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Blamage in Beckum: Das Aus für den 1. FC Köln – und für Morten Olsen

Der 1. FC Köln und Pokalpleiten: Das war in den neunziger Jahren keine Seltenheit. In unserer neuen Serie zur FC-Historie blicken wir zum Auftakt deshalb auf die „Mutter aller Blamagen“ bei der SpVg Beckum im August 1995.

COLOGNE, GERMANY - AUGUST 21: coach Morten Olsen of 1. FC Cologne is seen during the bundesliga match between 1. FC Cologne and Hamburger SV on August 29, 1995 in Cologne, Germany. (Photo by Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images)
Foto: Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images

Der 1. FC Köln und der DFB-Pokal, das war einst eine große Liebesbeziehung. Der 1. FC Köln und die erste Pokalrunde, das war spätestens seit dem sportlichen Niedergang Mitte der neunziger Jahre für lange Zeit eine komplizierte Geschichte. Zwar sind die „Geißböcke“ seit 2007 nicht mehr zum Auftakt des Wettbewerbs gescheitert, doch die Auswahl an kolossalen Blamagen ist nicht allzu gering. Die größte davon ereignete sich im August 1995 im Münsterland, als das ambitionierte Kölner Ensemble um Trainer Morten Olsen und den Topstars Bruno Labbadia, Toni Polster, Bodo Illgner und Sunday Oliseh im Elfmeterschießen beim Viertligisten SpVg Beckum die Segel streichen musste.

Dabei hatte es zuvor gar nicht so sehr nach Sensation gerochen: Die SpVg Beckum war mit zwei Niederlagen in die Oberliga-Saison gestartet und hatte bei ihrem Pokaldebüt zwei Jahre zuvor von Werder Bremen mit 0:7 auf die Mütze bekommen. „Für uns war es natürlich ein Highlight, überhaupt qualifiziert zu sein. Wir hatten nichts zu verlieren und so sind wir auch aufgetreten“, erklärte Torwart Jürgen Welp, der im Duell gegen die „Geißböcke“ zum umjubelten Helden wurde und im Anschluss an das Beckumer Pokalwunder sogar mit dem Helikopter ins ZDF-Sportstudio flog, 2017 gegenüber „fussball.de“. Klar war vor der Partie: Der Viertligist war gegen den vierfachen Pokalsieger aus Köln der krasse Außenseiter.

Große Ambitionen, tiefer Fall beim 1. FC Köln

Und das trotz des fast schon traditionell schwachen Saisonstarts der „Geißböcke“, die zum Bundesliga-Auftakt zuhause mit 0:1 gegen Schalke 04 verloren und danach ein mageres 1:1-Unentschieden beim rheinischen Rivalen Fortuna Düsseldorf eingefahren hatten. Dennoch: Die Ambitionen in der Domstadt waren auch zu Beginn der Spielzeit 1995/96 hoch. Zwar hatte der FC eine Europapokal-Qualifikation über den DFB-Pokal durch das unnötige Halbfinal-Aus gegen den VfL Wolfsburg verpasst, doch hatte der Club im Sommer endlich wieder investieren können in den Kader. So kamen für das zentrale Mittelfeld Sunday Oliseh (Reggiana Calcio) und Dorinel Munteanu (Cercle Brügge), die Abwehr sollte der Deutsch-Argentinier Christian Dollberg (Club Atletico Lanus) verstärken.

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Dass die Mannschaft allerdings die hehren Wünsche der Kölner Fans trotz Stars wie Illgner, Polster & Co. und einem für deutsche Verhältnisse damals visionären Trainer wie Morten Olsen nicht erfüllen können würde, davon konnten sich alle Beteiligten an diesem Samstagnachmittag Ende August in der Beckumer Römerkampfbahn ein Bild machen. Über 120 Minuten quälten sich die „Geißböcke“ vor 5.700 Zuschauern mehr schlecht als recht gegen aufopfernd kämpfende Außenseiter, vergaben dabei einige Großchancen zur möglichen frühzeitigen Entscheidung. Mehrfach scheiterte das hochgelobte Sturmduo Labbadia/Polster entweder am herausragend aufgelegten Beckumer Schlussmann Welp oder aber am Torgestänge der an diesem Tage glücklichen Amateure. Kurz vor Ende der Verlängerung flog noch FC-Abwehrspieler Karsten Baumann vom Platz – Tore fielen in den 120 Minuten dennoch keine.

Labbadia vergibt den entscheidenden Elfmeter

So musste das Elfmeterschießen entscheiden – die letzte Chance für den 1. FC Köln, der anstehenden Blamage in Beckum noch so gerade zu entgehen. Bereits zwei Jahre zuvor waren die „Geißböcke“ peinlich vom Punkt gescheitert, in der 3. Pokalrunde mussten sie sich den Amateuren des FC Bayern München geschlagen geben. Auch diesmal sah es nicht gut aus: Während bei der SpVg Beckum die ersten vier Schützen trafen, scheiterte Christian Dollberg als dritter Kölner (Polster, Kohn und Steinmann waren erfolgreich) und stieß damit die Tür zur Sensation weit auf. Alfons „Ali“ Beckstedde hatte sie dann für Beckum auf dem Fuß, doch traf nur den Pfosten. Glück für den FC, das dieser jedoch nicht zu nutzen wusste. Welp parierte den fünften und letzten Strafstoß gegen Labbadia („Ich wusste einfach, wo er hin schießt. Ich hatte mir das vorher angeschaut, aber ich hatte natürlich auch einen Sahnetag und ein bisschen Glück“) und machte das Pokalwunder perfekt.

„Ich wusste einfach, wo er hin schießt. Ich hatte mir das vorher angeschaut, aber ich hatte natürlich auch einen Sahnetag und ein bisschen Glück.“

Die kölsche Blamage in Beckum: Sie hatte Konsequenzen. Nicht nur war der glorreiche 1. FC Köln auf peinliche Art und Weise aus dem DFB-Pokal ausgeschieden, es bedeutete auch das Aus für Morten Olsen bei den „Geißböcken“. Nach einem Tag Bedenkzeit setzten die Vereinsverantwortlichen den Dänen vor die Tür, obwohl unter der Woche gleich das nächste Bundesliga-Spiel auf die Mannschaft wartete. „Das war die größte Enttäuschung meiner Laufbahn. Es ist für mich bis heute unbegreiflich, dass man mich nach nur zwei Spielen entlassen hat. In dieser Zeit gab es so was wohl nur in Köln“, urteilte Olsen 2016 im „Express“-Interview. Zuvor hatte der einstige FC-Profi und Nationalspieler nach eigenen Angaben ein Angebot von Athletic Bilbao abgelehnt – auf Drängen der Kölner Verantwortlichen.

Olsen: „Diese Entlassung war nicht okay“

Die Planungen für die neue Saison: Nach lediglich drei Pflichtspielen waren sie Makulatur. Für Olsen unverständlich: „Jeder kann seine Meinung haben, aber diese Entlassung war nicht okay“, erklärte der spätere Trainer von Ajax Amsterdam und der dänischen Nationalmannschaft. „Zum ersten Mal hatten wir etwas Geld. Wir haben Sunday Oliseh, Dorinel Munteanu und Christian Dollberg gekauft. Denn wir wollten ein neues System spielen: mit Dreierkette und in der Zone verteidigen. Genau mit diesen Jungs. Aber dafür hätte ich Zeit gebraucht! Stattdessen wurde ich entlassen. Was für ein Fehler vom Verein. Ich bin sicher: Wir wären mit dem FC im dritten Jahr sicher im ersten Tabellendrittel gelandet“, ärgerte sich Olsen auch über 20 Jahre nach seiner Demission noch über die Art und Weise.

Es folgte, was so oft beim 1. FC Köln folgte: Die Rufe nach Christoph Daum wurde im Verein und im Umfeld immer lauter. Der einstige Erfolgstrainer, zu dieser Zeit noch bei Besiktas Istanbul unter Vertrag, sollte die hochtrabenden Ambitionen der „Geißböcke“ in die Wirklichkeit umsetzen. Doch eine Rückkehr des „verlorenen Sohns“, 1990 unter dubiosen Umständen während der WM in Italien entlassen, ließ sich nicht realisieren. Zunächst übernahm Ex-Nationalspieler Stephan Engels interimistisch, blieb dann allerdings bis zum 25. Spieltag Trainer einer zutiefst verunsicherten Mannschaft. Danach übernahm Peter Neururer, der den FC in allerletzter Sekunde noch zum Klassenerhalt führte – Holger Gaißmayer bewahrte die Kölner mit seinem Tor bei Hansa Rostock vor dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte.

Beckum stürzt ab nach der Sensation

Der Pokaltraum für die SpVg Beckum war dagegen in der nächsten Runde ausgeträumt: Gegen den bayerischen Zweitligisten SpVgg Unterhaching verloren Jürgen Welp und Co. nach verpatztem Start in die Partie mit 2:3. Sportlich und finanziell stürzten die Münsterländer nach der Sensation gegen den 1. FC Köln zunehmend ab: 2001/02 musste die SpVg Beckum, mittlerweile nur noch Verbandsligist, Insolvenz anmelden und daraufhin einen Neustart in der Kreisliga B angehen. Nach der Rückkehr in die Westfalenliga 2016/17 wird in Beckum derzeit sechstklassig gekickt. Die Erinnerungen an die Pokalsensation aus dem August 1995 sind längst verblasst – auch beim 1. FC Köln. Schließlich folgten noch zahlreiche weitere Blamagen.

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