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Kolumnen

Jeff-Jas-Kolumne: Wetten, dass…das bescheuert ist?!

Fußball ist Glücksspiel, zumindest bei einem Blick aufs Sponsoring. Das könnte sich ändern – zuvor aber noch schnell Bier per App bestellen und Selfieschal sichern. Die neue Ausgabe der Jeff-Jas-Kolumne!

COLOGNE, GERMANY - MARCH 31: Christian Clemens of Cologne (L) and Hauke Wahl of Kiel battle for the ball during the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and Holstein Kiel at RheinEnergieStadion on March 31, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images)
Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Leev Lück,
Wetten ist unser Sport. Wer sich einmal die Bundesliga-Konferenz auf dem heißgeliebten Pay-TV-Sender unseres Misstrauens angeschaut und zu früh eingeschaltet hat, der könnte den Eindruck bekommen, dieser Werbespruch eines Wettanbieters wäre tatsächlich bereits Realität. Drölfzig verschiedene Unternehmen aus dieser leicht zwielichtigen Branche werben im Umfeld der Fußball-Übertragung.

Ob via Werbespot im Fernsehen oder als Sponsor der Vereine: Sportwetten sind rund um die Bundesliga derart omnipräsent, dass es als Fußball-Fan nahezu ausgeschlossen ist, dieser optischen und akustischen Dauerbeschallung aus dem Weg zu gehen. Selbst die DFL als Dachverband der deutschen Proficlubs hat einen Wettanbieter als Partner – und scheut sich auch nicht, für ihn über den eigenen Twitteraccount die Trommel zu rühren. Top, die Wette gilt!

Ein schier unerträgliches Ausmaß an Wett-Bewerbe

Dass all diese verlockende Reklame für Glücksspiel nicht ganz unproblematisch ist, sollte angesichts der Vielzahl von Berichten über Spielmanipulationen und Wettsucht nicht unter den Teppich gekehrt werden. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich will mich hier nicht als Moralapostel aufspielen – auch ich setze ab und zu etwas meines sauer ersparten Vermögens auf Fußball. Wer kann bei diesen Quoten auf „Simon Terodde erzielt ein Tor und der 1. FC Köln gewinnt“ schon Nein sagen? Vielen Dank an dieser Stelle an den Herrn Redaktionskollegen! Dennoch: Mittlerweile hat die „Wett-Bewerbe“ ein schier unerträgliches Ausmaß angenommen.

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Auch bei den Aufsichtsbehörden scheint diese Ansicht mittlerweile Einzug gehalten zu haben: Wie der WDR Ende März berichtete, hat die Bezirksregierung Düsseldorf hat ein ordnungsbehördliches Verfahren gegen Borussia Dortmund eingeleitet. Hintergrund ist das Werbeverbot für in Deutschland verbotene Glücksspielangebote. Ein BVB-Sponsor bietet diese Online-Casino-Spiele neben Sportwetten auf seiner Homepage an, der Verein wirbt daher nach Ansicht der Aufsichtsbehörde auch dafür – ein Verstoß gegen geltendes Recht. Wer wird dieses Duell wohl für sich entscheiden? Geld würde ich nicht darauf setzen.

Auch dem DFB droht Ungemach – oder doch nicht?

Dem Bundesligisten droht nun dem WDR-Bericht zufolge eine Untersagungsverfügung, der Verein müsste dann die Werbung für den Wettanbieter, der einen zweistelligen Millionenbetrag pro Saison zahlt, einstellen. Auch ein Bußgeld kann das Regierungspräsidium Düsseldorf verhängen. Schon zuvor hatten sich die Glücksspielaufsichten der Länder an den DFB gewandt, der das gleiche Unternehmen als Sponsor sein Eigen nennt. Sogar die deutsche Nationalmannschaft wird künftig für den Wettanbieter werben.

Germany's goalkeeper Marc-Andre ter Stegen makes a save during the friendly football match Germany v Serbia in Wolfsburg, western Germany on March 20, 2019. (Photo by John MACDOUGALL / AFP) / RESTRICTIONS: ACCORDING TO DFB RULES IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO IS NOT ALLOWED DURING MATCH TIME. MOBILE (MMS) USE IS NOT ALLOWED DURING AND FOR FURTHER TWO HOURS AFTER THE MATCH. == RESTRICTED TO EDITORIAL USE == FOR MORE INFORMATION CONTACT DFB DIRECTLY AT +49 69 67880 / (Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images)

Den Aufsichtsbehörden ist dies laut NDR ein gewaltiger Dorn im Auge: „Die einschlägige Rechtsprechung lässt keinen Raum für Zweifel an der Rechtswidrigkeit entsprechender Angebote“, wird aus dem Brief des baden-württembergischen Innenministeriums zitiert. Sollte der DFB in Zukunft weiter für das entsprechende Unternehmen werben, „besteht die Gefahr, dass die Werbung insgesamt untersagt wird“. Die Konsequenzen bei Missachtung könnten schwerwiegend sein, sogar von einem Sendeverbot ist die Regel.

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Betroffen wäre davon der überwiegende Großteil der Proficlubs, die nahezu ausnahmslos einen Sportwettenanbieter, der gleichzeitig auch Online-Casino-Glücksspiel mit Echtgeld bereitstellen, als Sponsor haben. Zu diesem GAU wird es aber höchstwahrscheinlich nicht kommen: Eine juristische und politische Regulierung, die vermutlich auch jene Dienste erlaubt, die bisher illegal sind, steht kurz bevor – das in dieser Sache sehr liberale Schleswig-Holstein treibt eine Legalisierung offensichtlich weiter voran. Die Quoten stehen gut für die wettsüchtige Fußballbranche!

Selfieschal und Bier an den Platz – ist das noch Fußball?

Etwas mit -ierung treibt auch der 1. FC Köln maßgeblich voran und sorgt dabei für erstauntes Kopfschütteln: Im Zuge der Digitalisierung des Stadionbesuchs können sich nun FC-Fans auf der Osttribüne ihre Verpflegung via App bestellen und an den Platz liefern lassen. Gänzlich abgesehen von der Richtung, in die diese Entscheidung führen dürfte, stehen dann offensichtlich noch mehr Verkäufer oder Lieferanten im Weg herum, so dass der geneigte Anhänger von wahnsinnig schönem Fußball die Spielzüge der „Geißböcke“ gar nicht mehr in voller Pracht genießen kann. Da das Catering im Stadion, ob geliefert oder noch so ganz Real-Life-mäßig selbst abgeholt, allerdings eh mit den Höchstleistungen auf dem grünen Rasen nicht mithalten kann, verkneife ich mir weitere Kommentare dazu.

Das gilt im Übrigen auch für den Selfieschal, den ein Werbepartner des Vereins nun an den Mann oder die Frau bringen will: In einem 95-sekündigen Video präsentiert die DEVK seine „Geheimwaffe für den Aufstiegskampf“, die beim Jubeln „lustige Selfies“ macht. Anfeuern und gleichzeitig der King auf Instagram sein: Wer hat sich das nicht gewünscht? Und wer aufgrund des Datums dachte, dies alles sei nur ein Aprilscherz, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Sowohl die Versicherung als auch der FC versicherten: Diese „bahnbrechende Entwicklung“, auf die der Fußball gewartet hat, gibt es wirklich und wird nun elfmal verschenkt. Die nächste Version dann aber bitte mit eingebauter Bestellfunktion fürs Bier. Kölle alaaf!

Rassisten aller Länder, verpisst Euch!

Weniger zum Schmunzeln, mehr zum Haareraufen: Es ist 2019 und dennoch klebt das Thema „Rassismus“ dem Fußball an den Füßen wie dem FC in der vergangenen Spielzeit das Abschlusspech. Englands Nationalspieler wurden beim EM-Qualifikationsspiel in Montenegro rassistisch beleidigt, Italiens Nationalspieler Moise Kean musste sich zuletzt am Wochenende abermals Affenlaute anhören. Und wer denkt, das wäre in deutschen Stadien nicht der Fall, der hat in jüngster Vergangenheit aber ganz tief geschlafen. Die Vorfälle in Wolfsburg, die der Journalist André Voigt öffentlich gemacht hatte, erschütterten ebenso wie die lasche Relativierung des DFB-Integrationsbeauftragten Cacau zu dieser Debatte. Von Chemnitz und Co. haben wir da noch gar nicht gesprochen. Es bleibt nur eins zu sagen: Verpisst Euch doch einfach, ihr fiesen Faschisten und Rassisten. Euch braucht niemand!

Bis dahin: Maat et joot!
Euer Jeff Jas

Einmal im Monat schreibt Jeff Jas an dieser Stelle über die groben Fouls und versteckten Nickligkeiten im Fußball, die Diskussionen auf dem Platz, an der Seitenlinie, in der Kabine, auf der Tribüne und an der Theke. Er fühlt sich überall zuhause, wo der Ball rollt: Vom Aschenplatz auf der Schäl Sick über das Müngersdorfer Stadion im Kölner Westen bis zu den Hochglanzarenen dieser Welt.

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