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Trotz des 2:3 gegen Stuttgart: Der 1. FC Köln überzeugte sportlich über weite Strecken, ist sogar offensiv zum Leben erwacht. Doch ist das zu spät? Für den effzeh werden die kommenden Partien zum Ritt auf der Rasierklinge.

Nach dem Abpfiff konnte es Stefan Ruthenbeck so recht nicht fassen, dass seine Mannschaft trotz einer starken Leistung gegen den VfB Stuttgart 2:3 verloren hatte. „Vieles läuft in die richtige Richtung, eigentlich musst du die Jungs loben, aber dann schaust du auf die Anzeigetafel und denkst: Leck mich am Arsch, das kann doch nicht wahr sein“, gab der Trainer des 1. FC Köln zu Protokoll. Das dachten sicherlich im Nachgang des abermaligen Nackenschlags auch viele effzeh-Fans, die nach einer herausragenden Anfangsphase und der frühen Führung durch Claudio Pizarro bereits wieder Hoffnung im Abstiegskampf schöpften.

Letztlich kam es für die in dieser Saison arg gebeutelten „Geißböcke“ aber wieder knüppeldick. Dennoch: Der Auftritt bis zum Ausgleich und die Phase nach dem 1:3 zeigte, dass die Mannschaft an ihre Chance glaubt und das Zeug dazu hat, in der Bundesliga eine gute Rolle einzunehmen. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Tabellen-18. einen solchen Ballbesitzfußball spielt. Wir haben mit einer Selbstverständlichkeit Lösungen gefunden und Chancen herausgespielt. Das ist nicht normal“, zollte Ruthenbeck seiner Mannschaft, die sich im Grunde genommen an diesem Nachmittag selbst geschlagen hatte, großes Lob. „Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, gibt mir Mut. Wir geben nicht auf.“

Zweitbeste Offensive 2018? 1. FC Köln!

Dass der effzeh nicht auftritt wie ein Absteiger, hängt mit vielen Faktoren zusammen. Mit Winterneuzugang Vincent Koziello beispielsweise, der insbesondere in den ersten 40 Minuten wie aufgedreht aufspielte und neben Yuya Osako Dreh- und Angelpunkt des Kölner Offensivspiels war. Der schmächtige Franzose ließ im direkten Duell Ex-Nationalspieler Holger Badstuber häufig aussehen wie einen Schuljungen, war neben all seiner spielerischen Qualität, die die effzeh-Fans in Erstaunen versetzte, nach 90 Minuten sogar zweikampfstärkster Kölner. Um ein Haar hätte der neue effzeh-Taktgeber mit einem Sensationssolo das 2:0 eingeleitet, doch Simon Terodde vergab die große Möglichkeit die Führung auszubauen.

COLOGNE, GERMANY - MARCH 04: Milos Jojic of Koeln (not in the picture) scores the second goal during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and VfB Stuttgart at RheinEnergieStadion on March 4, 2018 in Cologne, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Gerade im Angriff zeigen sich die „Geißböcke“ derzeit stark verbessert: Mit 14 Treffern im neuen Kalenderjahr stellt der 1. FC Köln die zweitbeste Offensive der Bundesliga, nur der große FC Bayern München konnte mehr Tore bejubeln. Neben Terodde, dessen Qualitäten als Mittelstürmer dem effzeh in der Hinrunde komplett abgingen, ist vor allem eine einstige Schwäche der Kölner zum wichtigen Faustpfand im Abstiegskampf geworden: Bereits acht Tore erzielte die Ruthenbeck-Elf nach einer Standardsituation, auch am Sonntag trug sich Milos Jojic mit seinem zweiten direkt verwandelten Freistoß der Rückrunde in die Torschützenliste ein. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr kam der effzeh lediglich auf fünf Treffer nach einem Standard.

Ruthenbeck: „Wir kriegen zu einfach die Gegentore“

Nicht nur dabei profitiert die Mannschaft von der Rückkehr zahlreicher zuvor verletzter Leistungsträger: Jonas Hector ist nach überstandener Syndesmoseblessur auf der linken Seite der gewohnt ballsichere und spielerisch starke Impulsgeber, Marcel Risse und Leonardo Bittencourt reanimieren die bis dato in dieser Saison chronisch verwaisten offensiven Außenbahn. Es sind diese Qualitäten, die den effzeh offensiv durchschlagskräftiger und weniger ausrechenbar machen. Während Risse vor allem in Leipzig seine Wichtigkeit für das Kölner Spiel unterstrich, war Bittencourt in beiden Partien als Joker ein enorm belebender Faktor, der durch Spielwitz und Zug zum gegnerischen Tor besticht.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Doch die Schattenseite darf nicht verschwiegen werden: Der 1. FC Köln ist ein instabiles Gebilde, das weiter nach der richtigen Mischung aus Abteilung Attacke und dem rettenden Rückzug sucht. 46 Gegentreffer musste der effzeh in dieser Saison bereits schlucken, das ist mit Abstand Ligahöchstwert. Auch in der Rückrunde musste Timo Horn bereits 14 Bälle aus dem eigenen Netz holen, lediglich Hoffenheim bietet eine schlechtere Defensive im neuen Kalenderjahr auf. „Wir kriegen zu einfach die Gegentore“, monierte auch effzeh-Coach Stefan Ruthenbeck, sah es aber beim Stuttgart-Spiel nicht als Problem der angriffslustigeren Ausrichtung: „Das waren individuelle Fehler, die nichts mit der Taktik zu tun hatten. Individuelle Fehler von Spielern, denen das eigentlich nicht passiert und die eigentlich ein gutes Spiel gemacht haben.“

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Kontrollierte Offensive als richtige Richtung

Es bleibt ein schwieriges Unterfangen, eine Herkulesaufgabe: Einerseits muss die Mannschaft des 1. FC Köln in jedes Spiel in dem Wissen gehen, es im Kampf um den Klassenerhalt zwingend gewinnen zu müssen. Eine offensive Ausrichtung ist hierbei nahezu unabdingbar, abwartender Fußball zahlt sich kaum aus. Auch durch diesen Druck entstehen Fehler, entstehen Lücken, entstehen Räume. Andererseits gilt es für Ruthenbeck & Co. eine Spielidee zu entwickeln, die kontrollierte Offensive zulässt. Die Aussichten, in Hurrafußball und Schönheit zu sterben, sind nicht allzu verlockend. Die richtige Richtung, die mag Ruthenbeck nach dem Stuttgart-Spiel zurecht erkannt haben. Nun muss nur noch das Ergebnis stimmen – das ist die schwierigste Aufgabe im Fußball.

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