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Meinung

Verstraete, Kalou und Co.: Maulkorb statt Mundschutz

Der 1. FC Köln erlebt im Umgang mit den Sorgen seines Spiels Birger Verstraete ein PR-Desaster, das nur noch von Hertha BSC getoppt wird. Der Profifußball zeigt in der Diskussion um die Bundesliga-Fortsetzung wenig Gespür für die derzeitige Lage.

BENIDORM, SPAIN - JANUARY 08: (BILD ZEITUNG OUT) Birger Verstraete of 1. FC Koeln gestures during the 1. FC Koeln winter training camp on January 8, 2020 in Benidorm, Spain. (Photo by TF-Images/Getty Images)
Foto: TF-Images/Getty Images

Wieder einmal veröffentlichte der effzeh also eine Mitteilung, bei der das anschließende PR-Desaster einprogrammiert war. Zu der deutlichen Kritik verschiedener Medien gesellten sich unzählige Fans – aus Fußball-Deutschland, aber auch aus dem eigenen Lager. Sie warfen dem Klub vor, aus Profitgier eine Familie zu zerreißen und einen kritischen Spieler mundtot zu machen. Ins Visier einiger rückte dabei die Medienabteilung des Vereins und deren Leiter Tobias Kaufmann. Er sei der Schütze des „mediale[n] Eigentor[s] des Jahres„, hieß es auf Twitter. Kaufmann machte seine Haltung zum Umgang des Profifußballs mit der Coronakrise vor einigen Tagen bereits deutlich, als er der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland einen „Reflex zu Sozialneid, Missgunst und erhobenem Zeigefinger“ unterstellte.

https://twitter.com/senfkutte1948/status/1256334998589763585

Kölner Übereinstimmung mit der DFL

Wie sehr sich der effzeh mit seinem Drang nach der Überwachung und Bestrafung von Meinungsäußerungen auf Linie befindet, zeigt eine E-Mail von DFL-Direktor Ansgar Schwenken. Dieser be-, nein, empfahl den Klubs bis zu einer DFL-eigenen Mitteilung „von eigenen Verlautbarungen abzusehen und auf diese [der DFL, Anm.] zu verweisen.“ Dennoch teilten 14 Klubs mit, die Testergebnisse ihrer Spieler seien negativ gewesen. Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig und der FC Augsburg wollten ihre Ergebnisse nicht öffentlich bekannt geben. Vielleicht bringt dieser Umstand aber ein wenig Licht in das Dunkel der sieben anderen Coronainfektionen der Bundesliga und der 2. Bundesliga.

Der deutsche Profifußball zeigt seine Gier ungebrochen. Die Aggressivität, auf die Fortsetzung des Spielbetriebs zu drängen, steigt dabei exponentiell an. Wer hier stört, wird einbestellt, zurechtgewiesen und im Zweifel gedemütigt. In einer Zeit, in der zig Millionen Menschen um ihre Gesundheit fürchten, lässt der Profifußball seine Sportler kaltblütig in die Risiken laufen. Was wiegt schon die Angst eines, zugegebenermaßen reichen, Menschen wie Birger Verstraete gegen die Trilliarden von Fans, die endlich wieder Bälle rollen sehen wollen, was laut Alexander Wehrle „für die Liga, aber auch für den gesamten deutschen Sport von enormer Bedeutung“ wäre?

Der X-Faktor „Spieler“

Wie realitätsfremd die Umsetzung des DFL-Konzepts ist, verdeutlichte zum Start in die wohl entscheidende Woche für die Fortsetzung des Bundesliga-Spielbetriebs Hertha-Profi Salomon Kalou. Er postete auf Facebook einen Livestream von sich auf der Berliner Geschäftsstelle. Dort zu sehen: Spieler, die Kontaktbeschränkungen ignorieren und sich über eine 11-prozentige Gehaltskürzung beschweren. daz ein unzureichend durchgeführter Test mit völlig unzureichender Schutzkleidung. Was beweist, dass die DFL den X-Faktor „Disziplin (und Anstand) der Spieler“ in ihrem Konzept überging.

Man möchte daher in homerisches Gelächter ausbrechen, wenn man einen der jüngsten DFL-Sätze dazu liest: „Es wird in den kommenden Wochen und Monaten weiter darum gehen, die beschlossenen Maßnahmen auch im Club-Alltag sowie im privaten Umfeld konsequent umzusetzen“, hieß es in einer Stellungnahme, die nahezu gleichzeitig mit dem Facebook-Video des Herrn Kalou herausging. Die bange Frage: Wenn Birger Verstraete sich schon für ein paar ängstliche Sätze von seinem Arbeitgeber demütigen lassen muss, was blüht dann Kalou? Und wie absurd muss die Rechtfertigung der Hertha erst ausfallen? Lange musste der geneigte Fußball-Fan nicht darauf warten – die Berliner Pressemitteilung inklusive Suspendierung des Spielers ließ dann auch den 1. FC Köln endgültig vom Thron der Corona-Peinlichkeiten im deutschen Profifußball rutschen.

Lobbyarbeit und Medienkampagnen können viel bewirken. Aber ihr Einfluss hat Grenzen, auch wenn die der DFL besondere Größe aufweisen. Erst gestern wies das Bundesinnenministerium das DFL-Konzept zurück. Es stellte klar, dass bei einem Infektionsfall das gesamte Team in Quarantäne gehen müsse. Bestätigen die Bundeskanzlerin und Länderchefs dies, hat sich die Fortsetzung der Saison quasi erledigt. Und mit ihr weitere PR-Desaster des 1. FC Köln. Hoffentlich.

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