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Fankultur

St. Pauli-Antrag: Schweinchen Schlau schlägt zu

Kein TV-Geld mehr für Werksklubs – mit diesem Vorstoß erhitzt der FC St. Pauli die Gemüter in der Bundesliga. Der effzeh.com-Kommentar.

Bei St. Pauli kann man mit dem Titel "Schweinchen Schlau" offenbar gut leben | Foto: St. Pauli/Twitter

Kein TV-Geld mehr für Werksklubs – mit diesem Vorstoß erhitzt der FC St. Pauli die Gemüter in der Bundesliga. Die „Solidargemeinschaft“ werde dadurch ausgehebelt, erklären die Angegriffenen prompt und vergessen dabei, dass dies schon durch ihre bloße Existenz geschehen ist. Der effzeh.com-Kommentar. 

Neuer Wirbel, alte Diskussion: Der FC St. Pauli hat mit einem Antrag bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL), dem zu Folge alle Vereine, die von der 50+1-Regelung ausgenommen sind, keine Fernsehgelder mehr kassieren sollten, für scharfe Reaktionen auf Seiten der sogenannten Werksclubs gesorgt. Doch nicht nur die Verantwortlichen von Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen sind empört, auch Hannover-Chef Martin Kind, der seinen Verein in Zukunft gerne ebenfalls von der 50+1-Regelung entbinden würde, äußert deutlich sein Missfallen. „Mit dem Antrag auf Ausschluss unserer Klubs von der satzungsgemäß geregelten Verteilung der Vermarktungserlöse erklärt der Antragsteller die Aufkündigung der Solidargemeinschaft in der Bundesliga“, lassen die Geschäftsführer der sogenannten Werksclubs gemeinsam ausrichten. Das natürlich nur „sollte dieser Antrag – tatsächlich – ernst gemein sein“, so zumindest berichtet der „Kicker“ am heutigen Montag.

Aber von vorne: Die sogenannte 50+1-Regel besagt, dass nicht mehr als 49 Prozent eines Vereins an externe Investoren verkauft werden dürfen. Ein gänzlich durch die Interessen eines vorstehenden Wirtschaftsunternehmens gesteuerter Verein soll dadurch de jure verhindert werden. De Facto sieht das freilich anders aus, denn von dieser Regel gibt es – wie so oft im Leben – Ausnahmen.

So sind aktuell Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim von der Mehrheitspflicht befreit. In Hannover könnte die Ausnahmeregel bald eingeführt werden, da Präsident Martin Kind im Jahr 2017 zwanzig Jahre als Sponsor aufgetreten ist – unter diesen Umständen kann ein Verein beziehungsweise sein Investor von der geltenden Regelung entbunden werden. Dieser Wettbewerbsvorteil soll, wenn es nach den Hamburgern geht, an anderer Stelle wieder ausgeglichen werden. Und zwar bei der Fernseh- und Gruppenvermarktung.

Werksclubs empört über „Schweinchen Schlau“

Diese Instrumente regeln bei der DFL die Verteilung der Gelder, die durch die zentrale Vermarktung der Bundesligen eingenommen werden. Derzeit geschieht dies anhand der sogenannten Fünfjahreswertung. Dort wird das sportliche Abschneiden der Vereine in den letzten fünf Jahren erfasst – je besser die Platzierung ausfällt, desto mehr Geld gibt es für den Klub. Über diese Methode wird regelmäßig intensiv gestritten. So führen zum Beispiel Topklubs wie der FC Bayern als Argument ins Feld, dass sie ohne Zentralvermarktung viel besser dran wären – es sei also eher großmütiges Gemeinschaftsgefühl, dass man bei der Umverteilung in dieser Form überhaupt mitmache.

Richtet man den Blick zum Beispiel nach Spanien, wird man schnell feststellen, dass der Rekordmeister nicht ganz unrecht hat. Durch die starke internationale Marke, die sich die Bayern durch ihre sportlichen Erfolge aufgebaut haben, wären sie mit der Eigenvermarktung vermutlich ähnlich gut dran wie Real Madrid oder der FC Barcelona, die dieses Modell bereits praktizieren. Doch die Kehrseite wäre, dass kleinere Vereine nur schwerlich gute Erlöse erzielen könnten – auch das sieht man in den Niederrungen der spanischen Tabelle nur allzu gut.

„Populistisch, unnötig, enttäuschend“

Diese Argumentation probieren sich nun auch die Werksclub-Vertreter in ihrer Antwort auf den Hamburger Vorstoß zu eigen zu machen. Schließlich sei die Verteilung der TV-Gelder „ein signifikanter Ausdruck der Solidargemeinschaft der Vereine“, heißt es in dem Schreiben, das dem „Kicker“ vorliegt. Außerdem sei der „Solidargedanke sogar so ausgeprägt, dass die Vereine der 2. Bundesliga auch von der regelmäßigen Teilnahme von Bayer Leverkusen und des VfL Wolfsburg an den internationalen Wettbewerben der UEFA beteiligt werden.“

In den Augen der Verantwortlichen ist der Antrag von St. Pauli deshalb ein Affront. Oder um bei den Worten von Leverkusen-Boss Rudi Völler zu bleiben: „Ein bisschen populistisch, unnötig, nicht in Ordnung und enttäuschend“, sei der Vorstoß. St. Pauli-Chef Andreas Rettig benehme sich wie „Schweinchen Schlau“. Man ist geneigt anzufügen, dass Völler sich mit all diesen Attributen selbst bestens auskennt.

Sägen am eigenen Ast?

Doch bei St. Pauli ist nicht irgendwer Geschäftsführer, sondern der Andreas Rettig, der vor seinem Engagement in Hamburg Geschäftsführer der DFL war – also bei der Organisation, an die er nun seinen Antrag richtet. Angesichts dieser Umstände wäre es doch sehr überraschend, wenn Rettigs Vorstoß juristisch nicht wohl überlegt wäre. Doch auch unabhängig davon weißt die Replik der Werksvereine argumentative Mängel auf. Man muss wirklich kein Ketzer sein, um die Frage zu stellen, ob der „Solidargedanke“ innerhalb des deutschen Fußballs nicht allein schon durch die Existenz der Ausnahmeregel für Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim „aufgekündigt“ ist. Schließlich bedeutet die Regel die unausgeglichene Bevorteilung einzelner Vereine – nach Solidarität klingt das nicht gerade.

Auch der Hinweis auf die international erspielten Einnahmen ist als Argument in dieser Frage untauglich. Denn jedes Jahr nehmen deutsche Vereine an Europa- und Champions League teil – ohne die Ausnahmeregelungen wären das vermutlich aber nur selten der VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen, sondern eben andere, vermutlich traditionsreichere Vereine. Die Einnahmen, die danach weiterverteilt würden, blieben innerhalb der Solidargemeinschaft jedoch die gleichen.

Drohen spanische Verhältnisse?

Während man mit diesen Argumenten also nicht weit zu kommen scheint, führen die Werksvereine noch einen weiteren Punkt ins Feld. Denn im Ausschluss von den TV-Geldern sehen die Herrschaften das „natürliche Ende“ der Zentralvermarktung in der Bundesliga. Damit wären die „finanziellen Interessen“ aller Klubs gefährdet. Der Zweitligaverein „sägt am Ast, auf dem die Vereine der 2. Liga sitzen“, heißt es weiter. Das ist eine offene Drohung mit dem Szenario der Einzelvermarktung, wie sie – siehe oben – in Spanien schon üblich ist. Gerade kleine Vereine in der zweiten Liga dürften dieses Modell scheuen. St. Pauli hätte jedoch auf Grund seines Bekanntheitsgrades deutlich bessere Voraussetzung als andere Clubs.

Mit Blick auf die erste Liga hätten gerade die Werksclubs, die mit ihren direkten Duellen immer für die schlechtesten TV-Quoten der ganzen Saison sorgen, keinen wirklichen Vorteil von der Einzelvermarktung, während Traditionsclubs wie Schalke, Hamburg, Stuttgart oder eben Köln vermutlich auch mit diesem Modell gute Einnahmen erzielen könnten.

Solidargemeinschaft, welche Solidargemeinschaft?

Doch die Einzelvermarktung ist gar nicht das Ziel der Hamburger. Auch wenn die Angegriffenen reflexartig die „Solidargemeinschaft“ in Gefahr sehen, ist die Sachlage doch eine andere. Denn aus Sicht von St. Pauli geht es vielmehr darum ebendiese Solidargemeinschaft wieder herzustellen. Wer in Rettigs Vorstoß einen Affront sieht, der muss schließlich auch so konsequent sein und eingestehen: Durch die Ausnahmen von der 50+1-Regel ist die „Solidargemeinschaft“ doch eh schon außer Kraft gesetzt. Schließlich stellt sie eine ungleiche Behandlung eigentlich gleichwertiger Mitglieder der Gemeinschaft dar.

Nun ist nicht zu erwarten, dass sich bei der DFL-Mitgliederversammlung am 2. Dezember eine Mehrheit für den Vorschlag aus Hamburg finden wird – zumindest wäre das überraschend, wenn man sich den meist freundschaftlichen Umgang der Klubs untereinander anschaut. Zwar ist der Antrag juristisch vermutlich zulässig, doch dass neben St. Pauli noch genügend andere Klubs den offenen Bruch mit den Werksclubs und somit die aktuelle Verteilungspraxis riskieren, ist überaus fraglich.

Dabei sollte es auch aus Sicht von Traditionsvereinen wie dem 1. FC Köln Änderungswünsche bei den Vermarktungsregeln geben. Schließlich ist man mitgliedermäßig einer der größten Klubs des Landes, mobilisiert unzählige Fans und ist deutlich maßgeblicher für die „Faszination Bundesliga“ verantwortlich, als  Wolfsburg, Hoffenheim oder Leverkusen. Auf Duelle zwischen Dortmund und Schalke, Köln und Gladbach und Bremen und Hamburg fiebern ganze Regionen wochenlang hin – bei Spielen von Werksvereinen kann man das wirklich nicht behaupten. Ein Umstand, dem bei der Verteilung in der aktuellen Form jedoch keinerlei Rechnung getragen wird.

Grundwerte wiederherstellen, nicht gefährden

Somit ließe sich ins Feld führen, dass die Werksclubs durch ihre Ausnahmefinanzierung bessere Chancen haben, sportlich gut abzuschneiden, was ihnen wiederum mehr TV-Gelder in die Kasse spült. Die Bevorteilung potenziert sich dadurch sozusagen – und wird die Chancen kleinerer, finanzschwächerer Vereine mittel- und langfristig so nur noch weiter verringern.

Dass St. Pauli mit diesem Vorstoß nun dafür sorgt, dass dieses Thema auf die Agenda gehoben wird, ist richtig. Zur Mitgliederversammlung wollen die Hamburger ein abgeschwächtes Modell ihres Antrags vorstellen, bei dem die Werksclubs Abzüge in der Fünfjahreswertung erfahren und damit weniger abbekommen würden. Es wäre ein guter Schritt, um die Faszination der Bundesliga langfristig zu erhalten.

Dass ausgerechnet die Werksclubs die „Grundwerte des Fußballs“ in Gefahr sehen, mutet derweil skurril an. Schließlich würde der Antrag von St. Pauli diese „Grundwerte“ vielmehr wieder herstellen, als sie zu gefährden.

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