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Nachspiel

0:1 gegen den VfB Stuttgart: Der 1. FC Köln begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Nur 25 Minuten Fußball reicht nicht: Gegen den VfB Stuttgart verliert der 1. FC Köln abermals ein Heimspiel. Die Partie ist durch die offensive Hilf- und Harmlosigkeit der „Geißböcke“ ein Abziehbild dieser schwierigen Saison.

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Foto: imago images / Pressefoto Rudel

Reichlich frustriert trat Timo Horn nach dem 0:1 gegen den VfB Stuttgart vor das „Sky“-Mikro. „Es geht einem natürlich tierisch auf die Nerven, dass die Stuttgarter die drei Punkte mitnehmen“, erklärte der Torwart des 1. FC Köln nach der siebten Heimniederlage der „Geißböcke“ in der laufenden Saison. Der Frust des Kölner Interimskapitäns war berechtigt: Mit drei Punkten im direkten Duell wollte die Mannschaft von Trainer Markus Gisdol in der Tabelle an die Schwaben heranrücken, doch nach 90 wieder einmal ernüchternden Minuten hatte sich der Abstand der Kölner auf die Gäste noch vergrößert. Und das verdient, hatte der FC sich doch über weite Strecke der wenig ansehnlichen Partie geweigert, auch nur irgendetwas zum Spiel beizutragen.

„Wir wollten drei Punkte mitnehmen, das war unser großes Ziel vor dem Spiel. Das hat nicht funktioniert, weil wir zu wenig nach vorne investiert haben“, analysierte FC-Keeper Horn treffend. Besonders in der ersten Halbzeit hatten die Kölner aus lauter Respekt vor den offensivstarken und temporeichen Gästen auf eigene Angriffsbemühungen nahezu komplett verzichtet, verbarrikadierten sich dagegen im Heimspiel gegen den Aufsteiger am eigenen Strafraum und versuchten über eine konzentrierte Abwehrleistung in die Nähe eines weiteren Punktgewinns zu kommen. „Defensiv war es eine ansprechende Leistung, aber davon können wir uns nichts kaufen“, sinnierte Horn, der beim Tor des Tages durch Sasa Kalajdzic (49.) machtlos gewesen war.

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Fußballerische Armut vor der Pause

Dem VfB das Spiel überlassen, tief und kompakt stehen sowie dann das Umschaltspiel suchen – mehr schien nicht im Kölner Plan enthalten zu sein. Zwischenzeitlich verbuchten die „Geißböcke“ lediglich knapp 35 Prozent des Ballbesitzes, unterbanden aber die uninspirierten Offensivbemühungen der Stuttgarter dafür recht konsequent. Schon bei der Startaufstellung hatte FC-Coach Markus Gisdol offenkundig auf die VfB-Stärken reagiert: Neben Ismail Jakobs, der für Jannes Horn in die Anfangsformation rückte, begann auch Kingsley Ehizibue (für Özcan), um auf dem Flügel mit der Geschwindigkeit eines Silas Wamangituka mithalten zu können. Gegen nicht sonderlich stabil auftretende Stuttgarter opferten die „Geißböcke“ ihre eigenen Angriffsbemühungen, zumal es den Kölnern sichtlich an den spielerischen Mitteln fehlte, sich aus der Umklammerung der Gäste zu befreien.

Es entwickelte sich so ein unansehnlicher Kick, der in der ersten Halbzeit einzig durch das wundervolle Frühlingswetter in Müngersdorf herausstach. Ondrej Duda hatte die einzige Abschlussmöglichkeit für den FC, setzte den Ball jedoch nach Ablage von Ellyes Skhiri deutlich über das Stuttgarter Tor. Auf der Gegenseite erspielte sich der VfB auch kein Chancenfeuerwerk, ganz im Gegenteil: Erst kurz vor der Halbzeit war ein ungefährlicher Kopfball von Mavropanos so ziemlich das Einzige, was die Gäste Richtung Kölner Kasten brachten. Angesichts der fußballerischen Armut, die vor allem die abermals enorm passschwachen „Geißböcke“ präsentierten, verwundert es kaum, dass die Partie immerhin einen Negativrekord für die laufende Saison aufstellte: In keinem Spiel gab es weniger Torschüsse zur Pause (drei) als zwischen Köln und Stuttgart.

„Genau so wollten wir es nicht kriegen“: Kalajdzic trifft per Kopf

Das änderte sich nach dem Seitenwechsel, weil sich der VfB kurz nach Wiederbeginn für seine proaktive und geduldige Spielanlage belohnte – und eine Kölner Schwachstelle ausnutzte. Borna Sosas Freistoß aus dem linken Halbfeld fand Kalajdzics Kopf, der den Ball perfekt ins lange Eck verlängerte. Die verdiente Führung für die Schwaben: Wieder ein Standardgegentor für die „Geißböcke“, die dadurch abermals im eigenen Stadion einem Rückstand hinterherlaufen mussten. „Wenn man sieht, wie wir das Gegentor bekommen: Genau so wollten wir es nicht kriegen“, betonte Kölns Abwehrchef Rafael Czichos, der aber bei seiner Kritik insbesondere das Spiel nach vorne in den Fokus nahm: „Wenn man nicht zwingend genug ist, ist es in dieser Liga schwer, Punkte zu holen. Wir hatten zu viele Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, was uns immer wieder in Konter laufen ließ. Das kostet sehr viel Kraft. Bis auf eine Torchance war nicht viel dabei und das reicht nicht.“

COLOGNE, GERMANY - FEBRUARY 20: Emmanuel Bonaventure Dennis of 1. FC Koeln shoots during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and VfB Stuttgart at RheinEnergieStadion on February 20, 2021 in Cologne, Germany. Sporting stadiums around Germany remain under strict restrictions due to the Coronavirus Pandemic as Government social distancing laws prohibit fans inside venues resulting in games being played behind closed doors. (Photo by Matthias Hangst/Getty Images)

Foto: Matthias Hangst/Getty Images

Erst spät nahm der FC konstruktiv an der Partie teil, auch weil der Druck der Stuttgarter, die nach dem 1:0 in den Verwaltungsmodus schalteten, auf den eigenen Spielaufbau abnahm. Mit der Hereinnahme von Max Meyer hatte das Gisdol-Team eine spielerisch starke Option auf dem Platz, der auch direkt für die größte Kölner Torchance verantwortlich zeichnete: Mit einem perfekt getimeten Pass setzte der Ex-Schalker Emmanuel Dennis in Szene, doch der zweite Winterneuzugang verzog nach feiner Körpertäuschung letztlich klar (68.). Während der VfB auf den entscheidenden Konter lauerte, der aber aufgrund mangelnder Präzision nicht kam, hatten die „Geißböcke“ Pech: Der eingewechselte Salih Özcan traf mit einem wuchtigen Distanzschuss nur die Latte (77.), die Schlussoffensive der Kölner blieb danach harmlos.

Zu wenig, zu spät: Der FC macht sich das Leben selbst schwer

Zu wenig, zu spät: So lautete schließlich auch Timo Horns Fazit nach der nächsten Heimniederlage des 1. FC Köln. „Wir müssen insgesamt zwingender nach vorne spielen und da reichen nicht die 15 bis 20 Minuten am Ende, um das Ding zu drehen, sondern von Anfang an“, legte der FC-Torwart den Finger in die Wunde. „Wir haben am Ende zugelegt, weil die Stuttgarter sich haben fallen lassen und den Verwaltungsmodus eingelegt haben. Aber auch da war es nur bis zum Sechzehner gut und dann nicht zwingend genug“, so Horn, der nach Abpfiff verbale Unterstützung seiner Vorderleute erhielt. „Vielleicht haben wir in der ersten Halbzeit zu tief gestanden. Wenn wir vor allem auch in der ersten Halbzeit mehr nach vorne gespielt hätten, wäre das Spiel offener gewesen. Das müssen wir uns ankreiden. Wir hatten weite Wege und haben uns so das Leben selbst schwer gemacht“, erklärte beispielsweise Marius Wolf.

„Nach vorne tun wir uns nach wie vor schwer. Das ist unser Los diese Saison.“

Das Leben selbst schwer gemacht: So wirkte es wahrlich in den aus Kölner Sicht 90 fußballerisch wenig erbaulichen Minuten. Der FC scheute über weite Strecken jedwedes Risiko und vergab so die Chance, einen Big Point im Abstiegskampf zu landen. Ein wenig wirkte die taktische Ausrichtung an den Stärken des Gegners wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Der Vorwurf des Angsthasenfußballs ist ebenso wenig von der Hand zu weisen wie die offenkundigen Schwächen im Offensivspiel. „Nach vorne tun wir uns nach wie vor schwer. Dass wir im Sturmbereich insgesamt nicht die Torjäger haben, bedeutet, dass wir uns jedes Spiel die Chancen hart erarbeiten müssen. Das ist unser Los diese Saison. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen“, konstatierte auch FC-Coach Gisdol, der aber nicht nur die fußballerische Leistung seines Teams kritisierte. „Wir haben es in der ersten Hälfte nicht geschafft, den Gegner unter Druck zu setzen. In der zweiten Hälfte haben wir das Risiko erhöht, du musst dann aber aus den wenigen klaren Chancen was machen – doch wir haben sie liegen gelassen.“

Die Bayern vor der Brust: Der Blick geht in den Rückspiegel

Die wenigen klaren Chancen nutzen, defensiv stabil stehen: Das scheint das einzige Erfolgsrezept zu sein, dass der 1. FC Köln derzeit in petto hat. Vor allem darum ist es kaum verwunderlich, dass der Blick im Abstiegskampf bei Verantwortlichen wie Spielern in den Rückspiegel geht. Mit Mainz 05 ist nun ein weiterer Konkurrent hinter den „Geißböcken“ in Schlagdistanz gerückt, das Polster auf die Abstiegsplätze bleibt dünn. Wir haben in den letzten Wochen gezeigt, dass wir das Potential haben, am Ende über dem Strich zu stehen. Dass es ein harter Kampf wird, war von Anfang an klar. Dass wir Rückschläge wie heute hinnehmen müssen, war auch klar. Und dass es die nächsten Wochen nicht leichter wird, da brauchen wir nicht drüber zu reden“, fasst Horn die Situation zusammen. Nächste Woche geht es für den FC nach München zum FC Bayern. Vielleicht liegt dem Gisdol-Team ein großer Gegner ja besser.

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