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Fankultur

Küss die Hand, Leipzig!

Ein österreichischer Brause-Gigant beschert dem Osten wieder Bundesliga-Fußball und alles redet über mangelnde Tradition. Dabei gibt’s die doch bei Red Bull – nur eben irgendwie anders.

Kennt sich aus mit Bling Bling: Red Bull Leipzig | Foto: ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Ach Fußballwelt, wir müssen reden. Denn jetzt wird wieder argumentiert, gepöbelt, der Untergang beschworen – kurzum: Es herrscht mal wieder Krise. Ganz nach dem Motto: Wenn wir die außerhalb des Fußballs eh schon überall haben, warum dann nicht auch bei der schönsten Nebensache der Welt. Rasenballsport Leipzig ist also endlich aufgestiegen. Und mehr braucht es für eine veritable Krise doch gar nicht.

Schließlich verachtet die Mehrheit der Fußballliebhaber die „Roten Bullen“ allein schon dafür, und eine Minderheit kämpft ausdauernd für die Daseinsberechtigung des Retorten-Klubs aus Ost-Deutschland. Doch während Dietmar Hopp mit seiner TSG dank Stuttgart, Kaiserslautern und Frankfurt in direkter Nähe noch größere Probleme hatte, den Nutzen für die Allgemeinheit, oder wenigstens die Region aufzuzeigen, heißt es bei RB-Anhängern nun besonders gern: Ostdeutschland hat einen Bundesliga-Klub verdient. Und zur Not säuft der Ossi eben Brause?

Aber es gibt da noch mehr Gründe, warum wir das Leipziger Projekt nun gar nicht so schlecht finden sollen. Bei „spox.com“ hat man sich deshalb die Mühe gemacht, uns das alles in mundgerechten Happen zu servieren. Dass man in München den pädagogischen Auftrag im Sportjournalismus noch ernst nimmt, finden wir übrigens – so viel Zeit muss sein – ganz wunderbar. Also lesen wir: „Es darf zumindest bezweifelt werden, dass die Bundesliga einen weiteren prestigeträchtigen, aber schlecht geführten Mittelfeldclub der Marke Hamburg, Frankfurt, Köln, Bremen oder Stuttgart benötigt, um sportlich wieder interessanter zu werden.“ Und: „Das Problem der Bundesliga ist nicht, dass RB Leipzig trotz der 50+1 Regel einen „Investor“ hat. Sondern viel eher, dass strauchelnde Großstadtclubs wie die genannten nicht die Möglichkeit haben, mit einem eigenen Investor in Konkurrenz zu Red Bulls Marketingobjekt zu treten.“

Oder anders gesagt: Sind die doch selbst Schuld, diese „schlecht geführten“ Mittelfeldclubs, die sich noch an grundsätzliche Regeln der Bundesliga halten. Denn: Tief drin in ihren Ascheplatz-Bier-und-Bratwurst-gestählten Fußballkulturherzen, wollen doch auch die Traditionalisten einen tollen Investor, der es mit den Über-Bayern aufnehmen kann! Das Problem sind also die Regeln, nicht diejenigen, die sich nicht an sie halten (müssen). Kapiert?

Wenn man die Bundesliga gesamtheitlich betrachtet, mag man dieser Denkweise sogar folgen können: Gemessen an den anderen europäischen Ligen, steht man in Deutschland mit vergleichsweise kleinem Geldbeutel da. Investoren, die in (mehr oder weniger) großem Stil ihre Kohle in die Fußballmarken pumpen, sind in der Bundesliga mit Dietmar Hopp, Bayer, Audi, Volkswagen und nun eben Red Bull noch die Ausnahme. Und zu allem Überfluss kommt durch die Übermacht der Bayern auch noch Langweile auf. Tragisch. Da muss man also was tun! „Fußball IST Kapitalismus“ sagt uns David Theis deshalb ganz nüchtern. „Insofern überrascht die Annahme, Sachsens Fans hätten ein geringeres Recht auf Bundesliga-Fußball, als etwa die Anhänger von Eintracht Frankfurt.“

Das Recht auf Bundesliga-Fußball

Und wer kennt ihn nicht, den §11 des Grundgesetzes, wo geschrieben steht: „Sogar Sachsen hat ein Recht auf Fußball“. Aber genug der Fabeln: Ein Recht auf Bundesliga-Fußball hat natürlich niemand! Weder in Leipzig, noch in Köln und sogar im super-duper München nicht. Aber das Recht einen Verein zu gründen, als solcher zu wachsen, durch sportliche Bestleistungen aufzusteigen und sich so die Bundesliga in die Region zu holen, das hat in der Tat jeder. Sogar das Saarland, vermutlich also auch Sachsen.

Mit Cottbus, Dresden und Aue gab und gibt es Klubs, die sich an diesem Unterfangen mehr oder weniger erfolgreich versucht haben – so wie es andere Klubs in anderen Regionen des Landes eben auch tun. Es ist ein ganz altes Prinzip: Gute Arbeit bringt einen guten Lohn. Bei Leipzig läuft das anders. Denn spätestens Red Bull – und das wird gern unterschlagen – hat dieses Konzept auf den Kopf gestellt. Den Platz an der Sonne hat sich das Team vom Ralf Rangnick in diesem Sinne nicht durch gute Arbeit, sondern durch ein größeres Budget gesichert. Und damit zwangsläufig einen anderen Verein, dessen Leistung mit kleinem Budget ungleich höher zu bewerten ist, um den Aufstieg in die Bundesliga gebracht – genau wie damals Hoffenheim. Und selbst wenn Sachsen ein verbrieftes Recht auf Erstligafußball hätte, bliebe das einfach nur: ungerecht. Aber das ist nur das eine.

Denn da ist ja noch die Sache mit dieser Tradition, ohne die keine Diskussion über Leipzigs neues Fußballmärchen auskommt. Daher nun erst einmal eine Begriffsklärung:

Tradition (von lateinisch tradere „hinüber-geben“ oder traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, beispielsweise Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung, Vorbild oder spielerisches Nachahmen erfolgen. Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur.“

Fußballvereine haben streng genommen also nur in dem Sinne eine „Tradition“, als dass sie durch ihre Anhänger existiert. Durch die Mütter und Väter, die ihre Kinder das erste Mal ins Stadion mitnehmen, durch die Großeltern, die erzählen, wie schön das damals war, als man Meister war. Durch all diese Geschichten, die Nostalgie und ihre Einbettung in ganze Familien und Freundeskreise. So entsteht über Generationen hin weg diese mysteriöse Fankultur. „Jedem Verein steht die Zeit zu, eine eigene Vereinshistorie zu entwickeln“, wirft der RB-Befürworter bei „spox.com“ nun ein. Und er hat sogar Recht damit.

Zu Gründungszeiten dürfte die Tradition der jetzigen deutschen Kultvereine ebenfalls überschaubar gewesen sein. Und natürlich, das hatten wir oben ja bereits festgestellt, darf ein jeder Verein an seiner Geschichte arbeiten – bis er auch „Tradition“ hat. Doch eigentlich geht es darum eben gar nicht.

Tradition ist nicht das Thema

Das Problem an Red Bull Leipzig ist weder die mangelnde Tradition, noch dass sie schönen Fußball mit jungen Spielern präsentieren wollen. Auch ihre Jugendarbeit ist nicht verwerflich. Wir würden das alles auch ziemlich toll finden, wären die Leipziger doch nur das, was die sogenannten Traditionsclubs tatsächlich noch sind: Ein Verein. Mit Mitgliedern, Strukturen und Stimmrechten. Und darum sollte es in dieser Diskussion eigentlich gehen.

Denn „Tradition ist kein Qualitätsmerkmal“, sagt Leipzigs starker Mann, Ralf Rangnick: „Nur ein Beispiel: Mehr Tradition als beim HSV findest du nicht – und trotzdem stehen sie sich von den Vereinsstrukturen her gegenseitig im Weg.“ Und wer will ihm da widersprechen? Die Schwergewichte des deutschen Fußballs leiden tatsächlich oft unter ihren Strukturen – das ging auch dem 1. FC Köln bis zur Satzungsänderung vor einigen Jahren nicht anders. Aber Moment! Das heißt, es braucht also keinen Investor, um einem Traditionsverein einen wettbewerbsfähigen Rahmen zu geben? Nein, eigentlich nicht. Denn: Keine Tradition ist auch kein Qualitätsmerkmal. Deshalb bleibt die leidige Diskussion um Fußballkultur und Tradition auch ewig eine Scheindebatte – die man in Leipzig übrigens gar nicht so ungern führt, wie man es gerne vorgibt.

Denn wenn sich alle den Mund fusselig darüber reden, ob und was für eine Tradition das Leipziger Projekt nun hat oder nicht hat, geht das unter, was auch die zukunftsfreudigsten Fußballreformer nicht weg reden können: Während man mit viel Wohlwollen bei Leverkusen und Wolfsburg noch davon sprechen kann, dass die Clubs über den Betriebssport tatsächlich mehr oder weniger natürlich gewachsen sind und deshalb mit Ausnahmeregelungen versehen wurden, sieht das bei Hoffenheim und Leipzig anders aus. Denn spätestens mit „1899 Hoffenheim“ wurde ein zentrales Prinzip erstmals ad absurdum geführt.

Hoffenheim macht den Weg frei

Klar, Mäzene, die angeschlagene Heimatvereine unterstützt und gerettet haben, gab es immer schon – keine Frage. Doch Hoffenheim war weder angeschlagen, noch als rettenswerter Fußballverein in der Region bekannt. Hier wurde nicht in etwas investiert, es wurde etwas neu geschaffen. Und auch wenn man Dietmar Hopp die Robin-Hood-des-Kraichgaus-Nummer damals sogar halbwegs abgenommen hat, weil er seine Neuschöpfung immerhin nicht „Dietmar Hopp SC“ genannt hat, wurde so der Weg für das Leipziger Projekt geebnet.

So wie es Waldhof Mannheim schon lange gab, ist das auch mit Lokomotive Leipzig, Dynamo Dresden und Energie Cottbus. Regionale Vereine, die man als normaler Partner hätte unterstützen können, gab und gibt es in beiden Fällen zu genüge. Wenn es darum gegangen wäre, den sächsischen Fußball zu stärken, hätte es also durchaus einige Optionen gegeben, in bestehende Vereine – oder anders gesagt, in vorhandene traditionelle Strukturen – zu investieren und sie zukunftsfähig zu machen.

Doch das hätte eben auch bedeutet, sich mit den Menschen, denen ihr Verein am Herzen liegt, auseinandersetzen zu müssen – und das hätten Männer wie Ralf Rangnick und Dietrich Mateschitz vermutlich als überaus lästig empfunden. Obendrauf kommt noch: Dynamo Dresden optisch auf Red Bull zu trimmen, wäre schwierig geworden. Doch ganz richtig: Grundsätzlich ist Red Bull als Investor sicherlich nicht anders zu bewerten als Adidas, Coca Cola, Samsung oder sonstige Schwergewichte der Weltwirtschaft. Und ohne diese Großkonzerne als Partner kommt man im Profifußball sicherlich nicht mehr weit.

Einzig: Red Bull ist weder Partner noch Investor eines Vereins. Red Bull ist der „Verein“. Die positiven Effekte für Leipzig und die Region sind ein Kollateraleffekt einer sehr berechnend ausgeführten Standortsuche eines Weltkonzerns, der seine Marke auf die ganz große Fußballbühne führen will. Was passt das besser als das schwarze Loch des deutschen Profifußballs namens Ostdeutschland. Indem man den Sachsen etwas gibt, wonach sie sich gesehnt haben – also einen Bundesliga-Verein – sammelt man natürlich erst einmal Pluspunkte in der Region. Und mit der Jugendakademie und dem Konzept nur junge Spieler einzusetzen, gaukelt man dem Rest der Fußballnation vor, man hätte auch für sie einen Nutzen. Wer braucht da noch Tradition?

Das, was Red Bull Leipzig aber wirklich ablehnenswert macht, geht in dieser Mischung aus Aufbruchseuphorie in Sachsen und hysterischen Traditionsdiskussionen im Rest der Republik völlig unter. Bei Red Bull hat kein Sachse, kein Leipziger, kein Mitglied irgendwas zu sagen. Es ist kein sächsischer Fußballverein, sondern nach Salzburg lediglich die nächste Fußball-Franchise eines österreichischen Brause-Multi-Milliardärs, der seinen Gummibärchen-Saft auf ganz großer Bühne vermarkten will und Mitbestimmungsrechte bei seinem „Verein“ genauso wenig leiden kann wie Betriebsräte in seinen Fernsehsendern. Aber immerhin das hat bei Red Bull mittlerweile echte Tradition.

Na dann: Küss die Hand, Leipzig!

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