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Ehrentribüne

Rocco Kühn: „Sprintwerte wie Andy Möller, aber ’ne Ausdauer wie ming Oma!“

Wie ergeht es ehemaligen Jugendspielern des 1. FC Köln, die den Sprung zu den Profis nicht geschafft haben? effzeh.com-Autor Kurt Ludwigs traf Rocco Kühn, der 1993 von Frank Schaefer aus Dresden zum Nachwuchs der Geißböcke geholt wurde und zu den größten Nachwuchshoffnungen gehörte.

Die A-Jugend des 1.FC Köln 1994/95 Rocco Kühn mittlere Reihe ganz re. Foto: Hans Alfred Roth

Er setzte sich neben das Spielfeld und zog seine Stutzen aus. Er hatte noch einmal alles versucht, aber ein Tor war ihm nicht mehr vergönnt gewesen. Die kurzen Rufe der Trainer, das Keuchen der Akteure auf dem Feld, die Flüche nach einer verpassten Torchance, all dies drang kaum zu ihm durch. Er spürte die Wärme des Frühsommers, die sich an diesem 10. Juni 2012 wie ein Handtuch über den Platz gelegt hatte, mit dem Handrücken wischte er sich den Schweißfilm von seiner Stirn.

Einige Minuten zuvor hatte er eine Viertelstunde vor Ende des Spiels Deutz 05 gegen den Siegburger SV zum letzten Mal das Spielfeld als Aktiver verlassen. Die Spieler beider Mannschaften hatten ein Spalier gebildet, durch das er unter dem Beifall der Teams und der vielleicht 200 Zuschauer vom Platz gegangen war.

An der Außenlinie hatte einer seiner Mitspieler mit einem Holzbrett gewartet, das mit den Unterschriften des gesamten Teams versehen war, sowie mit einem Hammer und zwei Nägeln für seine Fußballschuhe. Die Trainer und Betreuer hatten ihn umarmt.

Diese Gesten hatten ihn berührt, in seinen Augenwinkeln hatte es verdächtig geschimmert. Er war einige Schritte weg von den Trainerbänken und Zuschauern gegangen und hatte sich diese Stelle gesucht. Er wollte einige Augenblicke allein sein, brauchte einen Moment der Ruhe. Trainer, Betreuer und Zuschauer konzentrierten sich derweil wieder auf das Spiel, das nach der Auswechselung wieder hin- und her wogte. Er kniff die Augen zusammen, die Sonne schien ihm ins Gesicht.

Erinnerungen an die Bolzplätze in Dresden

Ein Betreuer hatte ihm vorhin ein frisch gezapftes Glas Kölsch in die Hand gedrückt, das er nun gegen seine Schläfe hielt, um sie ein wenig zu kühlen. Er nahm einen großen Schluck, betrachtete danach das von der kalten Flüssigkeit beschlagene Glas. Seine Gedanken gingen weit zurück. Zu den Anfängen auf dem Bolzplatz in Dresden, zum ersten Oberligaspiel im alten Dynamo-Stadion, zu dem ihn sein ältester Bruder als Sechsjähriger mitgenommen hatte, zu seinem ersten Spiel in einem richtigen Fußballdress als Achtjähriger bei einem kleinen Dresdener Verein.

Er erinnerte sich, wie stolz er war, als er zum ersten Mal das Trikot mit dem großen „D“ auf der Brust überstreifen durfte oder als er vor seinem ersten Spiel für die deutsche Jugendnationalelf die Hymne hörte. Er dachte auch an die zwei Jahre beim 1. FC Köln, an das Auf und an das Ab dort und an die zahlreichen Amateurclubs im Umkreis dieser Millionenstadt, für die er die Fußballschuhe geschnürt hatte. Er blickte auf das Brett mit seinen aufgenagelten Schlappen. Das war‘s, dachte Rocco Kühn. Er nickte kaum merklich. Das war das Ende seiner Karriere.

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Die Anfänge in Dresden – auf dem Bolzplatz und  in den ersten Vereinen

Sieben Jahre später treffe ich Rocco Kühn in einem Café in Köln-Ehrenfeld. Es ist kurz nach Mittag, der Laden ist voll, ich kann mich glücklich preisen, noch einen freien Tisch ergattert zu haben. Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit kommt Rocco Kühn. Er sieht athletisch aus, ist nicht besonders groß, sein fester Händedruck ist jedoch kraftvoll und vermittelt etwas Zupackendes. Im Gespräch entpuppt er sich als Freund klarer Worte, der lebendig von seiner Laufbahn als Fußballer in Ost und West erzählt, ohne irgendetwas zu beschönigen.

Gebürtig stammt Kühn aus Dresden. Seine Eltern wählen den in der ehemaligen DDR gar nicht so selten vorkommenden Vornamen Rocco, weil sie vom Film „Rocco und seine Brüder“ fasziniert sind. Der 1960 entstandene Spielfilm des italienischen Starregisseurs Luchino Visconti wird in Rocco Kühns Geburtsjahr 1976 im DFF, dem Staatsfernsehen der DDR, ausgestrahlt und trifft nicht zuletzt wegen der Darstellung des Rocco durch den jungen Alain Delon auf große Resonanz.

Mit seinen beiden älteren Brüdern sammelt er auf einem Bolzplatz erste Erfahrungen im Umgang mit dem runden Leder und stellt sich dabei im Laufe der Zeit so geschickt an, dass sie ihm zureden, sich einem Fußballverein anzuschließen. Die Betriebssportgemeinschaft (kurz: BSG) Sachsenwerk Dresden wird der erste Club, dessen Trikot der inzwischen achtjährige Rocco überzieht.

„Gott hat mir schnelle Füße gegeben, auch wusste ich recht bald, dass das Runde ins Eckige muss,“ sagt Kühn. „Ich wurde Stürmer, meine Welt war der Strafraum, und ich erzielte Tore.“ Die Tore summieren sich, sein Talent spricht sich herum, mit 10 Jahren kommt er ins Bezirksleistungszentrum Dresden-Ost und läuft von da an für die BSG Empor Tabak Dresden auf.

Bei Dynamo Dresden: Rocco Kühn 6. v. li.; Sören Holz 7. v. li. Foto: privat

Hat er in seinem vorigen Verein zweimal pro Woche trainiert, muss er nun viermal in der Woche die Trainingsschuhe schnüren. „Wir haben uns vor allem in fußballspezifischen Fertigkeiten geübt,“ erzählt Kühn. „Ballbehandlung, Spielformen und Schusstechniken waren dabei die hauptsächlichen Trainingsinhalte. Der Ball stand immer im Mittelpunkt, Ausdauerläufe haben wir nie gemacht, auch später bei Dynamo Dresden nicht. Die Kondition holten wir uns in ballorientierten Übungsformen.“

Aufnahme in eine Eliteschule des Sports und Wechsel zu Dynamo Dresden

Auch hier erzielt er Tore, viele Tore, wird in die Bezirksauswahl Dresden berufen und sticht mit seinen Leistungen so heraus, dass man ihn Anfang 1989 auf die Aufnahmeprüfung für die Deutsche Kinder- und Jugendsportschule Dresden vorbereitet. „Auch bei der Aufnahmeprüfung wurden in erster Linie fußballspezifische Anforderungen an uns gestellt,“ erinnert sich der frühere Dresdener. Aus der großen Zahl der Bewerber ist er einer von sieben Glücklichen, die die Prüfung bestehen und in diese Elitesportschule aufgenommen werden. Damit verbunden ist ein Wechsel zu Dynamo Dresden, seinem Herzensverein.

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