ich aber dennoch – und die Woche hat das auch bei mir nicht geschmälert.

Das ist die Ursache dafür, dass Fans und Verein auseinanderdriften: Man versteht sich nicht (mehr). Die Verantwortlichen sprechen von überzogener Erwartungshaltung. Die Fans wollen aber nur eins: ehrlichen Fußball sehen.

Thorsten: Und hier ist die Ursache dafür, dass Fans und Verein auseinanderdriften. Man versteht sich nicht (mehr). Die Verantwortlichen sprechen von überzogenen Erwartungshaltungen und Fehleinschätzungen seitens der Fans. Die Fans wollen aber nur eins: ehrlichen Fußball sehen. Das liefern die Verantwortlichen wiederum nicht, sondern heulen herum. Sei es Czichos wegen der Pfiffe (die ich gehört, aber keinen gesehen habe, der pfeift, sonst hätte ich dem was gesagt, das geht gar nicht) oder Anfang, der ständig davon redet, dass das Publikum in Köln schönen und erfolgreichen Fußball sehen will. Und was Veh so von sich gibt, ist auch ziemlich weit weg von den Fans. Und ganz ehrlich: Mir reißt langsam auch der Geduldsfaden. Veh und Anfang haben alle Möglichkeiten bekommen, es aber nicht geschafft, eine solide Abwehr zu formieren, ein Spielsystem zu etablieren geschweige denn ein funktionierendes Mannschaftsgefüge aufzubauen. Ich sehe da durchaus keine Einheit. Weder auf noch neben dem Platz. Und das alles, obwohl etliche Wunschspieler geholt wurden.

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„Auf dem Papier eine Eins, für die Fans eine Drei plus“

David: Das ist dann vermutlich auch genau der Kommunikationspunkt, an dem offenbar wird, dass die Wahrnehmung innerhalb des Clubs kaum in Einklang zubringen ist mit der außerhalb. Es bleibt bei „auf dem Papier“-Argumenten. Natürlich ist der FC Erster, hat unendlich viele Tore geschossen und steigt vermutlich souverän auf. Während das für die Mitarbeiter am Geißbockheim offenbar reicht, um beste Stimmung und für Köln typische Euphorie zu erwarten, ist es für die vom Vorjahr nach wie vor schockierten Anhänger schlichtweg das Minimum dessen, was man zur Wiedergutmachung und angesichts der starken Einzelspieler im Kader erwarten konnte. Daher reicht eine schwache Halbzeit gegen Hamburg dann auch bereits für Frust. Was auf dem Papier wie eine glatte Eins aussieht und beim FC auch so aufgefasst wird, fühlt sich für die Fans eher wie eine wohlwollende Drei minus an. Das ist das Problem.

COLOGNE, GERMANY - MARCH 09: Players celebrate with fans after winning the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and DSC Arminia Bielefeld at RheinEnergieStadion on March 09, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Severin: Das ist definitiv das Problem. Und das liegt allerdings auch zu gewissen Teilen daran, dass der 1. FC Köln in dieser Liga mit dieser Wucht nur verlieren kann. Pumpt er erbarmungswürdige Teams wie Holstein Kiel oder Arminia Bielefeld komplett aus dem Stadion, ist das angesichts des Klassenunterschieds, was Kader, Finanzen und Club anbetrifft, einfach nur standesgemäß. Rumpelt er sich zu einem Sieg wie gegen Sandhausen oder Ingolstadt, ist das ein Arbeitssieg und unter der Würde eines feinen Vereins wie dem 1. FC Köln. Von Niederlagen gegen Paderborn oder Bochum will ich erst gar nicht anfangen. Du kannst einfach nichts gewinnen in dieser Saison. Das ist eine schwierige Ausgangslage, die erst einmal in die Köpfe der Verantwortlichen muss. Die Chance auf Belohnung und Feiertage gibt es kaum – umso verwunderlich dann aber, dass sie bei einer solchen Chance, die der HSV nun einmal darstellt, dann gleich doppelt derart leidenschaftslos auftreten.

Einfach einmal mit der Etatwalze über die Liga, ohne groß Jugendspieler einzubinden oder irgendeine Art von Perspektive aufzuzeigen, wie es in der Bundesliga klappen soll, reicht vielen nicht. Das ist nicht zufriedenstellend.

Lino: Ich denke schon, dass man etwas hätte gewinnen können. Man merkt ja auch hier: Am Ende geht es uns als Fans um mehr als Sieg oder Niederlage. Wenn es nur das wäre, würde es mir ausreichen, am Montag das Ergebnis in der Zeitung zu lesen. Ich werfe mal in den Raum, dass es eine Art Saisonnarrativ braucht, mit dem ich mich emotional identifizieren kann und das mich begleitet. Das kann eine große Vereinsidentifikation auf dem Feld sein. Oder eine junge Mannschaft mit Potential, die ab und an einfach an ihre Leistungsgrenze stößt. Oder auch, wenn man schlicht seriös die gesetzten Ziele abarbeitet. 2013-17 war super. Es braucht aber irgendetwas, vor allem nach der letzten Saison. Und das bietet der Verein 2019 nicht. Einfach einmal mit der Etatwalze über die Liga, ohne groß Jugendspieler einzubinden oder irgendeine Art von Perspektive aufzuzeigen, wie es in der 1.Liga klappen soll, reicht vielen nicht. Das ist nicht zufriedenstellend. Man hat es verpasst, irgendeine Art positiver Geschichte zu erzählen, Hoffnungen zu wecken oder „ehrlichen Fußball“ zu spielen, darum gibt es auch keine größere Euphorie.

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Keine ausufernde Aufstiegsparty – und doch wird gefeiert!

Martin: Ich bin da voll bei Lino. Es ist schon verwunderlich, dass trotz der vermeintlichen Vielzahl an Identifikationsfiguren im Team, das heißt Jungs aus der Region, die trotz besserer Angebote den Weg in die 2. Liga mitgemacht haben, nie so recht dieses „Jeföhl, dat verbingk“ aufgekommen ist. Es ist aber manchmal eben auch nicht so leicht, dieses herzustellen. Ich sehe da unsere Stürmer sinnbildlich für die Gesamtsituation. Simon Terodde ist ein aufrechter, netter Kerl, der die Liga auseinanderschießt. Zudem wirtschaftlich ein absolutes Preis-Leistungsschnäppchen. Gefeiert werden aber mit Cordoba und Modeste zwei weitaus kontroversere Typen. Ein Schwabe mag sich vielleicht fragen, warum man einen Spieler so feiert, der 17 Millionen Euro gekostet hat, eine Saison lang nix reißt und dann in der 2. Liga ein paar Buden schießt, weil die dortigen Verteidiger ihm körperlich hilflos unterlegen sind. Aber da sind wir eben wieder beim Narrativ des grandiosen Comebacks und der Art und Weise, wie Jhon Fußball ehrlich arbeitet, wie er sich zerreißt. All diese Sachen fehlen im Gesamtbild des Vereins irgendwie. Es wird augenscheinlich attraktiver Fußball gespielt, es wurden augenscheinlich gute Transfers getätigt und eigentlich besteht die Mannschaft ja noch immer aus einer Menge Spielern mit hoher Vereinsidentifikafion. Doch zum Jeföhl fehlt diese spezielle Cordoba-Story. Auf den ersten Blick scheint das so einfach zu sein, das herzustellen, ich glaube aber, in dieser Situation ist es sauschwer.

COLOGNE, GERMANY - DECEMBER 17: Jhon Cordoba of Cologne (L) celebrates scoring the 1:0 goal during the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and 1. FC Magdeburg at RheinEnergieStadion on December 17, 2018 in Cologne, Germany. (Photo by Mika Volkmann/Bongarts/Getty Images)

Foto: Mika Volkmann/Bongarts/Getty Images

Severin: In Sachen „Geschichte“, die die Saison braucht, bin ich bei euch – aber eben auch bei Martins Bewertung, dass das sauschwer ist. Die letzte Saison hat unfassbar geschmerzt und wir schauen auch mit dieser frischen Erfahrung im Hinterkopf in die nähere Zukunft. Dazu kommt eben, dass die Voraussetzungen so sind, wie sie sind. Dass es eben kaum neue Gesichter gibt wie 2013, dass wir den anderen Vereinen wirtschaftlich haushoch überlegen sind, dass die Ansprüche von Beginn an knallhart und dezent überheblich formuliert wurden. Dass es sich aus dieser Melange keine Euphorie entwickeln kann, ja nicht einmal ein ausreichend starkes Band zwischen denen auf dem Rasen und denen auf der Tribüne, war eigentlich zu erwarten.

Thomas: Bestimmt haben sich einige aus dem Verein das Ganze etwas glamouröser vorgestellt. Es wird auch keine Aufstiegsfeier geben, wie es sie vor fünf Jahren gegeben hat. Aber die Jungs werden gefeiert werden – das haben sie sich, ehrlich gesagt, auch verdient. Und dann wird der Unmut über den Unmut, wie Severin es so schön genannt hat, längst wieder verraucht sein.

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