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Kolumnen

Vier Jahre Hannover

Jörg Schmadtke war vier Jahre bei Hannover 96 tätig – gerosimo blickt zurück auf eine Erfolgsstory mit Geschmäckle.

© effzeh.com
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Es gibt wenige Situationen, an die ich mich in Bezug auf Alemannia Aachen überhaupt erinnere. Die Frage „Warum auch?“ sei erlaubt. Eher ungern erinnere ich mich an die 2007er effzeh-Niederlagen gegen die Alemannia (zuhause 0:1, auswärts 2:3) – eher amüsiert hingegen an ein Live-Interview im damaligen DSF am Montagabend des Zwanzigsten Oktobers im Jahre 2008. Dort verkündete Aachens Sportdirektor unverholen, dass er nach der Saison im Sommer 2009 bei der Alemannia aufhören würde. Noch in der selben Nacht wurde er – freundlich formuliert – beurlaubt. Besagter Mann heißt Jörg Schmadtke.

Zum 1. Juli 2009 wurde dieser Jörg Schmadtke dann Sportdirektor beim Hannoverschen Sportverein von 1896 e.V.. Als Hannover 96 diese Verpflichtung im Mai 2009 verkündete, ging ein spürbarer Ruck durch die Hauptstadt Niedersachsens.  96 hatte die Bundesliga-Saison 2008/09 auf Platz 11 mit 40 Punkten im absoluten Niemandsland beendet, die eigenen Ansprüche waren wieder nicht erfüllt worden. Der effzeh landete damals als Bundesligaaufsteiger mit guten 39 Punkten übrigens direkt dahinter auf Platz 12. Binnen weniger Monate wurde Schmadtke von Presse und Fans ein Auge für bewegliche und technische versierte junge Spieler bescheinigt. Alle fünf Sommerverpflichtungen schlugen gut bis sehr gut ein, vier davon erkämpften sich binnen weniger Wochen direkt Startelfplätze. Drei von ihnen spielten auch bis zum Sommer 2013 für Hannover. Hierunter sind die Leistungsträger Karim Haggui und Didier Ya Konan zu nennen.

Der Saisonbeginn verlief jedoch alles andere als optimal. Nach nur zwei Ligaspielen sowie einem Erstrundenpokalaus bei Eintracht Trier (Hallo, effzeh!) trat Dieter Hecking als Trainer zurück. Die Trennung war zwar schon viele Monate zuvor von Umfeld und Fans gefordert worden, der Rücktritt erfolgte am 19.08.2009 jedoch zu einem sehr überraschenden und ungewöhnlichen Zeitpunkt.

Die Umstände um Robert Enke und seinen Freitod außen vorgelassen, entschied sich die Vereinsführung im Zuge einer beispiellosen Negativserie, Interimstrainer Andreas Bergmann durch Mirko Slomka zu ersetzen. Die Rahmenbedingungen waren in Hannover in jener Saison im Zuge der Enke-Tragödie so außergewöhnlich, dass an dieser Stelle lediglich noch erwähnt wird, dass Hannover 96 die Saison letztendlich auf Platz 15 beendete und so den Klassenerhalt sicherte.

Die Saison 2010/11 sollte dann vollkommen anders laufen. Viele Spieler, die für das behäbig-alte 96 standen, verließen im Sommer den Verein. Ablösefreie Spieler wie Emanuel Pogatetz, Lars Stindl und Moritz Stoppelkamp wurden in die Mannschaft integriert. Der junge Kölner Ron-Robert Zieler wurde, von Manchester United kommend, verpflichtet und avancierte schnell zum Stammkeeper. Noch vor Ende der Transferperiode wurde mit Mohammed Abdellaoue ein weiterer Stürmer aus dem Hut gezaubert. Mit diesem völlig neuen Gesicht wurde Hannover 96 zum Überflieger des Bundesligajahres, was die Roten nicht nur mit 60 Punkten auf Platz 4 sondern direkt in die Qualifikation zur Euroleague führte. (EU! RO! PA! PO! KAL!)

Im März 2011 hatte Jörg Schmadtke einen neuen, unbefristeten Vertrag bei Hannover 96 unterschrieben, welcher ihn zum 01.07.2011 zum Geschäftsführer „Sport“ avancieren ließ. 96-Präsident Martin Kind lobte in diesem Zuge Schmadtkes Arbeitsweise. „Er ist zielstrebig, klar in seinen Vorstellungen, durchsetzungsfähig, kompetent in der Auswertung des nationalen und internationalen Fussball – ein wirklicher Fachmann, der sich nicht von äußeren Einflüssen von seinem Weg abbringen läßt“, so Martin Kind. Hannover 96, und somit auch Jörg Schmadtke, gelang es, in einem engen wirtschaftlichen Rahmen die Bundesliga  2010/11 aufmischen zu können – doch würde dieses auch ein weiteres Jahr gelingen?

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Diese Frage kann nur mit einem eindeutigen „JA!“ beantwortet werden. Sensationell wurde der FC Sevilla in der Euroleague-Qualifikation ausgeschaltet, so dass im Zuge der folgenden Monate 96 namhafte Gegner wie der FC Kopenhagen, Standard Lüttich, FC Brügge und schließlich im Viertelfinale – dort war Endstation – der spätere Europapokalsieger Atletico Madrid gegenüber standen. Eine Europa-Saison, wie sie sich die Kölner Fans seit Jahrzehnten von ihrem effzeh erhoffen.

Diese Doppelbelastung vorher sehend wurde die Mannschaft im Sommer 2011 nicht etwa einem weiteren Strukturwechsel unterzogen sondern gezielt in der Breite verstärkt. Die riskante Verpflichtung des – wieder einmal ablösefreien – verletztungsgeplagten Christian Pander erwies sich hierbei als gekonnter Glücksgriff. Das Gespann Schmadtke-Slomka schien zwar intern alles andere als harmonisch zu funktionieren, am Ende gibt aber der Erfolg Recht – und der bescheinigte Hannover 96 mit Platz 7 die erneute Qualifikation zur Euroleague.

Das Sportliche offenbar nicht tangierend hatte Jörg Schmadtke unterdessen im April 2012, also nach nicht einmal zehn Monaten Laufzeit seines neuen Geschäftsführervertrages, den Verein aus familiären Gründen um Vertragsauflösung zum Ablauf der Saison. Gerüchte, dass der 1. FC Köln und dessen neue Führung um die Dienste des Managers buhlten, machten dabei zugleich offen die Runde. Dieses ging einher mit ständigen Meldungen über atmosphärische Störungen im Führungstrio Kind/Schmadtke/Slomka. Dem Wunsch nach Auflösung des Vertrages wurde nicht nachgekommen – eine mehrwöchige Auszeit und nachfolgend Halbtagsarbeit lautete der gefundene Kompromiss zwischen Schmadtke auf der einen und dem 96-Präsidium auf der anderen Seite.

Finanziell deutlich konsolidiert und mit einer eingespielten, homogenen und erfolgreichen Mannschaft ging 96 in den Sommer 2012. Nach Rang 4 und 7 sowie der erfolgreichen Europapokalsaison waren es vor allem Martin Kind und Mirko Slomka, die öffentlich davon sprachen, „erneut auf europäischer Ebene für Aufsehen sorgen“ und „den Stammplatz in der oberen Tabellenhälfte zementieren“ zu wollen. Während Slomka davon sprach, dass sich 96 „auf hohem Niveau stabilisiert“ habe, war von Schmadtke dergleichen nicht zu hören oder zu lesen.

Letztgenannter stellte die Rückholaktion von Zauberfussballer Szabolcs Huszti (Zenit St. Petersburg) sicher und verpflichtete Spieler wie Felipe (Standard Lüttich / 2,5 Mio. €) oder Hiroki Sakai (Kashiwa Reysol / 1,2 Mio. €). Derweil wurde übrigens Talent Daniel Royer an den effzeh verlieren.  Waren Neuverpflichtungen, wie der im Winter gekommene Stürmer Mame Biram Diouf, in den Vorjahren quasi immer sofort eingeschlagen, so blieb ein solcher Erfolg dieses Mal aus.

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Sakai sollte auf in der Saison auf lediglich 13 Einsätze kommen, Felipe sogar nur auf 4. Im Zuge einer fehlenden Konstanz in der Abwehr kassierte 96 in der abgelaufenen Saison 62 Gegentore (Platz 16 aller Teams), traf vorne aber weiter nahezu nach Belieben (60 Tore, Platz 4). Letzendlich kam ein durchschnittlicher neunter Platz mit 45 Punkten im Niemandsland der Liga heraus.  Die Gruppenphase der Euroleague hatten die Roten zwar überstanden, gegen das „Milliadärsteam“ von Anschi Machatschkala kam dann aber im Sechzehntelfinale das Aus.

Während 96-Fans ab dem Frühjahr 2013 ihren Unmut vor allem gegenüber Martin Kind ihren freien Lauf ließen, kam am 17.04.2013 zumindest – in Bezug auf den Zeitpunkt scheinbar überraschend – die Meldung, dass der unbefristete Arbeitsvertrag zwischen 96 und Jörg Schmadtke, auf Initiative Schmadtkes hin, zum 30.06.2013 aufgelöst werden würde. Bemerkenswert ist hierbei, dass Jörg Schmadtke dem 96-Präsidenten seine Hilfe bei der Suche eines Nachfolgers angeboten hat, was die nach außen kolportierte Einvernehmlichkeit unterstreicht. Besagter Nachfolger wurde übrigens bereits eine Woche später in Person von Dirk Dufner (vormals SC Freiburg) in Hannover vorgestellt.

Wie schon ein Jahr zuvor wurde auch im April 2013 direkt spekuliert, dass der Weg von Schmadtke zum 1. FC Köln führen würde. Von Medien genannte Alternativen wie der Hamburger SV (in den letzten Jahren bekanntlich aus Hannoveraner Sicht der „kleine“ HSV) oder Fortuna Düsseldorf wurden im 96-Umfeld bestenfalls mit einem Lächeln abgetan. In 96-Fan-Kreisen wird Jörg Schmadtke auch nach seinem Weggang und der erfolgten Vorstellung beim 1. FC Köln als dortiger „Geschäftsführer Sport“ wehmütig als der wohl beste Manager, den Hannover 96 je hatte, bezeichnet.

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