Das Aus für Peter Stöger beim 1. FC Köln schlägt hohe Wellen: Während die Entscheidung bei den effzeh-Fans für Wut sorgt, ist der Klub jetzt im Zugzwang.

Es gibt Dinge auf dieser Welt, ohne die uns eine Existenz mittlerweile sinnlos erscheint, obwohl man sie vor dem Moment, als sie ins eigene Leben traten, nicht gekannt hatte. Mobiles Internet in annehmbarer Geschwindigkeit beispielsweise. Oder diese skurrilen Saugroboter, die einem die Hausarbeit erleichtern. Dasselbe gilt auch für Personen: Ein österreichischer Trainer beispielsweise, den zuvor niemand in Köln einschätzen konnte und der sich mit seinem Schmäh und seiner Kompetenz in die Herzen der Fans des 1. FC Köln coachte. Der mit seiner Gelassenheit und seinem Charme für einen neuen effzeh steht. Vielmehr stand, denn die Ära Peter Stöger ist beim 1. FC Köln seit Sonntag Geschichte.

Gegen Mittag verkündeten die „Geißböcke“ das Aus für den beliebten Trainer, den auch ein 2:2 auf Schalke nicht retten konnte. Schon am Freitag hatten sich die Parteien darauf geeinigt, dass das Duell bei den Königsblauen zum Abschied für Stöger werden würde. Mit Rührung in den Augen nahm der 51-Jährige nach dem Abpfiff Kurs Richtung Gästeblock und wirkte dabei gelöst wie lange nicht mehr. Klarheit hatte er gefordert, die Klarheit hatte er offensichtlich noch vor dem Spiel bekommen. Stöger zog nicht nur sprichwörtlich seinen Hut vor den effzeh-Fans, die ihn mit Sprechchören feierten. Einen Trainer, der in dieser Saison eine Bilanz von drei Punkten aus 14 Spielen aufweist. Dass es sowas in Köln einmal geben könnte, hätten vermutlich nicht einmal die kühnsten Optimisten in Sachen Beziehungsfragen erwartet.

Stöger und die effzeh-Fans: Ein letztes Dankeschön

Doch wie der einstige Erfolgscoach bewiesen auch die Kölner Anhänger das nötige Feingefühl für die aktuelle Situation. Dass Stöger den Verein nach 25 Jahren zurück in den Europapokal geführt hatte, dass er sich für den effzeh auch in der jüngsten Vergangenheit aufgeopfert hat wie kaum ein anderer, dass er mit seiner sympathischen Art und seinen Fähigkeiten für eine neue Ära bei den „Geißböcken“ stand, das haben die Fans ihm nicht vergessen. Die Szenen nach dem Abpfiff waren ein letztes Dankeschön, das auf beiden Seiten von großer Zuneigung und noch größerem Respekt geprägt war. Peter Stöger wusste die Unterstützung der Fans stets zu schätzen, die Fans derweil standen trotz der sportlichen Misere bis zuletzt hinter Peter Stöger.

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Dass die „Geißböcke“ mit großer Moral ein Remis beim Tabellendritten geholt hatten, rückte angesichts der Nachrichtenlage schnell in den Hintergrund. Dabei hatte das Spiel vieles gezeigt, das den effzeh 2017/18 beschäftigt: Unerklärliche individuelle Aussetzer vor allem in der Defensive, nach vorne mit wenig Schwung und noch weniger Qualität, dafür aber mit ungebrochener Moral trotz aller Rückschläge. Zweimal gerieten die ersatzgeschwächten Stöger-Schützlinge in Rückstand, zweimal glichen sie durch Sehrou Guirassy wieder aus. Es schien, als wolle selbst das in dieser Saison oft so grausame Schicksal nicht, dass der Österreicher seinen Job verliert. Es wirkte beinahe schon quälend ironisch, dass der effzeh erst nach einem Standard traf und dann auf Intervention des Videoassistenten zum recht glücklichen Punktgewinn kam.

„Ihr seid einzigartig“

Beeindruckend war es, wie sich diese von Verletzungen heimgesuchte Rumpftruppe mit dem Geißbock auf der Brust gegen die zwölfte Saisonniederlage stemmte. Das Schmierentheater, das in den Tagen vor dem Schalke-Spiel rund um den 1. FC Köln aufgeführt wurde, schien die Jungs weniger zu beschäftigen als befürchtet. Auch von einem Riss zwischen Mannschaft und Trainer, der von einigen Beobachtern nach der Heimniederlage gegen Hertha diagnostiziert wurde, war auf Schalke nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: Es wirkte durchaus so, als wollten die Stöger-Schützlinge noch einmal alles in die Waagschale werfen, um ihren Vorgesetzten weiterhin behalten zu dürfen. Ein klareres Signal für eine Weiterbeschäftigung konnte es nicht geben – mochte man glauben. Die Szenen nach der Partie machten dann allerdings schnell klar: Die Liebesgeschichte zwischen dem 1. FC Köln und Peter Stöger, sie ist fürs Erste beendet.

Das traf auch die Spieler hart: Jungspund Tim Handwerker brach noch auf dem Platz in Tränen aus, selbst abgeklärte Routiniers wie Matthias Lehmann wirkten nach der Partie sichtlich betroffen. Nach der Veröffentlichung der Entscheidung verschafften die Spieler ihren Emotionen in den Sozialen Netzwerken Luft: Von Leonardo Bittencourt über Dominique Heintz bis hin zu Milos Jojic – mit großen Worten bedankten sich die Akteure bei ihrem ehemaligen Chef. Immer wieder dick und fett unterstrichen: Die menschlichen Qualitäten von Peter Stöger und seinem Co-Trainer Manfred Schmid. „Ihr seid einzigartig“, schrieb beispielsweise Simon Zoller, Konstantin Rausch ergänzte „ Dass man in diesem Geschäft noch so zwei schwer korrekte Menschen findet, kommt nicht oft vor“ und traf damit voll ins Schwarze. Die Mannschaft, so darf man all das deuten, hätte am liebsten mit dem Österreicher weiter gemacht.

#ProStöger & #VorstandRaus

Auch bei den Fans stand Stöger trotz der sportlichen Misere noch hoch im Kurs: Als der effzeh die Trennung bekannt gab, ergoss sich in den Sozialen Netzwerken eine Sympathiewelle sondergleichen für den geschassten Trainer. Das Echo war eindeutig: Pro Stöger, contra Vorstand! Viele bezogen wortgewaltig Stellung für ihren Trainer, viele ließen ihrem Frust ob dieser Entscheidung freien Lauf, viele nahmen den Vorstand angesichts der Umstände der Trennung aufs Korn, so manch einer kokettierte mit der Kündigung seiner Mitgliedschaft. Ein Facebook-Post eines wütenden effzeh-Fans erhielt dabei besonders viel Zuspruch: Über 8.000 Mal wurde die emotionale Kritik des Anhängers an seinem eigenen Verein bis zum Abend geliket. Ein 1. FC Köln ohne Peter Stöger? Für viele nach der mehr als vierjährigen Ära des Österreichers schlichtweg nicht mehr vorstellbar!

>>> effzeh-Live: Ruthenbeck widerspricht Spinner-Aussage

Die Wut wurde auch nicht durch die Pressekonferenz, die der effzeh zur Verkündung der Entscheidung einberufen hatte, gemildert. Ganz im Gegenteil: Werner Spinner und Alexander Wehrle wirkten emotional angegriffen und wenig seriös. Zwar wurde ein wenig Licht ins Dunkel der Spekulationen gebracht, doch insbesondere bei den Trennungsgründen und der berechtigten Frage nach dem Zeitpunkt blieb es bei nebulösen Andeutungen. Dafür „glänzte“ das Duo auf anderem Gebiet: In schier epischer Breite kommentierten die Verantwortlichen nochmals die Geschehnisse rund um eine mögliche Verpflichtung Horst Heldts und plauderten dabei wieder einmal aus dem Nähkästchen. Beobachter, die den Umgang mit Peter Stöger in den vergangenen Wochen als „respektlos“ gebrandmarkt hatten, wurden vom effzeh-Präsident als „Pseudo-Moralapostel“ verunglimpft. Interimstrainer Stefan Ruthenbeck bekam für seinen angeblichen Abschied von seiner U19 am Samstag einen öffentlichen Rüffel, bevor er überhaupt in die Herkulesaufgabe bei den Profis startete.

Restprogramm ohne Resetknopf

Und die hat es bis zur Winterpause in sich: In 15 Tagen warten auf den 1. FC Köln fünf richtungsweisende Partien. Erst geht es in der Europa League nach Belgrad, wo das Überwintern im Europapokal gesichert werden könnte. Danach steht mit den Duellen gegen den SC Freiburg, bei Bayern München und dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg eine Englische Woche in der Bundesliga auf dem Programm. Schon danach könnte das Thema Klassenerhalt angesichts des jetzt bedenklich großen Abstands auf das rettende Ufer endgültig vom Tisch sein. Zum krönenden Abschluss kommt es dann zur Pokalpartie bei Schalke 04. Spiel reiht sich also an Spiel – nicht der beste Einstand für einen Interimstrainer, dem es damit neben dem dezimierten Kader auch an der notwendigen Zeit mangelt, großartig den Resetknopf drücken zu können. Es gleicht nahezu einem Himmelfahrtskommando, das sich Ruthenbeck dort gibt. Angesichts des Restprogramms ist es daher kaum verwunderlich, dass der effzeh bis zur Winterpause warten möchte, um einen Stöger-Nachfolger zu benennen.

>>> Viereinhalb Jahre Peter Stöger: Eine Legende tritt ab!

Die Winterpause wirkt zwar noch etwas weg, dürfte für den Verein aber der rettende Gong vor dem endgültigen Knockout sein. Denn eines haben die vergangenen Wochen gezeigt: Das größte Problem beim effzeh liegt trotz lediglich drei Zählern aus 14 Spielen nicht auf dem Rasen, sondern ist neben dem Platz zuhause. Innerhalb eines halben Jahres hat es der Verein geschafft, sämtliche Fortschritte mit dem eigenen Arsch wieder einzureißen. Der Kontrast zwischen dem erfolgreichen Klub, der den Fans im Sommer nach einem Vierteljahrhundert ihren Europapokal-Traum erfüllte, und dem Trümmerhaufen, der sich aktuell 1. FC Köln schimpft, könnte kaum größer sein. „Der 1. FC Köln ist wieder da“, spotten viele Beobachter. Und haben mit Blick auf das in den letzten Wochen abgegebene Bild vollkommen Recht. Der Schaden, der in den letzten Wochen angerichtet worden ist, geht jedenfalls weit über die Besetzung des Trainerpostens hinaus. Sollten die anliegenden Entscheidungen in Sachen Sportchef und Stöger-Nachfolger ähnlich desaströs verlaufen, dann dürfte dieser noch potenziert werden. Wichtig ist jetzt neben dem Platz!

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