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Corona-Fälle beim 1. FC Köln: Der Kampf um die Deutungshoheit

Die drei positiven Corona-Tests sorgen nicht nur beim 1. FC Köln für hitzige Diskussionen. Während der Verein versucht, die Wogen bestmöglich zu glätten, gibt es Kritik von außen – und von innen.

1.FC Köln Alexander Wehrle 1.FC Köln mit Mundschutz während einer Scheckübergabe der FC Stiftung an den Kalker Mittagstisch 22.04.2020 *** Sport 1 FC Köln Alexander Wehrle 1 FC Köln with mouthguard during a cheque handover from the FC Foundation to the Kalker Mittagstisch 22 04 2020
Foto: imago images / Herbert Bucco

Dass der 1. FC Köln Anfang Mai nicht nur landesweit in den Schlagzeilen sein würde, hätte sich Anfang des Jahres wohl selbst der kühnste Optimist unter den FC-Fans nicht zu träumen gewagt. Doch dass die „Geißböcke“ es selbst bis in die Washington Post geschafft haben, hat keinerlei sportliche Gründe. Mit der offiziellen Bestätigung, dass bei den umfassenden Tests der Mannschaft und des Betreuerstabs gleich drei positive COVID-19-Fälle aufgedeckt worden, machte der Verein am Freitagabend um kurz nach 20 Uhr öffentlich, was im Laufe des Tages rund um das Geißbockheim bereits gemunkelt wurde.

Ein heftiger Schlag für die Pläne, die Bundesliga-Saison möglichst bald fortsetzen zu können, wenngleich der FC sogleich um Schadensbegrenzung bemüht war. Die drei positiv getesteten Personen, dessen Namen der Club nicht öffentlich machte, die aber nach FC-Angaben allesamt symptomfrei seien, müssen nach einer Bewertung der Fälle durch das zuständige Gesundheitsamt in eine 14-tägige häusliche Quarantäne. Darüber hinaus müssen jedoch keine weiteren Spieler oder Betreuer in die so genannte „häusliche Absonderung“, wie der Verein erklärte.

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Keine Sonderbehandlung für den 1. FC Köln

„Der Trainingsbetrieb des 1. FC Köln kann ab Montag aufgrund der bereits seit dem 6. April praktizierten Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen im Gruppentraining wie geplant weiterlaufen“, heißt es in der Pressemitteilung vom Freitagabend. Voraussetzung dafür sei, dass der entsprechende Personenkreis weiter so getestet wird, wie es im medizinischen Konzept der „Taskforce Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ der Deutschen Fußball-Liga DFL vorgesehen ist.

Dass über die betroffenen Personen hinaus niemand in Quarantäne muss, sorgte jedoch für einiges Stirnrunzeln bei Außenstehenden. Bekommt der 1. FC Köln etwa eine Sonderbehandlung, um die Vorbereitung auf die Fortsetzung der Bundesliga-Saison wie geplant durchziehen zu können? Die „Geißböcke“ verneinen das vehement und verweisen auf das für den Verein zuständige Kölner Gesundheitsamt.

„Es gibt eindeutige Vorgaben des Robert Koch-Instituts zum Umgang mit Kontaktpersonen von Infizierten. […] Nicht wir, sondern das Gesundheitsamt bewertet, auf wen dies zutrifft.“

„Es gibt eindeutige Vorgaben des Robert Koch-Instituts zum Umgang mit Kontaktpersonen von Infizierten, die man auf dessen Seite auch nachlesen kann. Die so genannte häusliche Absonderung ist nur für Personen der Kategorie 1 vorgesehen“, erklärt Clubarzt Dr. Paul Klein in einem Interview auf der FC-Homepage. „Kategorie 1“, das bedeutet laut Robert Koch-Institut eine Kontaktperson mit höherem Infektionsrisiko durch engen Kontakt mit einem Infizierten.

Vorgehen sorgt für Erstaunen und Kritik

„Nicht wir, sondern das Gesundheitsamt bewertet, auf wen dies zutrifft. Und nach diesen eindeutigen Kriterien gehen wir davon aus, dass durch die Maßnahmen im Trainingsbetrieb in Gruppen kein Spieler eine Kontaktperson der Kategorie 1 zu einem anderen Spieler ist“, betont der Orthopäde. Daher müsse auch nicht die entsprechende Trainingsgruppe oder gar die komplette Mannschaft in Quarantäne.

Karl Lauterbach

Foto: © Superbass / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Durch den Trainingsbetrieb bestünde nach Einschätzung der Behörde kein erhöhtes Infektionsrisiko für Spieler, Trainer und Betreuerstab. “Wir sind mit dem Kölner Gesundheitsamt in engem Austausch. Die Experten dort bewerten es so, dass aufgrund der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen im Gruppentraining, wie wir es seit dem 6. April praktizieren, am Geißbockheim mit all jenen, die negativ getestet wurden, wie bisher weiter trainiert werden kann.“

„Wer mit Covid-19 trainiert riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren. Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen.“

Ein Vorgehen, das für Erstaunen und für Kritik sorgt. Drei Personen aus der Mannschaft und deren Umfeld positiv auf COVID-19 getestet – und allesamt sollen sich quasi außerhalb des Trainingsbetriebs angesteckt haben? Nicht jeder hält es für realistisch, dass hier Kommissar Zufall am Werk gewesen sein. Der Kölner SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach, ein strikter Gegner der Bundesliga-Pläne für eine schnelle Fortsetzung, verschaffte seinem Unmut über die Situation beim FC auf Twitter Luft.

Lauterbach: „Fußball soll Vorbild sein, nicht ‚Brot und Spiele'“

„Wahrscheinlich 2 Spieler, 1 Mitarbeiter infiziert. Rest trainiert weiter. Wer mit Covid-19 trainiert riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren. Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen. Fussball soll Vorbild sein, nicht ‚Brot und Spiele’“, so der Politiker, der bereits zuvor in Anspielung auf das von ihm harsch kritisierte DFL-Konzept verlauten ließ: „Es ist voll unverantwortlich, dass die Spieler weiter trainieren, nachdem sie mit 3 infizierten Spielern Kontakt hatten. Sie müssten in Quarantäne, wie wir es vom Bürger verlangen. Dazu werden die Spieler gefährdet. Das Konzept floppt und ist kein Vorbild.“

Gänzlich anders sieht das FC-Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle, der als Teil des DFL-Präsidiums in jüngster Vergangenheit öffentlichkeitswirksam für die Pläne des Bundesliga getrommelt hatte. „Wir sehen jetzt im Alltag, dass die Tests sehr frühzeitig Risiken erkennen und entsprechend minimieren. Dementsprechend ist das ein wesentlicher Baustein des Konzepts der DFL-Taskforce“, betonte Wehrle gegenüber der Sportschau.

Die entscheidende Botschaft sei derweil die Einschätzung des Kölner Gesundheitsamts, dass die Spieler aufgrund der Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen des Konzepts nicht als Kontaktpersonen der Kategorie 1 eingestuft werden und somit weiter am Spiel- und Trainingsbetrieb teilnehmen können. „Es zeigt, dass wir sehr zuversichtlich sein können, dass wir auf Basis dieses Konzepts in den Spielbetrieb gehen können“, sagte der FC-Finanzgeschäftsführer schon zuvor bei Sky – und sieht nach Rücksprache mit dem Kölner Gesundheitsamt die positiven Tests bei den „Geißböcken“ als Zeichen für die funktionierenden Maßnahmen seitens des Bundesliga-Clubs.

Wehrle sieht Bewertung durch Gesundheitsamt als „positives Signal“

„Sie haben sich unser Konzept angeschaut und es als tragfähig bewertet. Von daher ist es von Behördenseite ein positives Signal“, sagte der 45-Jährige, der mit der Behörde nach weiteren Tests am Montag auch über eine Rückkehr des 1. FC Köln ins Mannschaftstraining sprechen möchte. Denn: Sollten bei den nächsten Untersuchungen am Anfang der Woche weitere COVID-19-Fälle entdeckt werden, was sich angesichts der Inkubationszeit des Virus und der entsprechenden Nachweisbarkeit als nicht unrealistisch darstellt, könnten sich die Träume von einer schnellstmöglichen Fortsetzung des Spielbetriebs erledigt haben.

BENIDORM, SPAIN - JANUARY 08: (BILD ZEITUNG OUT) Birger Verstraete of 1. FC Koeln gestures during the 1. FC Koeln winter training camp on January 8, 2020 in Benidorm, Spain. (Photo by TF-Images/Getty Images)

Foto: TF-Images/Getty Images

Doch Kritik regt sich beileibe nicht nur außerhalb der Bundesliga-Blase, selbst intern beim 1. FC Köln scheint das Thema durchaus nicht unumstritten zu sein. „Wir müssen vorläufig nicht in Quarantäne, das ist schon ein bisschen bizarr“, sagte Birger Verstraete in seiner belgischen Heimat dem Fernsehsender VTM und widersprach der offiziellen Version des Vereins, die drei infizierten Personen hätten keinen oder kaum Kontakt mit dem Rest der Mannschaft gehabt, vehement. „Der Physiotherapeut ist der Mann, der mich und andere Spieler wochenlang behandelt hat. Und mit einem der beiden fraglichen Spieler habe ich am Donnerstag im Fitnessstudio ein Duo gebildet“, so Verstraete.

Verstraete: „Erst Gesundheit, dann Fußball“

Es sei daher „nicht ganz richtig“, dass sonst niemand aus der Kölner Mannschaft mit den drei Infizierten in Kontakt gekommen sei. Mit Hinweis auf seine herzerkrankte Freundin, die somit zur Risikogruppe gehört, fügte Verstraete hinzu: „Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was mit der Bundesliga geschehen soll. Aber ich kann sagen, dass mir der Sinn nicht nach Fußball steht. Ich möchte, dass alle gesund sind, bevor wir wieder Fußball spielen. Erst Gesundheit, dann Fußball“, betonte der 26-Jährige, der im vergangenen Sommer von KAA Gent zum FC wechselte, und deutet an: Wenn die Spieler anonym abstimmen könnten, ob die Saison fortgesetzt werden solle, würden sie sich dagegen aussprechen. „Es ist naiv, von einer schnellen Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu sprechen“, sagt Verstraete: „Das Virus zeigt einmal mehr, dass man es ernst nehmen muss.“

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Ob der Profifußball und besonders der 1. FC Köln die Risiken um eine COVID-19-Erkrankung für die Sportler als auch deren Angehörige ernst genug nehmen, scheint derzeit jedenfalls ob der recht pragmatischen Fortsetzung des bisherigen Trainingskonzepts ziemlich fraglich. In der kommenden Woche will die Bundesregierung beraten, ob und wann für die Bundesliga-Clubs eine Rückkehr in den Spielbetrieb erfolgen kann. Schon am Freitag, so verriet Verstraete, soll es für die Mannschaft des 1. FC Köln bis zur Wiederaufnahme der Saison in „vollständige Quarantäne“ gehen. Komplette Abschottung von der Außenwelt, alles für die Fortsetzung des Spielbetriebs. Dass es allerdings eine komplettung Abschottung gegen das gefährliche Virus gibt, das steht nach den drei positiven Tests beim 1. FC Köln infrage.

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