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Geißbockheim

Meine Beziehung zum 1. FC Köln: Ich, der Absteiger aus der „Lost Generation“

Zum sechsten Mal in 20 Jahren tritt der 1. FC Köln den bitteren Gang in die 2. Bundesliga an. Wie es sich anfühlt, Fan eines Vereins zu sein, der ständig im Fahrstuhl hängt? Unser Autor, Jahrgang 1986, nähert sich dem an.

GERMANY - MAY 09: FUSSBALL: 1. BUNDESLIGA 97/98 09.05.98, KOELN - BAYER LEVERKUSEN 2:2, Abstieg in die 2. Liga - FANS KOELN (
Foto: Gunnar Berning/Bongarts/Getty Images

Es traf uns beide bis ins Mark, dass wir offensichtlich nie wieder an die großen Zeiten des Vereins anknüpfen konnten. Mittendrin viele Jungs in meinem Alter, die „Lost Generation“ rund um den 1. FC Köln. Kein Titel, kein Europapokal, nur Abstiege und Aufstiege, Spott und Häme aus der ganzen Republik. Doch irgendwie wussten wir: Eines Tages, da wird’s gescheh’n. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber definitiv eines Tages. Wie so ein trotziges Kind, das weiß, dass ihm nach dem Verzehr von zu viel Süßigkeiten schlecht wird – und es dennoch tut. Und schlecht war einem oft beim effzeh in den letzten 25 Jahren.

Davor lag allerdings noch ein grandioser Absturz: 2012 zerbrach der Club in alle Einzelteile – Overath machte als Präsident kurz vor dem Abstieg den Schettino, das Portemonnaie war leerer als morgens um acht Uhr im Venusceller und eine „Schwarze Wand“ symbolisierte am letzten Spieltag das komplette Desaster einer Mannschaft, die diesen Namen nicht verdient hatte. Je näher ich dem FC kam, je mehr dieser wahnsinnige Klub ein Teil von mir wurde, desto desillusionierter war ich. Wie soll denn hier irgendwann wieder einmal Erfolg einkehren? Und warum zur Hölle tue ich mir das eigentlich noch an?

Der 1. FC Köln – ein feiner Verein?

Den Trümmerhaufen beiseite zu schaffen sollte kein Spaziergang werden, zwischenzeitlich schwankte der effzeh zwischen Insolvenz und Abstiegsangst in der 2. Bundesliga. Es gibt Schöneres im Leben eines Fans – und doch bissen viele auf die Zähne. Jetzt erst Recht! Und zwar ohne all den Größenwahn, ohne diese falsch verstandene elitäre Arroganz, ohne all die Traumtänzerei, ohne all den fehlgeleiteten Messias-Glauben. Kurzum: Ohne all den Ballast, der den 1. FC Köln in der jüngeren Vergangenheit zum fast unmanövrierbaren Tanker auf hoher See gemacht hatte. Ein richtiger Neuanfang eben, nach Jahren des mühsam antrainierten Lerneffekts.

And the pounding in the street
Was your heart in four-four time
And the taste of defeat
Was never too far from your mind
(The Gaslight Anthem – High Lonesome)

Nach vier seriösen Jahren, getoppt durch die Teilnahme am Europapokal, war dann auch endlich Schluss mit diesem Schauspiel. Gerade in dem Moment, als alle Beteiligten davon überzeugt zu sein schienen, dass der 1. FC Köln doch ein normaler Fußballclub sein könnte, krachte das Kartenhaus in sich zusammen. Aus einer Saison mit vielen unvergesslichen Momenten, so formulierte es die effzeh-Geschäftsführung in einem Vorwort des GeißbockEchos, wurde eine Spielzeit, die viele am liebsten vergessen würden.

Das halbe Dutzend Abstiege ist voll – und das in einer abermals historischen Art und Weise. Bis zum letzten Hinrundenspieltag rüttelte der effzeh am ewigen Negativrekord Tasmania Berlins, um dann nach Jahreswechsel wieder einmal einen grundsätzlichen Charakterzug zu offenbaren: Selbst wenn man nichts von diesem 1. FC Köln erwartet, schafft es dieser Verein irgendwie doch einen Weg zu finden, einem mit ordentlich Anlauf in die Nüsse zu treten. Ergo: Immer wieder Hoffnung verbreiten und dann krachend einzubrechen. DER FC KÖLN IST WIEDER DA!

Eine wetterfühlige Narbe namens Abstieg

Es schmerzt zwar immer noch sehr, wie es der effzeh geschafft hat, aus dieser exzellenten Ausgangssituation einen völlig verdienten Gang in die 2. Bundesliga zu zaubern. Aber irgendwie ist der Schmerz ein anderer als noch früher. Es ist ein bekannter Schmerz – eine wetterfühlige Narbe quasi, die sich in besonderen Situationen meldet. Doch die großen Emotionen, sie sind nicht mehr vorhanden. Ich leide nicht an diesem Abstieg, ich habe mich daran gewöhnt. Gewöhnt daran, dass der 1. FC Köln eben ein Club ist, der solche Ausschläge nach oben und unten produziert.

Jo jo jo, mer sin immer noch do do do
weil mer su schnell nit kapodd jeiht
un weil de Sonn immer widder opjeiht, singe mer
jo jo jo, mer sin immer noch do do do
drink met mir op dich un mich un e neu Johr
op dat, wat es, op dat, wat kütt,
un op dat, wat wor
(Kasalla – Immer noch do)

Wir werden auch das überstehen, wir werden auch durch dieses Tal gehen. Es hätte schlimmer sein können, wir hätten zum Beispiel nichts mit Fußball zu tun haben können. Oder gar Anhänger von Borussia Mönchengladbach werden können. Wir hätten auch beispielsweise keinen Europapokal haben, dafür aber in der Liga bleiben können. Wie langweilig wäre das denn? Ein wenig ist es wie die letzten Szenen in „Football Factory“: War es all das denn wert? Verdammt, natürlich war es das wert!

>>>Die Kind-Methode: Wie die Führung des 1.FC Köln seine Anhänger spaltet

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