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Linke und rechte Elemente finden sich bei den Ultras

Dementsprechend, so konstatiert er, würden sich heute noch linke wie rechte Elemente in der Ultra-Kultur finden. Dem linken Spektrum seien Dinge zuzuordnen wie der rote Stern als Emblem, der sich bei vielen Gruppierungen findet, sowie die erhobene Faust. Aber auch Verhaltensweisen und Aktivitäten wie etwa gemeinsame Fanmärsche (wie bei einer politischen Demonstration), Banner und Slogans seien aufgrund des Einflusses der politischen Linken bei Ultra-Gruppierungen zu sehen. Hinzu kommt, dass die Ultras Grundwerte vertreten, die prinzipiell eher links sind. Louis beschreibt dies wie folgt: „Solidarität zwischen allen Mitgliedern, Verteidigen des Fußballs als Volkssport, Brüderlichkeit und Inklusion“ seien tendenziell linke Elemente, während das Recht des Stärkeren und die identitfikationsstiftende Dimension der Ultras eher dem Einfluss rechter politischer Gruppen zuzuschreiben wären.

Gewalttätigkeit an sich sei jedoch kein Ultra-spezifisches Problem, hält Louis fest – der Fußball in Italien sei hingegen immer von Gewalt begleitet gewesen. „Zu viele Leute glauben, dass die Ultras die Gewalt in die Stadien gebracht hätten und dass es ein goldenes Zeitalter vor ihnen gegeben hätte, in dem man friedlich ins Stadion gehen konnte. Das ist schlichtweg falsch“, fasst der Historiker zusammen. Gewalt habe es schon seit langer Zeit gegeben, bereits zu Beginn des Jahrhunderts sogar. „Man muss den ganzen historischen und sozialen Kontext in den Blick nehmen, um Klischees über die Ultras und deren Bezug zu Gewalt zu vermeiden.“

Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Wesentliches Ziel: Unterstützung der eigenen Mannschaft

Die politischen Einflüsse auf die Ultra-Bewegung ließe sich zwar nicht leugnen, allerdings hätten die Ultras die Praktiken und Verhaltensweisen von ihrem politischen Inhalt befreit, wie Louis gegenüber „SoFoot“ unterstreicht: „Es sind in erster Linie militante Fußball-Aktivisten, ihr Grund ist ihre Mannschaft.“ Deswegen sei es auch nicht ungewöhnlich, dass sich linke wie rechte Gruppierungen in den Kurven fänden.

Ein für das Verständnis dieses Phänomens wichtiges Konzept erläutert Louis im Anschluss. Der US-amerikanische Schriftsteller Hakim Bey (mit bürgerlichem Namen Peter Lamborn Wilson) entwickelte das Konzept der „Temporären Autonomen Zonen“ (TAZ) in seinem gleichnamigen Buch, in dem er sich mit sozialen und politischen Aktionsformen auseinandersetzte, die einen kurzfristigen Freiraum von den ansonsten geltenden Gesetzen des umgebenden Systems ermöglichten. Eine TAZ wird in seinem Werk als Situation definiert, in der herrschende Ordnungen, Gesetze und Rituale zeitweise und ortsgebunden außer Kraft gesetzt werden – Autoritäten verlören darin ihre Macht, neue und bis dahin nicht vorhersagbare Erfahrungen würden möglich. Diese Vorstellung wird in den von Ultras belebten Kurven jedes Wochenende umgesetzt. Ansonsten finden sich die TAZ beispielsweise in den Loveparades, Hausbesetzungen, Flashmobs oder auch im Kölner Karneval, der seine Existenz ja aufgrund des Außer-Kraft-Tretens von normalen Regeln aufrechterhalten kann.

Die Umsetzung findet daher in der Gegenwart regelmäßig in einer der größten Jugendkulturen des Westens seine Umsetzung – in den Kurven können Drogen genommen, Banner hochgehalten und unflätige Gesänge gesungen werden, wie Louis es nennt. „In ganz Europa sind diese Kurven der Ort für die Freiheit der Jugendkultur. Diese Gruppierungen sind im Großteil sehr inklusiv. In einer Gesellschaft, in der die soziale Vermischung immer seltener wird, kann man in den Kurven junge Leute mit verschiedensten Biographien finden, mit eingeschränkter Mobilität oder Migrationshintergrund“, konstatiert er. Dass viele Ultra-Gruppierungen sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind, erkennt man deutschlandweit auch an unterschiedlichen Hilfs-Aktionen und dem Einsatz für soziale Zwecke vieler Gruppen – beispielhaft sei an dieser Stelle die Kleidersammlung für Kinder genannt, die eine Kölner Ultra-Gruppierung jedes Jahr aufs Neue durchführt.

Auf der nächsten Seite: Repressionen gegen Ultras als Mittel der Wahl

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1 Kommentar

  1. Danke für den interessanten Artikel und den Buchhinweis! Das einzige was mich an Ihrem Artikel stört, Herr Steinberg, ist das von Ihnen oft benutzte Wort „Fan-Kultur“. Wenn ich ins Stadtion gehe und anfeuere, Beifall klatsche, mich mitfreue und mitleide, ist das „Kultur“? Ich gehe halt ins Stadtion und mache mit, mehr nicht. Wenn ich in der Pause eine Curry-Wurst esse, ist das „Kultur“? Ich esse halt eine Curry-Wurst, mehr nicht. Wenn ich nach dem Spiel mit meinen Kumpels in der Kneipe das Spiel diskutiere und zusammen mit denen feiere, ist das „Kultur“? Ich bin halt mit meinen Kumpels in der Kneipe, mehr nicht. Wenn ich dann zwischendurch mal auf den Klo gehe und dort Stuhlgang habe, ist das „Kultur“? Ich gehe halt auf den Klo, mehr nicht.
    Verstehen Sie? Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Beim Reden über die „Fan-Kultur“ gefällt mir der gehobene Ton nicht. Der hört sich in meinen Ohren ein wenig überheblich an. Wie heißt es manchmal im Laden: „Darf es auch ein bisschen weniger sein?“