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Kolumnen

Taktik bei der EM: Pragmatiker unter sich

In der effzeh.com-Kolumne „Real Madrid des Westens“ blickt Arne Steinberg auf Entwicklungen rund um Taktik und Spielweise des effzeh.

Foto: Getty Images

Wie ist es eigentlich um die Taktik bei dieser Europameisterschaft bestellt? Wir versuchen, Anknüpfungspunkte zu den letzten Jahren des effzeh unter Peter Stöger zu finden.

Es ist nicht bekannt, wie Cheftrainer Peter Stöger in diesen Tagen den Spagat zwischen Beruf und Freizeit schafft: Während am Montag der effzeh-Trainingsauftakt ansteht und dementsprechend noch Neuverpflichtungen sowie Trainingsinhalte geplant werden müssen, bietet die Europameisterschaft in Frankreich für den österreichischen Cheftrainer genügend Möglichkeiten, um sich auch in seiner wohl nicht übermäßig bemessenen Freizeit mit Fußball auseinanderzusetzen. Obwohl der Großteil der Beobachter der EURO2016™ wohl eher weniger das Potenzial attestiert, zu den legendären und aufregendsten Turnieren der Menschheitsgeschichte zu gehören, dürfte sich der Trainer Stöger auf seinem Weg der behutsamen und pragmatischen Konsolidierung des effzeh bestätigt fühlen. Schließlich kann man nicht davon sprechen, dass dieses Turnier kurz vor dem Einbiegen in die Zielgeraden bisher vor Spektakel nur so strotzt. Doch wer weiß besser als Peter Stöger, dass es für kleinschrittigen Erfolg nicht immer das Abenteuer braucht?

Foto: Christof Koepsel/Getty Images

Peter Stöger
Foto: Christof Koepsel/Getty Images

Freut sich Stöger über den Erfolg der Isländer?

Während Boulevard-Medien sich in ihrer Liebe und Verehrung der isländischen Nationalmannschaft übertreffen und dem Erfolg des bislang kleinsten EM-Landes (Fußballsaga!) fast schon mythischen Charakter zusprechen, finden sich nur wenige Stimmen, die auf die Folgerichtigkeit des isländischen Erfolgs hinweisen. Natürlich ist es eine herrliche Geschichte, wenn der isländische Co-Trainer nebenbei noch in einer Zahnarztpraxis arbeitet – von diesen Dingen lebt der Fußball, es lassen sich kaum schönere Underdog-Geschichten stricken. Das machen sich insbesondere Kommentatoren zunutze, die in diesem an erzählenswerten Geschichten bislang so armen Turnier versuchen müssen, für die breite Masse Anknüpfungspunkte zu finden. Dabei ist der isländische Erfolg, ins Viertelfinale eingezogen zu sein, keineswegs purer Zufall.

Vielmehr ist es die Kombination aus guten Entscheidungen in Sachen Infrastruktur und vor allem Trainerausbildung, die aus einem solch kleinen Land („nicht größer als Bielefeld!“) einen Viertelfinalisten machen. Peter Stöger wird es wahrscheinlich gefreut haben, dass die isländischen Kollegen immer noch im Turnier sind, schließlich wählen sie taktisch einen ähnlichen Ansatz wie das österreichische Trainerteam in Köln: Wie auch Peter Stöger im ersten Jahr der Bundesligazugehörigkeit mit dem effzeh Wert darauf legte, dass die defensiven Abläufe stimmen (anders ausgedrückt: der Bus vor dem Sechzehner geparkt wird), lässt sich der Erfolg der Isländer in erster Linie ebenso durch deren hervorragende Organisation und Zusammenarbeit im taktischen Konstrukt erklären. In einem Turnier, in dem das Ausscheiden in der Vorrunde fast schwerer war als das Weiterkommen, bietet es sich insbesondere für kleine Fußball-Nationen an, den pragmatischen Weg zu wählen: Tore verhindern anstatt Tore zu schießen. Der ein oder andere mag sich da tatsächlich an die effzeh-Spielweise in der Saison 2014/2015 erinnern, die schließlich ja auch von einem Erfolg, dem Klassenerhalt, gekrönt wurde.

Island: kompakt, simpel, erfolgreich

Für eine Nationalmannschaft bietet es sich umso mehr an, zuerst den Fokus auf das Einstudieren defensivtaktischer Abläufe zu legen, da es dort vorrangig um Organisation, Abstände und die richtige Abfolge von Reaktionen geht. Vielfach ist davon die Rede, für den Gegner „die Räume eng zu machen“, allerdings gehört noch etwas mehr dazu: Wenn eine Mannschaft über 90 Minuten in einem herkömmlichen System wie dem 4-4-2 verteidigt und dabei noch relativ tief positioniert ist, braucht es ein Mindestmaß an Lösungen dafür, was man mit dem Ball anstellt, wenn man ihn denn mal hat. Durch die tiefe Positionierung der offensivsten Spieler sind die Wege zum gegnerischen Tor sehr lang, was die Ballzirkulation erschwert.

Photo by Dan Mullan/Getty Images

Die Isländer feiern
Foto: Dan Mullan/Getty Images

Dementsprechend sehen sich einige Mannschaften bei der Europameisterschaft (analog zum effzeh von vor zwei Jahren) gezwungen, auf Konter nach Ballgewinnen, lange Bälle und Torerfolge nach Standardsituationen zu setzen. Die Isländer haben beispielsweise das Alleinstellungsmerkmal der langen Einwürfe, aus denen sie eigentlich von jeder Position entlang der Seitenlinie in der gegnerischen Hälfte Gefahr erzeugen können. Andere Mannschaften wie Nordirland oder Albanien setzten ebenfalls auf konsequentes Verteidigen und verzichteten darauf, ein komplexes Offensivkonzept zu entwickeln. Dies lag in erster Linie am fehlenden Spielermaterial, aber auch in der Kürze der Vorbereitungszeit zur Europameisterschaft.

Selbst Cristiano Ronaldo muss schuften

Aber auch Mannschaften wie Portugal legen trotz teilweise überragendem Spielermaterial (Cristiano Ronaldo, Nani, Joao Moutinho) eher den Fokus auf die Defensive. Mit einer soliden Endverteidigung und einem physisch starken Mittelfeld bestehend aus William Carvalho und zuletzt auch Renato Sanches mogelten sich die Portugiesen bis ins Halbfinale, ohne allerdings ein einziges EM-Spiel in 90 Minuten gewonnen zu haben. Trainer Fernando Santos muss zugute gehalten werden, dass er es schafft, mithilfe von einfachen Mannorientierungen wie im Spiel gegen Kroatien, als Luka Modric und Ivan Rakitic komplett ausgeschaltet wurden, den Spielaufbau des Gegners lahmzulegen.

Der Fokus auf eine kompakte Defensive hat dann eben auch zur Folge, dass spektakuläre Dribbler und Tormaschinen wie Nani und Cristiano Ronaldo ihre Aufgabe erfüllen müssen, was sie bislang auch taten. Insbesondere „CR7“ muss mehr gegen den Ball arbeiten als bei Real Madrid, was der Superstar auch ohne großes Murren zu erledigen scheint. Neben den beiden Toren gegen Ungarn scheint die engagierte Abwehrarbeit des 31-Jährigen als einziger positiver Aspekt seines Turniers in Erinnerung zu bleiben, sofern er nicht im Halbfinale das entscheidende Tor schießen sollte. Die pragmatische Ausrichtung von Santos sorgt dann natürlich auch für Härtefälle: der spiel- und passstarke Zentrumsspieler Joao Moutinho dürfte so ziemlich in jeder anderen Nationalmannschaft gesetzt sein, bringt aber für Santos anscheinend nicht genügend Physis und Zweikampfstärke auf den Rasen, weswegen sich der Spieler des AS Monaco zumeist auf der Bank wiederfindet. Pragmatismus geht über Personal. Dieses Zitat könnte auch von Stöger stammen.

Photo by PAUL ELLIS/AFP/Getty Images

Der walisische Star Gareth Bale
Foto: PAUL ELLIS/AFP/Getty Images

Es gibt auch Lichtblicke!

Neben den Mannschaften, die aufgrund ihrer mangelnden personellen Qualität gezwungen sind, auf intensive Defensivarbeit zu setzen, gibt es bei der Europameisterschaft noch ein paar Hybrid-Teams zu begutachten, die ein wenig zwischen Gut und Böse schwanken: die Belgier beispielsweise konnten in der Gruppenphase kaum überzeugen, offenbarten teilweise eklatante taktische Mängel – im Spiel gegen Ungarn konnten sie dann allerdings ihre ganze Klasse ausspielen, als die Ungarn im Laufe der zweiten Halbzeit Räume anboten, die die belgischen Tempodribbler und Kombinationsmaschinen rund um Kapitän Eden Hazard ausnutzen konnten. Ihr Viertelfinalgegner aus Wales setzt ebenfalls auf eine gut funktionierende Defensive, weiß aber mit Aaron Ramsey und Gareth Bale außergewöhnliche Spieler in seinen Reihen, die das Offensivspiel fast alleine tragen.

Die Italiener von Antonio Conte gelten wie so oft als die Mannschaft, die aus den vorhandenen Möglichkeiten bisher am meisten gemacht hat: eine erfahrene und gut aufeinander abgestimmte Defensive, hohes und aggressives Pressing und interessante Lösungen bei eigenem Ballbesitz. In einigen Spielen der abgelaufenen Saison konnte man beim effzeh auch erkennen, dass man sich mittlerweile vom Parken des Mannschaftsbusses entfernt hat und nun auch andere Möglichkeiten sucht, um zum Erfolg zu kommen: der Heimsieg gegen Darmstadt gilt als Blaupause für das, was der effzeh in der kommenden Saison noch häufiger erreichen könnte, wenn neben der Defensive auch die Ballzirkulation in hohen Räumen sichergestellt werden kann. Dazu fehlte dem Stöger-Team ähnlich zu den Hybrid-Teams allerdings die Konstanz.

Dann bliebe da noch die deutsche Nationalmannschaft, die aufgrund ihrer immensen individuellen Qualität nur so vor Spielfreude strotzt. Für alle effzeh-Fans wäre es wünschenswert, dass das eigene Team irgendwann einmal auch so auftritt, momentan müssen wir uns allerdings damit begnügen, mit Jonas Hector einen Spieler zu stellen, der in der Lage ist, in dieser Mannschaft mitzuspielen. Peter Stöger wird sich vermutlich schon etwas überlegen.

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