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Fankultur

FC St. Pauli: Projektionsfläche für Fußballsehnsüchte

Der FC St. Pauli gilt als Sehnsuchtsort im modernen Fußball. Wie sich der Verein definiert und wie die Realität mit den Werten übereinstimmt.

Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Wenn am Sonntagmittag der 1. FC Köln beim FC St. Pauli antritt, ist es wie immer ein bisschen mehr als nur das Duell zwischen dem aktuellen Tabellenersten und -sechsten der laufenden Zweitligasaison. National wie international ist der Stadtteilverein aus Hamburg nämlich die Projektionsfläche für diejenigen, die dem modernen Fußball und seinen Entwicklungen kritisch gegenüberstehen.

Denn wie sonst ist es zu erklären, dass jedes zweite Wochenende Hunderte Fans aus Großbritannien und Skandinavien den Weg nach Hamburg antreten, auf der Suche nach dem wahren Fußballerlebnis? Warum gilt St. Pauli als Rückzugsort für Menschen, denen die Kommerzialisierung des Fußballs zu weit geht und die den Fußball als politisch betrachten?

Der Totenkopf als Aushängeschild

Auf den ersten Blick stimmen die Zutaten bei St. Pauli auf jeden Fall: eine politisch aktive linke Fanszene, aus der mittlerweile sogar Mitglieder als Funktionäre beim Kiezclub arbeiten, dazu ein Stadion, das mit seinen vielen Stehplätzen und der unvergleichlichen Atmosphäre seinesgleichen sucht. Das Aushängeschild von St. Pauli ist der Totenkopf, der sich als Symbol für den Kampf gegen das Establishment bestens vermarkten lässt.

Als immer noch eingetragener Verein besitzen beim FC St. Pauli die Mitglieder die Macht, der Verein engagiert sich überdies in der Arbeit mit Geflüchteten im Stadtteil. Mit Andreas Rettig ist mittlerweile ein Geschäftsführer am Ruder, der sich bemerkenswert offen gegen den Konsens im deutschen Profifußball stellt, dass „schneller, höher, weiter“ die einzig zu verfolgende Maxime ist.

Rettig kämpft für Erhalt von 50+1

Rettig, zwischen 2002 und 2005 Manager beim effzeh, kämpft leidenschaftlich und ehrlich für den Erhalt der 50+1-Regelung und macht sich damit bei seinen Kollegen in der Fußballbranche nicht unbedingt Freunde. Das dürfte sich vor allem dann zeigen, wenn Rettigs Engagement bei St. Pauli endet und er einen neuen Job sucht – nach seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der DFL (zwischen 2013 und 2015) hat sich Rettig deutlicher zu den Themen Investoren-Einstiege, Gewinnmaximierung und Fankultur geäußert als der Großteil der Bundesliga-Funktionäre.

Er unterstrich vor kurzem in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass die Kontrolle über das operative Geschäft bei einem Fußball-Bundesligisten immer bei einem Verein und nicht bei einer Einzelperson liegen sollte. Aus seiner reichhaltigen Erfahrung (er war zudem noch bei Leverkusen, Freiburg und Augsburg) kann er ganz gut beurteilen, wodurch sportlicher Erfolg entsteht: in erster Linie ist dafür das sportliche Management entscheidend und weniger die Größe des Geldbeutels. Rettigs Position umfasst auch, dass er sich im Gegenzug zu seinem ehemaligen Chef bei der DFL, Christian Seifert, nicht dafür ausspricht, der Premier League aus England und deren Ideen nahezu bedingungslos zu folgen. „Wir müssen nicht jeden Blödsinn mitmachen, der von der Insel kommt“, zitiert ihn der Tagesspiegel.

Rettigs Idee: Bundesliga als sozialste und nahbarste Liga

Gewiss, seine Funktion als Entscheidungsträger bei einem Zweitligisten versetzt ihn eher in die Lage dazu, so etwas zu äußern, weil er eben auch andere Ziele verfolgt als Christian Seifert – für diese beachtliche Offenheit hingegen kann die Öffentlichkeit ihm eigentlich nur danken, weil damit genau die richtigen Denkanstöße geliefert werden.

Und danach sagte er sogar noch etwas, was in dieser Form im deutschen Fußballbetrieb bislang noch nie von einem führenden Manager zu hören war: Rettig sprach sich dafür aus, dass die Bundesliga die sozialste und nahbarste Liga der Welt sein sollte.

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