Folge uns
.

Meinung

Kölner Polizeieinsatz wegen Dresden-Fans: Eine neue Dimension des Wahnsinns

Der von der Kölner Polizei angekündigte „Bürgerkrieg“ gegen Dresden blieb aus, die Panikmache erwies sich einmal mehr als unbegründet. Ein effzeh.com-Kommentar zum unverhältnismäßigen Einsatz am Spieltag.

Spruchband Südkurve Kritik Bundeswehr Polizei

Es war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Spieltag für den 1. FC Köln, seine Fans und die des Gegners. Zum einen haben die „Geißböcke“ einen eindrucksvollen 8:1-Sieg gegen die Gäste von Dynamo Dresden eingefahren – eigentlich hätte das einen Tag vor dem Elften im Elften auch schon gereicht. Zum anderen hat die Kölner Polizei jedoch im Vorfeld und dann auch am Samstag rund um das Spiel ihren Beitrag dazu geleistet, dass der Stadionbesuch für Heim- wie Auswärtsfans eine außergewöhnliche Erfahrung werden sollte.

Die Beamten waren angesichts des Dresden-Spiels auf das Schlimmste gefasst – wie sie Medienvertretern im Vorfeld der Partie ausgiebig erklärten. Mit rund 1.000 Polizisten, 20 Polizei-Pferden, SEK-Beamten, Hunden und Wasserwerfern wollte man am Samstag verhindern, dass ein angeblich geplanter Fan-Marsch von Dynamo-Anhängern eskalieren konnte. 500 gewaltbereite Hooligans erwarte man in der Domstadt, ließ die Polizei wissen.

Phantom-Fanmarsch: „Solche Bilder wollen wir in Köln nicht sehen“

Um zu unterstreichen, wie alarmierend die Situation ist, spielte man bei einer Pressekonferenz sogar Aufnahmen eines durchaus martialischen Fan-Marsches der Dresdner Fanszene vor einem Jahr in Karlsruhe ab. „Solche Bilder wollen wir am Samstag in Köln nicht sehen“, wird Polizei-Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt im „Kölner Stadt-Anzeiger“ zitiert. Damit nicht genug. Ähnliches ließ auch der Kölner Polizeipräsident Uwe Jacob verlauten und nutzte die unübliche Gelegenheit, um vollmundig zu erklären: „Wir erleben derzeit zweifellos eine neue Dimension der Gewalt.“

Auch interessant
„Nicht nachvollziehbare Drohkulisse“: Dynamo Dresden kritisiert Kölner Polizei in Offenem Brief

Zweifellos ist einerseits allerdings nur, dass diese Aussage falsch ist. Der von der Polizei selbst herausgegebene „ZIS-Jahresbericht“, mit dem die Ordnungshüter über Kriminalität im Fußballkontext informieren, kann diese Behauptung jedenfalls nicht stützen. Dort wird für den letzten Analyse-Zeitraum sogar ein leichter Rückgang von Straftaten in NRW attestiert. Andererseits ist spätestens jetzt klar, dass es für die martialische Herangehensweise der Kölner Polizei keine Grundlage gab.

Am Samstag blieb es rund um die Partie vollkommen ruhig. Der befürchtete Fan-Marsch der Gästefans „eskalierte“ ebenfalls nicht – es gab ihn einfach gar nicht. Der Grund dafür ist simpel: Es sei zwar richtig, dass die Dresdner Fanszene einen Fan-Marsch angefragt habe, erklärte Dynamo in einem offenen Brief, den die Sachsen für Kritik an der Polizei-Taktik nutzten. Aber, so heißt es dort: „Dies wurde von den Kölner Behörden im Anschluss abgelehnt.“

Dynamo-Kritik: „Nicht nachvollziehbare Drohkulisse“

Die Entscheidung sei von der aktiven Fanszene akzeptiert worden, erklärte der Dresdner Geschäftsführer, Michael Born, zudem. Es sei irritierend, dass durch die Polizei behauptet werde, dass ein Fan-Marsch stattfinden soll, der nirgendwo kommuniziert wurde. „Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, weshalb man seitens der Kölner Polizei einen Tag vor diesem Spiel eine derartige kommunikative Drohkulisse aufbaut.“

Die Dresdner sollten recht behalten: Im Stadion fackelten die Dynamo-Fans zwar Rauchtöpfe in den Farben ihres Vereins ab, abgesehen davon blieb es aber auch dort friedlich. Das Abbrennen von Pyrotechnik ist in Deutschland übrigens lediglich eine Ordnungswidrigkeit – und keine Straftat. Einen Grund für polizeiliches Eingreifen bieten Bengalos, Rauchtöpfe und Co daher nur äußerst selten.

Für die Polizei scheint es jedoch – nicht nur in Köln – keine große Rolle zu spielen, ob ihre Maßnahmen gegen Fußballfans eine nachvollziehbare Grundlage haben. Der grundlose Aufmarsch von SEK-Einheiten und Wasserwerfern in Köln passt dabei nur ins Bild, das die Polizei in Nordrhein-Westfalen in den letzten Wochen ohnehin bereits abgibt.

Neue deutsche Härte: Kessel in Bielefeld, Eskalation in Dortmund

Hunderte St.-Pauli-Fans wurden kürzlich in Bielefeld über Stunden hinweg eingekesselt, mutmaßlich weil ein einziger Fan sich gewagt hatte, in einer Bahn unter polizeilicher Beobachtung eine Zigarette zu rauchen – und die Beamten so zum Pfefferspray-Einsatz im Abteil „zwang“. In Dortmund hatte man zuvor bereits eine „Chance gesehen“, wie es der örtliche Polizeichef später bezeichnen sollte, und probiert beim Spiel der Borussia gegen Hertha BSC eine Zaun-Fahne der Berliner Ultras während des Spiels einzukassieren, um so das weitere Abbrennen von Pyrotechnik zu unterbinden – es kam prompt zur Prügelei zwischen Hertha-Ultras und Polizisten.

Auch interessant
Gewahrsam und Überwachung: So gefährlich ist das neue Polizeigesetz

In Köln schickte man jetzt also schon prophylaktisch die ganz harten Jungs vom Sondereinsatzkommando zum Stadion. Michael Mertens, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), dürfte das gefallen. „No-Go-Areas für Polizisten“ seien die Fanblöcke in den Stadien, erklärte er unlängst und forderte, Polizei in Zukunft wieder direkt vor den Kurven zu positionieren. Den Grund für diese Haltung verriet Mertens dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ ebenfalls: „Wenn wir von konsequentem Einschreiten gegen Neonazis, Linksradikale und Clans sprechen, dann müssen wir das hier auch tun.“

Damit stellt der Gewerkschafter Fußballfans in eine Reihe mit Extremisten oder organisierten kriminellen Banden. Das ist zum einen erschreckend realitätsferner Populismus und zum anderen eine ziemliche Frechheit. Das Feindbild „Ultra“ scheint jedoch nicht nur bei den Einsatzkräften so populär wie zementiert zu sein. Auch in der Politik hat man (mal wieder) in den aktiven Fanszenen eines der großen Sicherheitsprobleme unserer Zeit erkannt.

Innenminister fordert Knast für Bengalos

Herbert Reul, NRW-Innenminister, forderte nach den Vorfällen in Dortmund personalisierte Tickets und ein konsequentes Durchgreifen der Behörden. Sein hessischer Kollege Peter Beuth, ebenfalls ein CDU-Mann, will Pyrotechnik in Zukunft gar unter das Sprengstoffgesetz fassen: „Wer im Stadion zündelt, geht in den Knast.“

DORTMUND, GERMANY - JULY 11: Interior Minister of North-Rhine Westphalia Herbert Reul gives a speech during newly graduated police cadets in the state of North Rhine-Westphalia at their swearingin ceremony in the Westfalenhalle on July 11, 2017 in Dortmund, Germany. A total of 1,920 new policemen and women celebrated their swearing-in in a two-hour ceremony. Germany is facing federal elections this year and security, in light of domestic terror attacks as well as riots during the G20 summit in Hamburg, is a central election campaign issue. (Photo by Sascha Schuermann/Getty Images)

NRW-Innenminister Herbert Reul (Foto: Sascha Schuermann/Getty Images)

So viel Verve und vermeintliche Geradlinigkeit würde den Ministern und Polizeivertretern dieses Landes zum Beispiel bei rechtsradikalen Umtrieben durchaus gut zu Gesicht stehen – man scheint bei Pyrotechnik von Fußballfans allerdings deutlich einsatzfreudiger zu sein als bei antisemitischen und rassistischen Parolen von rechten Schwachköpfen, die sich kürzlich nicht nur unbehelligt von der Polizei durch Chemnitz, sondern auch durch Dortmunds Straßen brüllen durften.

Die Sicherheit innerhalb der Stadien ist in erster Linie Aufgabe der Vereine. Und aus dieser sollten wir sie auch nicht entlassen.

Ob hinter all diesen Einsätzen und dem populistischen Getrommel von Polizei und Politik in Richtung Fußballfans tatsächlich eine Strategieänderung steckt, ist derweil unklar. „Die Sicherheit innerhalb der Stadien ist in erster Linie Aufgabe der Vereine. Und aus dieser sollten wir sie auch nicht entlassen“, sagte Reul dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ dazu nur. Die Polizei werde jedoch in den Kurven eingreifen – „aber nur dann, wenn es sein muss.“ Wann das der Fall ist, erklärte der Innenminister allerdings nicht.

„Staatsfeind Fußballfan“ als neue Strategie

Die letzten Wochen haben jedoch gezeigt: Mittlerweile reicht offenbar das bloße Abbrennen von Pyrotechnik – immer noch lediglich eine Ordnungswidrigkeit – für den Polizei-Zugriff im Stadion, eine Zigarette im Zug für einen stundenlangen Kessel oder eben ein Phantom-Fanmarsch für ausrückende Wasserwerfer und SEK-Einheiten. „Staatsfeind Fußballfans“ – so könnte die Strategie von Polizei und vorgeschaltetem Innenministerium angesichts der jüngsten Eindrücke gut und gerne heißen – wenn es sie denn geben sollte.

Pressekonferenz zum Fußballspiel 1. FC Köln – Dynamo Dresden

Gepostet von Polizei NRW Köln am Freitag, 9. November 2018

Beim 1. FC Köln hat die polizeiliche Einschätzung effzeh.com-Informationen zufolge  für Verwunderung gesorgt. Anders als in der Vergangenheit hatte der Club keinen Kommentar zu den Plänen der Ordnungshüter abgegeben. „Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass der Kölner Polizeipräsident auf einer Pressekonferenz eine derartige Drohkulisse für die gesamte Stadt Köln heraufbeschwört“, kritisierte derweil Dynamo-Präsident Holger Scholze das Vorgehen der Behörden bereits am Freitag völlig zu recht. „Der Fußball und die Stadien in Deutschland waren nie sicherer als sie es heute sind.“ Das ist endlich mal eine zutreffende Feststellung.

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass der Kölner Polizeipräsident auf einer Pressekonferenz eine derartige Drohkulisse für die gesamte Stadt Köln heraufbeschwört.

Übrigens: Das Polizeigesetz ist von irgendwelchen Strategiewechseln irgendwelcher Polizeipräsidenten oder Innenminister nicht betroffen. Dort heißt es in Paragraf zwei Absatz zwei – also ganz am Anfang sogar, es scheint wichtig zu sein: „Eine Maßnahme darf nicht zu einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.“

Drastische Worte, drastische Taten

In Dortmund wurden bei dem Polizei-Einsatz wegen Pyrotechnik im Hertha-Block kürzlich rund 45 Menschen verletzt – die meisten durch den Einsatz von Pfefferspray und die Gewaltanwendung der Beamten. Kein einziger wurde durch die zuvor abgebrannte Pyrotechnik verletzt.

Eine Verhältnismäßigkeit der polizeilichen Maßnahmen war dort ebenso wenig gegeben wie in Bielefeld oder nun in Köln. Der Kölner Polizeipräsident liegt also gar nicht so falsch mit seinen drastischen Worten. Es gibt eine Eskalation und damit auch eine „neue Dimension“ – allerdings auf Seiten der Staatsgewalt.

Mehr aus Meinung

.