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Meinung

Laternen im Hafen

Die Polizei hat ihren Jahresbericht zur Kriminalität rund um den deutschen Fußball vorgestellt. Doch der ist mit Vorsicht zu genießen.

Foto: effzeh.com

„Die Statistik ist wie eine Laterne im Hafen. Sie dient dem betrunkenen Seemann mehr zum Halt als zur Erleuchtung.“ Zitate über die Statistik gibt es wahrscheinlich genauso viele, wie Statistiken an sich. Zumindest müsste das statistisch gesehen ungefähr hinkommen. Dieses hier stammt von Hermann Josef Abs, einem deutschen Bankier. Doch zurück zum Fußball:

Nun hat die Polizei – genauer gesagt das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste – eine Statistik bzw. einen Jahresbericht zur „Gewalt im Fußball“ herausgegeben. Der Auftraggeber dieser Studie ebenso wie das durchführende Organ ist die Polizei selbst. Und dieser Bericht (http://www.polizei-nrw.de/media/Dokumente/11-12_Jahresbericht.pdf)  hat einige interessante Ergebnisse zu Tage gebracht. Schon im ersten Absatz wird auf die dramatische (?) Entwicklung rund um den deutschen Fußball hingewiesen:

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So handelt es sich bei den Kennzahlen in den drei nachfolgend genannten Bereichen: Strafverfahren, Verletzte und Arbeitsstunden im Berichtszeitraum um die höchsten Zahlen der letzten zwölf Jahre. Darüber hinaus lag die Anzahl der an den Standorten beider Bundesligen in der Saison 2011/12 eingeleiteten Strafverfahren um ca. 70, die der geleisteten Arbeitsstunden um ca. 40 und die der Verletzten um ca. 120 Prozent über dem Durchschnitt der letzten zwölf Jahre. Auch wenn demgegenüber die Anzahl der Freiheitsentziehungen in der Saison 2008/09 einmalig höher gelegen hatte, als im Berichtszeitraum, liegt die aktuelle Anzahl von 7.298 freiheitsentziehenden Maßnahmen mit ca. 14 Prozent ebenfalls über dem Durchschnitt der letzten zwölf Jahre.“

 Es ist also alles ganz schlimm. Mehr Strafverfahren, mehr Arbeitsstunden für die Polizei und mehr Verletzte. Was in diesem Abschnitt und im Wesentlichen auch in der restlichen Studie unterschlagen wird, ist die ebenfalls gestiegene Gesamtbesucheranzahl. Zwar wird sie nebenbei benannt, jedoch nicht in Relation zu den anderen Zahlen gestellt. Stattdessen werden die absoluten Zahlen des Vorjahres und die durchschnittlichen Werte der letzten 12 Erhebungsjahre direkt verglichen. Fakt ist jedoch, dass die Gesamtbesucherzahl im Vergleich zum Vorjahr von 17,4 auf 18,7 Millionen angestiegen ist. Warum ist das wichtig? Weil man die anderen ermittelten Werte natürlich in Relation zu ebendieser Summe stellen muss.

Es gilt also einen Zuschauerzuwachs von ca. 7,5% festzustellen. Dementsprechend wächst die Summe der Verletzten naturgemäß mit. Im letzten Jahr wurden laut Polizeibericht im Kontext von Fußballveranstaltungen 1142 Personen verletzt (über die Art und Weise und Ursachen der Verletzungen gibt der Bericht leider keine Auskunft). Das sind sage und schreibe 0.0061% der Gesamtstadionbesucher – wenn man die eingesetzten und verletzten Beamten nicht zu den „Stadionbesuchern“ zählt, sind es gar noch weniger. Eine echte, bedrohliche Gefährdungssituation für Menschen, die ins Stadion gehen, kann man hier nicht feststellen. Auch eine Zunahme der Gefährdung kann durch diese Zahlen nicht belegt werden: Im Jahr 2011 wurden 0.0048% der Stadionbesucher verletzt (inkl. eingesetzte Polizeibeamte). Verrechnet man diese beiden Werte, ergibt sich ein Zuwachs an Körperverletzungen von 0,0013 Prozentpunkten bzw. 27% – der Polizeibericht jedoch suggeriert einen Zuwachs von ca. 35%, da hier wie bereits angeführt lediglich die absoluten Zahlen der Jahre 2011 und 2012 verglichen wurden ohne den Gesamtzuschauerzuwachs zu beachten. Somit ist die Verletztenzahl zwar gestiegen, jedoch bewegt sie sich immer noch in einem vergleichsweise marginalen Bereich.

Auch der Anteil, der wegen Körperverletzung angezeigten Straftäter hat sich nicht vergrößert: Betrachtet man in Relation zu den Gesamtbesuchern ergibt sich für das Jahr 2012 ein Wert von 0,009%. Simpel ausgedrückt: Der Anteil der im Fußballkontext wegen Körperverletzung angezeigten Menschen ist sehr, sehr gering. Viel wichtiger aber: Er ist nicht, wie in der Zusammenfassungspassage der Studie angegeben, gestiegen. Denn wenn man sich die Zahlen des Vorjahres betrachtet, erhält man ebenfalls den Wert von 0,009% (2011: 1570 Körperverletzungen auf 17,4 Millionen Besucher, 2012: 1832 Körperverletzungen auf 18,7 Millionen Besucher). Der Anteil der Körperverletzungsdelikte an der Gesamtsumme der Straftaten ist viel mehr sogar gesunken (2011: 27%, 2012: 22,5% der Straftaten).

Die Gesamtsumme der angezeigten Straftaten ist der nächste Streitpunkt. Die Polizei spricht, wie man oben lesen kann, dort von einer Zunahme von 70% im Vergleich zum Mittelwert der letzten 12 Jahre – dieser Vergleich ist – Entschuldigung – schwachsinnig, da auch dort das kontinuierliche Anwachsen der Besucherzahlen in diesem Zeitraum missachtet wird. Aus dem Vergleich der Zahlen der Jahre 2011 und 2012 (der deutlich sinnvoller ist) ergibt sich bei 8.143 angezeigten Straftaten im Jahre 2012 ein Anteil von 0.0435%, wohingegen dieser im Jahre 2011 noch bei 0.0334% lag. Hier ist also ein faktischer Zuwachs von 0.0101 Prozentpunkten oder 30% festzustellen. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, diesen Wert dann doch eher als marginal zu betrachten (da natürlich auch die deutlich erhöhte Polizeipräsenz im Vergleich zum Vorjahr für einen Anstieg der angezeigten Straftaten mitverantwortlich ist). Der Polizeibericht suggeriert an dieser Stelle eine Zunahme „von ca. 40%“. Diese Zahl wurde auch in diversen Medien übernommen und gedruckt, obwohl sie de facto unbrauchbar ist, da dort lediglich absolute Zahlen verglichen werden und – wie üblich in diesen Bericht – die Zunahme der Gesamtbesucherzahl missachtet wird.

Ein weiterer Punkt, den der Polizeibericht anführt, ist die Summe der geleisteten polizeilichen Einsatzstunden. Hierbei ergibt sich ein Zuwachs von ca. 20% im Vergleich zum Vorjahr. Und das obwohl die Quoten der Verletzten und der angezeigten Gewalttäter sich nur marginal verändert haben. Auf welcher logischen Grundlage die Polizei nun mehr Beamte eingesetzt hat, kann hier nicht bewertet werden. Die vorher aufgezeigten Zahlen lassen jedoch keine direkte Notwendigkeit erkennen. Viel wichtiger ist aber: Was soll diese Erhebung überhaupt bewirken? Und welchen Sinn ergibt sie?

Es ist die Aufgabe der Polizei Großveranstaltungen abzusichern. Über diesen Umstand kann man sich polizeiseitig also nun nicht wirklich zu beschweren, es gehört schließlich zu ihren Aufgaben. Und auch die Finanzierung dieser Einsatzstunden ist mehr als gesichert, so ergab eine Untersuchung von McKinsey im Jahre 2010 Steuereinnahmen in Höhe von ca. 1,5 Milliarden Euro allein durch die deutschen Proficlubs. Demgegenüber stehen Einsatzkosten in Höhe von ca. 100 Millionen Euro. „Zu teuer“ ist der Fußball und seine polizeiliche Begleitung nun also wirklich nicht.

© effzeh.com

Was für Schlüsse kann man denn aber nun wirklich aus diesem Bericht ziehen? Ein paar Erkenntnisse gibt es:

  1. Ein dramatischer Zuwachs der „Gewalt im Fußball“ ist auf Basis dieser Zahlen nicht bzw. nur in sehr marginalem Umfang nachweisbar.
  2. Der Anteil von Straftätern im Fußballkontext unterscheidet sich nur minimal von dem bei anderen Großveranstaltungen mit Menschenmengen (das Oktoberfest verzeichnete in einer Woche (!) 1059 Straftaten bei einem Besucheraufkommen von ca. 3 Millionen Menschen – dies ergibt einen Anteil von 0.0353% der Besucher, was wiederrum darauf schließen ließe, dass eine gewisse Summe von Straftaten bei jeder Massenveranstaltung zu erwarten ist)
  3. Die Polizei als beteiligter politischer Akteur scheint in diesem Falle nicht an einer Versachlichung der Debatte gelegen zu  sein.

Insgesamt ergibt sich bei der genauen Betrachtung des vorgestellten Polizeiberichts vor allem ein unschöner Beigeschmack, ist die Institution „Polizei“ doch einer der politischen Akteure in der Diskussion um Stadionsicherheit und „Gewalt im Fußball“. Es ist immer heikel „Studien“ zu veröffentlichen, deren Daten man selbst erhoben und analysiert hat. Eleganter wäre es hier, diese Aufgabe an einen neutralen Dritten abzugeben (bspw. statistische oder sozialwissenschaftliche Institute), da somit die Ergebnisse und ihre Darstellung sich nicht dem Vorwurf der Manipulation durch den Auftraggeber ausgesetzt sehen müssten.

Noch viel bedenklicher als unsauber ausgearbeitete Studien, ist jedoch, dass Großteile der deutschen Medien sich nicht die Mühe machen, diese Ergebnisse gegen zu prüfen, sondern sie brühwarm abdrucken und mit Überschriften wie „Immer mehr Gewalt im deutschen Fußball“ betiteln. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Zahlen seitens der Polizei erscheint nicht unerheblich – steht doch am 12. Dezember die Abstimmung über das zu recht umstrittene Konzeptpapier „Stadionsicherheit“ der DFL an, das seitens der Polizeigewerkschaften massiv befürwortet wird. Insgesamt ergibt sich so leider der Eindruck, dass der Polizeibericht mehr Politik als Erkenntnisgewinn darstellt. Oder um auf das Ausgangszitat zurück zukommen: den „betrunkenen Seemännern“ ein bisschen mehr Halt gibt.

Jede Straftat und jeder Verletzte im Rahmen von Fußballveranstaltungen ist einer zu viel. Wenigstens da sind sich alle Beteiligten einig. Ob eine mediale Dramatisierung, restriktive Sicherheitskonzepte und fehlleitende Studien jedoch einen wirklichen Beitrag zur Verbesserung der Lage leisten? Das darf bezweifelt werden. Angesichts der Zahlen und Fakten, muss man viel eher zu dem Schluss kommen, dass ein Stadionbesuch in Deutschland ein überaus sicheres und spaßiges Vergnügen ist. Und es wäre wünschenswert, wenn das auch so bleibt und man die Mühen, die momentan in eine Dramatisierung der Situation gesteckt werden, lieber an sinnvollerer Stelle einsetzen würde. Zum Beispiel bei den Fanprojekten und in der sozialen Arbeit. Denn ist ein Mensch erstmal Gewaltäter, ist es meistens eh schon zu spät.

Linktipp: Ihr fühlt euch im Stadion ebenfalls sicher? Dann unterschreibt doch hier: https://www.ich-fuehl-mich-sicher.de/

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