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Ehrentribüne

Vor 25 Jahren: Als Siggi Reich mir mein FC-Herz brach

Der 1. FC Köln und der DFB-Pokal: Das war in der jüngeren Vergangenheit keine Erfolgsgeschichte. Eine Leidensgeschichte, die für unseren Autor vor einem Vierteljahrhundert begann – in Müngersdorf gegen den VfL Wolfsburg und Siggi Reich.

Foto: imago images/Horstmüller

Um direkt mit einer Reporterfloskel zu starten: Es war im April 1995 alles angerichtet für den 1. FC Köln. Es war an diesem 11. April 1995 verdammt nochmal alles angerichtet für meinen 1. FC Köln. Dienstagabends, Müngersdorfer Stadion, Flutlicht, Halbfinale im DFB-Pokal. Vor den eigenen Fans gegen den VfL Wolfsburg, seines Zeichens damals ambitionierter Zweitligist. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ – vier Jahre nach der bitteren Endspielniederlage im Elfmeterschießen gegen Werder Bremen winkte dem FC die Rückkehr ins Finale des DFB-Pokals. Für mich das erste Highlight meiner damals noch jungen Fankarriere – war ich doch beim letzten Anlauf Richtung Titelgewinn noch ein kleiner i-Dotz.

Nun aber sollte endlich meine, unser aller große Stunde schlagen. Hatte doch mein FC im Viertelfinale den Karlsruher SC dank eines Doppelpacks von Bruno Labbadia aus dem Weg geräumt und war dann auch noch mit dem Losglück im Bunde. Die starken Bundesliga-Kontrahenten Borussia Mönchengladbach und 1. FC Kaiserslautern waren ebenso wie die Zweitliga-Spitzenmannschaft aus Wolfsburg neben den „Geißböcken“ noch in die Runde der letzten Vier eingezogen. Statt den Ligarivalen erwischte der FC das vermeintlich leichteste Los: Zuhause gegen einen unterklassigen Gegner – das sollte doch Formsache sein für den glorreichen 1. FC Köln.

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Wer war denn bitte schon der VfL Wolfsburg?

Dachte auch mein Vater, der seinen Sohnemann zum einen gegen seine eigentlich heiligen Erziehungsregeln unter der Woche mit ins Müngersdorfer Stadion nehmen musste. Zu sehr hatte ich gequengelt, wollte mir diesen Abend auf keinen Fall entgehen lassen. Zum anderen – und das sollte doch eigentlich selbstverständlich sein – war schon zuvor klar: Sollte alles so laufen wie erwartet und unser FC den Weg ins Endspiel finden, dann geht es für uns Ende Juni ins Olympiastadion nach Berlin. Die Millionenmetropole an sich, dieses spannende Betonmoloch umringt von Brandenburg, war mir mit zehn Jahren herzlich egal. Ich wollte dieses Finale sehen. Mit meinem 1. FC Köln. Und dann den Pokal gewinnen. Natürlich am liebsten im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. In meinem Kopf spielte ich dieses Spiel in den Tagen vor dem Wolfsburg-Duell bereits durch – natürlich mit positivem Ausgang für meinen FC.

Ähnlich dachte gefühlt halb Köln, das sich bereits Hotelreservierungen und Tickets für den großen Tag in Berlin zulegte. Wer war denn bitte schon der VfL Wolfsburg? Klar, die waren in der 2. Bundesliga jetzt nicht so schlecht unterwegs und auf Aufstiegskurs. Der Weg ins Halbfinale wirkte allerdings nicht sonderlich spektakulär: Die Amateure des FC Schalke 04, Eintracht Frankfurt, Bayern-Schreck TSV Vestenbergsgreuth sowie die Amateure des FC Bayern München waren die Hürden, die die „Wölfe“ bis zur Vorschlussrunde zu überwinden hatten. Die bekanntesten Namen in Diensten der Niedersachsen: Der ehemalige Kölner Jann Jensen in der Abwehr, die Zweitliga-Haudegen Holger Ballwanz und Detlev Dammeier, der spätere FC-Spielmacher Claus-Dieter Wollitz, Torjäger Siggi Reich. Nichts, wovor sich der glorreiche 1. FC Köln in die Hose machen müsste.

Träume vom Europapokal – und von Laurent Blanc

Auch wenn von der strahlenden Vergangenheit bei den „Geißböcken“ nur noch wenig übrig geblieben war: Der FC war zu dieser Zeit biederstes Mittelmaß in der Bundesliga. Trotz des taktischen Visionärs Morten Olsen an der Seitenlinie. Trotz des treffsicheren Sturmduos Bruno Labbadia und Toni Polster. Trotz des Weltklassetorwarts Bodo Illgner zwischen den Pfosten. Über die Liga war der Traum von Europa abermals ausgeträumt, aber da war ja noch der DFB-Pokal. Und nach Pflichtsiegen beim FC Remscheid und der SG Wattenscheid 09 sowie den Heimsiegen gegen Dynamo Dresden und dem KSC flogen die Träume hoch in der Domstadt. Von Laurent Blanc wurde gesprochen, den die Verantwortlichen gerne an den Rhein holen wollten. Die großen Zeiten könnte zurückkehren, wenn der DFB-Pokal endlich wieder seinen angestammten Platz in der Vitrine am Geißbockheim finden würde.

Das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg sollte auf diesem Weg nur eine Zwischenstation sein. So fühlte es eine ganze Stadt. So fühlte es der gesamte Verein. So fühlten auch mein Vater und ich, als wir an diesem Dienstagabend Richtung Müngersdorf pilgerten. Ich habe kaum Erinnerungen an all das – ob ich die beeindruckende Pyroshow noch aus eigener Anschauung im Hinterkopf habe oder weil es das Intro zu dieser Partie auf YouTube gibt, ist bis heute ungeklärt. Ich habe dieses Spiel ganz tief nach hinten verbannt, zu schmerzhaft war das, was auf all die großen Hoffnungen folgte. Aus dem heutigen Blick mit dem heutigen Wissen mutet es geradezu schrecklich naiv an, damals war ich jung und unschuldig und dachte, mein FC würde das schon wuppen. Und mir die ersehnte Reise nach Berlin zum Pokalfinale ermöglichen.

Ein Treffer mitten ins Herz des 1. FC Köln

Es kam alles anders. Die haushoch favorisierten „Geißböcke“ lieferten eine erbarmungswürdige Leistung ab, blutleer und kraftlos. Als hätten die Erwartungen aller Anhänger die Spieler gelähmt. Als hätten sie den Finaleinzug genauso für selbstverständlich erachtet wie wir. Nach 20 Minuten war die Partie quasi entschieden: Siggi Reich drückte eine Hereingabe von der rechten Seite an Illgner vorbei über die Linie. Ein Treffer. Ein verfickter Treffer. Aber ein Wirkungstreffer, mitten ins Herz. Der Spieler, der Fans, der Stadt. 1:0 Wolfsburg – und das Gefühl, das an diesem Abend alle Träume platzen würden, die vorher so selbstverständlich erschienen. Nach dem Abpfiff stand ich auf der Stadionvorwiese und heulte Rotz und Wasser. Ich habe noch oft geweint wegen des 1. FC Köln, aber nie wieder derart aus vollem Herzen wie an diesem 11. April 1995.

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Aus war der Traum. Von Berlin, vom Olympiastadion, vom Pokalfinale. Aus war der Traum. Vom Europapokal, von Laurent Blanc, von glanzvolleren Zeiten. Einen Tag danach zog Borussia Mönchengladbach ins Endspiel ein, in der Verlängerung rangen die „Fohlen“ den 1. FC Kaiserslautern nieder. Ein Derby hätte es werden können. Als mein Vater mir das Donnerstags am Frühstückstisch sagte, interessierte es mich nicht mehr. Ich dachte nicht an all die Spiele in meinem Kopf. Die vielen Varianten, wie wir den rheinischen Rivalen in Berlin gedemütigt hätten. Ich war immer noch wie betäubt, dass der 1. FC Köln so leichtfertig meinen Traum hatte platzen lassen. Unser aller Traum.

Dollberg statt Blanc, Pokalblamage statt Europapokal

Laurent Blanc fand nur beim 1. FC Köln nur als Abwehrchef meiner Wunschelf statt, der Franzose wechselte stattdessen zu einem etwas weniger renommierten Verein in Spanien namens FC Barcelona und wurde 1998 Weltmeister. Stattdessen holte der FC mit Christian Dollberg einen Verteidiger, der bis heute in den Köpfen der Kölner Fans präsent ist. Der VfL Wolfsburg verlor das Pokalfinale gegen Mönchengladbach klar mit 0:3, stieg allerdings in die Bundesliga auf und nervt dort als Werksclub ohne Seele seit über 20 Jahren. Wenige Monate nach dem Halbfinal-Aus scheiterten der FC in der ersten Runde des DFB-Pokals blamabel bei der SpVg Beckum. Seitdem standen die „Geißböcke“ nur noch einmal im Halbfinale dieses Wettbewerbs: In Leverkusen vergaben die Kölner, diesmal der krasse Außenseiter, die mögliche Sensation. Lilian Laslandes lässt grüßen. Es tat weh, aber nicht mehr so wie gegen Wolfsburg.

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