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Deutschland: Eigentlich paradiesische Zustände für Fans

Doch auch wenn der Ruf der Ultras in Deutschland nicht gut ist, könnte es schlimmer sein: In Italien beispielsweise, der Geburtsstätte der Ultra-Bewegung, wurde erst vor wenigen Monaten beschlossen, die ungeliebte „Fan-Karte“ (tessera del tifoso) in den nächsten drei Jahren abzuschaffen. In der Saison 2009/2010 war diese eingeführt worden, um „Gewalttäter“ aus dem Stadion fernzuhalten und wieder mehr Familien zu locken, wie es Kai Tippmann auf seinem Blog altravita.com beschreibt. Er konstatiert: „Als Sieg würde ich die Abschaffung der Tessera aber nur bezeichnen, wenn sich die italienischen Ultragruppen in ihren Protesten nun gemeinsam auf die tatsächlichen und weiter bestehenden Repressionsmaßnahmen konzentrieren würden, anstatt sich in sterilen Kämpfen von „Tesserati“ gegen „Non-Tesserati“ aufzureiben.“ Über mehrere Jahre also war es in Italien nicht möglich, sich für ein Auswärtsspiel seines Vereins spontan eine Karte zu kaufen. Dort bleibt es aber trotzdem an der Tagesordnung, dass alle Eintrittskarten namensgebunden verkauft werden – man stelle sich diese Zustände einmal in Deutschland vor.

Positiv ist, dass Zuschauerzahlen und Dauerkartenverkäufe in Italien langsam aber sicher wieder ansteigen, auch mehr Trommeln und Banner sind in den Stadien wieder zu verzeichnen. In Frankreich haben die Repressionsmaßnahmen in den letzten Jahrzehnten derweil ebenfalls zugenommen, seit Beginn der 2010er Jahre sogar „explosionsartig“, wie Louis es nennt. Diverse Gesetze erschwerten es den Fans, sich frei zu bewegen, von einem Dialog mit den Sicherheitsbehörden kann nach wie vor nicht die Rede sein.

Louis: Stadien als Labore für Repression

Fasst man alle die von Louis vorgetragenen Fakten und Entwicklungen zusammen, muss man mit einer der wichtigsten Thesen des Autors schließen: Er ist der Meinung, dass Sicherheitsbehörden in europäischen Ländern in den Fußballstadien Versuchslabore sehen. In diesen Versuchslaboren würden Maßnahmen umgesetzt, die man sich im Umgang mit normalen Bürgerinnen und Bürgern nicht erlauben würde – mit Billigung der Öffentlichkeit und der Medien, die Ultras immer wieder als „gewalttätig und gefährlich“ darstellen würden. „Die Ultras sind eine perfekte Kategorie, um verschiedenste Methoden der Wahrung der öffentlichen Sicherheit umzusetzen.“

Verfassungsrechtliche Prinzipien werden in Frage gestellt unter dem Vorwand, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten.“ Im November wurde beispielsweise ein Banner mit dem Schriftzug „Supporters, pas criminels“ verboten, was im etwa dem deutschen „Fußballfans sind keine Verbrecher“ entspricht. Für Louis sei dies ein Eingriff in die Meinungsfreiheit. In Italien sei es mittlerweile fast normal, dass heftig gepanzerte Fahrzeuge rund um die Stadien herum eingesetzt würden – diese sähe man sonst nur in Afghanistan oder dem Irak, so Louis.

Man geht nicht ins Stadion, um ein Spiel zu sehen, man geht dorthin für ein Erlebnis. Dazu gehört auch die Kurve.

Im Zuge der Entwicklung des Fußballs zu einer Unterhaltungsindustrie sei es ein Ziel geworden, die Ultras loszuwerden, die für den Fußball als Volkssport kämpfen. Louis nennt das wie folgt: Die Ultras „kämpfen für Werte, verlangen bezahlbare Eintrittspreise und stellen sich denen gegenüber, die im Fußball nur ein Mittel sehen, Geld zu verdienen oder geopolitische Interessen zu befriedigen. Sie möchten, dass ihr Klub jemandem gehört, der die Farben des Klubs liebt und nicht von jemandem, der den Klub für Eigeninteressen benutzt.“ Die Klubs hingegen seien sich durchaus der Tatsache bewusst, dass sie Ultras oder andere organisierte Fangruppen benötigten: „Man geht nicht ins Stadion, um ein Spiel zu sehen, man geht dorthin für ein Erlebnis. Dazu gehört auch die Kurve.“

Knapp 50 Jahre nach dem Aufkommen der Ultra-Bewegung lässt sich festhalten: Das Rad der Kommerzialisierung lässt sich nicht zurückdrehen, der Sport ist längst heillos zum Spielball monetärer Interessen geworden. Über Jahrzehnte hinweg beherbergten die europäischen Kurven die größte Jugendkultur, die mit vielfältigen Aktionen auf sich aufmerksam machte. In vielen europäischen Ländern ist diese Kultur fast gänzlich zum Erliegen gekommen, einzig in Deutschland besteht noch ein einigermaßen funktionales Verhältnis zwischen Ultras und Verband – Zeugnis davon ist zumindest die Dialogbereitschaft, die DFB und DFL gegen Ende des vergangenen Jahres signalisiert haben. Das hoffentlich bald anstehende Gespräch zwischen Fanvertretern und Funktionären scheint allerdings so etwas wie eine letzte Chance zu sein, den Fußball auch in Deutschland einigermaßen sozialverträglich und fanfreundlich zu erhalten.

Das Buch von Sébastien Louis lässt sich unter anderem hier erwerben, es ist bislang allerdings nur auf Französisch verfügbar.

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1 Kommentar

  1. Danke für den interessanten Artikel und den Buchhinweis! Das einzige was mich an Ihrem Artikel stört, Herr Steinberg, ist das von Ihnen oft benutzte Wort „Fan-Kultur“. Wenn ich ins Stadtion gehe und anfeuere, Beifall klatsche, mich mitfreue und mitleide, ist das „Kultur“? Ich gehe halt ins Stadtion und mache mit, mehr nicht. Wenn ich in der Pause eine Curry-Wurst esse, ist das „Kultur“? Ich esse halt eine Curry-Wurst, mehr nicht. Wenn ich nach dem Spiel mit meinen Kumpels in der Kneipe das Spiel diskutiere und zusammen mit denen feiere, ist das „Kultur“? Ich bin halt mit meinen Kumpels in der Kneipe, mehr nicht. Wenn ich dann zwischendurch mal auf den Klo gehe und dort Stuhlgang habe, ist das „Kultur“? Ich gehe halt auf den Klo, mehr nicht.
    Verstehen Sie? Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Beim Reden über die „Fan-Kultur“ gefällt mir der gehobene Ton nicht. Der hört sich in meinen Ohren ein wenig überheblich an. Wie heißt es manchmal im Laden: „Darf es auch ein bisschen weniger sein?“