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Ehrentribüne

Lebenswege beim 1. FC Köln: Joschi Chang – „Für mich ist ein Traum kaputtgegangen“

Wie ergeht es ehemaligen Jugendspielern des 1. FC Köln, die den Sprung zu den Profis nicht geschafft haben? Autor Kurt Ludwigs traf „Joschi“ Chang, ein Mitglied der Kölner B-Jugend-Mannschaft von 1990, die damals Deutscher Meister wurde.

A-Junioren des 1.FC Köln 1990/91. Joschi Chang ist in der unteren Reihe ganz rechts zu sehen.| Foto: privat

Fragt man die jüngsten Nachwuchsspieler des 1.FC Köln, die in der U8 oder U9 dem runden Leder nachjagen, was ihr größter Traum sei, so werden die allermeisten sicherlich angeben, dass dies ein Profivertrag beim 1. FC Köln sei. Die Anzahl derjenigen, die es wirklich schaffen, in die Fußstapfen eines Lukas Podolski, Timo Horn oder Yannick Gerhardt zu treten, ist jedoch verschwindend gering.

Diese Artikelserie wird sich mit den Lebenswegen ehemaliger vielversprechender Jugendspieler des 1. FC Köln beschäftigen, deren Traum einer Profikarriere beim FC sich nicht erfüllt hat, die nicht zu einem zweiten „Icke“ Häßler oder Lukas Podolski geworden sind,  die aber trotz dieser Enttäuschung das Leben gemeistert haben und beruflich erfolgreich sind. Kurt Ludwigs präsentiert in der Rubrik „Lebenswege – mal mehr, mal weniger im Rampenlicht“ ehemalige Nachwuchsspieler des 1. FC Köln – den Anfang macht „Joschi“ Chang.

„Wir waren einfach eine verschworene Gemeinschaft, eine richtig tolle Truppe, auf dem Spielfeld und auch außerhalb!“ – Joschi Chang schwärmt bereits zum Einstieg in unser Gespräch von der damaligen Zeit. Die tolle Truppe war die B-Jugendmannschaft des 1. FC Köln, die 1990 unter Trainer Frank Schaefer die deutsche Meisterschaft mit einem 2:1-Sieg im Endspiel gegen den VfB Stuttgart gewann. Einer der beiden Manndecker damals war Young-Suk Peter Chang, den seine Freunde nur „Joschi“ nennen.

Deutscher Meister 1990 mit der B-Jugend des 1. FC Köln

Wir sitzen im Fisch-Hof, einer Sushi-Bar im Belgischen Viertel, die Joschi Chang in der heutigen Form seit 2001 betreibt und die sich nahtlos in die bunte Mischung von Cafés, Boutiquen, Galerien, Theater, Kneipen und Bars dieses Szeneviertels einfügt. Die Einrichtung ist spartanisch-schlicht, ohne Schnickschnack. Wir sitzen auf einfachen Holzstühlen an ebenso einfachen Holztischen und doch wirkt dieses Ambiente irgendwie urig.

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„Die Stuttgarter waren die haushohen Favoriten, sie hatten eine Mannschaft, die mit Jugendnationalspielern gespickt war“, erinnert sich Chang. „Einer von ihnen, Sascha Nikoljewicz, ist einige Wochen später zum AC Turin gewechselt, Thomas Reis und Thomas Sobotzik wurden Stammspieler in der Bundesliga. Aber wir waren mannschaftlich das bessere Team und hatten mit Frank Ploeger, Guido Jörres und Pablo Thiam auch einige herausragende Einzelspieler.“

Die Anfänge seiner Karriere

Von einer deutschen Meisterschaft konnte Joschi Chang allerdings nur träumen, als er seine Fußballkarriere im zarten Alter von vier Jahren in Porz bei den Sportfreunden Eil begann, von wo er dann ein Jahr später zur SpVg Porz wechselte. Er war immer der bei weitem jüngste Spieler in den Jugendmannschaften, die er bis zur D-Jugend dort durchlief. Besonders heiße Duelle gab es mit der KSV Heimersdorf, wo ein schmächtiger, blonder Spieler die Fäden im Mittelfeld zog – Markus Anfang, der heutige FC-Trainer. „Wir haben meistens verloren, irgendwie waren uns die Heimersdorfer überlegen“,  räumt Chang ein.

Joschi Chang vor seiner Sushi-Bar „Fisch-Hof“ | Foto: effzeh.com

Auf Vermittlung seines Vaters Jae-In wurde Chang dann zu einem Probetraining beim 1. FC Köln eingeladen und wechselte kurz darauf zu den Geißböcken. In seinem zweiten Jahr in der C-Jugend (U15) zog er sich eine schwere Schulterverletzung zu, die ihn lange außer Gefecht setzte und ihn seinen Stammplatz im Mittelfeld kostete. Er wechselte wenig später zu Bayer Leverkusen, wo er in der folgenden Saison vorzeitig von der B2 (U16) in die B1 (U17) hochgezogen wurde und fortan unter Michael Reschke trainierte, dem späteren Nachfolger von Reiner Calmund und kürzlich entlassenen Sportverstand beim VfB Stuttgart.

Umgeschult bei Bayer – und zurück zum 1. FC Köln

In diese Zeit fiel auch die Umschulung Changs vom Mittelfeldspieler zum Manndecker. „Achim Gödde, unser damaliger Co-Trainer, kam am Tag vor einem Spiel gegen Bayer Uerdingen, zu dem zwei oder drei Stammkräfte der Leverkusener Abwehr verletzt ausfielen, zu mir und sagte: Du bist schnell, wendig, kannst ein Spiel lesen und bist hartnäckig im Zweikampf. Du spielst morgen Manndecker gegen den Uerdinger Torjäger.“  Der Stürmer bekam keinen Stich gegen Chang und der sollte seine neue Position fortan beibehalten.

Da er zudem noch beidfüßig war, wurde er auf dieser Position Stammspieler in der B1 der Leverkusener. Trotzdem zog es ihn weg von dem Werksclub. „Bei Bayer war zwar alles sehr professionell, von der medizinischen Betreuung über die Trainingsbedingungen bis hin zur Auswahl der Fußballschuhe, aber ich habe mich da einfach nicht wohlgefühlt“,  sagt Chang. Schnell wurden die Kontakte zum FC wiederbelebt und der „verlorene Sohn“ wieder Teil der FC-Familie.

Jetzt wussten wir, dass wir gut waren. Wir haben einander angeschaut und geschworen: Das wird unsere Saison!

„Zu Beginn der Rückrunde haben wir an einem hochkarätig besetzten Turnier in Saint-Brieuc teilgenommen und konnten auf dem Weg ins Finale holländische und englische Spitzenteams besiegen, bevor wir dann das Endspiel unglücklich 1:2 gegen Paris Saint-Germain verloren“, schwärmt Chang. „Jetzt wussten wir, dass wir gut waren. Wir haben einander angeschaut und geschworen: Das wird unsere Saison!“

GERMANY - OCTOBER 04: FUSSBALL: 1. BUNDESLIGA 97/98 HANSA ROSTOCK - 1.FC KOELN 1:2 am 04.10.97, Pablo THIAM/Jens DOWE (Photo by Lutz Bongarts/Bongarts/Getty Images)

Pablo Thiam schafft den Sprung zu den Profis des 1. FC Köln (Foto: Lutz Bongarts/Bongarts/Getty Images)

Die Mannschaft bestand aus Spielern, die alle aus Köln oder zumindest aus dem Rheinland stammten. Pablo Thiam kam aus Bonn, Guido Jörres aus Düren, Sascha Lenhart aus Euskirchen. Und Joschi Chang kam aus Porz, genau wie FC-Legende Wolfgang Weber, der den Weg des jungen Manndeckers sehr genau verfolgte und ihm so manchen Tipp gab. „Weber hatte ja selber in seiner langen Karriere unzählige Mittelstürmer ausgeschaltet, er wusste also ganz genau, wovon er sprach. Er ist ein Supertyp, zudem Porzer mit Leib und Seele und hätte es deshalb gerne gesehen, wenn mit mir wieder ein Porzer den Sprung zu den FC-Profis geschafft hätte.“

Der Schock der Daum-Entlassung

Die B-Jugend des 1.FC Köln wurde Mittelrhein-Meister und schaltete danach auf dem Weg ins Endspiel Hannover 96, Bayer Uerdingen und SC Siemensstadt Berlin aus. Das Viertelfinalrückspiel bei Bayer Uerdingen sollte sich dabei als die härteste Bewährungsprobe erweisen, wobei dies nicht nur an den starken Seidenstädtern lag, sondern auch mit einer Entscheidung des FC-Präsidiums zu tun hatte – Christoph Daum war vier Tage vorher entlassen worden. „Wir standen immer noch unter Schock, niemand konnte das begreifen“, sagt Chang. „Immer, wenn wir uns am Geißbockheim über den Weg liefen, hatte er ein aufmunterndes Wort und ein Schulterklopfen für uns – genauso Morten Olsen.“

Auf der nächsten Seite: Die Karriere kommt ins Stocken.

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