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Zum 30. Todestag von Maurice Banach: Mucki Unvergessen – mehr als nur eine Erinnerung

Am 17. November 1991 starb Maurice “Mucki” Banach viel zu früh im Alter von nur 24 Jahren. Der Angreifer des 1. FC Köln stand am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere. Nun ist die erste Biographie namens “Sie nannten ihn Mucki” erschienen.

Foto: imago images / Eduard Bopp

Dieser Text stammt aus dem Buch “Maurice Banach: Sie nannten ihn Mucki” (erschienen im Verlag Edition Steffan).

Die ruhmreiche Historie des glorreichen 1. FC Köln – sie ist gespickt mit Legenden. Wie soll das bei einem solch verrückten Verein auch anders sein? Gern erzählte Geschichten und amüsante Anekdoten, grandiose Erfolge und tragische Niederlagen, Typen und Persönlichkeiten prägen das Bild eines Clubs, der sich so tief in die kölsche Seele eingebrannt hat wie sonst wohl nur der Karneval, der Dom und der Rhein. Allein ein recht oberflächlicher Blick in die FC-Annalen zeigt: An herausragenden Charaktere hat es seltenst gemangelt. Nehmen wir Hennes Weisweiler. Als Spieler, Spielertrainer und Trainer für den FC aktiv, mit dem Gewinn des Doubles 1978 der Architekt des größten Erfolges der Clubgeschichte – und Namensgeber des weltweit bekannten Maskottchens der „Geißböcke“. Oder Hans Schäfer. De Knoll, ein Leben für den 1. FC Köln. Deutscher Meister 1962 und 1964, Anführer und Gesicht dieses Clubs. Weltmeister 1954, der nach innen flankte, wo Rahn aus dem Hintergrund schießen müsste, schoss und das „Wunder von Bern“ perfekt machte. Oder Wolfgang „Bulle“ Weber. Der mit gebrochenem Wadenbein von der Massagebank sprang und der schweren Verletzung zum Trotz noch weiterspielte. Der Kronzeuge beim Nicht-Tor von Wembley im WM-Finale 1966, der dieses Drama durch seinen Ausgleichstreffer kurz vor Spielende überhaupt erst ermöglichte.

Oder Wolfgang Overath, der geniale Taktgeber und Spielmacher, der den FC über Jahre wie kein anderer verkörperte, ihm in allen Höhen und Tiefen die Treue hielt und mit der deutschen Nationalmannschaft 1974 den WM-Titel holte. Oder Hannes Löhr, Rekordtorschütze des Vereins in der Bundesliga. Auch nach der Karriere sich nicht zu schade, für die „Geißböcke“ in der Not als Trainer oder Sportchef einzuspringen. Oder Heinz Flohe. Der großartige Techniker, viel zu früh verstorben. Immer ein wenig im Schatten anderer, doch wohl der talentierteste Mittelfeldspieler, der je das Trikot des 1. FC Köln tragen durfte. Dessen Karriere auch durch den Verleger dieses Buches endlich die Würdigung erfuhr, die sie verdient gehabt hat. Oder Toni Schumacher, dieser positiv Verrückte zwischen den Pfosten. Der die Knochen für den FC hinhielt und weder sich noch Gegner schonte. Oder Pierre Littbarski. Der geniale Dribbler mit den O-Beinen, der in den achtziger Jahren diesen Club nicht nur mit seiner Spielkunst prägte. Oder Thomas „Icke“ Häßler, der Freistoßkünstler – dessen Abgang nach Italien noch heute für (mittlerweile mit einem Schmunzeln versehene) Diskussionen sorgt. Bodo Illgner. Lukas Podolski. Jonas Hector. Es sind diese klingenden Namen, diese illustren Personen, diese ganz besonderen Charaktere, die für immer mit dem glorreichen 1. FC Köln verbunden sein werden.

63 Partien, 29 Treffer für den 1. FC Köln

Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass jemand zur Legende wird? Was ist nötig, um sich einer solchen Einschätzung für würdig zu erweisen? Wie verläuft der oftmals steinige Weg in die heißen Herzen der Fans? Es sind verschlungene Pfade, so viel ist jedenfalls klar. Nicht immer sind es sportliche Großtaten, wenngleich diese das Unterfangen natürlich deutlich erleichtern. Zumeist sind es Emotionen, die einen Platz unter den Legenden freiräumen. Der Star, der Abwerbeversuchen prominenter und zahlungskräfter Clubs widersteht und seinen, nein: unseren Verein zum Erfolg führt. Der Mann für die wichtigen Tore, der trotz allem bodenständig und bescheiden geblieben ist. Der Haudegen, der sich über Jahre in jeden Zweikampf schmeißt und sich für die Drecksarbeit nicht zu schade ist. Der Spieler mit dem speziellen Flair, der für die besonderen Momente, die das gewisse Extra auf den Platz bringen. Oder das Eigengewächs, das in dunkler Zeit Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. Es gibt – das zeigt auch ein Blick auf die bereits genannten Namen, die allen FC-Fans allein dank der Erinnerungen an bessere Zeiten ein Lächeln auf die Lippen zaubern – offenbar viele Wege, um in Köln eine Legende zu werden, eine Legende zu sein.

Cover: Edition Steffan

Leider ist auch Tragik einer davon. Denn davon handelt das Buch, das wir in Anspielung an einen Bud-Spencer-Klassiker „Sie nannten ihn Mucki“ getauft haben. 63 Pflichtspiele absolvierte Maurice Banach, den alle nur „Mucki“ nannten, für den FC, erzielte dabei im Trikot der „Geißböcke“ 29 Treffer. Es wurden nur 63 Partien und nur 29 Treffer, bevor das Schicksal am 17. November 1991 seinen bitteren Lauf nahm. Banach, der als einer der hoffnungsvollsten jungen deutschen Stürmer galt, kam im Alter von lediglich 24 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zum sonntäglichen Training ums Leben. Ein Tag, der eine Zäsur in der Vereinsgeschichte bedeutet. Es wird oft etwas flapsig dahingesagt, dass nach einem Ereignis nichts mehr so war, wie es zuvor zu sein schien. Mit dem tragischen Tod des Torjägers galt das für den 1. FC Köln, der nicht nur einen Leistungsträger, sondern auch einen Publikumsliebling verlor, definitiv. Noch bis heute ist Maurice Banach in den Reihen der Kölner Anhänger unvergessen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Mucki unvergessen“-Spruchbänder im Stadion erinnern regelmäßig ebenso an den viel zu früh verstorbenen Stürmer wie weitere Fan-Aktionen wie beispielsweise ein zu seinen Ehren benanntes Gedächtnisturnier. Wer sich in den FC-Foren oder den sozialen Netzwerken herumtreibt, der wird spätestens am 9. Oktober, Banachs Geburtstag, oder eben an jenem schicksalhaften 17. November die auch Jahrzehnte später noch vorhandene Zuneigung der Anhänger zum einstigen Hoffnungsträger spüren. Aus dem Leben wurde Maurice Banach durch den verhängnisvollen Verkehrsunfall viel zu früh gerissen, aus den Herzen und Erinnerungen der Fans wird ihn niemand so schnell reißen.

Mythos Mucki – ein Wendepunkt der FC-Geschichte

Denn: Über die Jahre ist Mucki zum Mythos geworden, der tragische Tod des Torjägers wurde quasi nahtlos verknüpft mit dem Niedergang des 1. FC Köln. Waren die „Geißböcke“ bei Banachs Wechsel aus Wattenscheid in die Domstadt noch ein Topclub der Bundesliga, stand nicht einmal sieben Jahre später der erste Abstieg der Vereinsgeschichte auf dem Programm. 1998 war sicherlich der vorläufige Tiefpunkt einer negativen Entwicklung, die schon vor diesem herbstlichen Sonntag im November 1991 ihren Beginn nahm. Dennoch wird diese Schocknachricht, diese menschliche Tragödie in der öffentlichen Wahrnehmung unter den FC-Anhängern zum Wendepunkt stilisiert, der die Talfahrt des einstmaligen Vorzeigevereins aus der Domstadt symbolisiert. “Aus dem Nichts entsteht eine sehr große Legende“, heißt es in den Elegien des römischen Dichters Sextus Aurelius Propertius, in Deutschland auch unter dem Namen Properz bekannt. Dieses Nichts, es ist im Falle des Maurice Banach nicht die Leistung des Stürmers oder das einstige Können des 24-Jährigen – es ist seine Abwesenheit. Und aus diesem Nichts, diesem sinnlosen Sterben, ist eine sehr große Legende entstanden.

Fußball, DFB-Pokalfinale 1990/1991, SV Werder Bremen - 1. FC Köln Maurice Banach Köln ist nach dem verlorenem Pokalfinale sehr traurig

Foto: imago images / Norbert Schmidt

Fußballfans, das dürfte hinlänglich bekannt sein, neigen gern zu kontrafaktischen Planspielen. Was wäre, wenn? Wohl nichts beschäftigt die Seele der Schlachtenbummler mehr als dieses Gedankenspiel. Hätte der FC etwas mehr Glück auf seiner Seite und den passenden Schiedsrichter gehabt, dann wäre er 1965 in Rotterdam gegen den FC Liverpool weitergekommen. Wenn die „Geißböcke“ in den siebziger Jahren einen Torjäger vom Format eines Gerd Müller gehabt hätten, dann wäre die Erfolgsgeschichte des FC Bayern ein müder Abklatsch gegen die Titelserie der Kölner gewesen. 1998 wäre der FC nicht abgestiegen, aber Oliver Held spielte auf Schalke den Ball mit der Hand und belog dann Schiedsrichter Uwe Kemmling. Hätte, wenn und aber: Der Konjunktiv als Hilfskrücke, um der oftmals bedrückenden Nüchternheit der Realität zu begegnen. Auch diese unverschuldete Unschärfe, diese quälende Ungewissheit spielt eine Rolle, wenn der Mythos „Mucki“ zur Sprache kommt. Was hätte noch alles sein können in der Zukunft? Banach hatte erst gerade seinen Vertrag beim FC langfristig verlängert, klopfte nach furiosem Saisonstart an die Tür zur Nationalmannschaft. Ein neuer Dieter Müller vielleicht? Der Torjäger, der die „Geißböcke“ endlich wieder zu ersehnten Titeln schießt? Offene Fragen, die außerhalb der eigenen Gedankenspiele niemals beantwortet werden können.

Ein Bild, das sich ins Gedächtnis eingebrannt hat

Und dennoch sind auch sie Treiber für die Idee hinter dem Buch namens “Sie nannten ihn Mucki” gewesen. Schon in den vergangenen Jahren hatten wir mit dem Gedanken gespielt, etwas über Maurice Banach zu machen. Der letzte Anstoß kam dann bei Gesprächen über den jetzigen Bundestrainer Hansi Flick, der zur selben Zeit wie „Mucki“ beim 1. FC Köln spielte. Nicht nur war es vielen unbekannt, dass Erfolgsgarant Flick, der mit dem FC Bayern das Triple aus Deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League an die Säbener Straße holte, überhaupt jemals für die „Geißböcke“ gespielt hatte, auch war zu unserer Überraschung den meisten Menschen, mit denen wir sprachen, die Karriere Banachs bis auf seinen tragischen Tod kaum ein Begriff. Gerade für die meisten jüngeren FC-Fans, die Mucki nicht mehr haben spielen sehen, können die Erinnerungen darüber gar nicht hinausgehen. Das eindrucksvolle Bild, schon beinahe ikonisch, nach der Niederlage im Pokalfinale 1991 gegen Werder Bremen, das den FC-Angreifer niedergeschlagen mit leerem Blick, der emotionale Schmerz ist förmlich zu greifen, an der Auswechselbank zeigt: Es ist den meisten bekannt, es ist für viele visuell die Verknüpfung zwischen der eigenen Enttäuschung und der Tragödie, die sich wenige Monate danach zutrug. Manchmal gerinnt die Erinnerung an ein Ereignis zu einem einzelnen Moment, zu einem einzelnen Wort oder zu einem einzelnen Bild. Eben jenem Bild des Angreifers, der weniger als ein halbes Jahr später nicht mehr unter uns weilte, weil ein Autounfall den Ausnahmestürmer viel zu früh aus dem Leben riss.

Foto: imago images / kicker/Liedel

Doch wer war Maurice Banach überhaupt – auf und neben dem Platz? Diese Frage war der Startschuss für unsere Ambitionen, den Spieler wie auch den Menschen, den alle nur Mucki nannten, besser kennenzulernen. Die Geschichte des Maurice Banach beginnt in seiner Heimat Münster, in der er unter schwierigen Vorzeichen als Sohn eines US-amerikanischen Soldaten, den er niemals kennenlernen durfte, aufwächst, wo er sein privates Glück mit seiner große Liebe Claudia findet und zum Vater und Ehemann wird. Die Geschichte des Maurice Banach führt über den Aschenplatz von Preußen Münster zum Lieblingsverein Borussia Dortmund ins Westfalenstadion, es folgt ein Engagement beim Bochumer Vorortclub Wattenscheid 09, den Banach erstmals in die Bundesliga schießt. Und die Geschichte des Maurice Banach führt nach Köln, der letzten Station dieser eigentlichen Heldenreise, die letztlich zur Tragödie geworden ist.

„Es gibt viel, das stirbt auf dieser Welt. Aber Legenden sterben nie!“

Die Geschichte des Maurice Banach ist aber auch eine Geschichte, die über den Tod hinausgeht. NBA-Superstar LeBron James sagte zum ersten Todestages der ebenso viel zu früh tödlich verunglückten Basketball-Ikone Kobe Bryant: „Es gibt viel, das stirbt auf dieser Welt. Aber Legenden sterben nie!“ Und das gilt auch für das Andenken an Mucki Banach: Nicht nur in den Herzen der Fans, sondern vor allem in den Herzen seiner Hinterbliebenen. Denn bei aller Faszination für den Fußball – es mag der öffentlichere, der bekanntere Teil sein, der auch in dieser Einleitung den größten Platz einnimmt, doch die wichtigste Partei ist die Familie, sind die Freunde, die einen tragischen Verlust erlitten. Mucki hinterließ eine trauernde Witwe, die ihren geliebten Ehemann verlor. Er hinterließ seine zwei Söhne Danny und Zico, die ihren Vater niemals richtig kennenlernen konnten und dessen Aufwachsen der verstorbene Fußballer nicht verfolgen konnte. Deshalb ist die Geschichte des Maurice Banach keinesfalls nur eine Geschichte über einen hervorragenden Fußballer, sondern auch über einen charakterstarken Menschen. Deshalb ist die Geschichte des Maurice Banach auch eine Geschichte über eine große Liebe, eine starke Frau, der das Schicksal viele Steine in den Weg legte, und über eine Familie, die über das Erinnern hinaus einen Umgang mit dieser Tragödie gefunden hat. Das ist „Sie nannten ihn Mucki“.

„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird“, schrieb der große Immanuel Kant einst. Bei der Recherche für das Buch namens “Sie nannten ihn Mucki” haben wir gemerkt, dass dies nicht bloß hohle Phrase, nicht bloß leere Floskel ist. Mit wem wir auch über Mucki Banach sprachen, wem wir von diesem Projekt erzählten, es war praktisch stets dieses Glänzen in den Augen zu spüren. Die Erinnerung an einen großartigen Stürmer ist auch dank des Einsatzes vieler Einzelner wie seinem ehemaligen Mitspieler Andreas Gielchen lebendig – und sie soll das auch über die kommende Zeit, die neben dem durch Fans initiierten Sondertrikot auch ein Benefizspiel seitens des 1. FC Köln vorsieht, hinaus bleiben. Tot ist nur, wer vergessen wird? Maurice Banach bleibt stets unvergessen – dazu soll auch “Sie nannten ihn Mucki” beitragen.

Ralf Friedrichs / Thomas Reinscheid
Maurice Banach: “Sie nannten ihn Mucki”
Edition Steffan, 24,90 Euro
hier erhältlich

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