Rekordzahlen, lebhafte Diskussionen und organisiertes Chaos mit Geschenken: Die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln hatte etwas von Weihnachten im Familienkreis.

Es fuhren in der Stadt schon keine Bahnen und keine Busse mehr, als die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln in der Kölnarena ihren Schlussakt erlebte. Nach schier ewig dauernder Auszählung der Stimmzettel war klar: Mit einer Zweidrittelmehrheit wurde der Antrag der Initiative „100% FC – Dein Verein“ auf eine Satzungsänderung abgeschmettert (effzeh.com berichtete) – ein Erfolg für die Verantwortlichen der „Geißböcke“ um Präsident Werner Spinner, die diesem Vorhaben ausdrücklich ablehnend gegenüber standen.

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Das Gros der mehr als 6.500 angereisten effzeh-Mitglieder war bei der Verkündung des Abstimmungsergebnisses schon längst zuhause oder zumindest auf dem Weg dahin. Sie hatten einen denkwürdigen Abend geschaffen, der alle Zutaten einer interessanten Mitgliederversammlung erfüllte. Es wurde innerhalb der effzeh-Familie gesungen, gelacht, gestritten und sogar gerauft. Mobilisiert durch ein durchaus präsentes Vorhaben der eigenen Anhänger, angetrieben durch die aktuell beschämend schlechte sportliche Situation und leider auch gelockt durch einen kostenlosen Europa-League-Hoodie sorgten die Anhänger in Deutz für ein pickepackevolles „Henkelmännchen“.

Rekordbilanz und 100.000 Mitglieder beim 1. FC Köln

Und sorgten damit nicht nur für eine beispiellose Beteiligung an der Mitgliederversammlung, sondern auch für ein veritables Organisationschaos: Ganz offensichtlich hatte der effzeh nicht mit einem solchen Ansturm gerechnet und geriet dadurch mehrfach in Improvisationsnöte. Mitunter erhielten Mitglieder nebst ihrer Unterlagen kein elektronisches Abstimmungsgerät, die Bändchenvergabe für den Unterrang und die Oberränge verlief anscheinend recht willkürlich, in den höher gelegenen Blöcken war zuerst von Licht und Ton keine Spur. Die effzeh-Mitarbeiter, zahlreich erschienen, moderierten allerdings auch die größten Probleme mit stoischer Ruhe und einem Lächeln im Gesicht ab.

100.000 Mitglied, Schmadtke, Wehrle

Foto: Sebastian Bahr

Schließlich hatte der glorreiche 1. FC Köln bei der Mitgliederversammlung auch einiges zu feiern: Nach dem sportlich erfolgreichen Jahr 2016/17 durfte effzeh-Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle die abermals grandiose wirtschaftliche Rahmendaten verkünden. Bei Umsatz und Gewinn stellten die „Geißböcke“ neue Rekorde auf, das Eigenkapital wurde auf 20,2 Millionen Euro erhöht und ein Teil der früheren Fananleihe abgelöst (effzeh.com berichtete). Dass es dem effzeh so gut geht, liegt auch daran, dass seine Mitgliedschaft stetig wächst: Zu Beginn der Veranstaltung verkündete der Verein, die 100.000-Mitgliedermarke geknackt zu haben. Der 13-jährige Jan Sindermann, das symbolische Mitglied Nummer 100.000, erhielt unter großem Jubel in der Kölnarena eine überdimensionale Club-Karte.

Buhrufe und Applaus für Spinner

Dass die Mitgliederversammlung aber keine ausschließlich harmonische Schulterklopf-Veranstaltung werden würde, deutete sich schon früh an. Mit Spannung wurde die Rede von effzeh-Präsident Werner Spinner erwartet. Wie würde er gegenüber der Initiative „100% FC – Dein Verein“ auftreten? Was sagt er zu den Anwürfen bezüglich seiner China-Äußerungen? Welchen Ton schlägt er in der Stadiondebatte an? Und vor allem: Wie wirkt er auf das emotionalisierte Publikum? Nach dem Einstieg mit einem Eingeständnis, in der Debatte um die Satzungsänderung vielleicht zu emotional zur Sache gegangen zu sein, versuchte er die Mitgliederversammlung für seine Ideen einzunehmen. Das gelang ihm zumeist recht gut, wenngleich auch nicht immer.

Werner Spinner

Foto: Sebastian Bahr

Insbesondere bei den heiß diskutierten Themen waren durchaus Unmutsbekundungen zu hören: Seine recht ausweichenden Äußerungen zum China-Engagement des 1. FC Köln quittierte ein Teil der Halle mit lautstark zu vernehmenden Buhrufen. Auch seine Einlassungen zur Stadionfrage und seine ablehnenden Haltung gegenüber der Satzungsänderung ernteten Pfiffe und Buhrufe. Während seine Absage an Investoren („Solange wir im Amt sind, wird es keinen Investor geben – nicht aus China, der Golfregion oder Russland.“) mit schallendem Applaus bedacht wurde, sorgten Äußerungen wie „Lebte Franz Kremer noch, würde er sicher sagen: ‚Wollt ihr Bundesliga spielen oder in der bunten Liga spielen?’“ eher für Augenrollen bei einem Teil der Mitgliederschaft.

Wenig Hoffnung für Müngersdorf, Lob für London-Fahrer

Intensiv widmete sich Spinner in seiner knapp 45-minütigen Rede der Stadiondebatte – und machte den anwesenden Mitgliedern wenig Hoffnung auf einen Verbleib in Müngersdorf. „Unser Wunsch war es immer – das ist keine Floskel – den Standort Müngersdorf zu halten“, erklärte der effzeh-Präsident zwar, aber die Vergangenheitsform schien nicht umsonst gewählt worden zu sein. Die Machbarkeitsstudie, so Spinner, hätte keine positiven Prognosen für den Sehnsuchtsort aller effzeh-Fans ergeben. Die Entscheidung gegen einen Ausbau und für einen Neubau an einer neuen Heimat sei aber noch nicht gefallen, das unterstrichen alle effzeh-Verantwortlichen an diesem Abend mehrfach. Den Spekulationen über ein Stadion am Flughafen oder gar weit außerhalb Kölns erteilte Spinner derweil eine Absage: „Es dürfte ja wohl klar sein, dass man mit einem Neubau nicht in die Eifel oder an den Flughafen geht. Es muss schon sehr viel passen, um Müngersdorf zu verlassen.“

Werner Spinner

Foto: Sebastian Bahr

Ein Thema lag dem effzeh-Präsidenten noch am Herzen – elf Tage nach dem Auswärtsspiel bei Arsenal in London wollte der oberste Geißbock einiges klar stellen. „Wir haben keine Schande von London erlebt. Es war die emotionalste, schönste und positivste Invasion, an die ich mich erinnern kann“, betonte der effzeh-Präsident. „Wir lassen uns diesen Tag nicht nehmen“, schleuderte Wehrle wie zur Unterstützung dem Saal entgegen und stellte den verspäteten Anpfiff der Partie massiv infrage.

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Diese Ansagen machten mächtig Eindruck bei den Anhängern, die zuvor solch markigen Worte nach dem begeisternden Auftritt auf der Insel vermisst hatten. Dennoch ließ es sich Spinner nicht nehmen, noch einmal Bezug auf die kleineren Scharmützel vor Ort und die Entwicklungen im vergangenen Halbjahr in der Fanszene zu nehmen. „Wenn bestimmte Grenzen überschritten werden, muss das Konsequenzen haben. Und es muss die Bereitschaft geben, solche Konsequenzen zu tragen und damit erwachsen umzugehen“, machte der effzeh-Präsident deutlich.

Lebendige Debatte mit Ausreißern nach oben und unten

Die knapp 45-minütige Rede des effzeh-Präsidenten war der Startschuss für eine lebendige Debatte: Nachdem die Reden der Geschäftsführung ebenso auf der Liste der Tagesordnungspunkte abgehakt werden konnten wie der Wust an Entlastungen und die Wahl der Wahlkommission, ging es in der Kölnarena lebhaft zur Sache. „100proFC“-Initiator Philip Herpel warb in einer kämpferischen Rede um die Gunst der anwesenden Mitglieder, die dann in der Aussprache zu Wort kamen. Die aktive Fanszene als Unterstützer des Antrags zeigte sich unter anderem durch Vorsänger Stephan Schell außerordentlich präsent und versuchte eher an die Mitbestimmungsbestrebungen zu appellieren, während die Gegner der Satzungsänderung vor allem die gute Arbeit des aktuellen Vorstands hervorhoben.

Stefan Schell

Foto: Sebastian Bahr

In negativer Erinnerung wird derweil leider vielen effzeh-Fans der Auftritt von Michael Trippel bleiben: Während sich der Mitgliederrat, dem der Stadionsprecher angehört, dazu entschlossen hatte, keine Wahlempfehlung zu geben, nutzte die beliebte „Stimme des 1. FC Köln“ die Gunst der Stunde, eben selbige zu erheben und gegen den Antrag zu poltern. In aus zahlreichen Diskussionen bekannter Manier stellte er den Mitgliedern die Frage, ob sie lieber oben mitzuspielen gedenken oder doch lieber vierte oder gar fünfte Liga spielen wollen. Dieses an die Wand gemalte Schreckensszenario, gemischt mit wenig subtiler Kommerzkritik, wurde der Gesamtdebatte an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt gerecht.

Hoodie wichtiger als Mitbestimmung

Doch auch unter den Mitgliedern bekleckerten sich einige nicht gerade mit Ruhm: Viele machten offensichtlich, dass ihnen ein kostenloses Stückchen Stoff mehr bedeutet als Mitbestimmung in ihrem Verein und dass sie dafür offenbar auch nicht vor Gewaltandrohungen zurückschrecken. Es war aus dem zweiten Oberrang erbärmlich zu sehen, wie sich die Halle schlagartig deutlich leerte, als sich herum sprach, dass es die Gratis-Pullover bereits vor dem Ende der Mitgliederversammlung geben würde. Ebenso zeigte sich noch während der Debatte auch und besonders bei einigen Unterstützern der Satzungsänderung, dass es mit dem eigenen Demokratieverständnis doch nicht so gut steht wie gedacht. Gegensätzliche Meinungen niederzupöbeln und verächtlich machen ist trotz aller verständlichen Emotionalität noch seltenst eine gute Idee gewesen!

Jörg Schmadtk

Foto: Sebastian Bahr

Überraschend kurz angesichts der doch prekären Situation kamen dagegen Fragen zur aktuellen sportlichen Lage. Hätte so mancher mit einem Fragengewitter an Jörg Schmadtke gerechnet, wurden diese Erwartungen nicht erfüllt. Kurze Abhandlungen zur Kaderplanung und zu den Transferaktivitäten waren alles, was neugierigen Ohren an diesem Abend geboten wurde. Schon zuvor in seiner Rede hatte sich Schmadtke wenig Blöße gegeben und war stattdessen eher zum Angriff Richtung Kritiker übergegangen. „Was wir brauchen, ist Vertrauen. Wir können uns nicht verstecken, wir müssen da durch“, bat der effzeh-Sportboss die anwesenden Mitglieder um Geduld – und wurde dafür von der Mitgliederversammlung mit wohlwollendem Applaus bedacht.

Unschöne Zwischentöne, lebendige Demokratie

Die „Versammlung der Rekorde“, wie der effzeh sie auf der eigenen Homepage titulierte, steuerte dem Höhepunkt entgegen, der allerdings deutlich verspätet erst erfolgte. Aufgrund abermaliger technischer Probleme, gemischt mit der ungenügenden Organisation, musste über den Antrag mit Stimmkarten abgestimmt werden. Dass die Initiative die Zweidrittelmehrheit deutlich verfehlen würde, war angesichts des Stimmungseindrucks in der Halle schon zu diesem Zeitpunkt klar. Ein Achtungserfolg und ein deutlicher Fingerzeig wurde es zum Schluss dennoch: Fast 35 Prozent stimmten für eine Satzungänderung, die nicht den Geschmack des derzeitigen Vorstands traf. Insbesondere die Anwürfe, der Antrag würde für Misstrauen sorgen, schien bei vielen Mitgliedern Eindruck hinterlassen zu haben.

Foto: Sebastian Bahr

Doch trotz der mitunter unschönen Zwischentöne im Vorfeld der Mitgliederversammlung zeigte sich an diesem Abend vor allem eines: Die effzeh-Mitgliedschaft lebt für ihren Verein und kann leidenschaftlich für ihre Anliegen streiten. Von dem Niveau der Overath-Ära hat sich der Klub intern mittlerweile meilenweit entfernt und lässt dies auch bei solchen Veranstaltungen offensichtlich werden. Daran ändern auch überflüssige Hoodie-Geschenke, missverständliche Interview-Aussagen und unbegründete Kritik nichts. Es war vor allem dank einer lebendigen Debatte um ein auch zukünftig wichtiges Thema ein denkwürdiger Abend in der Kölnarena. Vielleicht sogar einer, an den sich viele in einigen Jahren noch erinnern werden.

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3 Kommentare

  1. Den Antrag zur Satzungsänderung in dieser Form konnte man m.E. nur nicht unterstützen.
    Wie die Diskussion gezeigt hat, hatte der Vorschlag ein paar Lücken bzw. war bezogen auf die Sub-Unternehmungen zu Lücken los.

    Erfolgsversprechender und praktikabler in der Anwendung dürfte der spontane Vorschlag der Rednerdame gewesen sein. Den gemeinsamen Ausschuss mit mehr Mitgliedervertretern auszustatten. Und dem Recht bei Veräußerungen und anderen Ausgliederungen (analog dem Vorschlag) mitentscheiden zu dürfen.

    Interessant und hinterfragenswürdig finde ich auch die Aussagen von Herrn Spinner und Herrn Wehrle.
    Herr Wehrle: Der Ausbau des Stadions um 8.000 Plätze und das Dach kosten 100 Mio. EUR. Ein neues Stadion kostet 200 Mio EUR.
    Wie ist dieses 200-Mio-Stadion definiert? Anzahl Sitzplätze, Verteilung, Verkehrsanbindung, Grundstück? Ist das ein tragender Vergleich oder Effekthascherei.

    Herr Spinner: Wir haben keine ernsthaften Gespräche mit/über Investoren geführt.
    Welche „spassigen“ Gespräche wurden denn geführt?
    Wenn der Investor nicht aus China, Russland etc. kommt. Wie wäre es mit einem Deutschen?

    Frage an den Aufsichtsrat: Herr Souque hat die REWE Group, haben Sie oder ihre Kollegen, schonmal „spassig“ als Investor angefragt?

    Nebenbei und vielleicht etwas überspitzt, daher bitte ich schon jetzt um Verzeihung.
    Im Vorstand sitzt ein ehemaliger REWE-Manager. Im Aufsichtsrat sitzt ein amtierender Vorstand der REWE. Sponsor ist REWE. Wenn dann noch REWE als Investor auftritt … Soweit ist man da garnicht von RB entfernt oder?

  2. Ich finde die Kritik an Michael Trippel nicht angebracht. Der Mann der sich wirklich um den FC verdient gemacht hat kann doch eine eigene Meinung vertreten. Wie man gesehen hat ist das ja auch die die über 60% der anwesenden Mitglieder geteilt haben. Wirkt für mich so als wenn der Autor selbst gerne gesehen hätte wenn die Satzungsänderung durchgekommen wäre. Dann soll er das auch so schreiben.

    • Thomas Reinscheid am

      Hallo Herr Schmitz,
      1. hätte ich tatsächlich gerne gesehen, dass der Antrag erfolgreich gewesen wäre. Das schmälert aber keinesfalls mein Urteilsvermögen über einige Abläufe bei der Mitgliederversammlung. Wenn ich derart parteiisch gewesen wäre, hätte ich auch problemlos den Mantel des Schweigens über das Verhalten einiger Unterstützer des Antrags hüllen können. Mache ich aber nicht, weil meine Meinung zu dem Thema zwar durchaus präsent ist, aber mein Einschätzungsvermögen nicht komplett vernebelt.
      2. Michael Trippel darf seine Meinung durchaus vertreten. Niemand, auch ich nicht, hat ihm dies abgesprochen. Seine Meinung äußern zu dürfen spricht einen aber nicht davon frei, für diese Meinung kritisiert zu werden. Dies findet aber in meinem Beitrag nicht einmal statt, sondern die Art und Weise wird kritisiert. Michael Trippel darf durchaus gegen den Antrag sein, dafür gibt es gute Gründe. Ob er sich in seiner Funktion als Mitgliederrat äußern sollte, obwohl sich der Mitgliederrat im Gesamten für ein anderes Vorgehen entschieden hat, ist zumindest fragwürdig. Ein Schreckensszenario zu zeichnen, das mit der Realität nichts zu tun hat, halte ich dagegen für völlig daneben. Damit stehe ich im Übrigen auch nicht alleine da, selbst vor Ort haben mir Gegner des Antrags dasselbe gesagt.
      3. Über 60 Prozent der Mitgliedschaft haben gegen den Antrag gestimmt. Ob sie Michael Trippels Äußerungen, der effzeh hätte die Wahl zwischen Ascheplatz und Champions League (überspitzt formuliert!), teilen, darüber ist mir nichts bekannt.
      Beste Grüße von effzeh.com,
      Thomas Reinscheid