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Kolumnen

Wichtig ist neben dem Platz: Länderspielpause oder Fascho-Festspiele des Weltfußballs?

„Wichtig ist auf’m Platz?“ – von wegen! Unsere Kolumne kümmert sich in unregelmäßigen Abständen um alles, was im Fußball-Zirkus abseits des Rasens passiert. Heute leider wieder mit: Rassismus. Rassismus. Und Nationalismus.

Nur ein Slogan? "No to Racism"-Wimpel der UEFA | Foto: Lennart Preiss/Bongarts/Getty Images

Es scheint zur unschönen Tradition zu werden, dass es in dieser Kolumne um Rassismus geht. Mal wieder. Während es beim letzten Mal noch der Schalke-Boss Clemens Tönnies und die Springer-Kampagne gegen Bakary Jatta waren, die uns dazu veranlassten, Buchstaben-Ansammlungen zu produzieren, geht das nun angesichts der letzten Tage im Weltfußball munter weiter.

Dass sich Inter-Neuzugang Romelu Lukaku zur Begrüßung in Bella Italia erst einmal Affenlaute und sonstige rassistische Beleidigungen bei einem Spiel in Cagliari reinziehen musste, darauf nach dem Spiel reagierte und dann sinngemäß von den eigenen Fans erklärt bekam, er solle sich doch bitte mal nicht so anstellen, ist angesichts der jüngsten Ereignisse schon fast vergessen. Das sei doch kein Rassismus, erklärte man dem Belgier. Capisce?

Dann lieber leere Stadien

Aber gut: Wenn das so ist, dann hat die einst mit Weltruhm ausgestattete Serie A immerhin etwas ganz exklusiv: Die erste Liga Italiens ist dann schließlich die mutmaßlich einzige, in der die Spieler sich freuen, wenn das Stadion so gut wie leer bleibt. Bei diesem Unique Selling Point bleibt uns nur zu sagen: Benvenuti in Italia!

Dass Rassismus aber kein Problem ist, das sich nur auf eine Nation oder Liga beschränken würde, geht zum einen bereits aus der Erinnerung an den Fall Tönnies hervor. Zum anderen hat Bulgarien zu Wochenbeginn noch einmal nachdrücklich den Beweis dafür geliefert.

Abbrechen oder nicht? Gareth Southgate (2. v.l.) im Gespräch mit Offiziellen | Foto: NIKOLAY DOYCHINOV/AFP via Getty Images

Beim Gastspiel der englischen Nationalmannschaft im Zuge der EM-Qualifikation kam es in Sofia zu ekelhaften Szenen: Ohne jede Scham reckten bulgarische Fans den Arm zum Hitlergruß und begleiteten Ballbesitzphasen dunkelhäutiger englischer Spieler mit Affenlauten. Zweimal wurde die Partie unterbrochen, schließlich aber doch noch beendet. Die „Three Lions“ gingen mit einem deutlichen 6:0-Sieg vom Platz. Mit Regierungschef Boiko Borisswo wurde in der Folge von höchster Stelle erfolgreich der Rücktritt des Präsidenten des bulgarischen Fußballverbands gefordert, sechs Personen wurden unterdessen festgenommen und die UEFA ermittelt ebenfalls.

„Antwort auf dem Platz gegeben“ – hä?

England habe „die Antwort auf dem Platz gegeben“, konnte man danach übrigens überall lesen. Die Mannschaft um Trainer Gareth Southgate und Kapitän Harry Kane erklärte nach der Partie, man habe sich gemeinschaftlich dazu entschieden, das Spiel zu beenden, um ein Zeichen gegen Rassimus zu setzen. Das klingt zwar super souverän, ist aber ziemlicher Quatsch. Man kann auf Rassismus nicht sportlich antworten. Ein Sportergebnis bleibt ein Sportergebnis. Rassismus bleibt Rassismus – auch wenn man gerade gewinnt. Mit Faschisten und Rassisten redet man nicht, also spielt man auch nicht zu ihrer Unterhaltung weiter Fußball. Alles andere ist nur mehr oder weniger widerwillige Resignation.

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Erst wenn derartige Vorfälle rigoros geahndet und mit sofortigen Konsequenzen quittiert werden, kann man auf eine nachhaltige Besserung hoffen. Populäre Mannschaften wie die „Three Lions“ könnten durch Taten den Druck auf die Verbände massiv erhöhen. So gibt es aber drei Punkte für England und der europäische Fußballverband kriegt es immerhin mit Boris Johnson zu tun. Und das kann nun wirklich niemand bei der UEFA wollen. Vielleicht ist ein wirrer Brief vom englischen Premier also am Ende sogar effektiver als die vermeintliche „Antwort auf dem Platz“, die England glaubt gegeben zu haben.

Diesmal kein Militärgruß bei Kaan Ayhan | Foto: ALAIN JOCARD/AFP via Getty Images

Merkwürdige Handzeichen findet man dieser Tage aber nicht nur neben, sondern leider auch auf dem Platz. Besonders „schön“ war in diesem Zusammenhang wie Fortuna Düsseldorf den Militärgruß ihrer türkischen Nationalspieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman beim Länderspiel der Türkei kommentierte. „Beide Akteure versicherten, dass es sich lediglich um eine Solidaritätsbekundung für Soldaten und ihre Angehörigen handelte, verbunden mit dem Wunsch, dass sie wieder gesund zu ihren Familien zurückkehren können.“ Als wäre das eine ganz normale Haltung bei einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf Kosten einer ethnischen Minderheit.

Oder soll man es lassen?

Immerhin: Beim nächsten Spiel am Montagabend traf Ayhan prompt für sein Land gegen Frankreich und verzichtete diesmal auf den Militärgruß – zum sofort sichtbaren Ärger von Mitspieler Merih Demiral und dem etwas später sichtbaren vieler Landsleute. Zwischendurch versahen die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can auch noch Instagram-Fotos des türkischen Propaganda-Jubels mit Likes, was wiederum den Springer-Verlag auf den Plan rief. Anstrengende Zeiten.

Wie Tönnies und Lukaku zuletzt wieder gezeigt haben, ist aber bereits im Vereinskontext schon mehr als genug Arbeit in Sachen Rassimus und Nationalismus zu leisten. Über Sexismus haben wir heute noch gar nicht gesprochen. Angesichts dieser Fascho-Festspiele des Weltfußballs in den letzten Tagen nun also ein wirksamer Vorschlag zur Güte, der die Rassisten und Nationalisten aller Länder empfindlich treffen dürfte: Länderspiele einfach abschaffen. Denn wichtig ist neben dem Platz.

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