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Interviews

„Scoring Girls“-Gründerin Tuğba Tekkal im Interview: „Der Fußball kann mehr leisten, als er gegenwärtig tut“

Der DFB zeichnet Tuğba Tekkals Integrationsinitiative „Scoring Girls“ mit dem renommierten Julius Hirsch Preis aus. Im Interview spricht die ehemalige Spielerin des 1. FC Köln über ihre Motivation, die Intention des Projekts und die Unterstützung ihres Herzensvereins.

Tugba Tekkal Scoring Girls

Interview: Ruben Gerczikow

Ein von der Stiftung 1. FC Köln unterstütztes Projekt erhält 2020 den Julius Hirsch Preis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Scoring Girls“, eine Integrationsinitiative der von der ehemaligen FC-Spielerin Tuğba Tekkal mitgegründeten Organisation HAWAR.help, erhält in diesem Jahr die renommierte Auszeichnung. Seit 2005 ehrt der DFB Vereine, Institutionen und Einzelpersonen, die sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung einsetzen, mit dem Preis in Erinnerung an den 1943 in Auschwitz ermordeten Nationalspieler.

In Köln und neuerdings auch in Berlin bietet „Scoring Girls“ unter der Leitung der ehemaligen Bundesligaspielerin Tekkal Fußballtrainings und begleitende Programme für Mädchen mit und ohne Fluchterfahrung an und versucht den Teilnehmerinnen dabei wichtige Impulse zu vermitteln, um selbstbewusst und selbstbestimmt ihre Persönlichkeit, ihre Stärken und ihre Chancen entdecken und entwickeln zu können. Rund 60 Mädchen im Alter von acht bis 18 Jahren nehmen derzeit an den Angeboten der 2016 ins Leben gerufenen Initiative teil. Mit Tuğba Tekkal sprechen wir über ihre Motivation, die Intention des preisgekrönten Projekts und das Engagement des 1. FC Köln.

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Tuğba, warum hast du das Projekt „Scoring Girls“ ins Leben gerufen?

Ich habe ja gemeinsam mit meinen Schwestern HAWAR.help gegründet. Später habe ich mir persönlich nochmals die Frage gestellt, was ich darüber hinaus machen kann. Man kann Menschen mit sehr vielen Sachen helfen. Aufgrund meiner fußballerischen Aktivitäten kam ich dann auf die Idee, ein Fußball-Projekt zu gründen. Ich habe mir fest vorgenommen, bedingt durch meine persönliche Geschichte, anderen jungen Mädchen eine unterstützende Möglichkeit zu bieten. Als sechs- oder siebenjähriges Mädchen war ich früher mit meinen Brüdern oft auf dem Bolzplatz kicken. Die meinten dann, ich solle doch einem Verein beitreten. Das habe ich dann auch gemacht, aber habe es erst einmal vor meinen Eltern verheimlicht. Der Fußball hat mich stärker und selbstbewusster gemacht. Meine Schulnoten wurden auch besser. Diesen Weg möchte ich mit unseren jungen Mädchen gehen und ihnen dabei helfen, die Steine aus ihrem Weg zu räumen.

„Bei mir war es so, dass meine Mitspielerinnen und mein Lieblingsclub beziehungsweise Herzensverein, der 1. FC Köln, zu tausend Prozent hinter mir standen. Genauso standen unsere Fans hinter mir. Daher habe ich mich immer sehr stark gefühlt.“

Du hast in deiner aktiven Zeit als Fußballerin öfters mit Rassismus zu kämpfen gehabt. Wie bist du damit umgegangen und was kann der Fußball im Kampf gegen Diskriminierung leisten?

In meiner aktiven Zeit wurde ich unter anderem von der Tribüne als „Dönerspieß“ beleidigt. Ich bin der Meinung, dass der Fußball eine ganz wichtige Verantwortung hat und mehr leisten kann, als er gegenwärtig tut. Es ist wichtig, über Lippenbekenntnisse hinauszugehen. Heute noch müssen wir dagegen kämpfen, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die mit Herzblut für ihren Verein spielen, mit Affenlauten diskriminiert werden. Bei solchen Vorfällen braucht es Sanktionen von Seite der Vereine und Verbänden. Die betroffenen Personen müssen mehr Unterstützung erfahren, um noch stärker dagegen anzukämpfen. Bei mir persönlich war es glücklicherweise so, dass meine Mitspielerinnen und mein Lieblingsclub beziehungsweise Herzensverein, der 1. FC Köln, zu tausend Prozent hinter mir standen. Genauso standen unsere Fans hinter mir. Daher habe ich mich immer sehr stark gefühlt.

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Julius Hirsch wurde aufgrund seiner Religion verfolgt und ermordet. Du gehörst der jesidischen Glaubensgemeinschaft an, die auch über Jahrhunderte Verfolgung und Genozide erlebt hat. Wie setzt ihr euch bei HAWAR.help für einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt ein?

Es geht um die Sichtbarkeit von religiösen Minderheiten und Minderheiten im Allgemeinen. Wir wollen ihnen eine Stimme und ein Gesicht geben. Sie brechen das Schweigen und wir geben ihnen eine Plattform. Für uns ist es sehr wichtig, sie von ihrem Weg als Opfer zu „Agents of Change“ zu begleiten. Als Juden und Jesiden sind wir in einem Ausnahmezustand geboren, weil wir eben verfolgt werden, seit es uns gibt. Deswegen kämpfen wir auch für die verbriefte Lebensberechtigung. Es geht primär um selbstverständliches deutsch-jesidisches, deutsch-jüdisches, deutsch-muslimisches Leben in der Diaspora. Diese Diaspora soll mit Power und Stärke verbunden wird. Nicht nur mit Schmerz und Opferrolle. Wir sind im Schmerz geboren, aber wollen diese offene Wunde schließen!

Was bedeutet der Julius Hirsch Preis für dich persönlich?

Für mich ist die Auszeichnung mit dem Julius Hirsch Preis etwas ganz besonderes. Julius Hirsch hat im Fußball seine Zuflucht gesucht. Am Ende war seine Zuflucht geprägt von diversen Repressalien bis hin zu seiner Ermordung. Seine Geschichte zu hören ist für mich unerträglich. Gleichzeitig zeigt seine Geschichte, wie wichtig es ist, sich für unsere demokratischen Werte und gegen Diskriminierung einzusetzen. Aus diesem Grund ist dieser Preis für uns von HAWAR.help, als Menschenrechtsorganisation, natürlich etwas ganz Besonderes. Auch in der Begründung der Jury steht: „Dieses Engagement (…) verbindet den Verein in enger Weise mit dem Preis in Erinnerung an Julius Hirsch.“ Und wir als HAWAR.help sind genau aus diesem Grund geboren worden. Aufgrund dessen, dass Jesiden verfolgt wurden und man versucht hat, sie auszulöschen. Deshalb wurden wir ausgezeichnet, weil wir uns genau für so eine Sache einsetzen! Ich fühle mich sehr geehrt, weil ich wie Julius Hirsch eine Leidenschaft für diesen Sport habe.

„Seine Geschichte zu hören ist für mich unerträglich. Gleichzeitig zeigt seine Geschichte, wie wichtig es ist, sich für unsere demokratischen Werte und gegen Diskriminierung einzusetzen. Aus diesem Grund ist dieser Preis für uns von HAWAR.help, als Menschenrechtsorganisation, natürlich etwas ganz Besonderes.“

Die Stiftung des 1. FC Köln unterstützt die „Scoring Girls“. Wie genau sieht das aus?

Die Stiftung unterstützt uns unter anderem, in dem sie uns Plätze zur Verfügung stellen. Sie unterstützen uns aber auch finanziell. Zu Beginn des Projekts haben sie uns mit der Anfangsausrüstung wie Leibchen und Trikots ausgestattet. Dazu kommt der ideelle Wert. So wurden wir, vor der Corona-Pandemie, zu vielen Spielen der Profimannschaften der Herren und Frauen eingeladen. Das ist für unsere „Scoring Girls“ natürlich ein ganz besonderes Erlebnis. Dazu kommt die Identifikation mit dem 1. FC Köln, die für die Mädchen sehr wichtig ist. Sie tragen den Geißbock auf der Brust und wenn der größte Club der Stadt die dementsprechend noch unterstützt, ist es eine große Sache für sie. Als ehemalige Bundesligaspielerin des 1. FC Köln freue ich mich natürlich enorm über die Unterstützung der Stiftung für HAWAR.help und die „Scoring Girls“. Das macht mich mega stolz.

Tugba Tekkal Ruben Gerczikow Scoring Girls Hawar.help

Tugba Tekkal mit effzeh.com-Autor Ruben Gerczikow | Foto: facebook.com/ScoringGirls

Nach dem Auszeichnung mit dem Julius Hirsch Preis: Was steht als Nächstes bei HAWAR.Help und den „Scoring Girls“ an?

Wir haben jetzt begonnen, in Berlin zwei neue Standorte aufzubauen. Einmal in Marzahn-Hellersdorf und einmal in Lichtenberg. Wir haben die Standorte im Osten Berlins bewusst gewählt. Hier gibt es zum Beispiel einige Unterkünfte für Geflüchtete. Wir haben bereits über 40 Mädchen, die zwei Mal die Woche beim Training teilnehmen. Für uns ist klar, dass wir weitere Standorte eröffnen wollen. Wir träumen davon irgendwann ein Haus der Begegnung für die „Scoring Girls“ zu schaffen. Ein Ort, an dem viele verschiedene Mädchen aufeinandertreffen. Unser Ziel ist es, so viele interessierte Mädchen wie möglich zu erreichen. Sie sollen an sich glauben und wir wollen ihnen zukunftsorientiertes Träumen ermöglichen. Darüber hinaus wollen wir sie auf diesem Weg begleiten und ihre Träume wahr werden lassen.

https://www.instagram.com/p/CEl9kT9ilTo/

Abseits deines preisgekrönten Engagements: Am kommenden Wochenende startet für den 1. FC Köln die neue Saison. Was ist deine Prognose?

Ich wäre ja kein FC-Fan, wenn ich nicht optimistisch wäre. Deshalb sind meine Prognosen immer sehr positiv, auch wenn es dann meistens getrübt wird. (lacht) Ich hoffe zumindest, dass wir nicht gegen den Abstieg spielen und uns im Mittelfeld der Tabelle wiederfinden. Sollte der Traum von Europa wahr werden, dann würde ich mich natürlich nicht beschweren. Ob das alles realistisch ist? (lacht) Kann ich nicht wirklich sagen. Ich denke eher nicht. Aber wäre ich keine Optimistin und keine Träumerin, dann wäre ich weder FC-Fan und hätte nicht die „Scoring Girls“ ins Leben gerufen. Von daher bin ich ganz guter Dinge.

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