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Meinung

1:1 gegen den HSV: Taktisch aufgegeben… oder wie man sich erfolgreich das Gegentor erbettelt

Gegen den Hamburger SV bringt der 1. FC Köln eine Führung nicht über die Runden. Vor allem, weil die „Geißböcke“ in der 2. Halbzeit das Mitspielen einstellen – ein Kommentar von Ralf Friedrichs.

COLOGNE, GERMANY - APRIL 15: Manuel Wintzheimer #19 of Hamburg scores the equalizing goal during the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and Hamburger SV at RheinEnergieStadion on April 15, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)
Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

„Unser 1. FC Köln spielt 1:1 gegen den HSV, der Punktabstand bleibt…sieben auf den zweiten, zehn auf den Drittplatzierten. Alles gut, was wollen die Kritiker eigentlich? Der Schiedsrichter hat uns ja auch benachteiligt. Und das auch noch in einer unmenschlichen Englischen Woche. Soll der FC alle 34 Spiele gewinnen? Das ist doch gar nicht möglich. Also beruhigt euch mal alle. Wer nur meckert, sollte Fan von Bayern München werden!“

Ihr habt es gemerkt: Das sind natürlich nicht meine Gedanken, sondern die, die ich nun zum Teil auf Facebook lesen muss und die ich einfach für grundfalsch halte. Ich versuche das nun mit Argumenten zu belegen. Wir sind deutlich besser personell aufgestellt als der HSV – mit einer Offensivpower, die in der 2. Bundesliga ihresgleichen sucht. Der Gegner ist dazu noch personell erheblich geschwächt… und das merkt man im Spiel auch. Gut 30 Minuten lang beherrscht der FC das Spiel deutlich, auch wenn man nicht konsequent genug den Abschluss sucht, geht man letztlich verdient 1:0 in Führung.

Einladungen an den eigenen Strafraum und „lustige“ Wechsel

Doch was passiert nun? Wir ziehen uns zurück und spielen auf Konter. Schon in der ersten Halbzeit habe ich das nicht verstanden, denn es gab keinen Grund dazu, schließlich strahlte der HSV null Gefahr aus. Nun dachte ich, der Coach wird das in der Pause schon korrigieren, hat er aber nicht. Im Gegenteil: Wir ziehen uns in der zweiten Hälfte noch weiter zurück, mehr und mehr ziehen wir uns an der eigenen Strafraum zurück und überlassen dem HSV völlig kampflos das Mittelfeld. WARUM zum Geier, WARUM? Weil der HSV mit seiner Notelf so drückte? Nein, weil wir ihn eingeladen haben. Mit jeder Minute mehr…

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Der HSV konnte sein Glück ja kaum fassen und wurde natürlich so auch aufgebaut und selbstsicherer, während unseren Jungs mehr und mehr das Herz in die Hose rutschte. Ein Wort zu den Wechseln: Als Clemens sich verletzt hatte, rechnete ich (endlich) mit Louis Schaub. Ihn überhaupt draußen zu lassen, fand ich eh merkwürdig, aber irgendwas wird sich der Trainer dabei gedacht haben. So, nun musste also Clemens raus und anstatt Schaub kommt Marcel Risse. Jener Risse, der seit geraumer Zeit leider große Probleme hat, seine Form aus der Zeit vor seinen Verletzungen zu finden.

Passivität wird nicht nur im Judo bestraft

Okay, kann man machen, fand ich aber ebenso falsch. Aber was soll’s, der Trainer wird schon wissen, was er macht. Als er dann aber in der Crunchtime Terodde rausnimmt, um mit Sobiech einen Abwehrspieler zu bringen und damit das klare Signal auf Abwehrschlacht setzt, platzten endgültig meine Adern in den Augen und die Plomben fielen mir aus Zähnen! Das war taktisches Aufgeben, also ähnlich wie Vercingetorix, der Julius Cäsar als Zeichen der Aufgabe die Schwerter vor die Füße legte. Hallo? Der HSV war doch nur deswegen so überlegen, weil wir gar nicht mehr mitgespielt haben.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Es gibt Sportarten wie zum Beispiel Judo, da wird Passivität mit Punktverlust bestraft. Und genau DAS war nun klar: Irgendwann werden wir bestraft, irgendwann fällt einem Hamburger der Ball im Strafraum vor die Füße und der haut das Ding rein. Das konnte nicht gut gehen, dachte ich (und kommunizierte das auch laut). Selten war ein Gegentor so offensichtlich und natürlich fiel es dann auch (BTW: Beim 4:4 gegen die Fußball-Weltmacht MSV Duisburg war es ähnlich laut im Hause Friedrichs). Auf dem beim FC reichlich gefüllten Korb der selbst erbettelten Gegentore schnellte dieser Treffer bei mir direkt von 0 auf 1 in den Charts der sinnlosesten und vermeidbarsten kassierten Tore.

Die Leistungen auf dem Platz setzen sich am Mikro fort

Zum Schiedsrichter: Ja, natürlich kann und muss man dem HSV-Spieler Jung eigentlich die Gelb-Rote Karte geben. Aber was ändert das an der rätselhaften FC-Leistung gestern? Gar nichts, die bleibt besch…eiden, Platzverweis hin oder her. Die Minusleistungen des FC gingen dann am Mikrofon weiter, Markus Anfang verwies zum gefühlt 1.237 Mal auf die brutale Englische Woche, die der FC erdulden musste. Zum einen sollte eine Profimannschaft, die sich erstklassig wähnt, locker zwei Spiele in fünf Tagen (!) bewältigen können (falls nicht, sollte man die Trainingsformen ernsthaft hinterfragen), zum anderen läuft doch der FC (wie gestern auch) pro Spiel eh schon acht bis zehn Kilometer weniger als der Gegner und schont sich damit schon genug.

Nach dem Abpfiff habe ich gedacht, wir wären Fünfter und sieben Punkte hinter dem Dritten. Wahnsinn, die Pfiffe.

Übrigens: Der MSV Duisburg, ebenfalls von der furchtbaren Englischen Woche betroffen, musste sogar noch geradezu unmenschliche zwei Tage früher ran. Ich habe nicht mitbekommen, das dort deswegen ein Riesenfass aufgemacht wurde. Als ich dann noch von Abwehrspieler Czichos folgendes Bonmot zu lesen bekam, war ich endgültig bedient: „Nach dem Abpfiff habe ich gedacht, wir wären Fünfter und sieben Punkte hinter dem Dritten. Wahnsinn, die Pfiffe.“ Ihr kapiert es einfach nicht, oder? Ihr habt aber gespielt, als wären wir Zwölfter und nicht Erster mit sieben Punkten Vorsprung, ihr habt gespielt als sei der HSV mit Weltstars gespickt, ihr hattet Schiss (ohne Grund) und habt feige gespielt. Darum haben die Leute gepfiffen. Und womit? Mit Recht!

Emotionales Erweckungserlebnis verpasst (und nicht mal gemerkt)

Wir werden vor allem aufgrund unseres extrem überlegenen Offensiv-Potenzials sicher aufsteigen, das wird in dieser ultraschwachen 2. Bundesliga nicht mehr zu verhindern sein, auch nicht durch uns selbst. Aber dies ist kein Aufstieg, der Euphorie auslöst, eher größte Besorgnis. Wir sind für die Bundesliga vor allem defensiv eine halbe Sekunde zu langsam und haben dazu große taktische Schwierigkeiten, die auch von der Bank ausgehen. Unsere Defensive wird Stand heute der Bundesliga nicht einmal ansatzweise standhalten können und die Aussicht die Schießbude zu werden, erzeugt wenig Freude. In der Bundesliga wird der ebenfalls aufgestiegene HSV (davon ist auszugehen) einer unserer schwächsten Gegner sein … und den haben wir jetzt in der 2. Bundesliga zweimal nicht besiegen können. Sollte Paderborn beispielsweise als Dritter noch hochgehen, gegen die haben wir zweimal satt verloren. Das sagt doch leider schon schon alles. Man kann nur inständig hoffen, das gute bis sehr gute Transfers gelingen.

COLOGNE, GERMANY - APRIL 15: Team members of Hamburg celebrate with their fans after the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and Hamburger SV at RheinEnergieStadion on April 15, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

…und übrigens: Man hat gestern auch die große Chance verpasst, durch einen couragierten Auftritt gegen einen namhaften Gegner, die Fans emotional zu gewinnen. Ich habe vorher gesagt, dass Köln so ein Spiel – ein Erweckungserlebnis – braucht, um die bleierne Stimmung, die um den Verein trotz Tabellenführung herrscht, zu beseitigen. Diese Chance hat man gegen einen extrem ersatzgeschwächten Gegner, der sich den Punkt mehr als verdient hat, nicht nur verpasst …. man hat erst gar nicht verstanden, wie wichtig das gewesen wäre. Ich muss es leider sagen, mein FC ist mir momentan echt fremd!

P.S.: Nein, ich habe keinen Trainerschein und bin auch nie in der Profi-Branche tätig gewesen, bin also bekennender „Vollamateur“. Aber wie heißt der alte Spruch? „Ich muss nicht Koch sein, um zu wissen, ob mir ein Schnitzel schmeckt!“

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