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Ehrentribüne

Lebenswege beim 1. FC Köln: Daniel Chitsulo – Fußballer zwischen zwei Welten

Wie ergeht es ehemaligen Jugendspielern des 1. FC Köln, die den Sprung zu den Profis nicht geschafft haben? effzeh.com-Autor Kurt Ludwigs sprach mit Daniel Chitsulo, der aus Malawi den Sprung ins Rheinland wagte und hier neben privatem Glück auch Marco Reus als Freund fand.

Daniel Chitsulo in der Saison 2005/06 Foto: imago images/Eduard Bopp

Als er die Augen öffnete, musste er einige Male blinzeln, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten. Er hörte ein leises Brummen wie von Motoren oder einem Triebwerk. Es dauerte einen Augenblick, bevor er wusste, wo er war. Sie waren vom Johannesburg International Airport abgeflogen, gestern am späten Abend. Die Kabine in der Business Class wurde durch den anbrechenden Tag erhellt.  Nicht wenige der Passagiere schliefen noch, ihre Sessel in Schlafposition. Er erinnerte sich an die freundliche Stewardess, die ihm beim Umklappen seines Sitzes geholfen hatte. Genüsslich reckte er sich, stand auf und brachte den Sitz wieder in seine ursprüngliche Position.

Gestern Mittag hatte seine Familie ihn zum Kamuzu International Airport in Lilongwe begleitet. Sie hatten nicht viel gesprochen. Das wichtigste war in den letzten Wochen gesagt worden, nachdem sich der deutsche Bundesligist bei ihm gemeldet und ihn zu einem Probetraining eingeladen hatte. Geredet hatten sie auch am letzten Abend in seinem Elternhaus bei dem reichhaltigen Abschiedsmahl, zu dem alle zusammengekommen waren. Seine Mutter, sein Vater und seine fünf Geschwister. Und sie hatten gebetet, für ihn, für eine sichere Reise und eine erfolgreiche Zeit in dem Land, das viele tausend Kilometer entfernt lag, für eine gute Heimkehr.

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Ein Abschied ins Ungewisse

Am Flughafen hatte seine Mutter ihn zum Abschied lange und innig umarmt, ihre Augen traurig und voller Sorge. Sein Vater hatte ihn ernst und auch etwas stolz angeschaut, bevor er genickt und ihm einen guten Flug und Gottes Segen gewünscht hatte. Er musste lächeln, als er an seine Zwillingsbrüder dachte, die kleine Scherze gemacht hatten. Er hatte seine Schwestern geküsst und war dann schnell in den Boarding-Bereich verschwunden. Schon als kleiner Junge hatte er Abschiede gehasst.

Der 1. FC Köln hatte ihm das Ticket spendiert und sich dabei nicht lumpen lassen. ‚Gerade so, als sei ich der König von Malawi‘, dachte er und grinste dabei. Und das mit gerade mal 17 Jahren.

Von Lilongwe war er nach Johannesburg geflogen, wo er in die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt gestiegen war. Er hatte nicht schlecht gestaunt, als er die Business Class betreten hatte. Die großzügig angeordneten Sessel, das aufwändige Interieur, die zuvorkommenden Flugbegleiterinnen. Der 1. FC Köln hatte ihm das Ticket spendiert und sich dabei nicht lumpen lassen. ‚Gerade so, als sei ich der König von Malawi‘, dachte er und grinste dabei. Und das mit gerade mal 17 Jahren.

Daniel Chitsulo (unten 2. v. rechts) in der U17 von Malawi vor dem Spiel gegen Sambia im Jahr 1999 | Foto: Daniel Chitsulo

Er hatte dafür aber auch vieles zurücklassen müssen. Seine Familie, seine Freunde, alles das, was ihm in seinem jungen Leben vertraut gewesen war. Nun reiste er in ein Land, von dem er bis vor kurzem nicht genau gewusst hatte, wo es auf der Weltkarte lag. Und dessen Sprache er nicht sprach. Gedankenverloren strich er über die Bibel, die sein Vater ihm vor dem Abflug gegeben hatte. Reiste er dorthin, um zu bleiben?

Eine Karriere in Europa lockt

Das Knacken der Bordlautsprecher unterbrach seine Gedanken. Der Flugkapitän informierte sie, dass sie in wenigen Minuten das afrikanische Festland östlich von El Agheila verlassen und das Mittelmeer in Richtung Italien überfliegen würden. Afrika, Malawi, seine Heimat, wann würde er dorthin zurückkehren? „Das ist Deine Chance“, hatte Manfred Hoener, der deutsche Nationaltrainer Malawis gesagt, als er die Kontakte zum 1. FC Köln hergestellt hatte: „Pack sie beim Schopfe!“

Vor einigen Wochen, am 17. Juni 2000, hatte er ihm, dem 17jährigen, zu seinem ersten Einsatz in der A-Nationalmannschaft verholfen. Und er hatte ihm Talent attestiert, sehr viel Talent, genug, um in Europa Fuß fassen zu können. Andere hatten es ihm vorgemacht. Nwankwo Kanu aus Nigeria, der bei Ajax Amsterdam und Inter Mailand zum Star geworden war. George Weah aus Liberia, der in Monaco und Paris für Furore gesorgt hatte, bevor er zum AC Mailand ging. Oder Benni McCarthy aus Südafrika, der mit seinen Toren Ajax Amsterdam zum Double geschossen hatte.

Nwankwo Kanu im Einsatz für Arsenal London Foto: imago images/Pius Koller

Er blickte aus dem Fenster. Weit unten sah er das Mittelmeer, das silbern im Licht des neuen Tages glitzerte. Er zog die Sonnenblende etwas herunter, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Etwas später nahm er ein leises Klappern wahr, als die Flugbegleiterinnen die Rollwagen anschoben und den Passagieren ihr Frühstück servierten. Er war hungrig, das merkte er jetzt, sehr hungrig sogar. Und es würde jetzt nicht mehr allzu lange dauern, bis sie in Frankfurt landen und ein neues Leben für ihn beginnen würde. Daniel Chitsulo nickte. Er würde sein Bestes geben, um den deutschen Club zu überzeugen. Das würde er, da war er sich ganz sicher. Er würde seine Chance beim Schopfe packen.

Kindheit und Jugend in Malawi

Ziemlich genau zwanzig Jahre später bin ich mit Daniel Chitsulo via FaceTime verabredet. Der heute 37-Jährige erweist sich als detailgenauer Berichterstatter der Höhen, aber auch der Tiefen seiner Karriere mit einem bemerkenswerten Gedächtnis für die Daten seiner Laufbahn sowie die Namen und späteren Werdegänge seiner ehemaligen Mitspieler.  Auch an einer Reihe lustiger Erinnerungen lässt er mich teilhaben, die er mit seinem ansteckenden Lachen untermalt, das raumfüllend ist und in seinen Augen beginnt.

Mit 16 Torschützenkönig, mit 17 Nationalspieler – und im Fokus des 1. FC Köln

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