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Der Mann, der bei „Bild“ Fritz Esser war: 1. FC Köln sorgt mit neuem Mediendirektor für Empörung

Der 1. FC Köln verkündet die Verpflichtung eines neuen Medienchefs: Fritz Esser soll die Nachfolge von Tobias Kaufmann antreten, doch die Einstellung des ehemaligen „Bild“-Journalist sorgt aus mehreren Gründen bei den Fans der „Geißböcke“ für Empörung.

Fritz Esser (l.), FC-Vorstände Carsten Wettich und Werner Wolf (r.) | Fotos: (1) 1. FC Köln | (2) imago images/Herbert Bucco

Der 1. FC Köln verkündete zu Wochenbeginn eine Personalentscheidung, auf die einige rund um das Geißbockheim schon länger gewartet hatten und die nun für viele Diskussionen sorgt: Fritz Esser soll ab Mai die Abteilung Medien und Kommunikation beim FC leiten. Damit tritt er die Nachfolge von Tobias Kaufmann an, von dem sich der Verein im August getrennt hatte. Bereits damals gab es nach dieser Entscheidung, die bei Fußballvereinen in der Bundesliga normalerweise eigentlich nicht viel mehr als eine Randnotiz sind, jede Menge Unruhe. Kaufmann hatte gegen die Kündigung, die der FC ausgestellt hatte, geklagt – erst im November hatten sich der Verein und der frühere Journalist des Kölner Stadt-Anzeigers geeinigt.

Und auch die Besetzung der Stelle nach Kaufmanns Abgang entwickelt sich in Köln zu einem Politikum: Esser, der erst in drei Monaten seinen Dienst antreten soll, folgt auf die Interimslösung Jürgen Homeyer, der seit Sommer den Medienbereich beim 1. FC Köln verantwortete. Der 39-jährige Esser arbeitete zuvor zwei Jahre bei der Logistiktochter der Deutschen Bahn, seine journalistische Ausbildung machte er an der Axel Springer Akademie zwischen 2008 und 2010. Er arbeitete daraufhin auch neun Jahre lang bei der Boulevard-Zeitung „Bild“, im Sommer 2019 folgte dann der Wechsel in den Kommunikationsbereich bei „DB Schenker“. Esser ist in Köln geboren und mit der Tochter der verstorbenen FC-Legende Hannes Löhr verheiratet.

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Wehrle: „Fritz Esser passt hervorragend zu uns“

Bei LinkedIn, einem sozialen Netzwerk für Geschäftskontakte, kommentierte Esser seine neue berufliche Aufgabe mit „In eigener Sache 🐐🇲🇨“ und einem Link zur Pressemitteilung des 1. FC Köln. Geschäftsführer Alexander Wehrle zeigte sich in eben jener erfreut. „Fritz Esser passt hervorragend zu uns. Er ist ein Profi als Journalist und als vielseitig erfahrener Kommunikationsexperte. Er bringt daher die besten Voraussetzungen mit, um unsere Medien-Aktivitäten erfolgreich auszubauen und weiterzuentwickeln“, lautete seine Einschätzung. Und auch in den Worten von FC-Präsident Werner Wolf schwang mit, dass man am Geißbockheim mit dieser Besetzung einen Volltreffer gelandet habe. Wolfs Worte in der Pressemitteilung: „Ich freue mich, dass wir Herrn Esser für den FC gewinnen konnten. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung in den unterschiedlichsten Feldern der Kommunikation ebenso wie im Sport. Zudem hat er als gebürtiger Kölner das richtige Gefühl für die Stadt und die Menschen. Ich wünsche ihm für diese Aufgabe alles Gute.“

„Er ist ein Profi als Journalist und als vielseitig erfahrener Kommunikationsexperte.“

In den diversen Fanforen und sozialen Medien wurde die Verkündung der Personalentscheidung allerdings weniger überschwänglich begleitet, wenn nicht gar sehr deutlich missbilligt. Bereits früh wurde darauf Bezug genommen, dass Esser mehr als ein Jahrzehnt eng mit dem Springer-Verlag verbandelt war – erst im Rahmen seiner Ausbildung als Journalist, später als Redakteur und stellvertretender Ressortleiter Politik und Wirtschaft und damit in durchaus verantwortungsvoller Position. Die enge Verbundenheit von Teilen des Geißbockheims mit der „Bild“-Zeitung ist vielen Fans schon seit längerem ein Dorn im Auge, bereits häufiger hatten die Journalisten des Boulevardblatts exklusive Infos zugesteckt bekommen. Auch bei Interviews mit Präsidium und Geschäftsführung genießt die „Bild“-Zeitung häufig, so scheint es, ein Vorrecht. Nicht zuletzt bei Kampagnen für oder gegen einzelne Personen hatte sich die „Bild“-Zeitung in den vergangenen Jahren deutlich positioniert.

Verbale Schelte für FC-Fans, Applaus für die AfD

Seit Jahrzehnten ist die Berichterstattung der Zeitung  regelmäßig Gegenstand zahlreicher öffentlicher Diskussionen und Kritik. Viele FC-Fans machten sich in den letzten beiden Tagen die Mühe und suchten im Internet nach Ausschnitten aus Essers Vergangenheit – und sie wurden fündig. „Wieder einmal blamieren Schwachmaten in #effzeh-Trikots den ganzen Verein“, schrieb er im September 2016 nach einer Busblockade beim ersten Heimspiel gegen Leipzig. Eine Aktion, die von FC-Fans als Protest gegen das Marketingkonstrukt durchgeführt wurde, ein friedlicher Sitzstreik. Nach dem Platzsturm von FC-Ultras in Gladbach schrieb Esser: „Und wieder bringen die wild Gewordenen Schande über #effzeh.“ Ultras scheinen bei ihm sowieso nicht ganz beliebt: In anderen Tweets bezeichnete er sie als „Chaoten“.

Es bleibt offen, wieso ein „vielseitig erfahrener Kommunikationsexperte“ (Zitat Wehrle) wie Esser diese Tweets vor der Bekanntgabe seiner Anstellung beim FC nicht gelöscht hat. Dass in den sozialen Medien Nachforschungen angestellt werden würden, war keine Überraschung. Als die AfD im Oktober 2017 kurz nach ihrem Einzug in den Bundestag einen Alterspräsidenten durchsetzen wollte und die anderen Parteien das verhinderten, erzürnte sich der AfD-Abgeordnete Bernd Baumann wie folgt: „Der alte Bundestag (…) wurde abgewählt. Das Volk hat entschieden. Nun beginnt eine neue Epoche.“ Fortan würden, so Baumann, Themen im Bundestag neu verhandelt werden. Fritz Esser kommentierte das auf Twitter so: „Diese Schelle von #AfD-Mann Baumann hat sich der #Bundestag redlich verdient.“ Später schrieb er auch, dass man Spenden der AfD, beispielsweise an die Tafel, behalten solle.

Ganz auf Blattlinie der „Bild“-Zeitung

Und auch seine Texte bei der „Bild“-Zeitung wurden näher unter die Lupe genommen. Darin echauffierte sich Esser über einen Kameruner, der sich in Deutschland aufhielt, „obwohl seine Einreise und sein Aufenthalt in Deutschland eine Straftat sind“. Und weiter: „Wer sich wundert, warum so viele Menschen den Glauben an die Politik und die etablierten Parteien verlieren: Dieser Fall erklärt es. – Wer Rechtstreue nur von seinen Bürgern, aber nicht von Asylbewerbern verlangt, verspielt das Wichtigste für den Zusammenhalt in der Gesellschaft: Vertrauen“. Die Überschrift zu einem anderen Text über die deutsche Asylpolitik lautete: „Warum schieben wir die Falschen ab?“

Bei „Bild“ schrieb er auch über „sozialistische Parolen“ des damaligen Juso-Chefs Kevin Kühnert, die er als „gefährlich“ einstufte. Dies alles ist wohlgemerkt nur eine Auswahl. Esser ist es also gewohnt, ganz auf Blattlinie der „Bild“-Zeitung auszuteilen – und dabei auch AfD-nahe Positionen zu vertreten. Zur Erinnerung: Im Herbst musste Stefan Müller-Römer beim 1. FC Köln seinen Posten als Mitgliederratsvorsitzender aufgeben, weil er in einer vertraulichen E-Mail Mitglieder des Vereins als „AfD-nah“ bezeichnet hatte. Nun holt sich der Verein mit Fritz Esser jemanden ins Geißbockheim, der offen AfD-nahe Positionen vertritt und darüber hinaus Fans des eigenen Vereins als „Schwachmaten“ verunglimpft.

Einstimmige Entscheidung der Vereinsverantwortlichen

Das Engagement Essers war nach Informationen des Geissblog.Köln die Folge einer einstimmigen Entscheidung von Präsidium (Werner Wolf, Eckhard Sauren, Carsten Wettich) und Geschäftsführung. Zuvor hatten Headhunter zusammen mit dem kommissarischen Abteilungsleiter Jürgen Homeyer nach einem passenden Kandidaten gesucht – laut effzeh.com-Informationen unter der Federführung des FC-Vorstands. Darunter soll neben Thomas Gassmann (ehemals „Express“ und Fortuna Düsseldorf) ein renommierter Sportjournalist aus dem Westen gewesen sein, der lange Zeit als Favorit gegolten hatte. Die Veröffentlichung der Personalie soll dem Vernehmen nach aber eher ungeplant gewesen sein, weil die Kölnische Rundschau es bereits auf anderem Wege erfahren hatte und der FC deswegen mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gehen musste.

FLYERALARM Frauen Fussball Bundesliga 1. FC Koeln - FF USV Jena 10.06.2020 Eckhard Sauren Vizepraesident 1. FC Koeln, Dr. Werner Wolf Praesident 1. FC Koeln FLYERALARM Frauen Fussball Bundesliga, 1. FC Koeln - FF USV Jena, Koeln, Franz-Kremer-Stadion DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO. *** FLYERALARM Women Soccer Bundesliga 1 FC Cologne FF USV Jena 10 06 2020 Eckhard Sauren Vice President 1 FC Cologne , Dr Werner Wolf President 1 FC Cologne FLYERALARM Women Soccer Bundesliga, 1 FC Cologne FF USV Jena, Cologne, Franz Kremer Stadion DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI VIDEO Copyright: xBEAUTIFULxSPORTS/Wunderlx

Foto: imago images/Beautiful Sports

Deswegen bleibt auch die Rolle des Vorstands unklar. Bereits bei Tobias Kaufmann hatte das Trio lange Zeit ignoriert, das der Medienchef im Hintergrund daran beteiligt gewesen war, eine Wahl des Teams um Werner Wolf zu verhindern. Dennoch arbeiteten sie fast ein Jahr mit ihm zusammen. Dass sie nun den Auswahlprozess des Nachfolgers aktiv mitgestalten und diese Lösung präsentieren, wirft große Fragen nach der Agenda des Vorstands auf. Eine Verkündung in den sozialen Medien, sprich einen Verweis auf die Nachricht auf der Homepage, gab es seitens des FC aber bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Hatten die Verantwortlichen das Shitstorm-Potenzial im Vorfeld erkannt und geplant, das Thema einfach auszusitzen?

Immenser Imageschaden für den 1. FC Köln

Fest steht, dass mit dieser Personalie der Großteil der Unterstützer des aktuellen Vorstands massiv vor den Kopf gestoßen wurde. Die heftigen Reaktionen nach der Bekanntgabe zeugen jedenfalls nicht davon, als sei es dem Vorstand damit gelungen, Fans und Verein wieder näherzubringen. Zur Erinnerung: Das zu Amtsantritt gewählte Motto „Gemeinsam gewinnen alle.“ entlockt vielen FC-Fans heute nicht mehr als ein müdes Lächeln. In den kommenden Monaten soll mit Dr. Carsten Wettich ein Vize-Präsident gewählt werden, doch aktuell scheint ungewiss, wie das aus Sicht des Vorstands gelingen soll. Eine solche Wahl wäre auch immer eine Abstimmung über die bisherige Arbeit von Wolf und Sauren – man muss kein allzu großer Prophet sein, um zu erkennen, dass da noch jede Menge Konfliktpotenzial droht.

Der Imageschaden jedenfalls ist immens, effzeh.com liegen mehrere Schreiben von empörten FC-Mitgliedern vor. In einem davon heißt es: „Einen Mediendirektor zu benennen, der einer Nazi-Partei öffentlich applaudiert, ist purer Hohn für alle Fans dieses großartigen Vereins, die Toleranz, Miteinander und Antirassismus Tag für Tag leben.“ Talkshow-Moderator Ralf Friedrichs schrieb in einem Beitrag: „In der Verantwortung stehen nun aber die FC-Führungspersönlichkeiten aus Geschäftsführung und Vorstand, die mit dieser Personalie endgültig ein Statement gegen die aktive Fan-Szene und die kritische Mitgliedschaft gesetzt haben.“ Es bleibt spannend, wie am Geißbockheim mit dieser Entscheidung in den kommenden Wochen umgegangen werden wird.

Text und Mitarbeit: Arne Steinberg, David Schmitz, Thomas Reinscheid, Christopher Kohl

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