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Interviews

Fußballlinguist Simon Meier: „Die Rede von Männerfußball ist unerträglich“

Während einer Fußball-WM wird viel über den Sport geschrieben und geredet – doch wie beurteilt man das aus sprachwissenschaftlicher Perspektive? Fußballlinguist Simon Meier hat uns dazu ein paar Fragen beantwortet.

Foto: BARBARA SAX/AFP/Getty Images

effzeh.com: Du wirst wohl meistens lachen müssen, wenn du einen Spielbericht auf unserer oder auch einer anderen Seite liest – schließlich gibt es überall Mannschaften, die „über den Kampf ins Spiel kommen“ oder „den Gegner schwindelig spielen“. Deswegen hast du auch den sensationellen Twitter-Account @randomlivetext ins Leben gerufen, auf dem du mithilfe eines programmierten Bots über Spiele tickern lässt. Ist das für dich nur ein Spaß oder steckt dahinter auch etwas Ernsthafteres?

Simon Meier: Vor allem ist das ein Spaß. Ein bisschen entlarven will ich aber auch: Wenn es so einfach ist, völlig randomisiert Livetickermeldungen zu generieren, die in den meisten Fällen trotzdem realistisch wirken, dann sagt das schon was über die Liveticker und ihre Qualität aus. Ich muss aber die Livetickerautoren in Schutz nehmen: Unter größtem Zeitdruck ansprechend über ein laufendes Spiel zu schreiben – kein Wunder, dass man da auf bewährte Phrasen zurückgreift.

Ein zufälliger Liveticker über die Spiele der WM

effzeh.com: Aktuell gibt es bei Twitter auch eine WM-Edition deines Tickers, auf dem vergangene Spiele verarbeitet werden – hat sich die Fußballersprache in den letzten Jahren verändert? Wenn ja, wie?

Simon Meier: Man merkt den Livetickern deutlich an, dass die Autoren inzwischen mit computergenerierten Inhalten wie Livestatistiken versorgt werden, die dann nur noch sprachlich angereichert werden müssen. In England sind viele Liveticker sogar schon vollständig automatisiert. Deshalb sind die Liveticker viel mehr streamline als noch vor 10-12 Jahren. Ein Nebeneffekt davon ist aber auch, dass der ganz unverhohlene Nationalismus und Chauvinismus, wie er noch vor zehn Jahren die Liveticker bei Länderspielen prägte, fast verschwunden ist.

Der einzigartige Christoph Daum im Field Interview bei „Premiere“ | Foto: Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images

effzeh.com: Extrem nervig sind Spielerinterviews direkt nach Spielende, wenn sich diese hinter vorgefertigten Satzschemata verstecken und eigentlich nichts wirklich sagen. Warum hat diese Form des Interviews eigentlich noch einen so großen Raum in der Fußball-Berichterstattung?

Simon Meier: Wenn ich vor mir selbst ausgehe, ist das nicht zuletzt der Trägheit der Zuschauer_innen geschuldet. Man versackt einfach vor dem Fernseher und trauert vielleicht auch, dass das Spiel schon vorbei ist. Ich würde aber auch die interviewenden Journalist in die Pflicht nehmen und nicht nur den Spielern den schwarzen Peter zuschieben. Wer nur fragt: „Wie fühlt sich dieser Sieg / diese Niederlage an“, darf sich nicht beschweren, dass in den Antworten nur Phrasen gedroschen werden.

Simon Meier über die schönsten und schlimmsten Formulierungen

effzeh.com: Welche Floskeln würdest du gerne aus dem Sprachgebrauch verbannen?

Simon Meier: Die Rede von „Männerfußball“ finde ich unerträglich, zumindest solange damit nicht einfach das Gegenstück zum Frauenfußball gemeint ist, sondern schlechter Fußball auf Kosten der Frauen kritisiert wird.

Besonders schön finde ich das bürokratisch-umständliche „sich in die Torschützenliste eintragen“.

effzeh.com: Was sind für dich die schönsten Idiome im Fußballer-Sprech?

Simon Meier: Da kann ich das schöne Buch den Alex Raack „Den MUSS er machen“ empfehlen, von der ersten bis zur letzten Seite. Aber besonders schön finde ich das bürokratisch-umständliche „sich in die Torschützenliste eintragen“.

Vollautomatisierte Fußball-Berichterstattung im Bereich des Möglichen

effzeh.com: Wie wird sich die Fußball-Berichterstattung deiner Meinung nach entwickeln? Welche Dinge werden verschwinden, welche vielleicht hinzukommen?

Simon Meier: Wir werden mit vollautomatisierter Berichterstattung rechnen müssen. Es gibt da eine Berliner Agentur, die Spielberichte generiert. Wenn man nicht damit rechnet, dass da ein Roboter schreibt, sondern den Text nur nebenher in der U-Bahn liest, dann merkt man nichts. Und die Algorithmen werden noch besser werden. Vielleicht ist das eine Chance für (Noch-)Nischenprodukte wie den Rasenfunk oder die vereinsnahen Fanzines, wo man engagiertes Reden über Fußball serviert bekommt, wie es Computer so schnell nicht lernen werden.

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effzeh.com: Der Kölsche Dialekt ist sicherlich auch speziell, auch ohne Fußballbezug – was sagt der Linguist dazu?

Simon Meier: Hm. Mein Kontakt zum Kölschen Dialekt beschränkt sich auf eine Kassette, die wir immer im Auto gehört haben, als ich Kind war. Da war der Buuredanz von den Bläck Fööss drauf, das „Links eröm un rächs eröm“ ist mir noch im Ohr. Darf ich das sagen, oder bin ich jetzt in Köln unten durch?

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