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Kolumnen

Wichtig ist neben dem Platz: Von „Better call Aytekin“ und einem Wiedersehen mit Schmadtke

„Wichtig ist auf’m Platz?“ – von wegen! Unsere Kolumne kümmert sich in unregelmäßigen Abständen um alles, was im Bundesliga-Zirkus abseits des Rasens passiert. Heute mit: Videoschiedsrichtern im Keller, Stimmungsboykott in Berlin, Bakery Jatta in der „Bild“ und Jörg Schmadtke in einer ungewollten Hauptrolle.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Was haben wir das vermisst! Nein, nicht die krachenden Tore, fantastischen Paraden oder die knirschenden Zweikämpfe. Das ist zwar alles schön und gut und das Fundament von allem, doch so richtig interessant wird der ganze Fußball doch erst, wenn es nicht mehr um das runde Leder oder darum geht, ob ein 4-5-1- nun besser funktioniert hätte als ein 4-4-2-System. Das ist ja was für Nerds, nichts für normale Leute. Der Zirkus Bundesliga hingegen, der ist für alle da! Also Vorhang auf und Manege frei für die große deutsche Fußball-Soap. In mindestens 34 Episoden wird uns dieser Höhepunkt der deutschen Unterhaltungskultur nun begleiten. Und das „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ für Freunde des runden Leders sorgt schon bei der Premierenvorstellung in diesem Jahr für ordentlich Tohuwabohu. Ja, ja Dortmund hat gewonnen, Bayern nicht. Wie spannend. Und nun auch noch Coutinho!

Doch vermisst haben wir doch eigentlich etwas anderes. Und so beschäftigen auch an diesem Montag wichtige Fragen die Gazetten: Wieso hat der Videoschiedsrichter dem 1. FC Köln in Wolfsburg trotz deutlich sichtbarem Foulspiel einen Elfmeter verwehrt? Ist es richtig oder falsch, dass die Fans von Union Berlin beim ersten Bundesliga-Spiel einen Stimmungsboykott abgehalten haben, weil der Gegner ausgerechnet Red Bull Leipzig hieß? Ist – oh Gott, oh Gott – Bakery Jatta eigentlich Bakary Daffeh? Und noch wichtiger, vor allem in der Domstadt: Stürzt Jörg Schmadtke den 1. FC Köln mit seinem angedrohten Vereinsaustritt ins Chaos? Ihr seht schon: Wichtig ist neben dem Platz!

Videoschiedsrichterei mit Spin-off-Potenzial

Nun zieht sich die Videoschiedsrichter-Debatte schon länger durch die Bundesliga-Soap. Der Kölner Keller taugt fast schon als Spin-off der Hauptserie – er ist sozusagen das „Better call Aytekin“ des fußballerischen „Judging Bad“-Hauptprogramms. Nur wird das irgendwie langsam auch langweilig. Mal liegen sie richtig, mal liegen sie falsch – ob im Keller oder auf dem Platz. Und das Ende der Geschichte kennt ja auch schon jeder: Der 1. FC Köln steigt (natürlich nur aufgrund ungerechter Schiedsrichter-Entscheidungen) ab. Mal wieder. Was dem Kinomacher die harmlose Romcom mit großen Stars in den Hauptrollen ist, ist den Bundesliga-Drehbuchschreibern die Kombination aus Geißbock und Schiedsrichterentscheidungen – das tragikomische Drama, ein sicherer Schuss.

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Eine ähnlich solide Nummer: Die Geschichte von David gegen Goliath, am Wochenende dargestellt von Union Berlin und Red Bull Leipzig. Da hat es der sympathische Verein aus Köpenick endlich mit der Steinschleuder in die Bundesliga geschafft – und kriegt zur Begrüßung ein Heimspiel gegen das Leipziger Projekt auf finanziellen Steroiden geschenkt. Danke für nichts, wird man sich bei den Eisernen gedacht haben. Die Berliner Fans blieben sich daher auch treu und zeigten ihr Missfallen über Spielplan und Gegner im Allgemeinen mit einem Stimmungsboykott in den ersten 15 Minuten.

Traurig sei es, dass die Mannschaft ohne Unterstützung von Beginn an antreten müsse, sagen nun die einen. Dass die Fans ein Recht darauf hätten, ihre Meinung kund zu tun und keine Stimmungsdienstleister seien, sagen die anderen. Na gut, machen wir es kurz: Die anderen haben Recht. Denn die einen teilen ihre Ansicht mit Alfred Draxler von der „BILD“ – und das darf gemeinhin als guter Indikator dafür gelten, dass man falsch liegt.

Bakery who? Bakery Jatta!

Falsch erscheint auch der Umgang mit einem anderen Fall, der zwar eigentlich nur die zweite Bundesliga betrifft, aber dank der eben angesprochenen „BILD“-Zeitung zum Thema für ganz Fußball-Deutschland geworden ist. Denn das unbrauchbare Boulevardblatt hat HSV-Spieler Bakery Jatta kürzlich unterstellt, eigentlich gar nicht Bakery Jatta, sondern Bakary Daffeh zu sein. Beweisen kann der Springer Verlag bis heute keinen dieser Vorwürfe, was ihn natürlich nicht davon abgehalten hat, die Story zu bringen. Ein Flüchtling, der seine Identität gefälscht hat und nun in der Bundesliga kickt? Es muss den „BILD“-Redakteuren ein inneres Blumenpflücken gewesen sein, diese unschlagbare Kombination aus den klickträchtigen Schlagworten Fußball, Migration und Kriminalität in den Händen zu halten – ob die Story auch stimmt, interessiert da doch nicht mehr.

Bisher deutet übrigens nichts darauf hin, dass Jatta seine Identität gefälscht haben könnte. Es gibt weder Belege noch eine Anklageerhebung – in einem Land, in dem die Unschuldsvermutung rechtlicher Grundsatz ist, liegt also nüchtern betrachtet überhaupt nichts auf dem Tisch. Das hat allerdings weder den 1. FC Nürnberg noch den VfL Bochum davon abgehalten, sich mit einem Einspruch gegen die Wertung ihrer Spiele gegen den HSV zum Horst zu machen. Man habe ja keine andere Wahl, schließlich müsse man eventuell haften, sollten die Vorwürfe gegen Jatta zutreffen und man hätte auf den Einspruch verzichtet, so die Leier.

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Wie diese Haftung hergestellt werden soll, wenn gegen den Spieler zum Zeitpunkt der Partie faktisch nichts vorzubringen ist, verraten aber weder die Franken noch die Bochumer – aber vor Gericht und auf hoher See ist man ja bekanntlich „in Gottes Hand“. Deshalb macht man sich ohne erkennbare Not oder nachvollziehbare Argumentation zum Storytelling-Komplizen eines Boulevardblatts – und sammelt damit eigentlich nur die Herzchen von flüchtlingsfeindlichen AfD-Wählern mit Speichel in den Mundwinkeln ein. Herzlichen Glückwunsch!

Wiedersehen mit Schmadtke

Nun bleibt noch die wichtigste Frage offen: Gründen Dietmar Hopp und Jörg Schmadtke bald eine Selbsthilfegruppe für Männer, die in Fußballstadien beleidigt werden? Während das Thema Hopp nach einem Spieltag noch seinen Sommerschlaf abhält, hat der ehemalige Kölner beim Gastspiel seines Ex-Clubs bei seinem neuen Arbeitgeber von den FC-Fans eher unfreundliche Grüße bekommen. Neben einer Beleidigung wegen der hohen Abfindung, die Schmadtke bei seinem Abschied aus der Domstadt kassiert hat, schallten auch geschmacklose Sprüche bezüglich des Privatlebens des Ex-Managers durch das Stadion. Belassen wir es an dieser Stelle bei einem ganz allgemeingültigen Hinweis: Wenn zwei Männer sich streiten, muss der Grund dafür nicht immer eine Frau sein. Stellt euch das mal vor!

COLOGNE, GERMANY - SEPTEMBER 28: FC Koeln Sporting director, Jorg Schmadtke looks on during the UEFA Europa League group H match between 1. FC Koeln and Crvena Zvezda at RheinEnergieStadion on September 28, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)

Ex-FC-Manager Jörg Schmadtke | Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Die Aufregung war jedenfalls groß. FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle entschuldige sich prompt im Namen des Clubs beim geschmähten Schmadtke, der wiederum nutzte einen Auftritt im „Doppelpass“ zur Attacke auf Vorstand und Gremien des 1. FC Köln, die sich nicht zu den Gesängen geäußert hatten. Ein Unding – findet, wenn man dem „Geissblog.Koeln“ Glauben schenken darf, auch Wehrle, der den Vorfall intern angeblich nutzte, um Interimspräsident Stefan Müller-Römer zu kritisieren. Der wollte sich nämlich, so war es den Gazetten zuverlässig zu entnehmen, nicht weiter zu der Fan-Attacke auf Schmadtke äußern. Wehrle hatte das ja bereits getan.

Die Gerichte beim DFB wollen jedenfalls nicht handeln und liefern dafür eine schöne Begründung: „Sonst müssten wir nahezu bei jedem Spiel aktiv werden“, ließ Chefankläger Anton Nachreiner den „Express“ wissen. Wird Schmadtke dennoch seine Drohung (haha) wahr machen und seine Mitgliedschaft beim 1. FC Köln beenden? Das bleibt unterm Strich die spannendste Frage. Und natürlich, ob sich die Geißböcke davon jemals erholen könnten. Man weiß es nicht.

Tönnies? Schnee von gestern

Was man nach dem ersten Spieltag jedoch weiß, ist, dass im Bundesliga-Zirkus das Unwichtige auch in dieser Saison Vorrang vor dem Wichtigen haben wird. Oder hat noch jemand kritische Stimmen in Richtung Schalke 04 und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, der mit rassistischen Bemerkungen für Wirbel gesorgt hatte, gehört? Wir auch nicht. Das Thema scheint abgehakt – dafür haben die Tönnies‘ Buddies in den letzten Tagen genauso gesorgt wie die DFB-Ethikkommission, die ihre Entscheidung über Tönnies einfach mal auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Ist ja auch nicht so wichtig.

Das hat man sich wohl auch in der Kölner Presselandschaft letzte Woche gedacht, als Köln-Vorstand Stefan Müller-Römer sich als einer der wenigen im Fußball-Business mit deutlicher Kritik an Tönnies zu Wort gemeldet hatte. Weder im „Kölner Stadt-Anzeiger“, in der „Kölnischen Rundschau“, beim „Geissblog.Koeln“ oder im „Express“ konnte man die klugen Aussagen des Interimspräsidenten lesen, während zuvor alle brav weiterverbreitet hatten, was Geschäftsführer Armin Veh zum Fall zu sagen hatte. Aber so ist das eben im Bundesliga-Zirkus: Bei dem einen zählt, was er sagt (Veh, Wehrle, Kölner Fans, BILD-Zeitung), beim anderen offenbar eher, was er nicht sagt (Müller-Römer, Berliner Fans). Hach, was haben wir das vermisst.

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