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Geißbockheim

Meine Beziehung zum 1. FC Köln: Ich, der Absteiger aus der „Lost Generation“

Zum sechsten Mal in 20 Jahren tritt der 1. FC Köln den bitteren Gang in die 2. Bundesliga an. Wie es sich anfühlt, Fan eines Vereins zu sein, der ständig im Fahrstuhl hängt? Unser Autor, Jahrgang 1986, nähert sich dem an.

GERMANY - MAY 09: FUSSBALL: 1. BUNDESLIGA 97/98 09.05.98, KOELN - BAYER LEVERKUSEN 2:2, Abstieg in die 2. Liga - FANS KOELN (
Foto: Gunnar Berning/Bongarts/Getty Images

Den abermaligen Abstieg verhinderte es nicht. Eigentlich war da schon vielen klar: Das wird nicht der letzte gewesen sein. Aus dem einstigen Spitzenclub vom Rhein, dem Real Madrid des Westens, war eine sportliche Lachnummer geworden. Schlechte Manager stellten schlechte Trainer ein, die dann schlechte Spieler trainierten. Es glich einem Albtraum – und doch fühlte ich mich nicht nur wegen Lukas Podolski wohl in dem ganzen Brimborium. Der effzeh nahm einen immer größeren Platz in meinem Leben ein, seit 2002 fuhr ich zu möglichst vielen Auswärtsspielen, wurde Teil einer einzigartigen Fanszene.

Aus all den Rückschlägen, aus all den Niederlagen, aus all den Peinlichkeiten zog ich eine bizarre Art von Stolz: Wir sind scheiße, na und? Wir verlieren am laufenden Band und wollen trotzdem nicht mit Euch tauschen. Tim Parks‘ Leitsatz aus seinem wundervollen Buch „Eine Saison mit Verona“ wurde mein effzeh-Motto: „Manche Menschen müssen Anhänger einer ‚Siegermannschaft‘ sein. Sie sind psychisch einfach nicht gefestigt genug, um Verlierer zu unterstützen.“

Zypern-Deals & Katastrophen-Kicks

Es ging hoch. Es ging wieder herunter. Und nicht immer fanden wir das lustig, weil wir bescheuert sind. Aber wie mir Kölsche halt so sind: Man versucht das Beste aus der Situation zu machen. Also feierten wir, was das Zeug hielt. Teilweise stundenlang, obwohl (oder gerade weil?) unser Team so schlecht war und reihenweise verlor. Obwohl (oder gerade weil?) die Vereinsführung sich spätestens seit der Amtsübernahme von Wolfgang Overath eine peinliche Posse nach der anderen leistete. Der völlig vermurkste Zypern-Deal, als der einst glorreiche 1. FC Köln auf einen Hochstapler hereinfiel oder die großartig-groteske Phase rund um die Verpflichtung von Christoph Daum seien nur als zwei herausstechende Beispiele genannt.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

„Mein Sohn kennt den 1. FC Köln nur als eine einzige Enttäuschung“, sagte ein Kölner Journalist nach dem Europapokal-Einzug im vergangenen Mai einem englischen Kollegen. Verdammt, ja, das trifft den Nagel auf den Kopf. Bittere Blamagen in Koblenz oder Paderborn, lustlose Leistungen in Jena oder Burghausen, katastrophale Kicks in Essen oder Saarbrücken. Was haben wir in all den Jahren nur mitmachen müssen? Für mich war es irgendwie Teil des Deals gewesen. Ich kannte den 1. FC Köln nur so – ganz anders als mein Vater, der sich in grauer Vorzeit bei meinen Großeltern in einem Brief beschwerte, man müsse sich als effzeh-Fan schämen, weil der Club so schlecht sei. Er war damals Siebter in der Bundesliga – eine Platzierung, für die ich den Großteil meines Fandaseins meinen Erstgeborenen dem Teufel anvertraut hätte.

„Jungs, ich habe einen riesigen Respekt vor Euch“

Als ich davon erfuhr, musste ich an ein Gespräch aus dem Jahr 2010 denken: Vor einem Auswärtsspiel in Stuttgart traf in einer Kneipe in der Nähe der Schwabenmetropole auf einen älteren FC-Fan. Unser glorreicher Verein stand nach einer demütigenden Derbypleite gegen Mönchengladbach auf dem letzten Tabellenplatz, es folgte eine chaotische Mitgliederversammlung unter der Woche. Der nächste Absturz war zum Greifen nah – und dieser betuliche Schwabe, den das Schicksal – ähnlich wie mich – mit dem FC gestraft hatte, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Jungs, ich habe einen riesigen Respekt vor Euch. Ihr habt nur Scheiße erlebt mit diesem Verein – und ihr kommt trotzdem immer wieder“, sagte er mit voller Überzeugung.

Foto: effzeh.com

Ich konnte das in diesem Moment nicht verstehen, denn eigentlich war er doch viel ärmer. Dieser Bär von einem Mann, groß gewachsen und ziemlich urig daherkommend, kannte noch die erfolgreichen Zeiten, als es um Meisterschaften statt gegen den Abstieg ging. Ich? Ich kannte den FC doch gar nicht anders als als ewigen Krisenklub. Und so diskutierten wir, als wären wir alte Leute mit schweren Krankheiten, wen es denn von uns beiden nun schlimmer erwischt hatte.

Auf der nächsten Seite: Die „Lost Generation“ des 1. FC Köln
und das vierjährige Schauspiel eines scheinbar seriösen Fußballvereins

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