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Blocksturm und Fan-Gewalt? Die halbe Wahrheit der Wolfsburger Polizei

Am Samstag kamen es in Wolfsburg zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans des 1. FC Köln. Während die Beamten der Öffentlichkeit eine simple Geschichte präsentieren, scheint die Wahrheit – wie Augenzeugenberichte nahelegen – anders auszusehen.

Screenshot: instagram.com/fanszene.effzeh

Am Samstag kam es in Wolfsburg zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans des 1. FC Köln. Während die Beamten der Öffentlichkeit eine simple Geschichte präsentieren, scheint die Wahrheit deutlich anders auszusehen.

Es hätte eigentlich ein friedlicher Saisonabschluss für die Fans des 1. FC Köln werden können. Da die „Geißböcke“ als Absteiger bereits länger feststehen, und diesen auch ohne Zwischenfälle über die Bühne gebracht hatten, gab es für die Polizei in Wolfsburg eigentlich keinen Grund von erhöhtem Gefahrenpotential bei den Kölner Fangruppen auszugehen.

Für die „Wölfe“ ging es beim Heimspiel gegen die Kölner zwar noch um viel – Relegation oder Direktabstieg. Doch diese sportliche Konstellation ließ im Vorfeld trotzdem keine Gewaltexzesse zwischen den Fanlagern erwarten. Dennoch scheint die Polizei im Inneren des Stadions unverhältnismäßig rabiat gegen Kölner Anhänger – darunter Ultras, „Normalos“ aber auch Fanbetreuer des 1. FC Köln – vorgegangen und bei der Auseinandersetzung der maßgebliche Aggressor gewesen zu sein.

Zweifelhafte Medienberichte über Blocksturm von Kölner Ultras

Manche Medien, besonders schnell der “Geissblog.Koeln”, hatten am Samstagnachmittag eilig von einem „Blocksturm“ der Kölner Ultras berichtet – die Version der Vorfälle, die auch die Wolfsburger Polizei erzählt. Es scheint im Journalismus heutzutage leider üblich zu sein, die Darstellungen der Behörden ungeprüft zu übernehmen und im Eiltempo weiterzuverbreiten, bevor die Sachlage abschließend bewertet werden kann. Und so wurde die übliche „Ultras benehmen sich daneben / attackieren Polizei / sind alle kriminell“-Geschichte auch am Samstag munter weiter gesponnen, bevor überhaupt klar war, was genau passiert ist.

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Bei den Wolfsburger Beamten klingt die Wahrheit am Samstagabend im Polizeibericht dementsprechend auch ziemlich einfach: „In der Arena mussten Einsatzkräfte der Polizei im Gästefanbereich eingreifen, als eine größere Gruppe von Randalierern versuchte, gewaltsam vom Unterrang in den Oberrang des Stadions zu gelangen.“ Dabei sollen Beamte „unter anderem mit Fahnenstangen” geschlagen und zudem mit „Müllbehältern beworfen“ worden sein. „Beim Durchgreifen der Einsatzkräfte kam es zum Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray“, heißt es weiter im Bericht. Fünfzig „Randalierer“ seien von der Polizei daraufhin vorläufig festgenommen worden. Vier Polizisten und mehrere Fans seien zudem bei dem Einsatz verletzt worden. Details zur Art der Verletzungen wurden nicht genannt.

Einseitiger Bericht der Polizei Wolfsburg

Es klingt doch ziemlich simpel, was die Wolfsburger Polizei dort berichtet: Die Kölner Fans haben also grundlos probiert den Block zu stürmen und die völlig arglosen Polizisten mussten sich daraufhin mit harten Mitteln zur Wehr setzen. Ende der Geschichte. Diese Darstellung scheint allerdings nicht der Wahrheit zu entsprechen. Im Gegenteil sollen die Aggressionen an der Treppe, an der sich die Vorfälle zugetragen haben, und auf der eine Vielzahl Kölner Fans auf das Vorwärtskommen wartete, von der Polizei ausgegangen sein.

Ein Augenzeuge berichtet gegenüber unserer Redaktion: „Die Polizei hat einfach in die Menge geschlagen und Pfefferspray eingesetzt. Ein paar Fans sind die Treppe runtergefallen.“ Daraufhin seien die Anhänger von den Beamten festgesetzt worden. “Als sich alles wieder etwas beruhigt hatte und sich alle mehr verteilten, hat man erstmal gesehen, wie viele Leute richtig schlimm dran waren. Wir haben dann versucht, die Verletzen, die orientierungslos über die Treppe stolperten zu verarzten. Es hat 15 Minuten gedauert, bis Sanitäter da waren”, schildert der Augenzeuge die Situation gegenüber effzeh.com. Die Fans auf der Treppe hatten unseren Informationen zufolge Tickets für den Oberrang und wollten lediglich ihre bezahlten Plätze rechtzeitig zu Spielbeginn erreichen, wurden daran aber von den Ordnungskräften gehindert und mussten in der Folge teilweise nahezu die komplette Spielzeit auf der Treppe verbringen.

Ein Instagram-Video stützt diese Beschreibung. Ein „Blocksturm“ ist auf der Aufnahme keineswegs zu erkennen. Die Kölner Fans, dicht zusammengedrängt, verhalten sich friedlich – das Spiel war zu diesem Zeitpunkt bereits angepfiffen, trotz der Verzögerung beim Einlass ist nicht mehr als das für Menschenmengen übliche Geschiebe und Gedränge und ein paar Wortgefechte zu erkennen. Plötzlich feuert ein Beamter dann unvermittelt Pfefferspray in die Menge, andere gehen zeitgleich mit ihren Schlagstöcken auf die Fans los – dann endet die Aufnahme.

Zweite Auseinandersetzung mit Polizei im Kölner Block

Ob es davor oder danach zu den von der Ordnungsbehörde monierten Angriffen seitens der Fans kam oder ob es sie überhaupt in der beschriebenen Form gegeben hat, kann anhand von Zeugenaussagen und vorliegenden Videos bisher noch nicht abschließend geklärt werden. Bisherige Augenzeugenberichte deuten allerdings nicht darauf hin, dass zuvor Gewalt von Kölner Fans ausgegangen ist.

Sicher ist jedoch, dass es in der Folge noch zu weiteren Auseinandersetzungen kam, als Polizisten in den Kölner Block vorzurücken versuchten. Ein verpöntes Vorgehen, das sich in der Vergangenheit bereits mehrfach als provokant und eskalierend herausgestellt hat. So auch in Wolfsburg, wie weitere Videos belegen: Einzelne Kölner Fans wehren sich auf den Aufnahmen gut sichtbar gegen den aggressiven Zugriff der Beamten, die zunächst aus dem Eingang zum Block vorrücken, dann aber offenbar angesichts der Gegenwehr der Fans doch den Rückwärtsgang einlegen. Warum die Polizei überhaupt in den Block vorrücken wollte, ist vollkommen unklar.

Auch der 1. FC Köln scheint spätestens seit Sonntag Zweifel an der offiziellen Erzählweise zu haben. „Einige FC-Fans haben den massiven Einsatz der Polizei als überzogen kritisiert. Auch die FC-Fanbeauftragten haben das so wahrgenommen und sehen darüber hinaus kritisch, dass ganze Ausgangsbereiche aufgrund des Vorfalls gesperrt wurden, so dass viele unbeteiligte Fans in ihren Blöcken eingeschlossen waren und das Stadion nicht verlassen konnten“, heißt es in einer Stellungnahme auf der Website des Clubs. Man scheint nicht überall aus der Loveparade-Katastrophe gelernt zu haben.

„Als unangemessen und hinderlich hat sich in diesem Zusammenhang erwiesen, dass FC-Mitarbeiter trotz Akkreditierungen ihre Club-Shirts ablegen mussten bzw. sich nicht frei im Stadion bewegen konnten“, wird weitere Kritik am Vorgehen von Polizei und Ordnungskräften in Wolfsburg geäußert. Zur weiteren Beurteilung der Vorkommnisse sucht der 1. FC Köln nun Zeugen. Besucher, die Beobachtungen, Videos oder Fotos von den Vorfällen gemacht haben, sollen sich beim Fanservice des Clubs melden.

Verein sucht Zeugen und distanziert sich pro forma

Dennoch distanziert sich der Verein – offensichtlich einfach pro forma und ohne abschließende Kenntnis der Geschehnisse – vom Vorgehen der eigenen Anhänger. „Der FC verurteilt das Verhalten der Täter ohne jede Einschränkung und distanziert sich erneut von all jenen, die Gewalt ausüben und die Werte des Fairplay sowie der FC-Charta im wahrsten Sinne mit Füßen treten.“ Natürlich wäre auch eine gewaltsame Reaktion der Kölner Anhänger, wenn auch sicherlich dem Vorgehen der Polizei geschuldet, schlussendlich falsch. Dennoch erscheint diese übereilige Verurteilung gerade im direkten Zusammenhang mit dem Zeugenaufruf doch sehr merkwürdig.

Dass die, wie der Verein sie nennt, „Täter“, von denen die Gewalt an diesen Samstag in Wolfsburg ursprünglich ausgegangen ist, wirklich in Rot-Weiß gekleidet waren, scheint angesichts des aktuellen Kenntnisstands schließlich nicht unbedingt wahrscheinlich zu sein. Außer natürlich für die muntere Wolfsburger Polizei, die am Samstagabend bestens gelaunt auf Twitter verkündete: “Wir verabschieden uns aus dem Einsatz und wünschen allen Fans einen guten Heimweg. Aus polizeilicher Sicht war es ein überwiegend friedlicher Einsatz.” Auf die “polizeiliche Sicht” sollte sich allerdings niemand verlassen.

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